Mit mehr als 15% der Stimmen hat Christopher Schulz Kruckow mit seinem Text „An einem schöneren Ort“ den Publikumspreis gewonnen. Herzlichen Glückwunsch!
Danke, dass ihr beim Voting mitgemacht habt! Es sind wieder viele Stimmen eingegangen.
Der oder die Gewinner*in wird am 20. März auf unserer Preisverleihung bekannt gegeben.
Nun schon in guter Tradition, wollen wir euch die Möglichkeit geben, einen Publikumsliebling zu küren. Die Abstimmung ist ab dem 24. Februar bis zum 9. März 2025 geöffnet.
Nun schon in guter Tradition, wollen wir euch die Möglichkeit geben, einen Publikumsliebling zu küren. Ihr dürft über das untere Formular eure Stimme abgeben – nur einmal pro Text, aber gerne für mehrere Texte. Die Angabe eurer Emailadresse dient nur der Stimmerfassung und wird nach dem Voting nicht weiter verwendet oder weitergegeben, außer ihr möchtet gerne den Newsletter erhalten.
Die Abstimmung ist bis zum 11. März möglich.
Doppelte Stimmen werden nicht gezählt.
Annette Baumeister
Robert Dobschütz
Anna Kaleri
Anja Mutschler
Dr. Stephan N. Barthelmess
Susanne Tenzler-Heusler
Bernd Oettinghaus
Thomas Datt
„Es ist nicht genug zu wissen.
Man muss auch anwenden.“ – Goethe, 1749
Lass uns gemeinsam ein Rätsel lösen.
Wer bin ich?
Hört gut zu:
Ich bin kein Mensch.
Und doch trage ich Gesichter.
Ich bin kein Herz.
Und doch schlage ich.
In jeder Geschichte, die sich traut, erzählt zu werden.
Ich habe keinen Körper.
Und doch bin ich der Atem der Wahrheit.
Der Wind, der über Mauern streicht.
Ich blute, wenn man mir die Stimme nimmt.
Ich bin unsichtbar.
Doch wenn ich verschwinde –
erstickt die Welt.
Ich wohne in Papier.
In Pixeln.
In Mikrofonen.
Am liebsten in Fragen, die weh tun.
In Antworten, die niemand hören will.
Ich bin ehrlich.
Unaufhaltsam.
Unzensiert.
Viele finden mich lästig.
Viele finden mich überbewertet.
Für manche bin ich selbstverständlich.
So selbstverständlich wie Luft.
Doch Luft wird erst geschätzt –
wenn sie knapp wird.
Ich bin das, was man erst vermisst,
wenn Schweigen laut wird.
Ich bin ein Fenster zur Welt –
doch das Glas zerbricht,
wenn niemand hindurchblickt.
Ich bin das Licht, das du siehst, wenn du suchst.
Ich bin der Schatten, der dich verfolgt, wenn du wegschauen willst.
Manche lieben mich.
Viele hassen mich.
Meine Feinde?
Angst.
Macht.
Desinteresse.
Bequemlichkeit.
Doch der gefährlichste Feind sitzt still.
Bequem. Unauffällig.
Er hält eine Tasse Kaffee.
Scrollt durch Nachrichten.
Und sagt:
„Das betrifft mich doch nicht.“
Und trotzdem mache ich weiter.
Ich bin keine Waffe.
Kein Messer.
Kein Schwert.
Und doch kann ich schneiden.
Und doch kann ich verletzen.
Ich bin kein Schild.
Kein Bunker.
Keine Polizei.
Und doch kann ich schützen.
Und doch kann ich Gerechtigkeit schaffen.
Ich bin kein Mensch.
Doch ohne mich verliert der Mensch sein Spiegelbild.
Ich habe Kriege überlebt.
Diktaturen.
Zensur.
Ich war stark.
Und doch –
bin ich heute verletzlicher als je zuvor.
Man sperrt mich nicht ein.
Man verbietet mich nicht.
Man überhört mich.
Ich sterbe durch Spott.
Durch Gleichgültigkeit.
Durch ein schlichtes:
„Ach, so wichtig ist das doch gar nicht.“
Meine Kolleg’innen in anderen Ländern
werden gefoltert.
Eingesperrt.
Verstummt.
Andere verschwinden leise –
ohne Blut,
aber mit Schweigen.
Ein Schweigen,
das lauter ist als jeder Schrei.
Und selbst hier,
wo ich frei geboren wurde,
werde ich täglich geprüft.
Ob ich es noch bin.
Ich stehe im Klassenzimmer.
Ein Lehrer hebt eine Zeitung.
Die Klasse lacht.
„Es juckt mich nicht.“
„Ohne Nachrichten ist alles friedlicher.“
Und genau da beginne ich zu zerfallen.
Jedes Schweigen, das du hinnimmst,
kostet jemanden die Freiheit.
Ich bin kein Märchenprinz.
Ich stolpere.
Ich falle.
Ich gerate in Gefahr.
Und doch –
stehe ich wieder auf.
Für euch.
Weil irgendwo jemand ist,
der die Wahrheit wissen will.
Jemand, der wissen will,
was passiert –
und nicht nur, was erzählt werden darf.
Ich bin frei –
aber nur, solange du mich beschützt.
Solange du liest.
Solange du zweifelst.
Solange du hinschaust.
Sonst sterbe ich.
Nicht plötzlich.
Sondern langsam.
Im Lärm der Gemütlichkeit.
Getragen von Gleichgültigkeit.
Also – wer bin ich?
Ich bin Art. 5 Abs. 1 S. 2 Var. 1 GG.
Man nennt mich die Pressefreiheit.
Ich habe keine Garantie.
Aber ich bin ein Versprechen.
Ich bin die Stimme, die Wahrheit sucht,
damit du nicht in Lügen lebst.
Ich kämpfe gegen Mauern.
Gegen Grenzen.
Gegen Hass.
Gegen Gleichgültigkeit.
Ich bin der Sauerstoff der Demokratie.
Die Säule der Gerechtigkeit.
Unsichtbar –
aber lebensnotwendig.
Wenn man mich vergiftet –
erstickt das Denken.
Ich diktiere keine Meinung.
Ich kämpfe für dein Recht,
dir selbst eine zu bilden.
Das Wahlrecht, durch unzensierte Berichterstattung.
In einem kleinen Büro
brennt noch Licht.
Spät in der Nacht.
Eine Journalistin tippt.
Recherchiert.
Plant.
Ihr Kaffee ist längts kalt.
Sie erhält Drohungen.
Sie schreibt über Mächtige.
Über Lügen.
Über Firmen, die ganze Städte kaufen.
Sie schreibt über Familien, die hungern.
Über Kinder, die im Dunkeln lernen.
Über Männer und Frauen, die in Booten beten.
Über Frauen, die nur noch eine Aktennummer sind.
Über Narben, die niemand fotografiert.
Über Schuld, die ihnen trotzdem gegeben wird.
Wäre es einfacher, wenn sie aufhören würde?
Sie weiß:
Morgen wird man sie hassen.
Und doch –
schreibt sie weiter.
Für ein Land, das lieber schläft.
Für eine Zukunft, die es wert ist.
Manchmal frage auch ich mich:
Ist es das alles wert?
Die Angst.
Die Gefahr.
Das stille Ringen?
Doch dann denke ich an unser Land.
An unsere Zukunft. An die ganzen Schicksäle.
Ich spüre, wie Wahrheiten zu Meinungen werden.
Wie Lügen zu Schlagzeilen werden.
Ich darf nicht aufgeben.
Ich muss die Demokratie schützen.
Schütze mich.
Weil ich Fragen stelle, die sich niemand traut.
Schütze mich.
Weil ohne mich die Wahrheit Gefangene der Bequemlichkeit wird.
Schütze mich.
Damit wir die Wahrheit erleuchten.
Ich will nicht bloß ein Grundrecht sein.
Ich will gelebt werden.
Ich will mehr als Art. 5 Abs. I S.2 Var.1 GG sein.
Schütze mich –
denn wenn ich falle,
fällt dein Recht.
Zu wissen, wer du wirklich bist.
Das Wort steht seit Minuten auf meinem Bildschirm. Ich habe es markiert, wieder gelöscht, neu eingesetzt. Es bewegt sich nicht. Im Original ist es eindeutig. In der Übersetzung wird es gefährlich.
Ich schreibe, lösche, schreibe neu. Meine Finger kennen die Bewegung besser als mein Kopf. Draußen fährt eine Straßenbahn vorbei. Pünktlich. Ich beneide sie um ihre Richtung. Das Wort bedeutet Antwort. Oder Vergeltung. Oder einfach nur: danach.
Ich öffne das Wörterbuch. Es bietet mir Möglichkeiten an, keine Lösungen. Wörterbücher sind keine Zeugen, sie sind Komplizen.
Wenn ich mich für Vergeltung entscheide, wird jemand nicken. Wenn ich Antwort schreibe, wird jemand widersprechen. Wenn ich gar nichts davon nehme, wird etwas fehlen.
Ich denke an den Menschen, der diesen Satz geschrieben hat. Irgendwo. Unter Bedingungen, die ich nur benennen kann, nicht kennen. Ich denke daran, dass mein Wort später zitiert wird. Herausgelöst. Verkürzt. Verwendet. Pressefreiheit, denke ich, ist manchmal nichts weiter als ein Cursor, der blinkt. Er wartet. Auf mich.
Das Wort steht immer noch da. Es blinkt nicht mehr, ich habe den Cursor daneben gesetzt, als wollte ich ihm Raum geben. Raum ist wichtig, habe ich einmal gelernt. In der Sprache wie im Leben. Aber hier wird Raum sofort gefüllt. Mit Deutung, mit Haltung, mit Erwartung. Ich lehne mich zurück, höre das leise Summen des Kühlschranks, ein Geräusch aus einer Welt, in der Dinge funktionieren, auch wenn man sie ignoriert. Auf dem Bildschirm ein Satz aus einem Bericht, geschrieben unter Bedingungen, die ich mir nur zusammensetzen kann wie ein Puzzle mit fehlenden Teilen. Ich kenne den Ort nicht, ich kenne die Nacht nicht, in der dieser Satz entstanden ist, ich kenne nur seine Oberfläche. Und doch wird er durch mich gehen, wird durch meine Hände hindurch in eine andere Sprache treten, und was dort ankommt, wird gelten.
Ich lese den Absatz noch einmal. Dann noch einmal. Das Wort hängt darin wie ein Fremdkörper, etwas, das im Original selbstverständlich ist und hier zu schwer. In der Ausgangssprache trägt es Geschichte, Drohung, Rechtfertigung und Müdigkeit zugleich. Im Deutschen muss ich mich entscheiden. Ich kann es scharf machen oder stumpf. Aktiv oder passiv. Ich kann Gewalt benennen oder sie grammatisch verstecken. Ich weiß, wie das geht. Ich habe es gelernt. Ich weiß auch, wie oft ich es schon getan habe.
Meine Finger tippen eine Variante. Ich lese sie laut, leise genug, dass nur ich sie höre. Sie klingt korrekt. Zu korrekt. Ich lösche sie. Tippe eine andere. Diese klingt entschlossener, klarer, aber auch gefährlicher. Ich sehe schon die Überschrift, die jemand daraus machen könnte. Ich sehe Kommentare, Verkürzungen, Ausrufezeichen. Ich lösche wieder. Der Text wehrt sich nicht. Er wartet. Geduldig, wie etwas, das weiß, dass es am Ende doch geformt wird.
Ich denke an die erste Zeit, als ich angefangen habe. Damals war Übersetzen für mich ein technischer Vorgang gewesen. Präzision, Genauigkeit, Treue. Ich glaubte, Neutralität sei möglich, wenn man nur sorgfältig genug arbeite. Inzwischen weiß ich, dass Neutralität ein Stilmittel ist. Man entscheidet sich dafür wie für alles andere. Und jede Entscheidung hinterlässt Spuren.
Der Kaffee ist kalt geworden. Ich trinke ihn trotzdem. Bitterkeit gehört inzwischen dazu. Ich scrolle nach oben, lese den Text als Ganzes. Er ist sachlich, fast trocken. Zahlen, Orte, Zitate. Und dann dieses eine Wort, an dem sich alles verschiebt. Ich stelle mir vor, wie es gelesen wird. In einer Redaktion. In einem Zug. Auf einem Handy, während jemand wartet. Ich stelle mir vor, wie jemand nickt oder den Kopf schüttelt, je nachdem, welches Wort ich wähle. Diese Macht ist still. Sie macht kein Geräusch. Aber sie ist da.
Manchmal frage ich mich, ob die Autoren der Texte wissen, was mit ihren Sätzen passiert. Ob sie ahnen, wie sehr sie sich verändern, ohne dass ihr Kern angetastet scheint. Ich habe einmal versucht, einem von ihnen zu erklären, warum ein bestimmtes Wort im Deutschen nicht funktioniert. Er hat mir nicht geantwortet. Vielleicht hatte er keine Zeit. Vielleicht hielt er es für unwichtig. Vielleicht war ich für ihn nur eine Durchgangsstation.
Ich gehe in die Küche, sehe aus dem Fenster. Die Straße ist ruhig. Menschen gehen einkaufen, tragen Taschen, bleiben stehen, reden. Niemand hier weiß, dass ich gerade darüber entscheide, ob ein Ereignis als Angriff, als Reaktion oder als Vorfall bezeichnet wird. Wörter sind unauffällig, solange man nicht weiß, was sie tragen.
Zurück am Schreibtisch öffne ich ein Dokument mit alten Übersetzungen. Ich suche nach ähnlichen Stellen, nach früheren Entscheidungen. Ich finde Sätze, die ich damals für richtig gehalten habe. Manche halte ich immer noch aus. Andere nicht mehr. Sprache altert. Und mit ihr das Gewissen.
Ich schreibe dem Redakteur eine kurze Nachricht. Frage nach Kontext. Nach Intention. Er antwortet knapp. Zeitdruck. „Mach bitte eine saubere, neutrale Lösung.“ Neutral. Wieder dieses Wort. Ich schließe den Chat. Neutralität ist hier kein Zustand, sondern ein Wunsch.
Ich gehe den Satz noch einmal Wort für Wort durch. Ich denke nicht mehr nur an Bedeutungen, sondern an Bewegungen. Wie das Wort im Satz steht, wohin es zeigt, was es nach sich zieht. Ich entscheide mich für eine Variante, die weniger laut ist, aber nicht weich. Sie benennt, ohne zu erklären. Sie lässt Raum, aber keinen Ausweg. Ich tippe sie ein und lasse sie stehen. Mein Körper reagiert schneller als mein Kopf. Ein kurzes Ziehen im Magen. Das kenne ich. Es ist kein schlechtes Zeichen.
Ich lese den Absatz noch einmal. Jetzt fließt er. Nicht glatt, aber stimmig. Ich weiß, dass er funktionieren wird. Ich weiß auch, dass er angreifbar ist. Beides gehört zusammen.
Pressefreiheit, denke ich, ist kein Zustand, in dem man sich sicher fühlt. Sie ist ein Zustand, in dem man etwas verantworten muss.
Ich speichere das Dokument. Noch nicht abschicken. Ich lese den Text ein letztes Mal komplett. Kleine Anpassungen. Ein Komma. Ein Rhythmus. Dann klicke ich auf Senden. Kein Geräusch, kein Drama. Nur ein kurzer Moment, in dem alles stillsteht.
Der Bildschirm wird leer. Die Straße draußen ist immer noch ruhig. Ich stehe auf, strecke mich, spüre meinen Rücken. Mein Leben ist unversehrt. Meine Hände auch. Ich weiß, wie gut es mir geht. Und dass genau das Teil dieser Arbeit ist. Dass ich entscheiden darf, aus Sicherheit heraus. Dass andere das nicht können.
Später, vielleicht morgen, wird jemand diesen Text lesen und glauben, er habe ihn verstanden. Vielleicht wird er weiterverbreitet, zitiert, verkürzt. Vielleicht wird mein Wort bleiben. Vielleicht wird es ersetzt. Ich werde es nicht kontrollieren können.
Ich räume die Tasse weg, lösche das Licht am Schreibtisch. Der Cursor blinkt jetzt in einem neuen Dokument. Leer. Wartend. Ich weiß, dass ich wieder anfangen werde. Mit dem nächsten Text. Dem nächsten Wort. Der nächsten Entscheidung.
Der Text ist weg, aber er ist nicht verschwunden. Er sitzt noch in mir, wie ein Echo, das keinen Raum mehr braucht. Worte verhalten sich so: Man schickt sie los und sie kommen zurück, verändert, schwerer, mit Dingen beladen, die man ihnen nicht mitgegeben hat. Ich gehe durchs Zimmer, als könnte ich ihnen ausweichen. Ich bleibe stehen, als hätte mich jemand gerufen. Niemand hat.
Ich denke daran, wie oft Sprache als Werkzeug bezeichnet wird. Das ist eine Lüge, oder zumindest eine Verharmlosung. Werkzeuge legt man weg. Sprache legt sich an. Sie schmiegt sich an Gedanken, an Körper, an Bilder, bis man nicht mehr sagen kann, wo sie anfängt und wo etwas anderes aufhört. Das Wort, das ich gewählt habe, sitzt jetzt irgendwo zwischen Servern, Redaktionen, Köpfen. Es vermehrt sich. Es wird zitiert, paraphrasiert, verdreht. Es bekommt Kinder.
Ich sehe Schlagzeilen vor mir wie Schablonen. Leerstellen, die nur darauf warten, gefüllt zu werden. Mein Wort passt hinein. Zu gut vielleicht. Ich frage mich, ob ich es absichtlich so geformt habe, ob ein Teil von mir wollte, dass es anschlussfähig ist. Anschlussfähig ist ein anderes Wort für gefährlich. Es bedeutet: Es lässt sich benutzen.
Ich setze mich wieder. Öffne nichts. Starre auf den Tisch. Holzmaserung wie eine Landkarte. Linien, die irgendwohin führen, ohne Ziel, ohne Legende. So sehen Konflikte aus, wenn man nah genug rangeht. So sieht Wahrheit aus, wenn man sie nicht ordnet.
In meinem Kopf tauchen Sätze auf, die ich nicht geschrieben habe. Varianten, Möglichkeiten, Paralleltexte. In einem davon habe ich ein anderes Wort gewählt. In einem ist der Ton härter. In einem vorsichtiger. Ich sehe diese Versionen wie Schatten an der Wand. Alle existieren. Nur eine gilt.
Ich frage mich, wie viel Gewalt in einem Adjektiv steckt. Wie viel Entlastung in einem Passiv. Wie viel Blut man mit einem Nebensatz abwischen kann. Grammatik ist kein Regelwerk. Sie ist ein Versteck. Oder eine Bühne. Je nachdem, wo man steht.
Draußen fährt ein Krankenwagen vorbei. Das Geräusch schneidet durch die Straße, sauber, funktional. Hier bedeutet es Hilfe. Dort bedeutete es vielleicht Ziel. Ich halte diesen Gedanken fest, lasse ihn nicht ausweichen. Komfort ist eine Blase. Sprache ist ihre Wand. Dünn, aber stabil genug, um nicht hinzusehen, wenn man nicht muss.
Ich denke an die Menschen, über die ich übersetze. Nicht an Gesichter, eher an Silhouetten. An Stimmen, die ich nie hören werde. An Sätze, die unterbrochen wurden. Sie haben keine Wahl. Sie liefern Rohmaterial. Ich entscheide, wie glatt es wird.
Pressefreiheit wird oft als Raum gedacht. Weit, offen, hell. Ich sehe eher einen schmalen Gang. Man kann hindurchgehen, ja. Aber man stößt überall an. Und jeder Schritt hinterlässt Spuren. Manche sieht man. Andere nicht. Die schlimmsten nicht.
Mein Handy vibriert. Eine Nachricht. „Guter Text.“ Zwei Worte. Lob ohne Inhalt. Ich lege das Gerät weg, als hätte es mich verbrannt. Gut für wen. Gut wofür. Gut wie. Diese Fragen bleiben immer übrig. Sie sind der Rest, den man nicht übersetzen kann.
Ich merke, wie müde ich bin. Nicht körperlich. Sprachlich. Als hätte ich zu lange gesprochen, ohne den Mund zu öffnen. Ich denke an all die Texte, die noch kommen werden. An all die Entscheidungen, die sich als Kleinigkeiten tarnen. Ich weiß, dass ich sie treffen werde. Wieder und wieder. Weil Aufhören keine neutrale Option ist.
Ich schließe die Augen. Für einen Moment ist alles still. Keine Wörter. Keine Bedeutungen. Dann, fast sofort, schiebt sich ein Satz nach vorn. Ungefragt. Unfertig. Er will etwas von mir. Ich öffne die Augen. Greife zur Tastatur.
Der Cursor blinkt. Nicht wartend. Fordernd. Und ich weiß: Solange er blinkt, bin ich nicht unschuldig.
Der Cursor blinkt weiter, und ich beginne, ihm Eigenschaften zuzuschreiben. Ungeduld. Erwartung. Anspruch. Er ist kein Zeichen mehr, er ist ein Puls. Ein kleiner weißer Herzschlag in einem schwarzen Feld. Solange er da ist, gibt es Arbeit. Solange es Arbeit gibt, gibt es Verantwortung. Ich denke: Vielleicht ist das alles, was Pressefreiheit am Ende ist – ein fortlaufender Puls, den man nicht einfach abstellen kann, ohne etwas sterben zu lassen.
Ich schreibe nichts. Ich lasse den Cursor schlagen. Eins. Zwei. Eins. Zwei. Mein Atem passt sich an. Ich sitze still, aber in mir bewegt sich alles. Wörter drängen nach vorne wie Menschen an einem Ausgang, zu eng, zu viele, zu laut. Ich halte sie zurück. Noch. Nicht jedes Wort verdient es, geboren zu werden. Manche sind besser als Möglichkeit. Andere sind gefährlich, sobald sie Form annehmen.
Ich denke an frühere Texte, an Sätze, die ich übersetzt habe und die mir später wieder begegnet sind, in anderen Zusammenhängen, anderen Mündern. Wie sie sich verselbständigt haben, wie sie härter wurden, eindeutiger, brutaler. Sprache wird selten sanfter, wenn sie unterwegs ist. Sie verliert Gewicht an den falschen Stellen und gewinnt es dort, wo sie Schaden anrichtet.
Man sagt, Übersetzen sei Vermittlung. Ich halte das für eine Beschönigung. Es ist eher eine Transplantation. Man nimmt etwas Lebendiges, setzt es in einen neuen Körper und hofft, dass es nicht abgestoßen wird. Manchmal stirbt es leise. Manchmal beginnt es zu wuchern.
Ich stehe auf, gehe wieder zum Fenster. Die Nacht ist klar. Sterne sehe ich kaum, dafür Reflektionen in Glasscheiben, Lichtinseln, Straßenlaternen wie festgenagelte Monde. Deutschland bei Nacht. Still. Berechenbar. Ich weiß, dass diese Ruhe nicht verdient ist, sondern verteilt. Dass sie nichts über Moral aussagt, nur über Geografie und Geschichte. Und doch sitzt sie mir im Nacken wie eine Schuld, die man nicht begangen hat und trotzdem nicht loswird.
Ich denke an Freunde, die mich fragen, warum ich mir das antue. Warum ich nicht etwas anderes mache. Etwas Leichteres. Ich antworte dann meist ausweichend. Sage etwas von Bedeutung, von Notwendigkeit. Die Wahrheit ist unbequemer: Weil ich hier sitzen kann. Weil ich Abstand habe. Weil mir diese Arbeit möglich ist. Freiheit ist oft nichts anderes als die Summe der eigenen Möglichkeiten. Und jede Möglichkeit ist eine Zumutung.
Zurück am Schreibtisch öffne ich doch ein neues Dokument. Nicht, um zu schreiben, sondern um Platz zu schaffen. Weißer Raum. Unschuldig. Für einen Moment glaube ich, dass hier alles anders werden könnte. Dass ich diesmal vorsichtiger bin. Oder mutiger. Oder ehrlicher. Dann tippe ich ein Wort. Nur eins. Es steht allein da, verloren, wie ein Körper ohne Kontext. Ich sehe es mir an, prüfe es, drehe es in Gedanken. Es sieht harmlos aus. Wörter sind immer harmlos, bevor sie benutzt werden.
Ich denke an die Lesenden. An ihre Müdigkeit. An ihre Gewohnheit. An die Art, wie man Texte konsumiert, überfliegt, einordnet, weglegt. Ich weiß, dass meine Sorgfalt dort nicht ankommt. Dass niemand sehen wird, wie lange ich gezögert habe. Dass Verantwortung unsichtbar bleibt, wenn sie funktioniert. Man bemerkt sie nur, wenn sie fehlt.
Vielleicht ist das der grausamste Teil: dass gutes Übersetzen kein Ereignis ist. Kein Skandal. Kein Aufreger. Es hinterlässt keine Spur. Und doch hängt so viel daran. Ganze Weltbilder passen sich an kleine Verschiebungen an. Ein Adverb, das verrutscht. Ein Subjekt, das verschwindet. Ein Täter, der zur Umgebung wird.
Ich schreibe weiter. Langsam. Bedacht. Jeder Satz ein Abwägen, jeder Nebensatz eine Entscheidung gegen eine andere Möglichkeit. Ich spüre, wie sich Müdigkeit und Klarheit mischen. Ein gefährlicher Zustand. Man wird präzise, aber auch kalt. Ich muss aufpassen, denke ich. Nicht abstumpfen. Nicht automatisieren. Sprache verzeiht vieles, aber Gleichgültigkeit nicht.
Draußen ist es inzwischen stiller geworden. Weniger Autos. Weniger Schritte. Die Welt fährt herunter. Meine nicht. Meine läuft hoch. Ich merke, wie sich etwas in mir verhärtet, eine Schicht, die bleibt, auch wenn ich den Laptop zuklappe. Vielleicht ist das der Preis. Nicht Trauma, nicht Heldentum, sondern eine dauerhafte Verschiebung. Man sieht Dinge anders. Man hört anders. Man liest anders. Und man kann nicht mehr so tun, als wäre Sprache neutraler Boden.
Ich halte inne. Schaue auf den Text. Er ist noch nicht fertig. Wird er nie sein. Texte sind nie fertig, sie werden nur abgegeben. Ich speichere trotzdem. Nicht aus Zuversicht, sondern aus Disziplin. Ich weiß, dass morgen neue Sätze kommen werden. Neue Wörter, neue Risiken. Ich werde wieder entscheiden müssen. Und wieder.
Bevor ich das Licht ausmache, sehe ich noch einmal auf den Bildschirm. Der Cursor blinkt. Hartnäckig. Unermüdlich. Wie ein Zeigefinger, der nicht senkt.
Ich denke: Vielleicht ist das meine Form von Frontlinie. Kein Lärm, kein Rauch. Nur diese Stelle zwischen zwei Sprachen, an der etwas kippen kann. Und ich stehe genau dort.
Dann schließe ich den Laptop. Nicht, weil es vorbei ist. Sondern weil ich weiß, dass es weitergeht.
Der Morgen beginnt nicht mit Licht, sondern mit Staub. Er liegt wie eine zweite Haut auf allem, auf den Fensterscheiben, den Schuhen, den Gedanken. Wenn ich atme, schmeckt die Luft nach Beton und verbranntem Plastik. Irgendwo knattert ein Generator, ein Geräusch wie ein Tier, das nicht sterben will. Ich bin wach, seit die Nacht aufgehört hat, leise zu sein.
Mein Handy liegt neben mir, der Bildschirm schwarz. Kein Netz. Kein Empfang. Seit drei Stunden. Vielleicht länger. Zeit ist hier kein verlässliches Maß mehr, sie zerbricht in Geräusche, in Pausen zwischen Explosionen, in das kurze Schweigen danach, wenn alle warten, ob noch etwas kommt. Zwei Kollegen gelten seit gestern als verschollen. Ich sage gelten, weil das Wort weniger endgültig ist als sind.
Khaled und Miriam. Wir haben gestern noch zusammen Tee getrunken, süß und viel zu heiß, weil es nichts anderes gab. Khaled hatte gelacht und gesagt, dass er sich nie merken könne, wo Norden sei, weil hier ohnehin alles nach Süden falle. Miriam hatte ihr Aufnahmegerät überprüft, wie immer dreimal, gewissenhaft, fast abergläubisch. Jetzt sind sie verschwunden zwischen einem Krankenhaus und einer Straße, die keinen Namen mehr hat.
Ich sitze auf einer Matratze, die einmal weiß gewesen sein muss, und starre auf meine Kamera. Der Akku ist fast leer. Eine rote Linie, dünn wie ein Vorwurf. Ich habe gelernt, mit wenig auszukommen: wenig Strom, wenig Wasser, wenig Schlaf. Aber nicht mit wenig Wahrheit.
Draußen ruft jemand. Stimmen, hastig, durcheinander. Ich stehe auf, ziehe die Weste über, greife nach der Kamera. Mein Körper bewegt sich automatisch, als hätte er begriffen, was mein Kopf noch zögert zu denken.
Das Ereignis, um das es heute gehen soll, liegt drei Straßen weiter. Ein Luftangriff in der Nacht, ein Wohnhaus. Acht Tote, heißt es. Vielleicht mehr. Zahlen sind hier vorläufig, wie alles andere. Auf dem Weg dorthin sehe ich die Lücken. Häuser, die fehlen. Fassaden, die offen sind wie aufgeschlagene Bücher, deren Inhalt niemand mehr lesen kann. Ein Kinderzimmer ohne Wand, ein Bett, das in der Luft endet. Ein pinker Vorhang, der sich bewegt, als würde noch jemand dahinter atmen. Ich filme nicht alles. Manches bleibt absichtlich außerhalb des Rahmens. Nicht aus Rücksicht, sondern aus Angst. Vor dem, was ich später wiedersehen müsste.
Am Checkpoint hält man mich an. Ein junger Mann, kaum älter als zwanzig, die Waffe zu groß für seine Schultern. Er sieht mich an, lange. Ich halte seinen Blick aus. Wir spielen dieses Spiel jeden Tag. Wer zuerst wegschaut, verliert nichts und gewinnt nichts.
„Keine Aufnahmen“, sagt er schließlich. Seine Stimme ist müde.
„Ich bin Journalist“, sage ich. Das Wort klingt hohl, wie eine Münze, die schon zu oft den Besitzer gewechselt hat.
Er zuckt mit den Schultern. „Heute nicht.“
Ich gehe trotzdem weiter, langsam, ohne Hast. Die Kamera bleibt unten, aber sie ist da. Präsenz ist manchmal schon eine Form von Widerstand.
Am Haus angekommen, riecht es nach Rauch und etwas Süßlichem, das ich nicht benennen will. Menschen stehen herum, schweigend, manche weinend, andere mit dieser merkwürdigen Leere im Blick, die entsteht, wenn es zu viel geworden ist. Ich erkenne eine Frau, die ich vor Wochen interviewt habe. Damals ging es um Wasserknappheit. Jetzt hält sie ein Stück Stoff in der Hand, grau vor Staub. Vielleicht war es einmal ein Kleid. Vielleicht auch nicht.
„Du bist noch da“, sagt sie zu mir. Nicht als Frage.
„Ja“, sage ich. Ich weiß nicht, ob das eine gute Nachricht ist.
Ich beginne zu filmen. Zuerst die Trümmer, dann die Gesichter. Ein Mann zeigt auf eine Stelle im Schutt. „Hier“, sagt er. „Hier war das Schlafzimmer.“ Seine Stimme bricht nicht. Sie ist bereits zerbrochen.
Plötzlich wird es unruhig. Stimmen werden lauter. Jemand ruft meinen Namen. Ich drehe mich um. Ein lokaler Fixer, den ich flüchtig kenne. Sein Gesicht ist aschfahl.
„Hast du es gehört?“, fragt er.
Ich schüttele den Kopf.
„Khaled und Miriam. Man sagt, sie waren in der Nähe des Krankenhauses. Es gab Beschuss.“
Das Wort Beschuss fällt wie ein Stein. Es sinkt langsam, zieht alles mit sich nach unten. Ich sehe auf meine Kamera. Ich sehe auf meine Hände. Sie zittern. Nicht stark, aber genug, dass ich es bemerke.
„Ich muss weiter“, sage ich. Ich weiß nicht, zu wem.
Der Fixer packt mich am Arm. „Pass auf“, sagt er. „Sie wissen, wer filmt.“
Sie. Ein Wort mit vielen Gesichtern.
Ich gehe. Das Krankenhaus liegt nur ein paar hundert Meter entfernt. Die Straße dorthin ist voller Menschen, Tragen, Fahrzeuge, die zu schnell fahren für das, was sie transportieren. Sirenen. Schreie. Ein Chor aus Dringlichkeit. Das Krankenhaus war schon überfüllt, bevor es getroffen wurde. Ein Ort, der aus Atem besteht. Aus Warten. Aus dem Versuch, Ordnung in Schmerz zu bringen. Die Gänge riechen nach Desinfektionsmittel und Angst, eine Mischung, die sich festsetzt, egal wie oft man sie wegwischt.
Ich stehe nahe dem Eingang, die Kamera halb gehoben, halb vergessen. Ärzte laufen, nicht aus Panik, sondern aus Gewohnheit. Routine ist hier die letzte Form von Würde. Dann kommt das Geräusch.
Kein Knall zuerst, sondern ein Ziehen. Ein Riss in der Luft, als würde jemand den Himmel aufreißen. Der Boden unter meinen Füßen zögert einen Moment, als müsse er sich entscheiden, ob er noch tragen will. Der Schlag kommt wie ein Punkt am Ende eines Satzes, den niemand geschrieben hatte. Ein zu schweres Zeichen. Die Luft fällt in sich zusammen, als hätte sie ihr Gewicht vergessen. Staub steigt auf und legt sich auf alles, wie eine neue Grammatik: Alles ist grau, alles gleich wichtig, alles gleich zerbrechlich.
Der Einschlag trifft diesmal einen der hinteren Trakte. Nicht dort, wo man Bomben erwartet. Dort, wo Betten stehen.
Die Welt wird weiß. Nicht hell – leer.
Als der Ton zurück kommt, ist er zu groß für den Raum. Schreie prallen gegen Wände, die plötzlich zu dünn sind für das, was sie halten sollen. Staub fällt von der Decke wie ein zweiter Regen, trocken, erstickend. Ich schmecke Gips, Metall, etwas Bitteres.
„Raus!“, ruft jemand. „Rein!“, ruft jemand anderes.
Ich filme. Nicht, weil ich sicher bin. Sondern weil Aufhören sich schlimmer anfühlt.
Tragen kommen mir entgegen. Zu viele. Zu schnell. Auf einer liegt ein Mann, der die Augen offen hatte und doch nicht da war. Auf einer anderen ein Kind, das still ist, auf eine Art, die falsch ist. Stille sollte hier nicht sein. Eine Krankenschwester rutscht auf dem Boden aus, fängt sich wieder, flucht nicht. Fluchen braucht Zeit. Zeit ist weg.
„Das ist ein Krankenhaus!“, schreit jemand. Der Satz hängt in der Luft wie eine Anklage ohne Adressaten.
Ich sehe auf meine Hände. Sie sind ruhig. Das macht mir Angst. Ich zoome nicht heran. Ich bleibe auf Abstand. Nähe ist eine Entscheidung, die man später bezahlen muss.
In einer Ecke sitzt eine Frau mit einem Tropf im Arm. Sie hat sich nicht bewegt. Der Beutel über ihr schwankt leicht, als hätte er etwas gespürt. Sie sieht mich an, nicht bittend, nicht anklagend. Nur festhaltend.
„Sag ihnen“, sagt sie. Mehr nicht.
Ich nicke, obwohl ich nicht weiß, wer sie waren.
Ein Arzt schiebt sich an mir vorbei. Blut an den Handschuhen, an den Schuhen, im Gesicht wie eine zweite Maske. „Film das nicht“, sagt er, und dann, leiser: „Oder film alles.“
Die Decke im Flur hat Risse bekommen. Durch einen fällt Licht. Tageslicht. Unangemessen hell. Es beleuchtet einen Rollstuhl ohne Räder, eine offene Tür, ein Schild, auf dem Intensivstation stand. Das Wort wirkt plötzlich absurd, als hätte jemand es erfunden.
Ich dachte an Khaled. Er hätte den Winkel gewechselt, hätte etwas gefunden, das mehr sagt als Schreie. Miriam hätte die Stimmen eingefangen, die kurzen Sätze, die man später wieder und wieder hören muss. Ich habe nur meine Augen. Und das Gewicht dessen, was sie sehen.
Ein dritter Einschlag kommt nicht. Das macht es nicht besser. Die Erwartung bleibt, spannt sich wie ein Draht durch jeden Körper. Menschen bewegen sich vorsichtig, als könnten sie den nächsten Moment zerbrechen.
Ich senke die Kamera. Nicht aus Respekt. Aus Erschöpfung.
Draußen sammeln sich Angehörige. Namen werden gerufen, immer wieder dieselben, als könnten Wiederholungen jemanden zurückholen. Ein Mann hält ein Stück Papier hoch, darauf ein Name, sauber geschrieben. Er wirkt fehl am Platz zwischen Staub und Blut, diese Sorgfalt.
„Haben Sie ihn gesehen?“, fragt er mich.
Ich schüttele den Kopf. Er bedankt sich trotzdem.
Am Eingang des Krankenhauses steht ein Mann und winkt mich durch. „Film nicht“, sagt er, ohne mich anzusehen. „Nicht hier.“
Ich filme trotzdem. Nicht alles. Aber genug.
Ein Mann kommt auf mich zu. Uniform. Kein Namensschild. „Was du da hast“, sagt er und deutet auf die Kamera, „das bleibt hier.“
„Das ist meine Arbeit“, sage ich. Meine Stimme klingt fremd.
„Das ist Material“, sagt er. „Und Material ist Macht.“
Ich denke an Khaled. An Miriam. An die Geschichten, die sie noch erzählen wollten. Ich denke an all die Male, in denen ich gesagt habe, dass Berichten wichtig sei, notwendig, unverzichtbar. Ich denke auch daran, dass ich leben will. Der Mann streckt die Hand aus. Hinter ihm zwei weitere. Sie warten.
Ich könnte nein sagen. Ich könnte weglaufen. Ich könnte die Speicherkarte herausnehmen, heimlich, sie in den Schuh schieben, hoffen.
Ich denke an Pressefreiheit. Nicht als Wort, nicht als Recht. Sondern als diesen Moment, in dem eine Entscheidung schwerer wiegt als eine Kamera.
Ich reiche ihm die Kamera. Er nickt, zufrieden, als hätte ich etwas Kluges getan.
Draußen ist es wieder staubig. Wieder laut. Wieder dieser Morgen, der kein Morgen ist. Mein Handy vibriert. Ein Balken Empfang. Eine Nachricht, ohne Absender: Wir haben etwas. Nicht alles ist weg.
Ich bleibe stehen. Die Straße zieht sich vor mir auseinander. Ich weiß nicht, wohin ich gehe. Über mir kreist etwas, das ich nicht sehe. Ich gehe trotzdem weiter. Ich gehe, weil Stehenbleiben hier verdächtig ist. Weil Bewegung Sicherheit simuliert. Weil man weniger auffällt, wenn man so tut, als hätte man ein Ziel. Die Nachricht auf meinem Handy verschwindet, kaum dass ich sie gelesen habe. Empfang ist ein flackernder Zustand. Wie Hoffnung. Wie Vertrauen. Ich weiß nicht, wer wir sind. Ich weiß nur, dass nicht alles ein Versprechen ist, das sich hier selten erfüllt.
Ich biege in eine Seitenstraße ein, schmal, übersät mit Glas. Meine Schritte klingen zu laut. Jeder Laut ist ein Bekenntnis: Ich bin hier. Ich sehe. Ich lebe noch.
In meinem Kopf laufen die Bilder weiter, auch ohne Kamera. Der Mann mit der ruhigen Stimme. Die Hand, die sich nach meiner Arbeit ausgestreckt hat.
Ich frage mich, wie viele Geschichten hier in Taschen, Schuhen, Körpern verschwinden. Wie viele Wahrheiten unterwegs verloren gehen, weil niemand sie tragen konnte, ohne daran zu zerbrechen.
In einem Hauseingang sitzt ein Junge, vielleicht zwölf. Er hält ein Handy in der Hand, der Bildschirm gesplittert, aber an. Er filmt etwas, das ich nicht sehe. Oder sich selbst. Oder mich. Ich sehe ihn an, hebe die Hand leicht. Er senkt das Handy nicht.
„Warum filmst du?“, frage ich.
Er zuckt mit den Schultern. „Damit es da ist.“
Ich nicke. Damit es da ist. Nicht, damit es gesendet wird. Nicht, damit es geglaubt wird. Nur damit es existiert. Vielleicht ist das die letzte Stufe: die bloße Anwesenheit von Wahrheit, auch wenn niemand sie abruft.
Ich gehe weiter. Mein Presseausweis fühlt sich schwer an. Ein Stück Plastik mit meinem Namen, meinem Foto, einem Versprechen, das andere mir gegeben haben. Hier schützt er nicht. Hier markiert er. Am Rand der Straße treffe ich einen alten Mann, der Zigaretten verkauft, einzeln. Er erkennt mich nicht, oder tut zumindest so. Er fragt nicht nach Nachrichten. Niemand fragt hier nach Nachrichten. Man lebt in ihnen.
„Sie sagen, Journalisten sind Zielscheiben“, sagt er plötzlich, ohne mich anzusehen.
„Wer sagt das?“, frage ich.
Er lächelt schief. „Alle.“
Ich kaufe eine Zigarette, obwohl ich nicht rauche. Manchmal bezahlt man nicht für das, was man bekommt, sondern für das Gespräch.
„Warum bleiben Sie?“, fragt er.
Ich öffne den Mund, schließe ihn wieder. Weil es meine Arbeit ist? Weil jemand hinschauen muss? Weil Wegsehen schlimmer ist?
„Weil ich noch hier bin“, sage ich schließlich.
Er nickt, als sei das Antwort genug.
Später, in dem Raum, den ich meine Unterkunft nenne, setze ich mich auf den Boden. Die Wände sind dünn, das Licht flackert. Ich ziehe den Schuh aus. In der Sohle spüre ich den harten Rand der Speicherkarte, die ich doch nicht abgegeben habe. Ein Reflex. Eine Trotzreaktion. Oder Feigheit. Ich weiß es nicht. Ich halte sie zwischen Daumen und Zeigefinger. So klein. So viel Gewicht. Darauf sind Bilder, die niemand sehen soll. Darauf sind Gesichter, die verschwinden könnten. Darauf ist vielleicht der letzte Beweis, dass Khaled und Miriam hier waren.
Ich denke an ihre Stimmen. An Khaleds schiefes Lachen. An Miriams Notizen, immer ordentlich, selbst im Chaos. Ich denke daran, wie wir uns gestern getrennt haben, beiläufig, ohne Abschied. Als gäbe es immer ein Später.
Ich könnte die Karte zerstören. Ich könnte sie verstecken. Ich könnte versuchen, sie rauszuschicken, wenn das Netz zurückkommt. Jede Option hat einen Preis.
Draußen wird es dunkler. Oder heller. Ich weiß es nicht. Der Himmel ist ein einheitliches Grau, durchzogen von Geräuschen. Ich höre Schritte auf der Treppe. Stimmen. Ich halte den Atem an. Zähle. Eins. Zwei. Drei.
Die Schritte gehen vorbei.
Mein Handy vibriert erneut. Ein Anruf. Unbekannte Nummer. Ich nehme ab.
„Du lebst“, sagt eine Stimme.
Es ist die Redakteurin aus der Zentrale. Tausende Kilometer entfernt. Ich stelle mir vor, wie sie in einem Büro sitzt, Kaffee trinkt, meine Welt auf einem Bildschirm.
„Noch“, sage ich.
„Hast du Material?“
Ich sehe auf die Speicherkarte. Ich sehe auf meine Hände. Sie zittern wieder.
„Ja“, sage ich.
Eine Pause. „Kannst du es schicken?“
Ich denke an den Mann im Krankenhaus. An seine Worte. Material ist Macht.
„Nicht alles“, sage ich.
„Schick, was geht“, sagt sie. „Die Geschichte muss raus.“
Muss. Ein starkes Wort. Ein bequemes Wort, wenn man nicht hier ist.
„Zwei Kollegen sind verschollen“, sage ich. Ich weiß nicht, warum ich das jetzt sage. Vielleicht, weil ich will, dass jemand ihren Namen hört.
Stille am anderen Ende. Dann: „Pass auf dich auf.“
Das Gespräch endet. Die Leitung auch.
Ich sitze lange da. Vielleicht Minuten, vielleicht Stunden. Zeit ist wieder dieses zerbrochene Ding. Schließlich stecke ich die Speicherkarte in das Handy. Das Netz ist schwach, aber da. Ich wähle ein paar Dateien aus. Nicht die deutlichsten. Nicht die gefährlichsten. Genug, um eine Geschichte zu erzählen. Nicht genug, um alles zu sagen.
Der Upload-Balken bewegt sich langsam. Ein Prozent. Zwei. Ich halte das Handy fest, als könnte ich es überreden. Draußen ein Knall, näher diesmal. Das Licht flackert. Bei fünfzehn Prozent bricht die Verbindung ab.
Ich lache leise. Ein Laut ohne Freude.
Später liege ich auf der Matratze. Die Kamera ist weg. Die Geschichte ist unvollständig. Die Nacht ist laut. Ich denke daran, dass Pressefreiheit oft als etwas Ganzes gedacht wird. Entweder da oder nicht da. Hier ist sie fragmentiert. In Bruchstücken. In Entscheidungen, die niemand sieht.
Kurz bevor ich einschlafe, schreibe ich eine Nachricht, ohne zu wissen, ob sie ankommt: Khaled. Miriam. Wenn ihr das lest: Ich habe nicht alles verloren.
Ich schicke sie ab. Dann lege ich das Handy weg. Draußen kreist wieder etwas über mir. Ich sehe es nicht. Ich höre es nur. Ich weiß nicht, ob morgen jemand fragt, was hier passiert ist. Ich weiß nicht, ob meine Bilder reichen. Ich weiß nur, dass ich da war. Und dass irgendwo eine Geschichte existiert, die noch nicht gesendet wurde.
Ein paar Nächte davor saßen wir auf dem Dach. Nicht, weil es dort sicherer war, sondern weil man von oben den Himmel sehen konnte. Ein Privileg. Der Himmel ist kein Versprechen mehr, eher eine Drohung mit Wolken.
Khaled hatte eine Dose Bohnen organisiert. Lauwarm. Wir aßen sie direkt aus der Dose, jede Gabel ein stilles Abkommen, dass niemand sich beschweren würde. Miriam saß mit dem Rücken zur Wand, die Knie angezogen, das Notizbuch auf den Oberschenkeln wie ein Schutzschild.
„Weißt du“, sagte sie, „früher dachte ich, Pressefreiheit bedeutet, alles sagen zu dürfen.“
Khaled lachte leise. „Und jetzt?“
„Jetzt denke ich, sie bedeutet, entscheiden zu müssen, was man sagt – und was man aushält.“
Der Wind trug Staub über das Dach. Er setzte sich in unsere Haare, auf unsere Lippen, in die Zwischenräume der Sätze. Ich sah Khaled an. Er hatte dieses Gesicht, das immer so aussah, als würde er gleich etwas Ironisches sagen, selbst wenn nichts mehr ironisch war.
„Wenn ich hier verschwinde“, sagte er, halb im Scherz, halb nicht, „dann schreib wenigstens meinen Namen richtig.“
„Du verschwindest nicht“, sagte ich.
Miriam sah mich an. Lange. „Hier verschwinden keine Menschen“, sagte sie. „Nur ihre Spuren.“
Wir schwiegen danach. Unter uns die Stadt, ein Körper voller Narben. Über uns das Brummen, weit weg, aber konstant, wie ein Herzschlag aus Metall.
Miriam erzählte von ihrem ersten Auftrag. Von einer Demonstration, irgendwo weit weg von hier. „Damals hatte ich Angst vor der Polizei“, sagte sie. „Jetzt habe ich Angst davor, dass niemand mehr zuhört.“
Khaled schnippte mit den Fingern, als würde er eine Fliege vertreiben. „Zuhören ist Luxus“, sagte er. „Überleben ist Pflicht.“
Ich dachte daran, wie oft wir uns selbst eingeredet hatten, dass unsere Anwesenheit etwas ändere. Dass ein Text, ein Bild, ein Satz Gewicht habe. Vielleicht stimmt das auch. Vielleicht ist Gewicht hier nur anders verteilt. Nicht auf Waagen, sondern auf Schultern.
Jetzt, Stunden später, fühlt sich diese Nacht an wie ein anderes Leben. Ein sauberer Schnitt. Davor: wir. Danach: Abwesenheit.
Abwesenheit hat ein Geräusch. Sie klingt wie ein Handy, das nicht mehr klingelt. Wie ein Rucksack in einer Ecke. Wie ein Name, den niemand laut ausspricht.
Ich trage ihre Stimmen mit mir herum wie Steine in den Taschen. Nicht schwer genug, um mich aufzuhalten. Schwer genug, um mich nicht vergessen zu lassen, warum ich hier bin.
Pressefreiheit ist kein Schild. Sie ist kein Schutzhelm. Sie ist ein offenes Fenster in einem Sturm. Manchmal fliegt etwas hinaus. Manchmal etwas herein. Manchmal bleibt nur der Lärm.
Als ich wieder an die Speicherkarte denke, sehe ich nicht nur Bilder. Ich sehe uns auf dem Dach. Die Dose Bohnen. Den Himmel. Ich frage mich, ob das auch Material ist. Ob Erinnerung zählt. Oder nur das, was man senden kann.
Draußen wird es wieder lauter. Die Stadt atmet unregelmäßig. Ich stecke die Karte zurück in den Schuh. Nähe ist hier die einzige Sicherheit, die bleibt.
Wenn morgen jemand fragt, was passiert ist, werde ich antworten müssen. Mit Worten, mit Lücken, mit dem, was fehlt. Wahrheit ist hier kein vollständiger Satz. Sie ist eine Aneinanderreihung von Fragmenten, die man zusammenhält, so gut man kann.
Ich weiß nicht, ob Khaled und Miriam noch irgendwo sind. Ich weiß nicht, ob meine Geschichte reicht. Ich weiß nur: Solange ich mich erinnere, ist nicht alles verschwunden.
In den Pausen, wenn nichts explodiert, wenn niemand ruft, wenn selbst die Angst kurz den Atem anhält, drängen sich andere Bilder vor. Sie kommen ungefragt. Unpassend. Wie Besucher, die den falschen Raum betreten haben.
Ich denke an Deutschland. An Küchen, in denen das Licht warm ist und bleibt. An Tische, auf denen Brot liegt, ohne dass jemand zählt, wie viele Scheiben noch da sind. An Kühlschränke, die summen, verlässlich, wie Haustiere, die man nie hinterfragt.
Ich sehe meine Mutter vor mir, wie sie das Fenster kippt, „damit frische Luft reinkommt“. Frische Luft. Ein Ausdruck, der hier keinen Sinn ergibt. Luft ist hier nie nur Luft. Sie ist Träger von Staub, von Lärm, von Möglichkeit.
Ich denke an meinen Vater, der Nachrichten schaut und den Kopf schüttelt. Nicht, weil er es nicht versteht, sondern weil Verstehen nichts ändert. Ich sehe ihn einschlafen, der Fernseher noch an, die Welt klein und rechteckig.
Freunde schicken mir Sprachnachrichten. Unbeschwert. „Pass auf dich auf.“ „Krass, was du erlebst.“ „Ich könnte das nicht.“
Ich höre ihre Stimmen in Cafés, draußen, irgendwo mit Bäumen. Sie reden über Termine, über Züge, die zu spät kommen, über das Wetter. Über Dinge, die man sich leisten kann, weil nichts Drängenderes dazwischenruft.
Ich beneide sie nicht. Und doch spüre ich etwas, das sich so ähnlich anfühlt. Es ist kein Neid auf ihre Sicherheit. Es ist das Wissen, dass Sicherheit unsichtbar ist für die, die sie haben. Wie ein Boden, über den man geht, ohne ihn zu sehen.
Ich stelle mir vor, wie sie jetzt gerade leben. Wie jemand lacht. Wie jemand einkauft. Wie jemand plant. Planen. Ein Wort wie aus einer anderen Sprache. Hier plant man nicht. Hier reagiert man. Von Minute zu Minute. Von Einschlag zu Einschlag. Zukunft ist ein kurzer Gedanke, den man sofort wieder fallen lässt, weil er zu schwer ist.
Ich frage mich, ob sie begreifen können, was ich sehe. Nicht aus mangelndem Willen, sondern weil manche Dinge eine bestimmte Nähe brauchen. Eine bestimmte Art von Luft. Eine bestimmte Bedrohung.
Ich frage mich auch, ob ich ihnen noch ähnlich bin. Oder ob sich etwas in mir verschoben hat, leise, unumkehrbar. Ob ich zurückkehren kann und mitreden, wenn sie über Kleinigkeiten klagen. Ob ich dann schweigen werde oder zu viel sagen.
Manchmal stelle ich mir vor, ich sitze wieder mit ihnen an einem Tisch. Jemand fragt: „Und? Wie war es?“ Ein einziges Wort für etwas, das keinen Rand hat.
Was antworte ich dann? Dass ein Krankenhaus atmen kann? Dass Staub ein Gedächtnis hat? Dass Pressefreiheit weh tut?
Ich denke an meine Familie, an ihre Körper, unversehrt. An Hände, die nicht zittern, wenn sie ein Glas halten. An Nächte, die wirklich Nächte sind.
Ich spüre Dankbarkeit. Und gleichzeitig eine Schwere, die ich nicht benennen kann. Vielleicht ist es Schuld. Vielleicht Verantwortung. Vielleicht die Erkenntnis, dass Nähe nicht nur schützt, sondern auch trennt.
Hier bin ich nah dran an dem, was passiert. Dort sind sie nah dran an mir – und doch so weit weg.
Ich merke, wie gut es ihnen geht. Nicht im Sinne von Luxus. Sondern im Sinne von Selbstverständlichkeit. Ihr Leben ist kein Ausnahmezustand. Meines ist es gerade vollständig. Dieser Gedanke ist leise, aber hart. Er legt sich über alles, was ich sehe.
Ich denke: Wenn ich hier bleibe, entferne ich mich von ihnen. Wenn ich gehe, entferne ich mich von dem, was ich gesehen habe. Es gibt keine Richtung, die nicht Verlust bedeutet.
Aber ich weiß: Solange ich erzähle, bleibt etwas von ihnen. Solange ich schreibe, verschwindet nicht alles. Solange ich hier bin, ist die Wahrheit nicht ganz allein. Und vielleicht reicht das. Nicht für Frieden. Nicht für Sicherheit. Aber für einen Satz, der bleibt.
Ich bin jung.
Und ich bin informiert.
Zumindest fühlt es sich so an.
Ich scrolle. Ich teile. Ich lese Überschriften, Zusammenfassungen, Kommentare. Ich weiß, was trendet, wer sich empört, wer recht hat – zumindest für diesen Moment. Nachrichten erreichen mich in Häppchen, verpackt in Bilder, Emotionen, Algorithmen. Ich sehe viel. Vielleicht zu viel. Und doch frage ich mich manchmal, wie viel davon bleibt.
Pressefreiheit bedeutet für mich: Alles ist da. Jeder kann sprechen. Jede Meinung findet ihren Raum. Ich entscheide selbst, was ich sehen will. Oder bilde ich mir das nur ein?
Denn ich merke, wie ich auswähle. Wie ich wegwische, was schwer ist. Wie ich stehen bleibe bei dem, was unterhält, berührt, aufregt. Tiergeschichten. Liebesdramen. Prominente. Kleine Skandale. Sie fühlen sich näher an als politische Zusammenhänge, die mich zwar betreffen, aber keine Gesichter haben. Keine schnellen Bilder. Keine einfachen Schuldigen.
Vielleicht ist das meine Freiheit.
Vielleicht ist es auch meine Flucht.
Sie ist alt.
Und sie liest die Zeitung.
Jeden Morgen, am Küchentisch. Die Hände ruhig, die Brille auf der Nase. Sie liest langsam. Von vorne nach hinten. Nicht alles gefällt ihr, aber sie liest es trotzdem. Weil man wissen muss, was in der Welt passiert. Weil Information Verantwortung bedeutet. Für sie ist die Presse kein Zeitvertreib. Sie ist Orientierung.
Pressefreiheit war für sie nie selbstverständlich. Sie kennt Zeiten, in denen geschwiegen wurde. In denen Dinge nicht gedruckt werden durften. In denen Worte Gewicht hatten, weil sie selten waren. Journalisten waren für sie Wächter. Einordner. Mahner. Keine Influencer. Keine Unterhalter.
Wenn sie sagt: „Das muss man wissen“, meint sie nicht: „Das will ich lesen.“
Sondern: „Das betrifft uns.“
Ich frage mich, ob wir über dasselbe sprechen, wenn wir Pressefreiheit sagen.
Für mich ist Freiheit Auswahl.
Für sie ist Freiheit Verpflichtung.
Ich lebe in einer Welt, in der ich alles sehen kann – aber nichts sehen muss. Sie lebte in einer Welt, in der das Gedruckte Bedeutung hatte, weil es geprüft, abgewogen, verantwortet war. Ich vertraue meinem Gefühl. Sie vertraut der Redaktion.
Manchmal beneide ich sie um diese Klarheit.
Manchmal belächelt sie meine Geschwindigkeit.
Und doch treffen sich unsere Fragen an einem Punkt:
Was passiert mit einer Gesellschaft, die lieber konsumiert als versteht?
Ist Pressefreiheit nur das Recht, alles zu veröffentlichen – oder auch die Verantwortung, nicht alles zu vereinfachen?
Ist sie nur ein Schutzschild für Medien – oder auch ein Bildungsauftrag gegenüber denen, die lesen?
Und was geschieht, wenn Freiheit sich dem Geschmack des Publikums anpasst, statt ihm etwas zuzumuten?
Vielleicht liegt die größte Gefahr für die Pressefreiheit nicht im Verbot, sondern in der Gewöhnung.
Nicht im Schweigen, sondern im Überhören.
Nicht im Mangel an Information, sondern im Verlust an Tiefe.
Die Freiheit, die ich meine, steht zwischen uns beiden.
Zwischen Scrollen und Lesen.
Zwischen Gefühl und Einordnung.
Zwischen Jetzt und Erinnerung.
Und vielleicht besteht ihre Zukunft genau darin:
Dass wir einander zuhören.
Bevor wir weiterwischen.
Apfel, Birne, Mango, da eine Traube, grüne und rote… Lilli spießte eine joghurtgetränkte Traube auf und hielt sie gegens Licht wie andere ein Weinglas. Sie steckte sich die Traube in den Mund und kaute zufrieden. Ganz viel Joghurt, ein paar Haferflocken und eben Obst… Was einen am Morgen so beschäftigt. Lilli schaute ihren Vater an, der sich in die Zeitung vertieft hatte. „Hast du die Titelseite schon gelesen?“, fragte sie. Ulrich, der Vater; grunzte und schlug die Titelseite auf. „Grobe Verstöße gegen die Pressefreiheit – unfassbar – Rathaus Hinterwaldbach reagiert mit Drohmails auf Berichterstattung der Regionalpresse – so was in unserm Land! Das es schon so weit gekommen ist…“, schimpfte er und blätterte zu Seite sechs, zurück zu den Pandababys. Lilli seufzte, er hatte das Gedicht nicht gesehen, das als Gedicht des Tages im örtlichen Käsblatt veröffentlicht wurde. Provokativ schmatzte sie, bis zum Müslischalenboden, doch der Vater erwiderte mit Schlürfen und stellt laut klirrend die Kaffeetasse ab. „Ah…“, machte er voller Genuss. Geht’s uns gut, hätte seine Mutter gesagt. Dann faltete er die Zeitung zusammen und nahm die Aktentasche: Ulrich Rademeier war Bürgermeister von Vorderbachwald und soeben auf dem Weg zu seinem Rathaus. Lilli ließ von der Zeit überrrascht den Löffel fallen, schnappte ihre Schultasche und warf einen letzten Blick auf die grandiose Titelseite, ehe sie kurz vor acht das Haus verließ. Das Geschirr stand noch am Tisch, das Licht brannte noch, wie zu den Zeiten, als Ellen Rademeier, Ulrichs Ehefrau und Lillis Mutter, noch lebte. Lillis Mund von einem Lächeln umspielt wiederholte siegesgewiss die eigenen Verse:
Meldungen über Untaten
Durchgekaut
Ausgespuckt
Angeschaut
Wenn es juckt
Wen juckt’s?
Mich nicht.
Was für ein Triumph, vor allem gegenüber dieser Erbsenzählerin von Deutschlehrerin!
„Ich hab euch was mitgebracht.“ Frau Markus kicherte. „Schaut mal“, verlangte sie und projizierte das Gedicht des Tages ans Whiteboard, „von Lilli Rademeier. Wer hätte das gedacht? Wir haben eine Dichterin unter uns.“ Lilli starrte stur auf die Tischplatte und spürte ihre Ohren glühend heiß werden. Die Mitschüler lasen, manche zumindest und wohl zum ersten Mal in der „Zeitung Vorderbachwald“. Das wollte sie doch, oder? „Analysiert mal“, gluckste die Lehrerin, „na?“ Keiner meldete sich. „Kommt schon.“ Frau Markus bettelte geradezu. „Ist das ein Sonett?“, fragte sie und riss erwartungsvoll die Augen auf. „Nein“, beantwortete sie ihre eigene Frage, als sich Rasmus meldete. „Ja bitte“, rief sie breit grinsend auf. „Ich denke, das Gedicht kritisiert in wenigen Worten das kurzlebige Interesse…“ – „Äh, Rasmus?“, unterbrach die Lehrerin und ihr Grinsen fror fest. „ … an Presseerzeugnissen, ohne den tieferen Sinn oder die Tragweite zu erfassen …“ Der letzte Teil ging in der plötzlichen Geschäftigkeit der Lehrerin unter, die wahllos nach Stiften griff und in ihren Unterlagen wühlte. „ … beziehungsweise vielmehr ohne diese erfassen zu wollen.“ Frau Markus schaute auf und verzog ihren Mund zu einem schmerzhaft breiten Grinsen: „Schön, Rasmus. Unterhaltet euch darüber in der Pause.“ Und dann machte sie Deutschunterricht.
„Lilli“, rief Rasmus durch das Gewühl von Schülern und Schulranzen, „Lilli.“ – „Ja?“ – „Lass dich von der Schnepfe nicht unterkriegen. Ich find’s cool“, meinte er und lächelte. „Ich wär eben am liebsten gestorben“, gestand Lilli, aber zu leise, als das man es auf einem Schulgang bei Stundenwechsel hätte verstehen können. „Was hast du gesagt?“, fragte Rasmus ehrlich interessiert nach. „Ach nichts“, sagte sie und machte eine wegwerfende Handbewegung, „freut mich, dass es dir gefällt.“ – „Klar, bis später“, erwiderte er, lächelte nochmal und verschwand. Lilli ließ die Schultern hängen. War das alles?!
„Zeitung Vorderbachwald“ stand in ehernen Lettern über dem Eingang zur Redaktion des Provinzblatts. Stolz ging Lilli hinein, quasi offiziell und hüpfte wie gewohnt in den ersten Stock. Der nette Herr Riegel, der Chefredakteur, leitete mit dem Rücken zur angelehnten Tür eine Besprechung. Neben ihm stand das riesige, bunte Bonbonglas, noch aus den Zeiten, als Ellen Rademeier hier Chefin war. Die Stimmung schien schlecht, Lilli zögerte. Manche im Team bemerkten sie – Lilli kannte jeden, jeder sie – auf einmal irritiert. Herr Riegel drehte sich um. „Raus mit dir! Raus!“, polterte er und schlug mit aller Kraft die Tür zu. Lilli blinzelte erschrocken. Was war das denn? Normalerweise war es umgekehrt, man lud sie ein, stritt richtig um ihre Gunst. Sie war das Nachwuchstalent, das irgendwann bei einer großen, bei einer überregionalen Zeitung landen würde. Lilli konnte sich auch vorstellen, beim Fernsehen zu arbeiten, obwohl sie das dem papierverliebten Herrn Riegel gegenüber nie zugeben würde; Nachrichtensendungen machen, deutschlandweit…, weltweit. Lilli ging nach Hause. Das war ein komischer Tag. Der erste Tag als veröffentlichte Autorin, das hatte sie sich irgendwie besser vorgestellt.
*
Lilli beobachtete ihren Vater. Er saß wie immer seelenruhig schweigend am Frühstückstisch und las die Zeitung. „Zensur in Vorderbachwald…“ Ulrich las die Schlagzeile. „Jetzt macht mal halb lang“, kommentierte er und blätterte zu Seite sechs. Heute ging es um Maniküre bei den Kragenbären. Lilli beugte sich tief über ihre Müslischüssel, um den Artikel auf der Titelseite lesen zu können. „Nach dem beunruhigenden Vorfall in Hinterwaldbach ist nun auch die „Zeitung Vorderbachwald“ betroffen. Am gestrigen Nachmittag traf ein Brief in der Redaktion ein, der eine „Begutachtung“ der Artikel zum derzeitigen Wahlkampf um das Bürgermeisteramt Vorderwaldbach vor dem Druck durch selbiges verlangte. Außerdem wurde zu positiver Darstellung des Amtsinhabers und Kandidaten Ulrich Rademeier geraten. Bei „Zuwiderhandlung“ drohte man, dass das Finanzamt die Redaktion „besonders gründlich“ überprüfen würde. Unklar ist, wer den Brief geschrieben und in den Redaktionsbriefkasten geworfen hat. Aber anhand des Stempels konnte eine Verbindung zum Rathaus festgestellt werden. Der Verdacht verdichtet sich…“ Und so weiter. „Zu guter Letzt: Niemand soll an unserer Berichterstattung zweifeln müssen. Wir vertrauen auf den Rechtsstaat, wir lassen uns nicht unterkriegen!“ Lilli lehnte sich zurück, überlegte, schaute ihren Vater an, der in stoischer Gelassenheit frühstückte und sich über Kragenbären informierte.
Keiner ihrer Klassenkameraden oder deren Eltern lasen die Lokalzeitung, am wenigsten der Politiklehrer. Er hatte einen gewaltigen Schnauzbart und eine kleine, silberne Brille, schlürfte pausenlos schwarzen Kaffee und trug schlabbrige Pullover. Herrn Fitz war im Grunde alles egal. Von den 45 Minuten, für die er bezahlt wurde, hielt er höchstens 20 Minuten Unterricht. So stand er eben vor der Tafel, schlürfte Kaffee und verlor dazwischen ein paar Sätze zur Politik im Allgemeinen… und im Speziellen…, als Lilli aufsprang, etwas von Klo murmelte und die Schule verließ. Dieser unsägliche Verdacht gegen ihren Vater! Das konnte nicht stimmen. Und außerdem so lächerlich. Ohne Konkurrenten war es ein Leichtes die Wahl zu gewinnen. Nur der Ortsverband der Sozialdemokraten schickte die immer gleiche ewig Hundertjährige ins Rennen. Ulrich Rademeier war beliebt, der unangefochtene Bürgermeister. Aber trotzdem… Es stand in der Zeitung.
„Papa!“, rief Lilli und platzte ins Büro des Bürgermeisters. „Hoppla“, meinte Ulrich unbewegt. Dann setzte er die Lesebrille ab, legte die Arbeit beiseite und schaute seine Tochter an. Lilli blinzelte. Was wollte sie sagen? Vor allem wie? „Hast du die Zeitung gelesen?“, fing sie zögerlich an. „Natürlich“, erwiderte Ulrich gelassen, „wusstest du, dass die Kragenbärdame alle zwei Wochen-“ – „Die Titelseite“, unterbrach Lilli angespannt. Ulrich zog fragend die Augenbrauen hoch. „Die Zeitung wird zensiert“, erklärte sie schrill. „Das behauptet sie zumindest.“ – „Zensiert!“, wiederholte Lilli beinahe hysterisch. „Ein bisschen Zensur kann dem Blatt nicht schaden.“ – „Papa!“ – „Ich bitte dich, die Artikel lesen sich, als kämen sie direkt aus der SPD-Pressestelle.“ – „Das ist eine ganz normale Partei.“ – „Natürlich, aber die Frau nicht; die ist eine Bolschewistin im wahrsten Sinne des Wortes, schwärmt von der Räterepublik direkt nach der Revolution und hat immer noch nicht begriffen, dass der Eiserne Vorhang gefallen ist, geschweige denn, dass Stalin, Mao und wie sie alle heißen nicht Helden, sondern Schwerverbrecher sind“, meinte Ulrich ohne Emotion. Lillis Blick wanderte unruhig. „Ich weiß ja, dass Herr Riegel politisch ziemlich links ist; aber so eine Drohung“, spuckte sie verächtlich aus, „das ist ekelhaft!“ – „Dein Herr Riegel kann-“ – „Das ist nicht mein Herr Riegel“, fuhr sie rüde dazwischen. „Du nimmst ihn gerade in Schutz“, entgegnete ihr Vater unaufgeregt. „Ich nehme nicht ihn in Schutz, sondern die Pressefreiheit!“, erklärte Lilli und hätte am liebsten auf den Tisch gehauen. Ulrich schaute sie an, dann seine Armbanduhr. „Geh zur Schule“, sagte er. Lilli ließ die Schultern hängen, klappte den Mund ratlos auf und zu. Sie hätte gerne gewusst, was sie von der Geschichte halten soll. Schließlich zog sie ab. „Wenn es auf der Titelseite herausposaunt wird, kann’s so schlimm nicht sein“, bemerkte Ulrich in versöhnlichem Ton. Lilli blieb in der Tür stehen. „Das ist einfach so lächerlich“, meinte sie. „Das ist es, lächerlich“, echote Ulrich und schob sich die Lesebrille auf die Nase.
*
„Ach je“, murmelte Ulrich Rademeier mit Blick in die Zeitung. Lilli löffelte müde ihr Müsli. „Was gibt’s?“, erkundigte sie sich. „Der Grizzly hat Magenprobleme. Vielleicht müssen sie ihn notschlachten“, erzählte er. „Ah ja“, nuschelte sie, als ihr die neue Schlagzeile auffiel: „Endlich Reichweite – Große Zeitungen berichten über die Vorfälle in Hinterwaldbach und Vorderbachwald.“ Lilli ließ den Löffel fallen und starrte ihren Vater an. „Hast du keine Angst?“, fragte sie. „Wovor?“, in Gedanken noch immer bei dem bedauernswerten Grizzly. „Dass du nicht wiedergewählt wirst“, fügte Lilli tonlos hinzu und erlaubte sich nicht, weiterzudenken. „Die Staatsanwaltschaften kümmern sich darum“, erwiderte Ulrich seelenruhig, „und um das Wahlvolk kümmere dich nicht. Heute ist’s in aller Munde, morgen vergessen. Wer will schon die Tragweite einer solchen Meldung erfassen… oder den tieferen Sinn…“ Ulrichs Blick verlor sich in einer anderen Welt. Vielleicht in einem Bärengehege.
Lilli lief mit hochgezogenen Schultern durch die Gänge und schaute nur auf den Boden. Sie hätte einen Kapuzenpulli anziehen sollen. Alle hatten es gelesen oder davon gehört: Ihr Vater hat die Presse angegriffen, das Fundament der Demokratie. Gestern war es ihr aufwühlendes Geheimnis, heute offenbarte Wahrheit. „Fräulein Rademeier, was hört man da?“ Sie begegnete Herrn Fitz, der ausnehmend gut gelaunt das schwarze Rinnsal von der weißen Kaffeetasse leckte, das drohte, zu Boden zu tropfen. Vielleicht sollte sie gar nicht nach Hause gehen. Aber wohin? Zu Rasmus? Um Himmels willen! Was für eine blöde Idee! Der war ohnehin nirgends zu sehen und selbst wenn… Er war krank, ließ sich aber mit großer Enttäuschung von seiner Mutter erzählen, was die Rademeiers doch für ein Sauhaufen seien. Man bedenke erst, als seine Frau noch lebte und Chefredakteurin war… eine unzüchtige Ehe, zwischen Presse und Politik! „Unzucht? Sagt man das heute noch?“, war alles, was Rasmus dazu einfiel. Dann hustete er.
*
Ulrich stand auf, faltete die Zeitung und legte sie behutsam seiner Tochter hin. „Es ist was Schreckliches passiert“, erzählte er betroffen, „einer der Tierpfleger ist im Eisbärengehege verunglückt.“ Lilli schaute ihren Vater lange an: „Über dich kann man sich nur wundern.“ Und Ulrich verzog das Gesicht zu einer leidenden Grimasse, als sei er selbst der Tierpfleger in der misslichen Lage: „Oder besser gesagt, der Eisbär hat ihn kaltblütig ermordet.“ – „Vielleicht hatte er Hunger?“, erwiderte Lilli lapidar. „Nein. Es war aus Zorn“, stellte Ulrich fest, schnaubte aufgebracht und ging ins Büro. Lilli nahm die Zeitung und las mit schreckgeweiteten Augen, fuhr mit den Fingern an den Hals und kratzte sich unwillkürlich, zupfte unzufrieden an dem Pullover rum. Vielleicht sollte sie sich einen anderen anziehen, einen, der weicher auf der Haut liegt… Sie sprang auf und setzte sich wieder. Was soll das? Sie, eine Doppelagentin?! Wer schrieb so was? Herr Riegel, klar. Hinter tickte die Uhr. „Rufmord!“, zischte sie durch gepresste Lippen. Sie stand auf, stand rum, lief hin und her, setzte sich, stand auf, räumte den Tisch ab. Acht Uhr, Geographie… lass die Schule Schule sein, es gibt doch Wichtigeres! Die beiden Müslischalen in der linken, Ulrichs Kaffeetasse in der rechten Hand wankte Lilli in die Küche, es klapperte gefährlich. Wider Willen löste sich eine heiße Träne. „Ach, Scheiße“, fluchte Lilli und die Tasse fiel zu Boden, „ach Scheiße!“ Sie stellte die Schüsseln ab; völlig erschöpft, da war irgendwie keine Kraft zum Ärgern. Eine scheinheilige Lüge oder dachte Herr Riegel wirklich so schlecht von ihr?
„Zeitung Vorderbachwald“, derselbe Schriftzug über demselben Eingang, aber das Gefühl, mit dem Lilli das Gebäude betrat, war ein anderes, als ginge man ins Feindeslager. Die Tür zum Büro des Chefredakteurs stand offen. Herr Riegel lachte; er telephonierte und hatte die Füße auf den Tisch gelegt. Herr Riegel war ein ordentlicher Mensch mit guten Manieren. Er legte seine Füße nicht auf Tische, normalerweise nicht. Aber was war schon normal? Lilli blieb im Türrahmen stehen und beobachtete ihren Freund. Freund? Herr Riegel legte auf und sah sie an. „Ich dachte, wir wären Freunde“, sagte sie. „Als Redakteur hat man nur einen Freund, die Wahrheit“, antwortete Herr Riegel. „Ich merk’s mir“, murmelte Lilli, trat ein und machte die Tür zu. Sie warf ihm die Zeitung auf den Schreibtisch neben die munter wackelnden Zehen. „Nimm die Füße vom Tisch“, verlangte sie. „Du klingst wie deine Mutter“, grummelte Herr Riegel, gehorchte aber. Lilli war überrascht. Es lag in seiner Stimme weniger Wertschätzung für Ellen Rademeier, als sie erwartet hatte. Herr Riegel nahm die Zeitung und las sich den eigenen Artikel nochmal durch. Er lächelte. Siegesgewiss und selbstverliebt, wie Lilli zu erkennen glaubte. „Das ist gemein“, sagte sie. „Es ist die Wahrheit“, antwortete Herr Riegel. Plötzlich wallte Zorn in Lilli auf: „Ein Provinzblatt und ein Zwergenrathaus! Und ihr wollt euch eine Schlammschlacht liefern? Und zieht mich da rein?! Wer hat angefangen? Warst du’s?“ – „Wenn die Pressefreiheit beschnitten wird, ist das besorgniserregend. Wir können uns glücklich schätzen, dass ich die Missstände immerhin publik machen darf.“ Herrn Riegels Miene war hart und kühl, seine Art verklausuliert und abweisend. „Stimmt das überhaupt? Kam überhaupt ein Brief? Aus dem Rathaus?“, fragte Lilli barsch. „Dass du dich eines Tages würdest entscheiden müssen, war mir immer klar. Ich dachte nur, du würdest die Freiheit wählen.“ Sein Blick verklärte sich. „Die Wahrheit.“ – „Ja“, riss Lilli in bittersten Tonfall den Chefredakteur aus seiner Träumerei, „und ich dachte, du tust das auch. Ich bin minderjährig!“ Herr Riegel verschränkte die Arme und zog eine Schnute. „Was hätte ich denn machen sollen? Ich habe mir einen Ruf als Investigationsjournalist erarbeitet. Soll ich den verlieren?“ Er senkte den Blick und flüsterte: „Ich weiß eh nicht, was ich morgen schreiben soll.“ Missmutig schweifte sein Blick umher. „Vielleicht gibt’s was Neues aus Hinterwaldbach“, murmelte er. Lilli war fassungslos: „Und das sagst du mir? Ins Gesicht.“ Herr Riegel kniff die Lippen beleidigt zusammen. Lilli wusste nicht, was denken sollte, wollte gehen, machte aber kehrt und nahm das Bonbonglas ihrer Mutter mit. „Hinterwaldbach, gibt’s das überhaupt?“, grollte sie auf dem Flur.
Rat- und rastlos wanderte Lilli durch das Städtchen, ließ es hinter sich, schlug wie zufällig den Weg durch Wiesen und Äcker nach Hinterwaldbach ein. Vor dem Rathaus blieb sie stehen. Wer weiß, wie lange? Da trat ein älterer Herr neben sie und schwieg. Gab es die Drohmails? Gab es einen Skandal? Oder war der genauso erlogen wie die Mär von der Doppelagentin Lilli Rademeier, von der Schattenmacht, bei der die geteilten Gewalten zusammenliefen? Ganz sicher, so war es: Gelangweilte Provinzredakteure und gemütliche Bürgermeister, die von Pressefreiheit noch nie gehört haben, geschweige denn, dass sie auf die Idee kämen, selbige zu verletzen. Aber unangenehm war es trotzdem, ein unangenehmer Spuk… „Eine schlimme Geschichte, hier wie dort“, sagte der ältere Herr schließlich und nickte bedächtig, „und Sie; woher sind Sie?“ – „Aus Vorderbachwald“, antwortete Lilli. „Vorderbachwald“, wiederholte er und kramte in seinem Gedächtnis, „das gibt’s?“ Lilli war etwas erstaunt: „Nur fünf Kilometer von hier.“ – „Aha“, sagte der ältere Herr und ging weiter. Eine Alditüte schaukelte in seiner Hand. Lilli warf noch einen letzten Blick auf das Rathaus von Hinterwaldbach und trottete dann nach Hause.
Es war bereits dunkel und keines der Fenster erleuchtet. Lilli setzte sich auf die Stufen vor der Tür. Gedanken zogen wie eine Karawane in der Ferne an ihr vorbei. Wo ihr Vater war? Im Gefängnis. Wo sonst. Vielleicht sollte sie ihre Pläne für die Zukunft überdenken. Vielleicht… Es war leichter, sich an eine Meldung zu erinnern, die man für eine Lüge hielt, als an eine, die man unanfechtbar wahr glaubte. Wo war das Bonbonglas? Lilli, die seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hatte, bekam Hunger. Was hatte sie damit gemacht? Die Antwort verschwand in schläfrige Erinnerung. Was ihre Mutter wohl davon halten mochte? Ihre Mutter…? Plötzlich erwachte Lilli aus ihrer Benommenheit, sie hätte sich mit der flachen Hand gegen die Stirn schlagen wollen. Ellens Todestag jährte sich und Ulrich war am Friedhof. Lilli sprintete los. „Da bist du“, sagte ihr Vater und schaute vom Grabstein nicht auf. „Ich war etwas durcheinander wegen dieser Zensurgeschichte“, erklärte Lilli entschuldigend und blieb in gewisser Distanz stehen. „Das hat für Nachahmer gesorgt, der Bericht über den Vorfall in Hinterwaldbach“, meinte Ulrich. „Willst du damit sagen, dass die Redaktion selbst schuld ist?“ Ein leiser Vorwurf, die Grabkerze flackerte friedlich. „Nein. Oder ja. Es ist halt so. Einer fängt an und andere machen’s nach.“ Ulrich grub die Hände in die Jackentaschen. „Ist das deine Ausrede?“, fragte Lilli scharf. Er wiegte den Kopf hin und her und horchte in die Dunkelheit. Dann lachte er ungläubig auf: „Ich bin Politiker und als solcher pragmatisch. Natürlich meint man mal, die Presse stünde einem im Weg. Das tut das Wetter auch. Aber erschieße ich deswegen den tüchtigen Petrus? Dadurch scheint die Sonne auch nicht häufiger.“ – „Wer war es dann?“, fragte Lilli sofort, sich ihrer Erleichterung kaum bewusst. „Und du hast tatsächlich geglaubt, ich hätte Zensur angedroht?“, hakte Ulrich nach. „Ich weiß es ehrlich nicht“, gestand er und spekulierte, „vielleicht war es die alte Kokmmunistin, so ein bolschewistischer Trick, das sieht ihr ähnlich…“ Ihm schien die Idee zu gefallen. Ulrich schob seine Tochter über den Friedhof Richtung Ausgang. „Ich habe dein Gedicht gelesen“, erzählte er, „es ist wirklich schön, prägnant. Mama wäre stolz auf dich.“ Er warf einen Blick zurück auf das gepflegte Grab. „Aber du musst nicht so pessimistisch sein“, riet er. „Nenn mir einen Grund, warum man sich nicht dem Pessimismus hingeben sollte.“ – „Oh“, machte Ulrich und überlegte, „es gibt nur Gründe, die für eine pessimistische Geisteshaltung sprechen. Trotzdem bin ich überzeugt, dass es besser ist, hoffnungsfroh durchs Leben zu gehen.“ – „Vielleicht“, erwiderte Lilli und dachte, dass ihr Vater wahrscheinlich genug Schlimmes erlebt hatte, um eine qualifizierte Meinung zu haben. Am Ausgang blieb sie stehen und zeigte auf ein frisch ausgehobenes Grab. „Das ist für den Tierpfleger. Er war aus der Gemeinde“, seufzte Ulrich. „Töten sie jetzt den Eisbären?“ – „Ich weiß nicht“, meinte er das quietschende Tor öffnend, „was man hoffen soll.“
In der Stadt aus Glas und Schrift gab es eine Regel, die niemand laut aussprach und doch jeder kannte: Wörter durften nur so weit gehen, wie die Mauern es erlaubten. Manche Sätze endeten an Ecken, andere blieben in Treppenhäusern stecken, und wieder andere wagten sich nie über den Rand eines Gedankens hinaus. Die Häuser waren hoch, ihre Fassaden spiegelten den Himmel, aber die Fenster waren schmal, als sollten sie nur Licht hereinlassen, kein Ausblick. Über allem lag eine Stille, die nicht leer war, sondern gespannt, dicht und lauernd, wie der Atem vor einer Beichte, die man längst bereut hatte, noch bevor sie gesprochen wurde.
Hier lebte Mara. Sie arbeitete im Archiv der Morgenblätter. Tief unter der Redaktion lagerte dort die Vergangenheit in vergilbten Seiten, fein säuberlich sortiert nach Tagen, die längst niemand mehr zählen wollte. Regale reihten sich aneinander wie Grabsteine, jedes beschriftet mit Datum, Ausgabe, Korrekturvermerk. Ihre Aufgabe war es, zu bewahren, nicht zu fragen. Sie katalogisierte Artikel, die es offiziell nie gegeben hatte, neben jenen, die man später für „missverständlich“ erklärt und aus dem Gedächtnis der Stadt gestrichen hatte. Manche Texte trugen rote Markierungen, andere waren so sauber, dass ihre Leere fast schmerzte. Manchmal strich Mara mit den Fingern über die Druckerschwärze, langsam und vorsichtig, als könne sie so die Stimmen derer hören, die einst mutiger gewesen waren als erlaubt — oder nur weniger vorsichtig.
Hier lebte auch Jonas. Er begegnete ihr an einem regnerischen Nachmittag, als sie beide unter dem Vordach des Archivs Schutz suchten. Der Himmel hing tief über der Straße, grau und schwer, als hätte er beschlossen, sich der Stadt langsam aufzulegen. Der Regen fiel gerade stark genug, um Gespräche unmöglich zu machen, und gerade schwach genug, um sie nicht auseinanderzutreiben und leise genug um sich gerade so noch zu hören. Tropfen sammelten sich an der Kante des Vordachs und fielen in gleichmäßigen Abständen zu Boden, ein leises, beinahe beruhigendes Geräusch, das die Zeit dehnte. Menschen hasteten vorbei, Köpfe gesenkt, Mäntel hochgeschlagen, jeder mit sich selbst beschäftigt.
Er stand ein Stück neben ihr, ohne ihre Nähe zu suchen, aber auch ohne Abstand zu halten. Er trug keine Tasche, kein Notizbuch, nichts, was ihn verriet oder einordnen ließ, nichts, was auf einen Beruf oder eine Absicht schließen ließ. Sein Mantel war zu dünn für das Wetter, als wäre er in Eile gewesen oder hätte die Kälte vergessen — oder als hätte er sie bewusst in Kauf genommen. Die Nässe dunkelte den Stoff an den Schultern, doch er schien es nicht zu bemerken. Nur seine Augen waren unruhig; sie wanderten über die Straße, die Fenster gegenüber, die Gesichter der Vorübergehenden. Es wirkte, als hörten sie mehr, als sie sahen, als lauschten sie auf etwas, das sich zwischen den Geräuschen der Stadt verbarg.
Eine Weile sagte keiner von beiden etwas. Mara spürte die Anwesenheit des Fremden wie ein leises Drängen, etwas Ungesagtes, das zwischen ihnen hing. Dann durchbrach er die Stille.
„Sie bewahren Worte auf“, sagte er schließlich, ohne sie anzusehen, fast beiläufig, als spräche er über das Wetter oder den Regen. Mara zuckte kaum merklich zusammen. Es war nicht die Feststellung selbst, sondern die Sicherheit in seiner Stimme, die sie irritierte. „Nur das, was bleiben darf“, antwortete sie, automatisch, und erst danach merkte sie, wie sehr diese Antwort wie einstudiert klang, wie ein Satz, den sie schon oft gedacht, aber selten ausgesprochen hatte. Für einen Moment ärgerte sie sich über sich selbst, über diese Vorsicht, die ihr zur zweiten Natur geworden war.
Er lächelte, und in diesem Lächeln lag etwas Unfertiges, wie ein Satz, der nicht zu Ende geschrieben werden durfte, weil das letzte Wort zu gefährlich gewesen wäre. Es war kein freundliches Lächeln, aber auch kein spöttisches — eher eines, das andeutete, dass er mehr wusste, als er preisgab. Seine Lippen öffneten sich, als wolle er noch etwas hinzufügen, vielleicht eine Frage, vielleicht eine Korrektur. Doch genau in diesem Moment prasselte der Regen stärker auf, lauter, dichter, und verschluckte den Gedanken, bevor er Form annehmen konnte. Mara sah ihn nun offen an. Sie war von diesem Mann verwirrt, von seiner Selbstverständlichkeit und seiner Zurückhaltung zugleich. Wer war er, der wusste, was sie tat, ohne sie zu kennen? Und was wollte jemand, der Fragen stellte — oder zumindest andeutete — in einer Stadt, in der Antworten längst reglementiert waren und jedes zusätzliche Wort ein Risiko bedeutete?
Von da an kam Jonas öfter. Anfangs wirkte es zufällig, als hätte er lediglich seinen Weg geändert oder Gefallen an dem schmalen Streifen Schutz vor dem Regen gefunden. Doch bald erkannte Mara ein Muster. Er stellte Fragen, scheinbar belanglose, fast beiläufig in den Raum geworfen. Fragen über alte Ausgaben, über verschwundene Kolumnen, über Namen, die eine Zeit lang präsent gewesen waren und dann plötzlich nicht mehr auftauchten, als hätte es sie nie gegeben. Er fragte nicht direkt, nie fordernd. Seine Neugier war leise, tastend, als prüfe er, wie weit Worte hier noch tragen durften. Mara antwortete jedes Mal vorsichtig, was sie selber ärgerte, weil sie eigentlich gar nicht so sein wollte, sondern ihm vertrauen will, aber weiß, dass sie nicht darf. Sie wählte ihre Formulierungen mit Bedacht, ließ Sätze offen enden, schwieg dort, wo Schweigen sicherer war. Doch mit jedem Gespräch wuchs in ihr ein leises Ziehen, ein inneres Drängen, das sie nicht benennen konnte. Es war nicht nur Zuneigung, auch wenn sie seine Anwesenheit bald erwartete. Es war etwas Tieferes. Erinnerung. Erinnerung an eine Zeit, die es nicht mehr gab und vielleicht nie ganz so gewesen war, wie sie sie sich jetzt vorstellte. Eine Zeit, in der man seine Gedanken und Gefühle frei äußern durfte, ohne sie vorher zu filtern. In der man lieben und zusammen sein durfte mit wem man wollte, ohne Rechtfertigung, ohne Angst. In der Kunst einen eigenen Wert hatte und nicht anhand fixer Kriterien gemessen wurde, sondern entstehen durfte, roh, widersprüchlich, lebendig und frei.
Sie trafen sich weiterhin unter dem Vordach, oft wortlos, manchmal nur für ein paar Minuten. Sie lernten sich kennen, langsam und zwischen den Zeilen, ohne dass etwas gesagt wurde, was nicht gesagt werden durfte. Blicke ersetzten Fragen, kleine Gesten ganze Sätze. Trotzdem wussten beide, dass sie gleich dachten. Dass sie dieselben Lücken sahen, dieselben Risse in der glatten Oberfläche der Stadt. Und, dass sie aus diesem System ausbrechen wollten, auch wenn sie noch nicht wussten, wie oder wohin.
Bald trafen sie sich außerhalb des Archivs. Zuerst vorsichtig, dann mit wachsender Selbstverständlichkeit. Sie wählten ein kleines Café in einer Seitenstraße, dessen Besitzer taub war und dessen Radio ständig rauschte, ein monotones Hintergrundgeräusch, das Gespräche verschluckte. Die Tische waren wackelig, der Kaffee dünn, doch es war einer der wenigen Orte, an denen man sich beinahe unbeobachtet fühlen konnte. Dort, zwischen dem Klirren von Tassen und dem weißen Rauschen des Radios, erzählte Jonas ihr schließlich, dass er früher Journalist gewesen war.
Nicht von der genehmigten Sorte, die Pressemitteilungen umformulierten und Überschriften entschärften, bis sie nichts mehr bedeuteten. Sondern von denen, die Fragen stellten, bevor man ihnen sagte, welche sie stellen durften. Von denen, die glaubten, dass Worte etwas verändern konnten.
„Warum hast du aufgehört?“, fragte Mara leise, und sie merkte, dass sie den Atem anhielt.
„Ich habe nicht aufgehört“, sagte er nach einem Moment. Seine Stimme war ruhig, aber fest. „Man hat mir nur das Papier genommen.“
Das Radio rauschte weiter. Draußen zog jemand einen Stuhl über den Asphalt. Und Mara verstand, dass manche Geschichten nicht enden — sie werden nur an Orte gedrängt, an denen man lernen muss, sie neu zu lesen.
Zwischen ihnen wuchs eine Liebe, die leise war und aufmerksam. Sie sprachen wenig über Gefühle, denn das war Tabu in ihrer Gesellschaft, dafür viel über Wörter. Über ihre Schwere, ihre Farbe, ihre Gefahr. Jonas erzählte von Artikeln, die nie erschienen waren, von Geschichten, die nur in Schubladen existierten. Mara begann, ihm heimlich Seiten zu zeigen – Texte aus dem Archiv, die offiziell nie geschrieben worden waren. Anhand ihrer Blicke wussten sie beide, dass sie sich liebten.
Es war später ihr gemeinsames Ritual geworden zu lesen: Er las, sie beobachtete sein Gesicht. Wenn er schwieg, wusste sie, dass die Wahrheit schwer war. Unvorstellbar eigentlich.
Eines Abends brachte Jonas ein Blatt Papier mit. Es war leer.
„Das ist der wichtigste Text“, sagte er. „Der, den noch niemand verboten hat.“
Mara verstand nicht sofort. Doch in den folgenden Wochen begann sie zu begreifen. Jonas schrieb wieder – nicht mit Tinte, sondern mit Gesprächen, mit Zuhören, mit Fragen, die er den Menschen stellte. Er sammelte ihre Antworten nicht auf Papier, sondern in sich. Mara half ihm, erinnerte sich, verband Fragmente. Gemeinsam formten sie eine Geschichte, die niemand lesen konnte und doch jeder spürte.
Als Jonas eines Tages nicht mehr kam, wusste Mara, dass etwas geschehen war. Niemand sagte ihr etwas. In der Stadt sprach man nicht über Abwesenheit. Sie ging ins Archiv und suchte seinen Namen. Er war nie dort gewesen.
In dieser Nacht tat sie etwas, das sie nie für möglich gehalten hätte. Sie öffnete eine leere Akte und begann zu schreiben. Nicht über Jonas allein, sondern über das, was sie gemeinsam verstanden hatten: dass Freiheit nicht verschwindet, wenn man sie verbietet, sondern wenn man aufhört, sie zu lieben.
Am nächsten Morgen lag der Text nicht mehr dort. Doch in den folgenden Tagen hörte sie Menschen Sätze sagen, die sie geschrieben hatte. Leise, vorsichtig, aber bestimmt.
Die Stadt war noch immer aus Glas und Schrift. Doch irgendwo hatte sich ein Riss gebildet. Und durch ihn drang etwas, das sich nicht archivieren ließ: Wahrheit.
Mara lächelte. Sie wusste nun, dass Worte Wege finden. Und dass Liebe manchmal nichts anderes ist als der Mut, sie gehen zu lassen.
Oben im Gebirge, zwischen den steinigen Gipfeln und dem reißenden Fluss, lag ein alter Wald mit knorrigen Bäumen, moosbewachsenen Steinen und dichtem Buschwerk. Auf einer großen Lichtung darin hatten sich die Vertreter aller Waldbewohner versammelt. Der weiße Hirsch, das älteste Tier unter ihnen, kletterte auf den Felsbrocken in der Mitte der Lichtung.
„Tiere des Waldes, was gibt es Neues?“ röhrte der Hirsch und schwenkte sein silbernes Geweih.
Unter den Tieren war der Hase, dessen Herz furchtbar schnell schlug. Jetzt oder nie, dachte er sich trotzdem und rief, so laut er konnte:
„Eine große Gefahr kommt auf uns zu!“
Aufgeregtes Brummen, Knurren und Zwitschern brach aus.
„Ruhe! Lasst den Hasen erst erzählen, um was für eine Gefahr es sich handelt!“, rief der Hirsch.
Der Hase spürte einen Kloß im Hals, als ihn plötzlich alle Augen ansahen. Er versuchte, nicht so piepsig wie sonst zu klingen: „Ein Hund ist im Wald!“
„Das ist schlimm“, sagte das Reh, „Hunde jagen Rehe.“
„Sie wühlen unsere Bauten auf“, klagte das Wiesel.
„Sie schnappen nach uns!“, kreischte der Hamster.
„Und sie zertrampeln uns!“, rief der Mistkäfer.
Dass die anderen Tiere genauso viel Angst wie er vor dem Hund hatten, bestärkte den Hasen. Er stellte sich auf die Hinterbeine und wandte sich an den Eichelhäher, der im Wald dafür zuständig war, die Nachrichten und Neuigkeiten zu verbreiten:
„Eichelhäher, bitte flieg los und warne alle Tiere vor dem Hund!“
Der Eichelhäher breitete die Flügel aus. Erleichtert drehte der Hase seine Ohren. Das lief besser, als er befürchtet hatte.
Doch da erklang ein tiefes, brummiges „Halt!“
Ein riesenhafter Umriss erhob sich aus dem hohen Gras. Der Bär!
„Meine Familie schläft noch“, grollte das Raubtier, „ich will nicht, dass sie von derart unnötigem Geschrei aufgeweckt wird.“
Entsetzt sah der Hase, dass der Eichelhäher die Flügel wieder senkte.
„Aber alle meine Brüder und Schwestern müssen davon erfahren“, sagte er, „ich hatte keine Zeit mehr, sie zu warnen.“
„Das ist ja wohl dein Problem, nicht unseres“, knurrte der Wolf, der sich abseits der anderen Tiere niedergelassen hatte.
„Aber das ist nicht fair“, piepste der Hase. Im Vergleich zu dem Wolf und dem Bären klang seine Stimme noch höher als sonst. Er schaute in die Gesichter der anderen Tiere, doch die wichen seinem Blick aus. Sogar der weiße Hirsch starrte zu Boden.
Der Hase flehte den Eichelhäher an: „Bitte, flieg los, schnell!“
Doch ehe der Eichelhäher etwas tun konnte, packte ihn der Bär am Schwanz und umschlang ihn mit seiner großen Tatze.
„Genug mit dem Unsinn“, brummte er in Richtung des Wolfes, „ab jetzt bestimmen nur noch wir, was an die Tiere des Waldes verbreitet wird und was nicht.“
„Das geht nicht!“, quiekte der Hamster. „Wir kleinen Tiere müssen doch vor den Gefahren gewarnt werden!“
„Die kleinen Tiere interessieren mich nicht“, brüllte der Bär so laut, dass die anderen Tiere erzitterten, „von nun an wird nur noch das verbreitet, was wir sagen.“
Obwohl alle Tiere das schrecklich fanden, trauten sie sich nicht, gegen die großen Raubtiere aufzubegehren, sondern flohen vor dem brüllenden Bären. Nur der Hase bemerkte, dass der Fuchs mit dem Bären und Wolf zurückblieb. Seine Neugier war noch größer als die Angst, deshalb verkroch er sich in einem hohlen Baumstamm und beobachtete die drei Raubtiere.
„Mächtiger Bär, starker Wolf“, grüßte der Fuchs, „das ist wirklich ein genialer Plan von euch.“
Er warf dem Vogel einen Blick zu, den der Bär noch immer festhielt und der sich nicht traute, einen Laut von sich zu geben.
„Schließlich wisst ihr, dass diejenigen, die den Eichelhäher kontrollieren, auch die Waldbewohner kontrollieren.“
„Natürlich wissen wir das“, knurrte der Wolf, „aber ich bin mir nicht sicher, ob du das verstehst.“
„Oh, ich versuche, es so gut zu erklären, wie mein einfacher Verstand es mir erlaubt“. säuselte der Fuchs. „Was ich meine, ist, dass der Eichelhäher nicht immer das zu verbreiten braucht, was tatsächlich geschieht.“
„Wovon sprichst du?“, grollte der Bär, der nur nach Hause in die warme Höhle wollte.
„Nehmen wir an, der Eichelhäher verkündet, dass ein tollwütiger Marderhund von Osten in den Wald rast.“
„Warum sollte er das tun?“, fragte der Wolf.
„Weil die Tatze, die ihn hält, ihn genauso schnell zerquetschen kann,“ zischte der Fuchs. Die Augen des Eichelhähers weiteten sich.
„Was hätte ich davon?“ fragte der Bär.
„Weil ihr an einem Tag, an dem alle Tiere panisch durch den Wald fliehen, eure berühmten Jagdkünste nicht allzu sehr anzustrengen bräuchtet.“
„Ein interessanter Gedanke, Fuchs“, brummte der Bär. „Sollte es jemals zu so einem Missverständnis kommen, wird es nicht zu deinem Schaden sein.“
Der Fuchs verneigte sich und verschwand im Unterholz. Auch der Bär und der Wolf verabschiedeten sich. Zurück blieb nur der Hase, der nicht fassen konnte, was er gerade gehört hatte.
In den nächsten Tagen erklang der Ruf des Eichelhähers nur selten. Wenn, dann teilte er mit, wo besonders dicke Fische im Strom schwammen oder ein vereinsamtes Reh sich auf freier Fläche verirrt hatte.
Bald knabberten die Hasen nicht mehr das Gras kurz, da der Fuchs hinter dem nächsten Busch lauern konnte. Die Vögel bauten keine schönen Nester mehr, aus Angst, dass der Habicht in der Nähe seine Kreise zog. Und die Frösche quakten nicht mehr, damit der Storch sie nicht finden konnte. Die Pfade im Wald wucherten zu und waren wie ausgestorben. Es herrschte eine gedrückte Stille, die selbst den Maulwürfen, die sich sonst immer über das Getrampel über ihren Köpfen beschwerten, nicht behagte.
Die Bären und Wölfe indes waren zufrieden. Der Eichelhäher spähte für sie den Wald nach Beute aus und sie lagen den meisten Tag mit prall gefüllten Bäuchen in der Höhle.
Der Hase, den wir kennengelernt haben, war schrecklich unglücklich. Nicht nur litt er wie alle anderen Tiere unter den neuen Regeln, er fühlte sich auch noch dafür verantwortlich. Schließlich war es sein gut gemeinter Vorschlag gewesen, der den Bären erst auf die Idee gebracht hatte.
Gerade hoppelte er durch den Wald, ungeachtet der Gefahr, die ihm möglicherweise drohte, und grübelte darüber nach, was er tun könnte. Während er so nachdachte, bemerkte er eine Bewegung im Augenwinkel. Sofort schoss ihm das Adrenalin in die Beine. Er machte einen Haken nach links und rannte nach rechts davon.
Da ertönte ein Knall. Neben ihm wirbelte Laub auf. Das war knapp gewesen. Er rannte noch ein Stück weiter und versteckte sich in einem Busch. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. So ein Knall konnte nur eins bedeuten.
Schon kamen drei Zweibeiner aus dem Unterholz. Sie hielten lange Äste in der Hand und aus dem Ende des einen stieg Rauch.
Der Hase kannte diese schrecklichen Dinger. Schon oft hatte er miterlebt, wie einer seiner Verwandten nach einem Knall daraus verwundet wurde.
Die Zweibeiner sahen sich kurz um, doch in seinem Versteck fühlte er sich sicher. Tatsächlich gingen sie bald weiter. Während sich sein Herzschlag beruhigte, kam ihm ein neuer Gedanke: die anderen Tiere des Waldes waren in großer Gefahr! Sie mussten gewarnt werden.
Er sah sich um und stellte fest, dass er ganz in der Nähe des Nests vom Eichelhäher war. Sofort rannte er los.
„Eichelhäher“, rief er, als er unter dem Nest ankam, „schnell, ich brauche deine Hilfe!“
Nichts regte sich. Der Hase schnappte nach Luft und versuchte es erneut: „Bitte, Eichelhäher, ich bin es, der Hase!“
Ein braungefiederter Kopf schob sich über den Rand des Nests.
„Was willst du von mir, du Unglückshase?“
Der Hase ließ sich von dem Tonfall nicht beirren.
„Drei Zweibeiner sind im Wald. Sie haben versucht, mich …“
„Dann verkriech dich in deinem Bau und lass mich in Ruhe.“
Der Hase war gar nicht auf die Idee gekommen, dass der Eichelhäher sich weigern könnte.
„Du musst die anderen warnen. Das ist deine Aufgabe!“ rief er den Baumstamm hoch.
„Nicht mehr. Heute ist jeder für sich. Ohne die Erlaubnis vom Bären oder Wolf darf ich gar nichts mehr sagen. Vielen Dank dafür übrigens.“
„Das hier ist wichtiger als die blöden neuen Regeln. Vor den Zweibeinern muss jeder gearnt werden, auch der Bär!“
„Dann finde ihn doch und sag es ihm selbst. Aber halt mich da raus.“
Der Kopf verschwand im Nest. Der Hase konnte es nicht fassen. Was sollte er tun?
Die Hasenbauten lagen in einer ganz anderen Richtung als die, in die die Zweibeiner verschwunden waren. Sollte er dem Rat des Eichelhähers folgen, die anderen Tiere ihrem Schicksal überlassen und dort verkriechen?
Nein, das konnte er einfach nicht. Wenn er es nicht tat, würde niemand auf die anderen aufpassen. Doch um die anderen zu warnen, musste er zuerst wissen, wohin die drei Zweibeiner überhaupt gingen. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und kehrte dahin zurück, wo er ihnen begegnet war.
Man musste kein Wolf sein, um die Spur der Zweibeiner zu verfolgen. Im feuchten Waldboden waren ihre Abdrücke leicht zu erkennen. Nach einiger Zeit hatte der Hase sie eingeholt und folgte ihnen durch den Wald.
Es dauerte nicht mehr lang, bis sie vor einem mit Kiefern und Büschen bewachsenen Hügel stehenblieben. Sie kletterten auf einem schmalen Pfad nach oben. Der Hase schlich sich im Gebüsch neben ihnen mit. Auf der Spitze des Hügels stockte ihm der Atem. Auf der anderen Seite ging es steil nach unten ins Tal.
Seine Augen waren nicht die besten, doch sie reichten, um zu erkennen, warum die Zweibeiner ausgerechnet diesen Hügel bestiegen hatten: auf dem Boden des Tales spielten drei kleine Bärenjunge ausgelassen, ohne die Gefahr zu ahnen, die ihnen drohte.
Die Zweibeiner gaben leise Laute von sich. Die Art und Weise, wie sie dabei die knallenden Äste bereithielten, konnte nichts Gutes bedeuten.
Das Herz des Hasen schlug schneller und schneller. Wenn er nichts tat, würden die Zweibeiner sie töten. Nur er konnte sie noch warnen.
Doch dabei würde er sein eigenes Leben riskieren.
Der Bär selbst war schuld, dass sie sich überhaupt in dieser Lage befanden. Hätte er sich nicht so rücksichtslos und gemein verhalten, hätte der Eichelhäher längst alle Tiere gewarnt. Auf gewisse Art hätte er einen solchen Denkzettel verdient.
Aber die kleinen Bären können nichts dafür.
Noch ehe der Satz ganz zu Ende gedacht war, stob der Hase aus dem Gebüsch. Falls die Zweibeiner ihn bemerkten, schien er ihnen egal zu sein. Drei Bärenjungen waren eine bessere Beute. Er raste über Stock und Stein ins Tal hinab und rannte dabei schneller, als er je zuvor gerannt war.
Die drei braunen Bärenjungen waren nur noch wenige Sprünge entfernt.
„Rennt! Versteckt euch!“
Zum ersten Mal kam ihm seine Stimme gar nicht mehr so piepsig vor.
„Lauft weg!“
Eins der Bärenjungen drehte seinen Kopf und starrte ihn mit großen Augen an.
„Da oben sind Zweibeiner!“
Später erzählte der Hase, dass in seiner Stimme so viel Überzeugung gelegen hatte, dass die Bären wie automatisch reagierten. Vielleicht war es aber auch der erste Knall gewesen, der vom Felsen ertönte und den Staub neben ihnen aufwirbelte.
Auf jeden Fall rannten Hase und Bären jetzt gemeinsam davon. Sie flohen auf den Waldesrand zu, wo die dichtbelaubten Baumkronen genug Schutz bieten würden.
Es knallte ein zweites Mal. Rechts wirbelte Staub auf.
Das sichere Gebüsch kam näher.
Es knallte ein drittes Mal. Direkt vor ihnen wirbelte Staub auf.
Dann hatten sie den Waldesrand erreicht.
Der Hase sprang hinter einen umgestürzten Baumstamm und duckte sich. Die Bären landeten keuchend neben ihm. Sie waren ganz jung, kaum größer als der Hase selbst.
„Das habt ihr gut gemacht“, hechelte er.
„Was geht hier vor?“, grollte plötzlich eine mächtige Stimme. Der Bär brach durchs Unterholz und baute sich vor ihnen auf.
„Hase? Was machst du mit meinen Kindern?“
„Ich …“, begann der Hase, doch der Bär packte ihn mit seiner Tatze. Seine Krallen bohrten sich in den Bauch des Hasen.
„Du bietest dich wohl als Abendessen an?“
„Nicht!“, riefen die kleinen Bären, „er hat uns gerettet.“
Der Hase war froh, dass die Bären alt genug waren, um zu sprechen.
„Gerettet?“, fragte der Bär und beäugte den Hasen. Sein Griff lockerte sich etwas.
„Ja, hätte er uns nicht gewarnt, hätten die Zweibeiner uns mit den Knallstöcken getroffen.“
„Die Zweibeiner sind hier?“, fragte der Bär. „Warum hat der Eichelhäher uns nicht gewarnt, dieser lausige …“
„Weil er sich nicht getraut hat!“, fiel ihm der Hase ins Wort. „Du dachtest, du würdest den Wald dadurch zu einem besseren Ort machen, wenn alle nur noch das sehen und hören, was du für richtig hältst.“
„Nun, ich …“, brummte der Bär, doch der Hase war jetzt richtig in Fahrt gekommen.
„Dabei geht all das verloren, was den Wald zu einem sicheren und schönen Ort macht: die Mischung aus dem, was alle Tiere sehen, hören, riechen und denken!“
„Aber es muss doch nun wirklich nicht jeder alles wissen“, versuchte es der Bär.
„Natürlich nicht. Genau so wenig wie euch Bären interessiert, wo die saftigsten Gräser wachsen, interessiert es uns Hasen, an welchem Flussabschnitt sich die fetten Forellen tummeln. Aber es ist trotzdem toll, dass man es erfahren könnte, wenn man möchte. Aus Interesse oder weil man mal wissen will, welche Bereiche des Flusses man lieber vermeidet, um nicht als Bärenfutter zu enden.“
„Naja…“
„Das Gute daran, dass der Eichelhäher alle Arten von Neuigkeiten verbreiten durfte, war doch, dass jede und jeder das verkünden durfte, was ihm oder ihr besonders wichtig war. Wenn nicht nur die Bären, Wölfe und Füchse ihre Neuigkeiten verbreiten dürfen, sondern auch die Hasen, Hamster und Frösche, dann ist der Wald erst richtig lebendig!“
„Das hätte doch auch nicht dabei geholfen, meine Kleinen vor den Zweibeinern zu beschützen.“
Der Hase schüttelte den Kopf vor der Sturheit des Bären.
„Natürlich hätte es das! Der Falke hat die Zweibeiner von weitem kommen gesehen, das Wildschwein hat sie gerochen und der Maulwurf über seine Gänge laufen gehört! Ihr wärt längst gewarnt worden! Nur, wenn der Eichelhäher die Nachrichten von allen verbreiten darf, können wir sicher sein, dass es auch allen nützt!“
Sogar der Bär erkannte jetzt, dass der Hase Recht hatte. Er setzte ihn sachte auf dem Waldboden ab und senkte sein Haupt.
„Ich erkenne, dass es ein Fehler war, den Eichelhäher für mich zu beanspruchen“, brummte er. „Ich verspreche dir, Hase, dass der Eichelhäher von nun an für alle Zeiten frei sein wird.“
Ich wünsche mir Worte wie Kellerasseln,
die nach der Nuklear-Apokalypse aus den Fugen krabbeln
und die Erde bevölkern,
wenn wir Menschen es nicht mehr tun.
Stattdessen gleichen meine Worte Silberfischchen,
die sich schon jetzt im Spalt zwischen Wand und Bodenleiste verstecken,
obwohl die Welt […] noch einigermaßen funktioniert.
Meine Worte muss ich mit Insektenfallen ins Offene locken,
nur kleben sie dann fest auf
einer winzigen Oberfläche […]
und lassen sich nicht mehr bewegen
und sind ohnehin
tot.
[der Autorin fehlen die Worte, obwohl nicht alle Insekten tot sind]
Im goldvertäfelten Raum Listen erstellen, die festlegen, wann/ wo/ wer/ kribbeln/ tippeln kriechen/ wuseln darf! Das Zeitalter der Kammerjäger*innen ist unterwegs und – was? Einen Waffenschein? – den brauchst du hier nicht – nur dank unserer Kleintierstrategie kann Großweltfrieden entstehen! Und Frieden braucht man eben für bestimmte Dinge.
Kammerjäger*innen jagen lassen und Worte in Besitz nehmen! Das ist die Devise.
[Hat die Autorin selbst die Insekten getötet?]
[Liegt die Schuld bei ihr allein?]
Auf meinen Knien
blicke ich in die Ecken ,
ziehe an den Haaren
die Tierchen herbei.
Beten ist okay, weil Gott alle Tiere erschaffen hat. Aber um Gott zu beschreiben, braucht es Lebensmittelmotten, die mir in den Mund genistet werden.
Öffne ich den Mund, fliegt eine heraus.
Manche Worte machen alles kaputt, manche nicht.
ichguckeindenspiegelundsehe,wietausendkleinetiere,maikäfervielleicht,oderblindschleichensich
ihrenwegdurchmeineblutgefäßebahnen. siekrabbelnundschwimmenundgleitenundschlängelnund
wimmelnuntermeinerhautdahinundichstehestillundschaueihnendabeizu. meinganzerkörper verknotetsich,verschiebtsich,beultaus,delltein,verschwimmt,zerfließt-
Die Scham brennt wie Ameisenpipi
[das hat die Autorin früh gelernt].
Komplizenschaft mit Schädlingskrieger*innen
fußt auf Privilegien und
Glück.
[nicht die Autorin muss sich befreien]
Ich wünsche mir Worte wie Kellerasseln,
die ausharren,
und ich wünsche mir Freund*innen,
die ihnen Zuflucht gewähren.
Vielleicht die Freundin,
die immer meine Spinnen entfernt hat,
wenn ich es nicht konnte.
Herr Faschismus klopft an und sagt wer er sei
Frau Demokratie fragt: „Ja, sind sie denn frei?“
Herr Faschismus sagt: „Nein. Doch die Menschen erkennen mich nicht mehr.
Die Zeit geht vorbei und das Gedächtnis wird leer“
„Ja, wer denken die denn wer Sie sind?“, fragt Frau Demokratie verstimmt.
Und Herr Faschismus grinst. „Patriot“, sagt er, „Und Rechtsextremist.“
„Aber die Justiz?“, fragt Frau Demokratie, „Erkennt sie denn nicht Ihr wahres Gesicht?“
Frau Justiz betritt den Raum:
„Ach mein Gericht.
Sie betiteln und ordnen, doch die Menschen stört das nicht. Sie wählen wegen, nicht trotz weil er Faschist.“
Frau Demokratie stockt. „Und nun?“, fragt sie, „er steht da, also was sollen wir tun?“
Frau Justiz lacht:
„Er ist ja noch draußen, da wird erstmal gar nichts gemacht“
Frau Demokraties Lächeln vergeht. „Aber wenn er drin ist, dann ist es doch zu spät“
Frau Justiz zögert nicht. „Sicher. Doch so funktioniert das Gericht.“
Frau Demokratie fragt verwirrt: „Aber macht sich denn niemand Sorgen?“
Und Frau Geschichte erwidert: „Niemand denkt an gestern, alle nur an morgen“
Herr Faschismus entweicht ein Lächeln: „Es war nichts als ein kleines Schwächeln. Vertreiben wollt ihr uns wohl nicht.
Dabei zeigen wir doch schon längst unser wahres Gesicht“
Frau Justiz nickt: „Was legal ist wird nicht fortgeschickt“
Frau Geschichte zögert: „Das stimmt zwar. Doch danach sind wir schon nicht mehr da“
Frau Demokratie versucht es ein letztes Mal: „Wehren sich die Menschen nicht in großer Zahl? Niemals ist er ihre erste Wahl“
Herr Faschismus klopft an und sagt wer er sei.
„Die Menschen wählen mich doch bereits. Was nun kommt ist meine Zeit. Und was geht ist das deine. Die Freiheit“
Irgendwo auf dem weißen Papier hat die Welt dein Gesicht verloren. Irgendwo auf dem weißen Papier beginnt mein Pinsel die Suche in dem nichtspreisgebenden Weiß des Büttenblattes. Auf der Suche nach dir beginne ich irgendwo auf dem weißen Papier.
Ich tränke meinen Pinsel im farbrestverklummten Wasserbecher. Die Schrebergartenkolonie liegt abseits der Laternen in der unlängst hereingebrochenen Nacht. Hierhin, in die alte Laube, habe ich mich auf der Suche nach dir, zurückgezogen. Mein flüssigkeitsbenetzter Pinsel überschwemmt die eingetrockneten Pigmente des Malkastens. Draußen beginnt ein kühler Regen mit dem Trommeln auf die moosbetupften Dachpfannen. Wie sich der Regen auf den Schindeln suhlt, lasse ich den Pinsel meine Farbnäpfe durchwühlen. Ich rücke das Porträt von dir zurecht, dass neben dem Büttenpapier im Luftzug tänzelt, der durch den Türspalt gekrochen kommt.
Jetzt hast du ein neues Ohr, das angetrocknet an deiner unfertigen Schläfe hängt. Laut hörst du die Schüsse, weil ich deine Haare noch nicht begonnen habe. Das Holz knackt und du hörst die Schüsse durch das zerriebene Wäldchen peitschen. Ich lege den Pinsel auf und überlasse dir, ob ich Steigbügel oder Amboss bin. Dein Ohr tastet Geschichten entlang. Es ist betäubt, wenn die Artillerie auf der Suche nach dir die Nacht durchwühlt. Wenn du dein Ohr zwingst die Schüsse aus den Waffenmündungen in Wörter zu übersetzen. Wenn du Satzkaskaden und Wortlabyrinthe fängst und sie der Masse begreifbar machst. Wenn du deine Reportage im Gehörgang baust und mit Wörtern Tunnel zu den Gräben bohrst. Wenn in das Schwingen deines Trommelfells, Zeitungen und Onlineartikeln münden. Ich frage mich, was du hörst. Ich frage dich: Was willst du mich hören lassen? Im Innehalten ist da nur die Nacht. Draußen heult der Wind. Dein Ohr hört den aufbrausenden Sturm der Massen. Die Demonstranten auf den Plätzen. Sie stehen und rufen. Ihre geschwenkten Plakate schneiden Böen in die Stimmenflut. Du zwängst ihre Schreie mitsamt den Megafonen und den Ordnungskräften, in deinen schmalen Gehörgang. Du stehst in der Masse, in der Schneise zwischen Revolution und Repression. Du stehst abseits. Du hältst dich an dem Zischen der Tränengaskanülen fest, fliegst mit ihnen in die Menschenmenge. Du schleuderst gegen Jacken, hältst das Reißen von Plakaten fest. Du springst auf das Geschrei der Demonstrantin auf, die ihre erblindete Freundin aus der fliehenden Masse zieht. Du haftest auf der Schläfe, die der Schlagstock zu Boden schlägt und dein Ohr, das kennt bereits, den umfangreichen Klang von Körpern auf Straßenbelag.
Ich erschrecke an frischen Tannenscheiten, die in den Flammen knacken, dein linkes Ohr hört die niedergehenden Raketen über Plattenbauten. Du findest Wörter für Geräuschkulissen, ich finde die richtige Farbkomposition für deine Ohrmuschel. Deine Ohren haben gehört:
Du bist unser Hörgerät, das wir brauchen, wenn wir wieder Taub für die Stimmen der Welt sind. Du lässt uns die Stimmen aus angefrorenen U-Bahn-Schächten hören, wie dort unten der Stoff von Plüschtieren knistert, wenn die Keramikfliesendecke bebt. Du hörst im Schniefen hochziehender Nasen, aus ihrem Zuhause vertriebene Stimmfarben. Du enthältst uns die Taubheit vor, wenn wir weghören wollen vom Übel der Welt, wenn wir ihr klägliches Keuchen zu überhören versuchen, das dort aus Ruinen zu uns drängt. Du bist das leise Rauschen, der Unterton in unserem Gewissen, du bist das Summen, das trotz unserer, den Gehörgang verschließenden Fingerspitzen, immer noch in unserem Verstand geistert. Du bist unser Hörgerät und verstärkst uns die Töne der Welt. Was unsere Ohren nicht filtern können, weil die Umwelt einen zu großen Radius hat, lenkst du mit Bestimmtheit auf leicht zu überhörende Bahnen. Du bist unser Fährtenleser und machst uns aufmerksam auf die unscheinbaren Tonspuren, die sich im Dickicht der Geschehnisse verborgen halten.
Ich befrage meinen Farbkasten, wie deine Wangen zu runden sind. Was verrät das Foto über dich? Waren deine Wangen von Staub und Sand bedeckt? Haben die feinen Körner wie Schmirgelpapier an deiner Haut gerieben? Strahlten deine Wangen weinrot der eisigen Kälte entgegen oder lagen sie ganz ahnungslos, unwissend dem Bevorstehenden, regungslos in deinem Gesicht? Ich bin mir unsicher und lasse meinen Pinsel die Gegebenheiten ergründen. Ich kenne dich. Doch dein Schicksal ist mir fremd. Bist du verschollen im Drohnenregen? Auf deinem Weg in die Redaktion niemals angekommen? Hat dich der Boden nach einem Scheinprozess auf ewig verschluckt, im Wüstensand? Liegst du gebettet im Permafrost, oder zu Asche verbrannt, aus Schornsteinen gestreut? Oder liegst du unsanft auf wurmstichiger Pritsche und blicken deine trocknenden Augen aus dem Zellendunkeln? Ist dein Körper umrahmt von starrer Erde? Oder umschlossen von im Wind vibrierendem Stacheldraht? Sag es mir nicht! Ich darf es nicht wissen! Ich male dich. Nicht dein Schicksal. Mein Pinsel gibt dich wieder, nicht das, was andere mit dir tun. Also hör auf, aus deinem Foto herauszugrinsen, als ob ich es nicht unlängst schon erahnen könnte, welche Umlaufbahn dein Leben genommen hat.
Der Wind heult draußen in der Schwärze, rüttelt prüfend an den Fensterläden, tritt mit schwerem Schuhwerk auf die unschützende Laubentür zu und setzt zum Durchbruch an. Über deinem Bild tanzen Kerzenflammen und ich weiß, dass sie kommen werden, dich zu holen. Sie streifen durch die Nacht und haben die Wörter gehört, die der Wind von deinen schmalen Lippen aus den undichten Fensterschlitzen sog. So hat es kommen müssen, als mein Pinsel unruhig über den Rottönen zu kreisen begann. Ich war unachtsam, von der Farbwahl deines Lippentons abgelenkt, dass ich nicht bemerken konnte, was du tust. Wörter in der Welt verbreiten. Der Wind heult auf und unter den fassadenabtastenden Zweigen des alten Obstbaumes lauern sie auf dich.
In der Welt sind so viele Wahrheiten verbreitet, dass die deine überzählig geworden ist. Leicht ist der Schwung deiner Lippen, ist die Gegenwehr der Tür. Du bist ihnen zuwider. Deine Lippen kneten Wörter zu Gebilden, formen Sätze zu langen Textschläuchen. Sie sprechen aus und entgegen, kamen sie am Abend oder in der Früh? Welche Wörter haben deine verschlafenen Lippen geformt, als dich der Aufschrei der niedergetretenen Tür aus dem Schlaf riss?
Ich blicke zur Tür und der Wind rüttelt noch. Zu kräftig ist mir in der Aufregung, das Rot deiner Lippen geraten und im dicken Auftrag zieht die Schwerkraft lange Tropfen über die kohlenstoffschwarzen Striche deines Kinns. Sind dir schon einmal deine Lippen rot zerflossen? Gingen Drohungen bei dir ein? Lag das Schreiben in der Hauspost der Redaktion oder unschuldig in deinem Wohnungsflur, gebettet auf und zugedeckt von Stromrechnungen und Beitragsschreiben? Sind deine Lippen zuvor bereits aufgeplatzt, unter dem nervösen Schaben deiner Vorderzähne, als du überlegtest, den Artikel zu veröffentlichen, die Reportage ins Internet zu stellen, das Bild zu posten?
Doch noch will mein Pinsel deine Stirnfalten nicht befragen. Noch spart er sich die existenzielle Frage auf. Denn wie schön leuchtet das rötliche Pigment im unruhigen Schaukeln der niederbrennenden Flamme. War es die Faust, die dich traf, oder die weggeschlagene Kamera, dessen großes Objektiv sich in deine Lippenschichten bohrte? War es der Demonstrant, der Lügenpresse in deine Wange stanzte, der dich mit seinem schweren Körper aus dem Demonstrationszug stieß? Waren es die urteilsbeladenen Blicke, die mit deinen Lippen kollidierten? Nur mit größerer Verdünnung kann ich nachfühlen, ob du deine schmalen Lippen, manchmal ganz dick aufgeblasen hast. Die Borsten meines Pinsels schwingen deinen Schritten hinterher, die dich in die aufgebrachte Menge bringen.
Du hast tiefe Augenringe ausgehoben mit Artikeln, Bildern und Reportagen. Sie griffen nach Spitzhacke und Spaten und trieben Mäuseschluchten durch den Ackergrund. Du nahmst deine Kamera und dein Blitzlicht baute schrabnellgeschützte Falten unter deine Augenlider. Wer weiß schon, was im Niemandsland deiner Augen für Geschehnisse auf deine Blicke lauern. Mit jedem Foto treibst du weiter, deine Augenringbastion. Du knipst Gänge durch deine weiche Haut, mit der scharfen Kante von Konflikten. Du schießt Bilder humanitärer Krisen und neben dir feuern Automatikwaffen. Deine Augenringe gräbst du, fest angestellt oder als Freelancer, du gräbst und gräbst. Und wie ich dich so anblicke, dann möchte ich glauben, dass deine Augenfalten Überlaufbecken sind. Denn wie viele Bilder kann ein Mensch ertragen, ehe das Auge randvoll wie die Regentonne der kleinen Gartenlaube, überzulaufen beginnt. Am Grund deiner Augenringe liegen die in Tränenflüssigkeit gelösten Bilder, die das Cover renommierter Magazine zieren. Dort unten schwimmen die Bilder, die aus dem Fernseher an meiner Netzhaut haften.
Ich ziehe meinen Pinsel über deine Wangen und muss nachsuhlen, um deine Tränensäcke auszufüllen. Deine Neugier und dein Interesse bauen deine Tränensäcke aus. Sie drücken und verstauen, dehnen mit Begegnungen diesen Innenraum aus. Du und ich sind nicht verschieden, wie wir danach streben, die Wirklichkeit zu porträtieren. Mich zieht es abgeschieden, in die nachtverwaiste Gartenlaube, dich in die gefährlichsten Regionen der Welt. Du hast Augenringe und die treibt die feine Nadel der Nähmaschine des kleinen Mädchens, wie eine Tunnelbohrmaschine direkt durch deine Haut. Du hast Augenringe und die treibt Sklavenarbeit, wie gefällte Wolkenkratzer, längsseits durch dein Gesicht. Ich lasse meinen Pinsel nachfühlen und du den Sucher und dein Objektiv. Du siehst im Fokus deiner Linse, so dicht ans Kameraglas gepresst, dass deine Wimpern am Gehäuse abknicken, die eingefallenen Wangen unlängst abgebauter Hoffnung. Du hältst fest, was abgedruckt, die versickerten Augen ausgetrockneter Brunnen zeigt. Du gibst der Rohstoffgier, ein vom Minenschlamm geschminktes Gesicht. Im Brennpunkt zeigst du das Leben in der sozialverarmten Glut, den Fußballtritt von Kindern umringt von den Stehplätzen brennender Mülltonnen.
Was deinen Bildern an Schönheit fehlt, gleicht ihre Schwere wieder aus. Gewichtig liegen sie in deinen Tränensäcken, ziehen von der Schwerkraft ergriffen, deine Wangen hinab. Und was unhaltbar, für deine Tränensäcke, an Geschichten aus deinen Augen fließt, in das tauchst du die Füllerspitze und schreibst Bilder in Wörter für Lesende, die am Frühstückstisch mit aufgeschlagener Zeitung, atemlos am Handy in der eben noch erreichten Bahn, am Tablett auf dem Sofa sitzend, deiner Worte Unabhängigkeit vernehmen.
Du nimmst den Druck von meinem Auge, wenn die Bilderflut mich erblinden lässt. Wenn das Gewicht so vieler Gleichzeitigkeiten auf meinen Sehnerv drückt, dass ich nur verschwommen, mit Geschehen, die in Geschehnisse verfließen, keine Klarheit mehr gewinnen kann. Mein Pinsel erforscht deine Augenpartie und setzt zu zarten Schwüngen an. Du bist die lange Wimper, die mein Pinsel zieht, die mein Auge vor Fremdkörpern und Partikeln schützt, wenn ich in die Welt zu blicken versuche.
Heute brauche ich dich mehr denn je, denn wenn ich meine Augen öffne, das Smartphone-Display ungefiltert, der Newsfeed neugeladen ist, dann stehen zu allen Seiten Akteure mit ihrem vielen Staub, und das stäuben sie auf, dass sich mir mit zugekniffenen Augen, Welt und Wahrheit zu verschließen drohen. Du bist meine Wimper, du schlägst beiseite den Ascheregen, der von ausgebrannten Hochhausleichen stäubt. Du blinzelst und fechtest mit den scharfkantigen Bögen der Wahlpapiere, hinter denen sich der Wahlbetrug zu verstecken sucht. An deinen Wimpernspitzen klebt die Kugelschreiberfarbe gekaufter Stimmen, das widerwillige Blau unfreiwillig gesetzter Kreuze. Wahlplakate und -Kampagnen schleudern sie dir entgegen und ihr mediales Gewicht biegt dich durch, doch du blinzelst hinweg die türmenden Wahlversprechen, dass ich hinter weißem Zähnestrahlen das verborgen austretende Öl in Meeren und Naturschutzreservaten erkenne. Deine Wimpern sind noch ölbehangen, da schützt du meine Augen vor der beißenden Spur des Panzerfaustrauchs, der aus qualmenden Rohren, dir nicht unweit stehender Rebellen dringt und deren sprengstoffgefüllten Köpfen nach Frachtschiffen in Meerengen schnellen.
Ich bin ein Hilfsbedürftiger in dieser Welt geworden und du bist mein Hörgerät, das mir die Stimmen der Welt verständlich macht. Du bist meine Brille, wenn sich meine Sehschärfe bereits vor meinen Wohnungsfenstern verläuft. Ich male deine Augenhöhlen zu dem Brillengestell, das es für mich ist. Und dazwischen bestreicht mein nassgesuhlter Pinsel deine Augen, meine neujustierten Dioptrien.
Die Nacht steht in meinem Garten und meine Augen werden mir schwer. Und doch brauche ich die räumliche Tiefe der Nacht, das endlose Schwarz vor dem einfachverglasten Fenster. Ich brauche die Nacht, um dir genügend Raum zu geben, wenn ich dich im weißen Büttenpapier gefunden habe. Dass, wenn ich meinen Arm mit dem Pinselstiel verlängere und ihn dir in das widerstrebende Weiß hineinhalte, du dich an meine Pinselborsten klammern und ich dich hinaus in den weiten Raum der freien Welt ziehen kann.
Mein Pinsel wandert deine breitbeporte Nase hinauf. Ich muss Maler und Kosmetiker sein, denn welche Geschichten haben sich zu Mitessern in deinen Hautporen verklumpt. Mit dem Pinsel muss ich zärtlich drücken, um das Eingekapselte an deine Hautoberfläche zu befördern. Mein Pinsel quetscht und aus deiner Haut hebt sich der weiße Schriftzug Press deiner Schutzweste empor. Wenn mein Pinsel nachzieht, wie deine Nasenflügel sich in der nachtgekühlten Luft bewegen, gibt der Kerzenschein den schwarzköpfig in deine Haut gegrabenen ersten Artikel frei, den du in einer Zeitschrift veröffentlichtest. Wie Sternenbilder lassen deine Mitesser eine Karte in deiner Nasenhaut wachsen. Da hat sich das Schwarzpulver der Silvesternacht erhalten, als Du mit Einsatzkräften im Krankenwagen fuhrst und sich der Schmauch in deinen Poren einmietete, als Raketen gegen den Rettungswagen fuhren. Mehrere Mitesser zeugen vom Schlammpumpen der Jahrhundertflut. Von den knatternden Dieselgeräten die mit ihren gierigen Rüsseln die Kellerräume leer saugten. Sie zeugen von deiner schlammverschmierten Hand, die du an deiner Nase abwischtest, als man dir die unrettbar durchweichten Fotoalben zeigte, die in Wohnzimmern ertrunken waren. In Mitessern hat dein Körper konserviert, den ersten Toten, den du sahst, unter Tonnen von Geröll erdbebenzerdrückter illegaler Bausubstanz. Die aufsetzende Pinselspitze führt die Mitesser deiner Nase weiter hinauf. Der erste Bericht als Kriegsreporter, der Schweiß der unter deinem Stahlhelm hervortropft. Dein, seit Tagen ungewaschenes, Gesicht wie es die alte Frau am Esstisch rahmt, deren Wände von Bombensplittern durchstoßen sind und die mit mürrischen Gesten ihre Vertreibung aus der Heimat zu verhindern versucht.
Schon jetzt fragt niemand mehr, wessen Lippen die Fragen stellten, wessen Ohren die Töne fingen und wessen Augen die Bilder schossen. Heute wirst du vergessen, weil jede Krise größer wiegt. Weil alles auf der Welt, lauter als dein Schicksal schreit.
Und bist du von aller Welt vergessen, ist jeder deiner Zeitungsartikel zu Recyclingpapier gepresst, ist jedes deiner Bilder, in den Untiefen des Internets versunken und jede Tonspur in der Weite verhallt, ist dein Beitrag längst nicht mehr gesehen, will ich dich in meiner Gartenlaube wohnen lassen, eingereiht mit all den anderen, Verschollenen, Geraubten, zu Unrecht im Kerkerdunkel Vergessenen, den in den Unrechtmühlen von Willkürstaaten Zermahlenen, den von Tyrannen, Diktatoren und Regimen Hingerichteten, deren Körper unlängst mumifizieren im Wüstensand. Den sterblichen Resten, der ihren Familien Vorenthaltenen, der in dunklen Waldsenken Liegenden, beschwert auf den Moorgrund Gesunkenen. Es sind all die namenlosen Seelen, deren vergessene Geschichten, geraubten und hingegebenen Leben, in der Pressefreiheit fortexistieren.
Ich sagte, ich darf dein Schicksal nicht kennen, solange ich dich porträtier, denn würde ich dich allen anderen Porträtierten vorziehen, wäre dein Schicksal mir bekannt? Würde meine Achtung für dich sinken, wenn dein Schicksal weniger schlimm auf mich wirkt? Ich kann nicht sagen, wie verändert dich mein Pinsel malen würde, doch darum lasse ich dein Schicksal vage, lasse meinen Pinsel kreisen. Er wird zwischen Farbkasten und Wasserbecher allen Antworten habhaft werden. Mit der Farbe steige ich hinab und suche in deinen Stirnfalten die Antwort meiner Fragen. Grundlos liegst du nicht vor mir und einen Grund finde ich auf deiner Stirn. Du bist mir nicht umsonst gegeben, denn ein Artikel wird die Zeitung zieren und ich male dein Bild, dass du dem Leser greifbar wirst. Mein Pinsel befragt deine Stirn, würdest du heute anders Schreiben? Würdest du andere Fotos schießen? Würdest du Neugier und Wissensdrang beschneiden, damit keiner sich an deinen Themen stört? Würdest du die Krisen meiden? Die Schutzweste in deinem Hinterhof verbrennen? Würdest du die unterdrückten Stimmen überhören, das Elend übersehen, wenn dir die Nacht verraten würde, wer dich tags drauf ergreift? Ließest du deinen geraden Rücken, zum Buckel verkrümmen, wenn sie dir Feuerzeug und Benzin, neben deine Werke stellen? Würdest du abschwören und deine Wahrheit mit Benzin ertränken? Texte, Fotos, Reportagen, für die Machthaber verbrennen? Keine Wahrheit mehr verbreiten?
Mein Pinsel erfährt die Antwort auf deiner nassen Stirn. Nein. Und würdest du, jetzt wo mein Pinsel und ich dich lieb gewonnen haben für uns deine Stimme dämmen? Deine Wahrheit unverbreitet, hinter deinen Augen, von deinen Lippen eingeschlossen, versenkt in deinen Gehörgängen ruhen lassen, dass du niemandem unliebsam wirst? Deine Stirn spricht mir entgegen, unter knackenden Ofenklängen: Nein.
Es sind all die namenlosen Seelen, deren vergessene Geschichten, geraubten und hingegebenen Leben, in der Pressefreiheit fortexistieren. Und solange Menschen wie du für die Pressefreiheit leben, lebt die Pressefreiheit für uns.
dass das nicht geht
dass das nicht wieder anfängt
dass das nicht so weitergeht
Wort- und Fassadenstreichen
Abhängen von Gemälden
Löschen der Inhalte
Veto
damit es nicht passiert
nicht wieder beginnt
nicht weiterläuft
Einspruch und Einwand
gegen Fake News und Greenwashing
gegen die subtile Einflussnahme
durch Meinungsmacher
Veto
dass sich das nicht wiederholt
sich nicht fortsetzt
Widerspruch
zu Mittelkürzungen im Bereich
der kulturellen Verständigung
zur gesellschaftlichen Disziplinierung
zum Erlass von Auflagen
zur Schließung der Redaktion
dass sich das niemals wiederholt
dass sie uns das Maul nach rechts verdrehen
uns zum Propaganda Sprachrohr machen
um ihre Parolen zu brüllen
darum werden wir wieder und wider
Veto einlegen
mit Recht und Freiheit Gegendruck erzeugen und rebellieren
dass sich das niemals wiederholt
sondern weitermachen
rechtlich und öffentlich
uns an alle wenden
mit der Musik
dem Tanz
der schönen Künste
dem freien Schreiben
und Theater machen!
Über Freiheit lässt sich
schlecht schreiben – Freiheit
ist nicht in Worten
zu fassen nicht mit Erklärungen
zu verwirklichen
Wenn wir den Traum den wir haben
nicht teilen mit anderen
Leben nicht verwirklichen
bergan tragen
bleibt er ein Wort
ein fleischloser Wunsch
ein Stammtischgespräch
eine Floskel auf einem Wahlplakat
Freiheit muss all das
überwinden muss
Fleisch und Blut werden und ein Ort
wo Menschen ihre Unterschiede lieben
eine Zeit in der Gerechtigkeit allem
Unrecht den Garaus macht
eine Geschichte die Wolf und
Lamm schreiben – die wohnen
dann beieinander und
mit den Menschen die
alles lieben was lebt die
alles schützen was ist: das ist
dann Freiheit um die wir uns versammeln
Sehr geehrte Empfängerin,
Sie gaben mir Ihre Karte beim Festakt letzte Woche. Das letzte Zeitungshaus des Landes schloß die Pforten. „Einem volldigitalen Neuen Zeitalter steht nun nichts mehr im Wege“, hieß es in allen Kanälen. Eine Zeitung, die man kauft, für die man sich hinsetzen muss, sie umständlich aufschlagen und umblättern, passt nicht mehr in diese Welt. Und genauso wenig ich: Der, der für sie schrieb.
„Schreiben Sie Ihre Gedanken nieder, die sind von großem Wert“, sagten Sie und baten mich, frei zu berichten, in einem Fluss, nicht zu viel darüber nachzudenken. “ Sie sind schließlich der letzte Zeitungsreporter des letzten Zeitungshauses. Wählen Sie die Methode, mit der Sie sich am wohlsten fühlen. Wenn Sie möchten, könnten wir auch ein Interview daraus machen“, Sie lächelten und neigten Sie den Oberkörper vor, unsere Köpfe unerhört nahe beieinander, „an einem vertraulichen Ort, versteht sich.“
Am wohlsten fühlte ich mich immer mit Schrift und Papier. Am Anfang meiner Karriere war es für mich üblich, ganze Reportagen von Hand zu schreiben, und erst danach an der Schreibmaschine abzutippen. Das Schreiben von Hand ist eine ganzkörperliche Aufgabe, sie zwingt mich, komplett präsent zu sein. Ich bin gleichzeitig in mir und bin doch draußen in der Welt. Als Sie sagten, ich solle meine Methode wählen, wusste ich, ich werde hier an meinem Schreibtisch sitzen und Ihnen schreiben.
Warum wusste ich sogleich, dass ich einwilligen würde? Sie gaben mir Ihre Karte. Eine echte Visitenkarte. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt eine Visitenkarte in den Händen hielt. Sie waren mir, verzeihen Sie, auf der Veranstaltung nicht aufgefallen. Doch als Sie Ihre Karte hervorholten, hatten Sie meine volle Aufmerksamkeit. Wir unterhielten uns zuerst in einer Gruppe, so viel weiß ich noch; mehrere Hemden, verschiedene Aftershaves und Wildlederschuhe im Kreis. Dann waren nur noch Sie und ich übrig.
“Das alles ist ein herber Verlust. Jetzt haben wir gar keine Kontrolle mehr, was berichtet wird.“ Sie hauchten die Worte und lächelten dabei. Gefährliche Worte, das müssen Sie gewusst haben. Mir schlug das Herz bis zum Hals. Kurz fragte ich mich, ob ich mich in Sie verliebe. Aber das war nur die chemische Reaktion meines Körpers auf Ihre heftigen Worte. Ich bin glücklich verheiratet, wissen Sie. Seit über 30 Jahren. Wir unterhielten uns weiter, bis Sie zu Ihrem eigentlichen Punkt kamen und mich baten, Ihnen zu helfen.
Wussten Sie, dass wir darum gebeten wurden, unsere Kündigungen eigenhändig zu schreiben? Ich, als Dienstältester, sollte meine Kündigung zuletzt einreichen. Das machte mich offiziell zum letzten Zeitungsreporter der Welt. Sollte nicht irgendwo auf der Welt jemand getarnt für eine heimliche Zeitung schreiben. Der Begriff „Zeitungsreporter“ ist ja nicht geschützt. Jedenfalls taten wir alle wie gebeten; die Zeitung würde es sowieso nicht mehr geben und so würde alles ein geordnetes Ende nehmen. Und wozu nach all den Jahren kämpfen? Und gegen was hatte ich überhaupt gekämpft? Auf der Feier musste ich dann Fragen beantworten, warum ich mich freiwillig dazu entschlossen hatte, den Beruf an den Nagel zu hängen. Mein Kündigungsschreiben hing eingerahmt an der Wand, haben Sie es gesehen? Ich weiß nicht, für wen oder für was es aufgehoben wird. Als großer Erfolg wurde die Veranstaltung bezeichnet. Schwermut war an dem Abend nicht dabei, stattdessen war die flache Landschaft unserer neuen seelischen Topographie klar zu sehen, der gleichtönige Klang unserer gedämpften Gedanken klar zu hören.
Sie sagten, Sie seien so etwas wie eine Historikerin. „Ich möchte Geschichten sammeln.“ Aber Ihr Verhalten ließ mich daran zweifeln, dass Sie das sind, was Sie vorgeben zu sein, dass das alles ist. „Rufen Sie mich an, falls es ein Brief werden sollte und Sie einen Kurier von mir bevorzugen“, bei dem Satz schoben Sie Ihre Brille zurecht, trugen Sie diese nur zur Tarnung? – „Die physische Post ist ja heutzutage schwer erreichbar.“
Was nicht ganz stimmt. Die Post ist erreichbar, aber die Menschen verschicken keine Briefe mehr. Es würde Aufmerksamkeit erregen. Sie wissen, wie Sie die Dinge in der Öffentlichkeit zu formulieren haben, und das machte mir Angst.
Ich hatte schon lange keine richtige Angst mehr gespürt, stattdessen fühle ich mich wie in Watte verpackt. Schauen Sie sich an, was aus dem Journalismus geworden ist, und was es in der Zukunft sein wird. Wenn etwas – irgendetwas – passiert, wird zentral eine Nachricht an alle gemeldeten, sogenannten Reporter übermittelt. Diese finden sich dann schnellstmöglich am Schauplatz – der Unfallstelle, vor dem Parlament, wo auch immer – ein und konkurrieren dort mit den Schaulustigen um Social-Media Aufnahmen und Interviews. Ich habe seit Jahren niemanden mehr schreiben sehen – mit Stift und Block, meine ich. Berichtet wird mit Kamera, in 10 Sekunden Clips, maximal, und mündlich, unsere Journalisten sind nun ausschließlich gutaussehend, und sie wissen es. Die Videos werden, mit Hilfe der künstlichen Intelligenz, individuell angepasst, die Inhalte zugeschnitten auf jeden einzelnen Zuschauer, mit zum Endverbraucher passenden Beschreibungen versehen. Der Inhalt der Videos ist eine Beschreibung von Tatsachen, ohne Kontext, das würde die Unparteilichkeit und Wahrheit gefährden, heißt es. Doch jede Nachricht passt nun in jeden erdenklich möglichen Kontext. Der inhärente Informationswert einer Reportage ist binär, man hat eine Information gesehen oder nicht. Denn alles ist relativ, so das neue Mantra. Ist das nicht ironisch? Dass in einer Welt, die aus hartem Code, aus Nullen und Einsen besteht, alles relativ sein soll?
Sie wissen, ich schreibe Ihnen diese Worte als handschriftlichen Brief, um der digitalen Kontrolle zu entgehen. Wer sind Sie? Sie bewegten sich wie selbstverständlich auf der Veranstaltung. Ihren Namen habe ich natürlich in allen Suchmaschinen gesucht, aber entweder besitzen Sie einen sehr gewöhnlichen und häufigen Namen, oder er ist nicht echt. Ist das ein Test? Stehe ich vielleicht unter Beobachtung? Ich versuche mir einzureden, dass ich diesen Brief ja nicht abschicken muss. Vielleicht ist es ja gut, einfach mal drauflos zu schreiben. Danach kann ich den Brief auch in die Schublade legen. Oder verbrennen. Es gibt doch keinen Grund, alles zu riskieren, jetzt, da alles ein geordnetes Ende nahm. Ich bin in Rente, ich bin sogar so etwas wie eine Bekanntheit. Ich war nie in Schwierigkeiten, obwohl ich so lange noch Zeitungsreporter blieb, und ich habe Zeit und ja, auch einen gewissen finanziellen Komfort, um meine letzten Jahre zu genießen. Vor allem bin ich müde. Und doch will ich Ihnen schreiben, ein Teil von mir will dieses Ungewisse, das Abenteuer. „Es würde mich so interessieren, warum Sie Zeitungsreporter geworden sind“, hatten Sie gesagt, es war eine Frage. Es ist der Teil von mir, welcher als junger Mensch diesen Beruf auswählte. Um der Wahrheit zu dienen. Auch wenn ich nicht weiß, was die Wahrheit ist. Nicht mehr. Warum denke ich, dass ich es mal wusste?
Ja, die Maschinen haben übernommen, aber wer hat die Maschinen geschaffen? Am Anfang meiner Karriere waren die Fronten geklärt, jeder wusste, welche Zeitung im Grunde welchem politischen Lager zugehörig war. Als Zeitungsreporter waren wir natürlich der Wahrheit verpflichtet, aber nicht nur. Wir waren auch der Demokratie verpflichtet. Dann, im digitalen Journalismus, schrieben wir nicht mehr für den Leser, sondern für die Suchmaschine. Hier und dort ein paar Wörter verändert, hinzugefügt zur besseren Auffindbarkeit im Netz oder gelöscht, um den allmächtigen Algorithmus nicht zu verärgern. Ich fand manchmal, dass die Artikel nicht mehr nach mir klangen. Einmal bat ich sogar drum, meinen Namen von einem Artikel zu entfernen. Der Artikel wurde dann namenlos veröffentlicht. Geschrieben hatte ihn trotzdem ich, das war aber ein Versuch, Distanz zwischen mir und meinen neuen digitalen Reportagen zu schaffen. Die Wahrheit ist aber: Alles, was wir schreiben, was wir erschaffen, verändert auch uns.
Was danach geschah, ist für mich unerklärbar und dennoch alles ausfüllend. Die künstliche Intelligenz. Das allumfassende dumpfe Desinteresse. Die Zeitungsartikel, die nichtssagend und leer waren. Die Bedeutungslosigkeit meiner Arbeit, meiner Tage und Wochen, meiner Jahre. Wenn ich zurückblicke, sehe ich einen klaren Weg, klare Ziele, und dann, nicht plötzlich, gar nicht plötzlich, werden Dinge langsam unscharf, zunächst nur in der Peripherie, doch über die Jahre, sich vorarbeitend wie ein schwerer Nebel, ist mein ganzes Sichtfeld getrübt. Ja, wir schrieben auch weiter für etwas, was sich noch Zeitung nannte, aber die Qualität sank, und in den letzten Monaten vor der Einstellung schrieben wir ausschließlich Belangloses. Denn wir hatten unsere Relevanz in der neuen Welt schon verloren.
Allerdings gibt es in dieser neuen volldigitalen Welt, die ständig scannt, piept, aufleuchtet und aus der Ferne analysiert, immer weniger zu erfahren und zu greifen. Die perfekt zugeschnittenen Videos bestehend aus liebenswürdiger, gefälliger, aber im Grunde gefühlloser Stimme beschriebenen Tatsachen. Alle Erfahrungen sind auf meine Körperform, meinen Dopaminspiegel, meine Persönlichkeitswerte zugeschnitten. Alles fühlt sich so ergonomisch an, dass ich manchmal nicht mehr weiß, wo mein Körper aufhört, und meine Umwelt anfängt. Uns wurden die Argumente genommen, um uns zu artikulieren und der Kontext, um Dinge zu verstehen. Und Sie und ich, die eine andere Welt kannten, haben es zugelassen.
Das alles geschah über zwei Jahrzehnte. Die ganze Zeit, bis ich Sie traf, redete ich mir ein, die Veranstaltung werde von der letzten Zeitung und dem letzten Zeitungsreporter der Welt handeln, wieder ein Versuch der Distanzierung. Doch mein eigenes, persönliches Verschwinden ist untrennbar damit verbunden. Das letzte Zeitungshaus schloss nicht, sondern es wurde geschlossen, und ich hielt jahrelang den Schlüssel in der Hand und habe es nicht mal geahnt. Und das ist nicht nur wahr für den Journalismus. Sie wissen das. Wir alle ließen uns über die Jahre immer und immer wieder ein paar Grad vom Kurs abbringen, und nun fehlt uns der Kompass. Denn früher alles war selbstverständlich, dann war alles verworren, und jetzt ist alles anders. Was bleibt, ist ein diffuses Gefühl der Schuld, unscharf und ungreifbar wie alles andere.
Ich bin froh, Sie getroffen zu haben. Denn ich wurde Zeitungsreporter, um zu schreiben. Als Journalist muss ich Tatsachen ans Licht bringen, die manche nicht wahrhaben wollen. Das ist nun mein Versuch, die Dinge offenzulegen die ich nicht wahrhaben will und für den öffentlichen Diskurs verfügbar zu machen. Damit wir gemeinsam die Wahrheit finden können. Das ist Journalismus. Ja, es gibt keine Zeitung mehr, aber es gibt Sie, hochgeschätzte Empfängerin. Sie, die sich die Zeit nimmt sich hinzusetzen, umständlich den Umschlag zu öffnen, die Papiere umzublättern und meine Gedanken zu lesen. Sie und Ihre Zeit, mein Brief in Ihren Händen, das macht aus meinen Gedanken und meinem Schreiben wieder eine Zeitung. Sie geben meinem Denken einen Sinn. Denken Sie mit und antworten Sie mir, wenn sie wollen und können. Was auch immer jetzt passieren wird, ich bin dankbar.
In geschätzter Hochachtung,
Ihr letzter Zeitungsreporter
Aus den Medien erfahren
wir die aktuellen Themen,
aber mit Zensur-Gebaren
will man diese Wirkung nehmen.
Ist Berichterstattung kritisch,
wird man überhäuft mit Klagen.
Geht man nicht konform, politisch,
stellt man künftig keine Fragen.
Welche Themen man bespricht,
ist ja schließlich Chef-Ermessen.
„Freie Presse“ stimmt da nicht,
hier kommt Presse von Er-Presse-n.
Setzt sie nicht gleich an zum Kniefall,
steht die Presse unter Druck,
wird zum Pressesprecher-Spielball,
oder, plattgepresst, zum Puck.
Nimmt die Pressefreiheit Schaden,
gehen bald auch mehr Aspekte
freiheitlichen Denkens baden,
drohen Dominoeffekte.
Schon bei Hintergrund-Recherchen
wird versucht, das Fundergebnis
vorzufiltern, einzupferchen.
Lohn dafür: Zensur-Erlebnis.
Kommentarruf bei Kritik?
„Journalismus? Lügenpresse!“
Welch ein eloquenter Trick,
voller Inhalt und Finesse.
Nein, ich bin auch nicht naiv,
keine Meldung ist total
ungefiltert objektiv,
niemand ist komplett neutral.
Nur: die Dosis macht das Gift,
meistens stimmt der Kern thematisch.
Noch, wenn auch mit rechtem Drift,
ist das Land hier demokratisch.
Damit Selbiges so bleibt,
ist dies Grundrecht unersetzlich.
Wenn man vorschreibt, was man schreibt,
wird das Freiheitsrecht verletzlich.
Mainz, im Jahr des Herrn 1527
Über dem Rhein liegt im Morgengrauen flacher Dunst. Zwischen den Fachwerkhäusern hängt der Duft von feuchtem Holz, Tinte und Blei. Hinter einer niedrigen Tür in der Grebenstraße pocht die Handpresse, langsam und schwer, wie ein zweites Herz der Stadt.
Dort arbeitet Johann Keller, Buchdrucker in zweiter Generation. Sein Vater, Meister Andreas, sitzt am Setzkasten, die Brille tief auf der Nase, und prüft jeden Buchstaben. Seit Wochen ist er schweigsamer als sonst. Die Obrigkeit hat neue Kontrollen angeordnet – ein kaiserlicher Bote soll „verbotene Drucke“ aufspüren.
„Die Zeit ist unruhig geworden“, murmelt Andreas.
„Die Zeit war immer unruhig, Vater“, erwidert Johann. „Nur die Menschen beginnen endlich, es zu bemerken.“
„Du sprichst, als könne das Wort die Welt retten. Aber das Wort ist gefährlich. Kein Druck ohne Genehmigung. Und keine Schriften wider die Kirche.“
Johann nickt. In der Werkstatt liegen zwischen Gebetbüchern heimlich gedruckte Flugblätter – Texte über Gewissen, Freiheit, Verantwortung. Kein offener Verrat, aber gefährlich genug, um Vater und Sohn ins Gefängnis zu bringen. Johann denkt: Wenn ich schweige, bewahre ich uns – aber verrate ich das Gewissen? Wenn ich drucke, riskieren wir alles. Gott, was willst du, dass ich tue?
Am Abend sitzen sie bei Kerzenschein in der Werkstatt. Die Presse schweigt; ein schwerer Geruch aus Öl und Blei liegt über dem Raum wie ein nicht ausgesprochenes Urteil.
Der Alte schließt das Fenster. „Du hast Papier bestellt, Johann. Zwei Ballen mehr, als wir für den Psalter brauchen.“
„Die Preise steigen. Vorrat.“
„Vorrat? Oder Verschleierung?“ In seinen Augen liegt nicht nur Zorn, sondern Furcht.
Johann legt den Setzstab zur Seite. „Ich verschweige nichts, was du nicht ahntest. Du weißt, was ich drucke. Nur willst du es nicht wissen.“
Andreas hebt die Hand, als wolle er den Satz zerschneiden. „Was du tust, bringt uns ins Verderben. In Frankfurt hat man einem die Werkstatt niedergebrannt. Und seine Frau…“ – er bricht ab.
„Ich weiß. Aber sag es mir, Vater: Seit wann gilt Wahrheit als Vergehen?“
„Wenn die Wahrheit Unruhe bringt – ja.“
„Dann ist auch Christus ein Unruhestifter gewesen“, entgegnet Johann leise.
Andreas senkt den Blick. Schließlich sagt er: „Ich habe Gutenberg noch als Kind gesehen. Wir glaubten, es sei ein Geschenk des Himmels. Und jetzt? Jetzt ist es ein Fluch. Jeder meint, schreiben zu dürfen, was ihm gefällt. Das Volk wird verwirrt. Gott will keine Verwirrung.“
Johann antwortet ruhig: „Vielleicht verlangt Gott nicht Gehorsam, sondern das Ringen um Wahrheit – auch wenn sie unbequem ist. Er braucht keine Zensur, um sich durchzusetzen. Wer das Wort fürchtet, fürchtet die Wahrheit selbst.“ Er öffnet das Fenster. „Vater, wir sollten uns nicht zerstreiten. Und ich will ja auch ein gehorsamer Sohn sein.“
In den folgenden Tagen herrscht angespannte Stille. Sie drucken den Psalter für St. Stephan: sichere Arbeit, bezahlt und abgesegnet. Doch in den Nächten, wenn die Stadt schläft, entzündet Johann die Öllampe und setzt neue Lettern:
„Der Mensch hat nicht zwei Herren zu dienen – Gott und der Furcht.“
Kein Name, kein Verfasser. Worte, die still in Köpfe fahren sollen wie kalte Luft durch eine offene Tür.
Die Presse knarrt, als atme sie Wahrheit aus. Ab und zu wacht der Vater auf, hört das Klacken – und schweigt. Am Morgen liegt das Papier ordentlich gestapelt unter einem Tuch. Auf dem Schreibtisch: eine neue Kostenaufstellung. „Papierverbrauch höher wegen Fehldrucke.“
Eines Nachmittags betritt Domvikar Johann Dietenberger die Werkstatt. Ein Mann, dessen Lächeln kaum die Schärfe seiner Augen mildert. „Man sagt, Ihr druckt schnell, Meister Keller“, beginnt er, während seine Finger über Bleilettern streichen, als prüfe er nicht Metall, sondern Gewissen.
Andreas wischt sich die Hände an der Schürze ab. „Wir arbeiten nach den Regeln des Mandats, Hochwürden. Nur genehmigte Texte.“
„Das ist gut“, sagt Dietenberger, und das Lob klingt wie ein Haken. Er schaut auf Papierkante, Tintenreste, Fugen. „Dann wird es Euch leichtfallen, mir Auskunft zu geben.“
Er zieht ein Notizbuch hervor. „Wer sind Eure Auftraggeber in dieser Woche? Nennung der Namen. Ich brauche keine Geschichten, ich brauche Namen.“
Andreas blinzelt. „Wir drucken für St. Stephan. Und für einige Bürger—“
„Namen“, wiederholt Dietenberger, sachlich. „Welche Bürger? Wer hat bezahlt? Wer hat unterschrieben?“
Johanns Blick bleibt ruhig, aber seine Finger verharren am Setzstab.
Dietenberger tritt an die Papierballen, drückt leicht auf das Leinenband. „Und dieses Papier – gewöhnlicher Handel? Oder über Umwege? Wer liefert? Wer holt fertige Bögen ab?“
Andreas richtet sich auf. „Wir sind Handwerker. Wir drucken, was genehmigt ist.“
„Genehmigt“, sagt Dietenberger. „Dann nennt mir den, der genehmigt hat. Wer hat gesiegelt?“
Johann spricht, ohne die Stimme zu heben: „Gerüchte sind wie Druckerschwärze – sie kleben überall, auch an den Händen der Frommen.“
Dietenberger hält einen Herzschlag inne. Dann lässt er das Notizbuch offen, als sei es bereits Akte. „Gerüchte interessieren mich nicht. Nur Wege und Verantwortlichkeiten. Wenn verbotene Schriften im Umlauf sind, wird jemand die Verantwortung tragen. In dieser Stadt. In dieser Werkstatt.“
Er schaut Johann direkt an. „Ich frage ein letztes Mal: Namen.“
Es ist kein Schrei. Es ist eine Verwaltungsstimme – und gerade deshalb gefährlich.
In Mainz hängt ein Schreiber ein Mandat am Rathaus aus. Passanten bleiben stehen, lesen und tuscheln.
In einer warmen Sommernacht gehen Vater und Sohn am Rheinufer entlang. Der Mond zieht ein silbriges Band über den Fluss.
„Weißt du“, sagt Andreas, „als ich jung war, habe ich geglaubt, dass jedes gedruckte Wort heilig sei. Aber jetzt…“
Johann sieht ihn an. „Jetzt fürchtest du, dass das Wort Menschen von Gott entfernt?“
„Ja. Dass sie glauben, sie bräuchten keine Kirche mehr, keine Ordnung. Nur sich selbst und ihre Meinung.“
Johann lächelt traurig. „Vielleicht vertraut Gott uns mehr, als wir uns selbst. Wenn die Wahrheit wirklich göttlich ist, wird sie nicht durch Schriften entweiht. Sie wird wachsen, auch im Widerspruch.“
Mainz, 2026
Der Ton des Abspanns verstummt, als Herr Weber das Video anhält. Das Standbild – Druckerpresse, tintige Hände, Setzkasten – bleibt wie festgenagelt auf dem Smartboard stehen.
Weber bleibt einen Moment sitzen, als müsste er erst aus dem 16. Jahrhundert zurückfinden. Dann geht er zum Fenster, zieht es auf. Kalte Luft rollt herein.
„So“, sagt er, mehr zu sich als zur Klasse. „Wir haben gesehen, wie Kontrolle über Druck funktioniert hat.“ Er lehnt sich an die Fensterbank. „Warum schweigen wir heute so oft? Und wie wird Pressefreiheit heute wahrgenommen – nicht im Lehrbuch, sondern in eurem Alltag?“
Lisa hebt die Hand nur halb. „Manchmal tippe ich was“, sagt sie leise, „und dann lösche ich es wieder. Nicht, weil ich nichts zu sagen hätte. Sondern weil ich weiß, was dann passiert.“
David schiebt den Stuhl nach vorn. „Es reicht ein Satz. Und du bist sofort eine Figur in irgendeinem Lagerkampf. Nicht als Argument, sondern als Zielscheibe. Und dann heißt es: Stell dich halt dem Diskurs. Aber das ist doch kein Diskurs, wenn es nur noch ums Kaputtmachen geht.“
Karim dreht den Deckel seiner Wasserflasche, bis es knackt. „Bei uns zuhause heißt es: Schreib lieber nichts Kontroverses. Das ist keine Feigheit. Das ist Risikoabwägung.“
Sarah schaut kurz zum Fenster. „Und wenn überall ‚Fake‘ gerufen wird, dann ist Schweigen manchmal der einzige Weg, nicht auch noch als Lügnerin abgestempelt zu werden. Man entscheidet nicht mehr: Ist es wahr? Sondern: Ist es den Ärger wert?“
Weber nickt. „Und in der Schule?“
Lisa richtet sich etwas auf. „Gruber. Er liest jeden Artikel, bevor wir drucken. Sein Rotstift streicht nicht nur Fehler. Manchmal streicht er den Punkt.“
David zieht eine Augenbraue hoch. „Und dann heißt es: ‚Wir wollen euch nur helfen.‘ Aber am Ende ist es eine Vorabkontrolle. Und wir sollen dankbar sein.“
Karim: „Das ist wie Vorzensur. Nur dass sie nicht so heißt.“
Weber wechselt in den glatten Erklärton, den Lehrkräfte wählen, wenn es kompliziert wird: „Freiheit beginnt nicht im Gesetzbuch. Sie beginnt dort, wo jemand trotz Angst den Mund aufmacht. Pressefreiheit ist nicht nur ein Recht, sondern ein Geflecht aus gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Kräften. Damals waren es Mandate und Zensoren. Heute sind es digitale Überwachung, Shitstorms, Filterblasen…“
Ein Klopfen. Routine. Die Tür geht einen Spalt auf. Frau Klein aus dem Sekretariat steckt den Kopf herein. „Herr Weber? Schulleitung bittet Sie nach der Stunde kurz rüber. Wegen der Schülerzeitung. Aktueller Vorgang.“
Kein Vorwurf im Ton, nur Verwaltung. Gerade das macht es schwer, dagegen zu sprechen.
Weber nickt. „Danke. Ich komme.“
Die Tür schließt leise. Im Raum verschiebt sich etwas. Nicht die Lautstärke – die Temperatur. Weber räuspert sich, will fortfahren, wird aber einen halben Ton leiser, ohne es zu merken.
„Diese Mechanismen—“ Er bricht ab, nimmt neu Anlauf. Der Blick geht kurz zur Tür, reflexhaft. „Mechanismen, die ähnlich wirken: Vorabkontrolle, Drohkulissen, das Ausweichen in Formeln wie ‚Schulfrieden‘ oder ‚Risikominimierung‘.“
David beugt sich vor. „Sie reden leiser.“
Weber hält inne. Eher ertappt als autoritär. Das Schweigen ist kurz, aber es hat Gewicht.
Und genau in dieses Stocken fällt Sarahs Wort.
„Nein.“
Nicht laut. Präzise.
„Herr Weber“, sagt sie, „das klingt wie ein Mut-Spruch fürs Klassenzimmer. Pressefreiheit ist kein Motivationsposter. Sie sagen: ‚trotz Angst‘ – als wäre Angst privat.“ Sie hält kurz inne. „Angst wird gemacht. Und die Kosten zahlen nicht alle gleich.“
Weber bleibt stehen.
Sarah redet weiter, ohne Vorsicht: „Sie tun so, als hätten wir alle dieselbe Fallhöhe. Haben wir nicht. Für manche ist es peinlich. Für andere existenziell.“
Karim hört auf, mit dem Stift zu spielen. Lisa zieht die Schultern hoch, als würde ihr kalt.
Sarah legt ihr Handy flach auf den Tisch, Bildschirm nach unten. „Wissen Sie, was gestern passiert ist? Wir haben im Redaktionschat diskutiert, ob wir den Artikel über die Sache mit dem Sicherheitsdienst bringen.“ Sie zählt mit den Fingern ab. „Drei Zeugenaussagen. Zwei Fotos. Namen anonymisiert. Alles sauber.“
„Heute Morgen kam eine Mail an die Schule. Kanzlei. Wörter wie ‚Unterlassung‘, ‚Rufschädigung‘, ‚Schadensersatz‘. Und dann die Ansage: Kein Vertrieb auf dem Schulgelände, bis das ‚geklärt‘ ist.“ Das Wort geklärt hängt im Raum.
„Und dann hat jemand einen Screenshot aus unserem Chat geleakt. Mein Name war drauf. Heute Mittag hatte ich zwanzig Nachrichten. Erst Spott. Dann Drohungen.“ Sie schaut nicht weg. „Und einer hat den Betrieb markiert, bei dem ich im Frühjahr Praktikum machen wollte. Der Chef hat angerufen: ‚Wir wollen keinen Ärger.‘“ Sarah sagt trocken: „Mia?“ und zu Herrn Weber: „Ihr Name steht auch da.“ Nach etwas zu langer Stille flüstert Mia: „Ich sage nichts.“
Weber setzt an – und bricht ab. Dann sagt er langsam: „Das sind reale Kosten. Und ja: Sie sind ungleich verteilt.“
Karim nickt. „Meine Mutter würde sagen: Dann lass es. Weil sie weiß, was so was nach sich zieht.“
Lisa hebt den Kopf. „Aber wenn wir es lassen, dann funktioniert Druck. Dann reicht es, dass jemand droht.“
David: „Und später erzählen wir uns, wir hätten in einer freien Gesellschaft gelebt.“ Es klingt nicht pathetisch, eher wie eine Diagnose.
Weber atmet aus. Er geht zur Tafel, nicht zum Smartboard. Kreide statt Bildschirm. Er schreibt zwei Wörter, groß:
SCHUTZ
SOLIDARITÄT
„Im Gesetz steht vieles richtig“, sagt er, ohne Pathos. „Und trotzdem entstehen in der Praxis Mechanismen, die ähnlich wirken: Vorabkontrolle, Drohkulissen, das Ausweichen in Formeln wie ‚Schulfrieden‘ oder ‚Risikominimierung‘.“ Er dreht sich um. „Wenn wir Pressefreiheit nur als Prinzip feiern, aber die, die sie ausüben, allein lassen – dann bleibt am Ende nur das Prinzip. Und das schützt niemanden.“
Er lässt den Blick durch die Klasse gehen, nicht als Kontrolle, eher als Einladung.
„Eure Aufgabe ist deshalb nicht: Wer ist mutig genug?“ Er tippt mit der Kreide auf SCHUTZ. „Sondern: Welche Strukturen brauchen wir, damit freie Rede nicht daran scheitert, wer die höhere Fallhöhe hat?“ Dann auf SOLIDARITÄT: „Ganz konkret. Was braucht eine Schülerzeitung, wenn Anwaltspost kommt? Wer hilft, wenn jemand gedoxt wird? Wie schützt man Personen, Daten, Quellen? Und wo ist die Grenze zwischen Verantwortung und Kontrolle?“
Ein paar Sekunden passiert nichts. Dann rücken Stühle. Tische schaben. Die Gruppen finden sich – mit einem anderen Ernst als vorher.
Nicht mehr die bequeme Frage, ob man reden darf. Sondern die unbequeme, ob man reden kann, ohne daran kaputtzugehen.
1.5:47 Uhr
Das Vibrieren des Handys auf dem Nachttisch war ein Fremdkörper in der Stille ihres Schlafzimmers. Ein insistierendes, nervöses Summen, das sich in ihre unruhigen Träume bohrte, in denen Aktenordner sie wie Raubtiere verfolgt hatten. Sie schreckte hoch, griff nach dem Gerät, bevor sie die Augen richtig geöffnet hatte. „Unbekannte Nummer”. Sie nahm den Anruf nicht an.
Neben ihr drehte sich Daniel auf die andere Seite, murmelte etwas Unverständliches. Im schwachen Licht, das durch die Jalousien sickerte, sah sie seinen Rücken, die vertraute Landschaft seiner Schulterblätter unter dem alten T-Shirt. Zwölf Jahre waren sie jetzt verheiratet. Er schlief wie ein Kind – tief, arglos, als gäbe es nichts auf der Welt, das ihm etwas anhaben könnte. Sie beneidete ihn darum.
Sie schlüpfte aus dem Bett und ging leise hinaus auf den Flur. Vor Pauls Zimmer blieb sie stehen, lauschte auf den Atem ihres Sohnes. Acht Jahre alt, und er schlief noch immer mit dem zerschlissenen Stoffhasen, den sie ihm zur Geburt geschenkt hatte. Sie legte die Hand auf die Türklinke, nur kurz, eine Berührung, die ihr Kraft gab. Was auch immer bald passieren würde – für ihn tat sie alles. Für seine Zukunft. Für eine Welt, in der er aufwachsen konnte, ohne Angst vor der Wahrheit haben zu müssen.
Das Handy vibrierte wieder. „Unbekannte Nummer”. Seit sie begonnen hatte, an der Geschichte über das Ministerium zu arbeiten, war Misstrauen zu ihrer zweiten Haut geworden. Jede unbekannte Nummer konnte eine Falle sein, jeder freundliche Kontakt eine Finte. Aber etwas – eine Ahnung, ein Instinkt, geschärft durch Jahre der Recherche in den dunkelsten Ecken der Gesellschaft – ließ sie den grünen Button drücken.
„Frau Vogt?” Eine Männerstimme, leise, gehetzt, das Flüstern eines Mannes am Rande des Abgrunds. Im Hintergrund das leise Rauschen von Wind, als stünde er auf einem Dach oder einer Brücke.
„Wer spricht da?“, fragte Lena, und war augenblicklich hellwach. Die Schlaftrunkenheit war wie weggewischt, ersetzt durch pures Adrenalin.
„Mein Name tut nichts zur Sache. Nennen Sie mich Mike. Ich kenne Ihre Arbeit über die Schattenoperationen im Ministerium. Sie kratzen zwar an der Oberfläche, aber Sie sind die Einzige, die sich traut, die richtigen Fragen zu stellen.
„Was wollen Sie?”
„Ich habe Dokumente. Beweise. Die Codenamen, die Serverstandorte, Listen von Personen, die mit der Sache zu tun haben. Das alles beweist, was Sie vermutet haben, und noch viel mehr.” Eine Pause, in der er schwer atmete, als würde ihm die Luft ausgehen. „Aber ich werde verfolgt. Sie haben heute Nacht meine Wohnung durchsucht.”
„Wer war das? Etwa der Verfassungsschutz?”
Ein kurzes, bitteres Lachen, das wie zerbrechendes Glas klang. „Der Verfassungsschutz ist ein Kindergarten gegen die. Es ist eine inoffizielle Einheit. Direkt dem Staatssekretär unterstellt. Sie nennen sie intern Die Abteilung. Keine parlamentarische Kontrolle. Offiziell existieren sie nicht.”
Lena lief in die Küche und griff nach einem Notizblock. „Wie komme ich an die Dokumente?”
„Ich möchte die Dokumente nur Ihnen geben. Kommen Sie um 14 Uhr. In die Votivkirche. Setzen Sie sich in die dritte Bankreihe links. Tragen Sie etwas Rotes. Ein Schal, eine Mütze, egal. Etwas, das ich aus der Ferne erkennen kann.”
„Und wie erkenne ich Sie?”
„Das müssen Sie nicht.” Wieder eine Pause, diesmal länger, bedrohlicher. „Und Frau Vogt? Vertrauen Sie niemandem. Niemandem. Auch nicht Ihren Kollegen. Auch nicht Ihrem Chefredakteur. Georg ist ein guter Mann, aber er hat Angst. Um den Verlag, um seine Familie. Sie werden ihn unter Druck setzen, und er wird nachgeben.”
Die Leitung war tot, bevor Lena antworten konnte.
„Mama?”
Sie drehte sich um. Paul stand in der Tür, den Stoffhasen im Arm, die Haare zerzaust. Er rieb sich die Augen.
„Hey, Schatz.” Sie ging zu ihm, kniete sich hin, strich ihm die Haare aus der Stirn. „Wieso bist du denn schon auf?”
„Ich hab dich gehört. Wer hat angerufen?”
„Nur die Arbeit. Nichts Wichtiges.” Die Lüge kam leicht über ihre Lippen. Sie hatte gelernt zu lügen, in den letzten Monaten.
„Du arbeitest immer”, maulte Paul. Es klang nicht vorwurfsvoll, nur feststellend. Die Beobachtung eines Kindes, das seine Welt katalogisierte.
„Ich weiß.” Sie küsste ihn auf die Stirn. „Aber heute Abend machen wir etwas zusammen, versprochen. Was du willst.”
„Kino?”
„Kino.”
Er lächelte, dieses Lächeln, das noch nichts wusste von Kompromissen und gebrochenen Versprechen. Dann trottete er zurück in sein Zimmer, der Stoffhase schleifte über den Boden. Lena blieb noch einen Moment stehen. Wenn alles gut ging, würde sie heute Abend mit ihrem Sohn im Kino sitzen, Popcorn essen, einen dieser Animationsfilme sehen, die sie eigentlich langweilten, aber trotzdem liebte, weil Paul neben ihr saß und lachte. Daniel war bereits, von ihr unbemerkt, in die Küche gekommen.
Er schaltete die Kaffeemaschine an und stand bald am Herd, bereitete Rührei zu.
„Du bist früh wach”, sagte er, ohne sich umzudrehen.
„Konnte nicht mehr schlafen.”
Er drehte sich zu ihr, musterte sie mit diesem Blick, der zu viel sah. Daniel war Architekt, ein Mann der klaren Linien und präzisen Berechnungen. Er verstand nicht immer, was sie tat, warum sie Geschichten verfolgte, die sie in Gefahr brachten. Aber er fragte auch nicht mehr. Irgendwann hatten sie aufgehört, darüber zu streiten.
„Die Ministeriumssache?“, fragte er leise.
„Ja.”
„Wie gefährlich ist es?“
Sie zögerte. Die Wahrheit war: Sie wusste es nicht. Noch nicht. Aber sie konnte ihm nicht in die Augen sehen und lügen, nicht so wie bei Paul.
„Ich bin vorsichtig.”
Er nickte, sagte nichts. Stellte ihr einen Teller mit Rührei hin, goss Kaffee ein. Diese stummen Gesten der Fürsorge, die mehr sagten als Worte. Sie aßen schweigend, während draußen die Dämmerung in den Himmel kroch.
2.7:23 Uhr
Die Redaktion des Kurier lag noch im morgendlichen Halbschlaf, als Lena eintrat. Der vertraute Geruch nach Kaffee und altem Papier schlug ihr entgegen. In einer Ecke brannte Licht, wo Markus Brenner, der Nachtredakteur, seinen Dienst beendete.
„Früh unterwegs”, sagte er, ohne aufzusehen. Vor ihm stapelten sich Ausdrucke der Nachtagenturmeldungen, die niemand mehr las, seit alles digital war. Aber Markus war von der alten Schule, ein Mann, der noch daran glaubte, dass man Papier in den Händen halten musste, um die Wahrheit zu begreifen.
„Konnte nicht mehr schlafen.”
Sie ging zu ihrem Schreibtisch, vorbei an den leeren Plätzen, die einmal voller Leben gewesen waren. Vor fünf Jahren hatten hier noch zwanzig Journalisten gearbeitet. Jetzt waren es sieben. Die Einsparungen hatten zugeschlagen wie ein Sturm, der alles mit sich riss, was nicht festgewurzelt war. Lena fuhr den Computer hoch, versuchte, sich auf ihre Routine zu konzentrieren. E-Mails checken. Pressemitteilungen überfliegen. Das Übliche. Aber ihre Gedanken kreisten um den Anruf. Vertrauen Sie niemandem.
Sie kannte diese Paranoia von Informanten. Manche übertrieben maßlos, sahen überall Verschwörungen. Aber dieser Mann hatte anders geklungen. Nicht hysterisch. Eher kontrolliert. Wie jemand, der genau wusste, was auf dem Spiel stand.
Um acht kam Georg, der Chefredakteur. Er nickte ihr zu, verschwand in seinem Büro. Lena überlegte kurz, zu ihm zu gehen, ihm von dem Anruf zu erzählen. Aber dann hörte sie die Stimme wieder: Auch nicht Ihrem Chefredakteur.
Was wusste der Mann? Und warum diese Warnung? Sie öffnete ihre Recherche-Dateien, die verschlüsselten Ordner, in denen sie alles gesammelt hatte, was sie in den letzten Monaten gefunden hatte. Fragmente. Andeutungen. Nichts, was für sich genommen beweiskräftig war. Aber zusammen ergaben sie ein Bild, das sie nicht mehr losließ. Das Ministerium hatte scheinbar eine parallele Datenbank aufgebaut. Nicht die Offizielle, die dem Datenschutz unterlag und parlamentarisch kontrolliert wurde. Sondern eine zweite, geheime. Darin: Informationen über Journalisten, Aktivisten, Oppositionspolitiker. Bewegungsprofile. Kommunikationsdaten. Kontaktnetze. Sie hatte Hinweise gefunden, vage Spuren. Aber nie den entscheidenden Beweis. Vielleicht, dachte sie, würde sich das heute ändern.
3.9:15 Uhr
„Vogt, in mein Büro.”
Georgs Stimme klang schärfer als sonst. Die anderen Kollegen sahen auf, kurze Blicke, schnell wieder abgewandt. Lena spürte die Spannung im Raum, diese elektrische Ladung, die entsteht, wenn etwas Unausgesprochenes in der Luft hängt. Sie sperrte ihren Bildschirm und ging hinüber.
Er saß hinter seinem Schreibtisch, die Arme verschränkt. Die Jalousien waren halb geschlossen, warfen Streifenmuster auf das abgewetzte Parkett. Neben ihm stand ein Mann, den Lena nicht kannte. Grauer Anzug, perfekt sitzend, maßgeschneidert. Kurz geschnittene Haare, militärisch fast. Ein Gesicht ohne besondere Merkmale, das sie sofort wieder vergessen würde.
„Das ist Herr Wiesinger”, sagte Georg. Seine Stimme hatte einen Unterton, den Lena nicht einordnen konnte. „Vom Presserat.”
Der Mann nickte knapp. Seine Augen musterten Lena mit einer Präzision, die sie frösteln ließ.
„Frau Vogt. Es geht um Ihre Recherchen zum Ministerium.”
Lena spürte, wie sich etwas in ihrem Magen zusammenzog. „Was ist damit?”
„Wir haben eine Beschwerde erhalten. Von höchster Stelle.” antwortete Georg statt Wiesinger.
„Wie bitte?” Lena sieht ihren Chef, für den sie seit bald 15 Jahren arbeitete, entsetzt an.
Wiesinger legte eine Mappe auf den Tisch. „Man wirft Ihnen vor, mit unethischen Methoden zu arbeiten. Quellen unter Druck zu setzen. Vertrauliche Informationen zu erschleichen.”
„Das ist absurd.”
„Mag sein.” Wiesinger lächelte dünn. „Aber wir sind verpflichtet, der Sache nachzugehen. Der Presserat nimmt solche Beschwerden sehr ernst.”
Georg räusperte sich. „Lena, ich muss dich bitten, die Recherche vorerst auf Eis zu legen. Bis das geklärt ist.”
„Georg, das kannst du nicht machen. Nicht jetzt.”
„Ich habe keine Wahl.” Er sah sie an, und in seinen Augen lag etwas, das sie nicht deuten konnte. Bedauern? Oder etwas anderes? Am besten, du gibst mir alle Unterlagen, dann kann ich mir selbst ein Bild machen.”
Lena stand da und spürte, wie der Boden unter ihren Füßen wankte. Das war kein Zufall. Nicht heute. Nicht am selben Tag, an dem ein Informant anrief und ihr versprach, alles zu enthüllen.
„Die Unterlagen sind auf meinem Rechner”, sagte sie langsam. „Verschlüsselt. Ich gebe dir das Passwort, sobald ich weiß, wer diese Beschwerde eingereicht hat.”
Wiesinger schüttelte den Kopf. „Das kann ich Ihnen nicht sagen. Das ist vertraulich.”
„Mein Passwort ist auch vertraulich.”
Georg seufzte. „Lena, mach es uns nicht schwerer, als es ist.”
Sie sah ihn an, diesen Mann, dem sie vertraut hatte. Wusste der Informant, dass Georg umfallen würde, sobald der Druck kam?
„Ich brauche einen Tag”, sagte sie. „Um die Daten zu ordnen. Morgen früh hast du alles.”
„In Ordnung. Morgen früh.”
4.10:48 Uhr
Lena verließ das Gebäude durch den Hinterausgang. Sie hatte ihren Laptop in der Tasche, die wichtigsten Dateien auf einem verschlüsselten USB-Stick. Sie ging nicht zu ihrem Auto, sondern nahm die U-Bahn, stieg zweimal um, verdoppelte ihre Route. Paranoid, vielleicht. Aber die Begegnung mit Wiesinger hatte etwas in ihr ausgelöst. In einem Café am Schwedenplatz bestellte sie einen Kaffee und öffnete ihren Laptop. Sie suchte nach Wiesinger Presserat. Nichts. Keine Treffer. Kein Foto, kein Eintrag, keine Erwähnung. Sie rief die offizielle Website des Presserats auf, suchte in der Mitarbeiterliste. Kein Wiesinger. Ihr Herz schlug schneller. Wer war dieser Mann?
Sie dachte an die Worte des Informanten. Sie haben heute Nacht meine Wohnung durchsucht. Wer waren sie? Und wie weit reichte ihr Einfluss? Lena trank ihren Kaffee und versuchte, klar zu denken. In drei Stunden würde sie diesen anonymen Mann treffen. Bis dahin musste sie herausfinden, wem sie trauen konnte. Sie scrollte durch ihr Handy, suchte nach einer Nummer, die sie seit Monaten nicht angerufen hatte. Viktor Haupt. Ein ehemaliger Kollege, der jetzt für einen kleinen Onlinedienst arbeitete. Investigativ, unabhängig, chronisch unterfinanziert. Aber integer.
„Lena?” Seine Stimme klang überrascht. „Lange nichts gehört.”
„Viktor, ich brauche deine Hilfe. Aber nicht am Telefon.”
„Wo bist du?”
Sie nannte ihm ihren Aufenthalt und legte rasch auf. Es könnte sein, dass ihr Telefon abgehört wurde.
„Ich bin in einer halben Stunde da.”
5.11:35 Uhr
Viktor sah älter aus, als Lena ihn in Erinnerung hatte. Die Falten um seine Augen waren tiefer geworden, das Haar grauer. Aber sein Blick war noch derselbe – wach, skeptisch, neugierig. Er hörte zu, ohne sie zu unterbrechen. Als sie geendet hatte, lehnte er sich zurück und pfiff leise durch die Zähne.
„Das ist größer, als ich dachte”, sagte er. „Die Geschichte, meine ich. Wenn dein Informant recht hat, reden wir nicht nur über das Ministerium. Wir reden über ein illegales System.”
„Ich weiß.”
„Und dieser Wiesinger … kein Presserat, sagst du?” Lena nickte. Viktor sah sie aufmerksam an. „Das klingt nach Geheimdienst. Oder etwas, das so tut, als wäre es einer.”
„Was meinst du damit?”
„Ich meine, dass es scheinbar Strukturen gibt, die offiziell nicht existieren. Die zwischen den Behörden operieren. Ohne parlamentarische Kontrolle, ohne öffentliche Rechenschaft.” Er sah sie an. „Ich habe davon gehört, Lena. Gerüchte. Andeutungen. Aber nie etwas Konkretes.”
Er trank einen Schluck Kaffee. „Was hast du vor?”
„Ich gehe zu dem Treffen. Um 14 Uhr, in der Votivkirche.”
Viktor schüttelte den Kopf. „Das ist zu gefährlich. Wenn sie wissen, dass er dich kontaktiert hat – wenn sie wissen, dass du heute dort sein wirst…”
„Was schlägst du vor?”
Er dachte nach. „Ich komme mit. Aber ich bleibe im Hintergrund. Falls etwas passiert, bin ich da.”
Lena zögerte. Der Informant hatte gesagt, sie solle niemandem vertrauen. Aber Viktor war anders. Viktor war einer der wenigen, die sie kannte, die nie einen Kompromiss gemacht hatten. Die nie nachgegeben hatten, auch wenn es sie ihre Karriere gekostet hatte.
„In Ordnung”, sagte sie. „Aber halt Abstand. Und wenn etwas schiefgeht…”
„Dann sorge ich dafür, dass die Geschichte rauskommt. Egal wie.”
6.13:22 Uhr
Die Votivkirche ragte in den grauen Himmel. Lena stand auf dem Vorplatz, den roten Schal um den Hals, und beobachtete die Menschen. Viktor hatte sich hundert Meter entfernt postiert, auf einer Bank neben dem Brunnen.
Um 13:50 betrat sie die Kirche. Das Innere war kühl und still, erfüllt vom Geruch nach Weihrauch. Ein paar Menschen saßen verstreut in den Bänken, Köpfe gesenkt.
Lena ging zur dritten Reihe links und setzte sich. Die Minuten vergingen. 14 Uhr. 14:05. 14:10. Niemand kam.
Sie spürte, wie die Anspannung in Nervosität umschlug. Hatte sie etwas falsch gemacht? War der Informant aufgehalten worden? Oder war es eine Falle gewesen?
Um 14:15 stand sie auf. Sie würde gehen, sich neu orientieren, versuchen…
„Bleiben Sie sitzen.”
Die Stimme kam von hinten, leise, kaum mehr als ein Flüstern. Ein Mann setzte sich in die Reihe hinter ihr. Sie konnte ihn nicht sehen, nur seinen Atem hören, ruhig und gleichmäßig.
„Drehen Sie sich nicht um”, sagte er. „Hören Sie mir zu.” Es war dieselbe Stimme wie am Telefon.
„Sie werden beobachtet”, fuhr er fort. „Seit Sie das Gebäude Ihrer Zeitung verlassen haben. Der Mann auf der Bank draußen – ist das Ihr Kollege?”
Lena schluckte. „Ja.”
„Dann wissen sie, dass Sie nicht allein sind. Das macht die Sache schwieriger.” Eine Pause. „Aber nicht unmöglich.”
„Wer sind Sie?”
„Mein Name ist Thomas Kern. Ich arbeite – ich arbeitete – in der Abteilung für Informationssicherheit. Im Ministerium.”
„Und die Dokumente?”
„Alles, was Sie vermutet haben, ist wahr. Die Datenbank existiert. Sie enthält Informationen über mehr als zweitausend Personen. Journalisten, Aktivisten, Anwälte, Richter. Menschen, die als Risiko eingestuft werden.”
„Ein Risiko für wen?”
„Für das System. Für die, die an der Macht sind und es bleiben wollen.” Kern hustete leise. „Ich habe Kopien. Auf einem verschlüsselten Server, zu dem nur ich Zugang habe. Aber ich kann Ihnen nicht einfach den Link geben. Nicht hier. Nicht jetzt.”
„Warum nicht?”
„Weil sie mithören könnten. Weil jedes Wort, das wir sprechen, aufgezeichnet werden könnte.” Seine Stimme wurde noch leiser. „Ich werde Ihnen eine Adresse geben. Ein Schließfach am Westbahnhof. Darin liegt ein Umschlag mit allen Zugangsdaten. Der Schlüssel ist in einer Plastiktüte, unter der Bank, auf der Sie gerade sitzen.”
Lena tastete unauffällig unter die Holzbank. Ihre Finger berührten etwas Klebriges – Klebeband – und darunter etwas Hartes. Ein kleiner Metallschüssel.
„Ich habe ihn”, flüsterte sie.
„Gut.” Kern stand auf. „Warten Sie fünf Minuten, bevor Sie gehen.
Sie hörte seine Schritte auf dem Steinboden, leiser werdend, dann nichts mehr.
7.15:03 Uhr
Der Westbahnhof war voller Menschen. Lena bewegte sich durch die Menge, den Schlüssel in der Tasche. Viktor war irgendwo hinter ihr.
Das Schließfach Nummer 247 befand sich im hinteren Bereich. Sie steckte den Schlüssel ins Schloss, öffnete die Klappe. Ein brauner Umschlag. Unscheinbar. Sie steckte ihn in ihre Tasche.
Sie drehte sich um – und blieb stehen.
Vor ihr stand der Mann, der sich Wiesinger genannt hatte. Er lächelte, das gleiche dünne Lächeln wie heute Morgen. Ein Lächeln, das seine Augen nicht erreichte, das nur eine Maske war über etwas Kälterem, Berechnendem.
„Frau Vogt”, sagte er. „Was für ein Zufall.”
Neben ihm standen zwei weitere Männer. Groß, breitschultrig, Gesichter ohne Ausdruck, wie aus Stein gemeißelt. Sie trugen schwarze Jacken, die Hände in den Taschen, und Lena ahnte, dass diese Hände nicht leer waren.
„Ich denke, Sie haben etwas, das uns gehört.”
Lena wich einen Schritt zurück. Hinter ihr war die Wand, vor ihr die drei Männer. Die Menge strömte vorbei, achtlos, in ihre eigenen Sorgen versunken. Niemand sah, was hier geschah. Niemand wollte es sehen.
„Ich weiß nicht, wovon Sie reden.”
„Den Umschlag. In Ihrer Tasche.” Wiesinger trat näher. Sein Aftershave war teuer, dezent, unangemessen in dieser Situation. „Geben Sie ihn mir, und wir vergessen diese ganze Sache. Sie gehen zurück zu Ihrer kleinen Zeitung, schreiben Ihre kleinen Geschichten über Gemeinderatssitzungen und Straßenfeste, und niemand wird verletzt.”
„Und wenn nicht?”
Das Lächeln verschwand. Was darunter lag, war nicht einmal Wut – es war Gleichgültigkeit, die kalte Gewissheit eines Mannes, der wusste, dass er die Macht hatte und sie auch einsetzen würde.
„Dann wird es unangenehm. Für Sie. Für Ihren Freund dort hinten.” Er deutete mit dem Kopf in Viktors Richtung. „Für alle, die Ihnen nahestehen. Ihr Mann Daniel, nicht wahr? Der Architekt? Und Ihr Sohn – Paul, wenn ich mich nicht irre. Acht Jahre alt. Geht in die Volksschule am Augarten. Dritte Klasse.”
Das Blut wich ihr aus dem Gesicht. Nicht das. Alles, aber nicht das.
„Sie können mir drohen”, sagte sie, und ihre Stimme war fester, als sie sich fühlte. „Aber wenn Sie meine Familie auch nur –”
„Niemand will Ihrer Familie etwas tun, Frau Vogt.” Wiesingers Stimme war sanft, beinahe väterlich. Das machte es schlimmer. „Das liegt ganz bei Ihnen. Geben Sie mir den Umschlag, und wir vergessen, dass dieses Gespräch jemals stattgefunden hat.”
Lena spürte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich. Aber sie spürte auch etwas anderes. Wut. Entschlossenheit. Die Gewissheit, dass sie nicht nachgeben würde. Nicht jetzt. Nicht hier.
„Sie können mich bedrohen”, sagte sie langsam. „Sie können mir alles wegnehmen. Aber Sie können nicht verhindern, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Nicht auf Dauer.”
Wiesinger lachte leise. „Die Wahrheit. Wie rührend.” Er machte ein Zeichen, und die beiden Männer traten vor. In diesem Moment geschah alles gleichzeitig.
Viktor tauchte aus der Menge auf, sein Handy erhoben, filmend. „Das geht gerade live!“, rief er. „Auf drei Plattformen gleichzeitig!”
Ein Polizist, der in der Nähe patrouillierte, drehte sich um. Und Lena rannte.
8.16:47 Uhr
Sie trafen sich in Viktors Wohnung, einer kleinen Zweizimmerwohnung im fünften Stock eines Altbaus. Die Jalousien waren heruntergelassen, nur eine Schreibtischlampe brannte.
„Das war knapp”, sagte Viktor. Er sah erschöpft aus, aber seine Augen leuchteten. „Fast zu knapp.”
„Aber wir haben es geschafft.” Lena legte den Umschlag auf den Tisch. „Was auch immer hier drin ist – es gehört jetzt der Öffentlichkeit.”
Bevor sie den Umschlag öffneten, rief Lena Daniel an.
„Ich schaffe es heute Abend nicht zum Kino. Die Geschichte ist größer geworden.”
Eine Pause. Sie hörte Paul im Hintergrund.
„Lena, du machst mir Sorgen.”
„Ich weiß. Aber wenn wir das nicht veröffentlichen, gewinnen die Falschen. Und ich will nicht, dass Paul in so einer Welt aufwächst.”
„Tu, was du tun musst. Pass auf dich auf.”
Sie legte auf und setzte sich neben Viktor.
Sie öffneten den Umschlag gemeinsam. Darin: ein USB-Stick, ein Blatt Papier mit einer Internetadresse und einem langen Passwort, und ein handgeschriebener Brief.
Viktor steckte den USB-Stick in seinen Laptop. Die Dateien luden sich. Lena beugte sich vor, scrollte durch die Liste. Ihr Atem stockte.
Die Datenbank war ein System. Durchdacht. Professionell. Kategorien: Journalisten. Aktivisten. Gewerkschafter. Anwälte. Richter. Jeder Name verlinkt mit Bewegungsdaten, Kommunikationsanalysen, Risikoeinschätzungen.
Sie fand ihren eigenen Namen. Risikostufe: 4. Kontakte: 247 erfasste Personen. Darunter: Viktor. Darunter: Pauls Lehrerin.
»Das ist Infrastruktur«, sagte sie. »Um Menschen zu kontrollieren, bevor sie überhaupt etwas tun.«
Die Datenbank war 2015 angelegt worden, offiziell zur Terrorismusprävention. Aber irgendwann hatte sich der Zweck verschoben. Es ging nicht mehr um Terroristen. Es ging um Störfaktoren. Jeden, der unbequeme Fragen stellte.
Das Schlimmste war der Ordner Partner. Konzerne. Ein Telekommunikationsriese, der Bewegungsdaten lieferte. Ein Social-Media-Unternehmen für Kommunikationsanalysen. Daneben: Überweisungen in beide Richtungen.
»Sie haben die Daten verkauft«, sagte Lena. »An Unternehmen, die wissen wollen, wer ihnen gefährlich werden könnte. Welche Journalisten recherchieren. Welche Aktivisten mobilisieren. Um sie zu stoppen, bevor sie anfangen.«
Im Ordner Maßnahmen fand sie Berichte über zerstörte Karrieren. Journalisten, die ihre Stellen verloren. Und eine Kollegin, die sie kannte – brillant, furchtlos. Im Bericht stand: Maßnahme erfolgreich. Zielperson hat Recherche eingestellt.
»Wir müssen das veröffentlichen«, sagte sie. »Heute noch.«
Sie wandte sich dem handgeschriebenen Brief zu.
An die, die das lesen:
Ich weiß nicht, ob ich morgen noch lebe. Sie kommen näher, jeden Tag. Aber bevor sie mich finden, wollte ich sicherstellen, dass die Wahrheit nicht mit mir stirbt.
In den Dateien auf diesem Server finden Sie alles. Die Struktur der Datenbank. Die Namen der Verantwortlichen. Die Beweise für das, was sie getan haben. Es ist genug, um sie zu Fall zu bringen. Alle.
Aber es reicht nicht, diese Informationen zu haben. Sie müssen veröffentlicht werden. Nicht morgen. Nicht nächste Woche. Heute. Jetzt. Bevor sie einen Weg finden, alles zu vertuschen.
Die Pressefreiheit ist kein Privileg der Journalisten. Sie ist das Recht jedes Bürgers, die Wahrheit zu erfahren. Sie ist der Schutzschild der Demokratie gegen die Mächtigen, die im Dunkeln agieren wollen.
Ich habe meinen Teil getan. Der Rest liegt bei Ihnen.
Thomas Kern
Lena las den Brief zweimal, dreimal. Dann sah sie Viktor an.
„Wir müssen es sofort hochladen. Auf so viele Server wie möglich. Bevor sie es stoppen können.”
Viktor nickte. „Ich habe Kontakte. Internationale Medien, die an so etwas interessiert sind. Wenn wir es richtig machen, ist es in einer Stunde überall.”
9.19:12 Uhr
Die erste Meldung erschien um 19:12 Uhr. Innerhalb von Minuten wurde sie geteilt, kommentiert, weiterverbreitet. Um 20 Uhr war sie auf allen großen Nachrichtenseiten. Um 21 Uhr forderte die Opposition eine Sondersitzung des Parlaments.
Lena saß vor dem Fernseher und sah zu, wie ihre Geschichte die Welt veränderte.
Ihr Handy vibrierte ununterbrochen. Georg, der Chefredakteur, entschuldigte sich. Sie nahm keinen der Anrufe an.
Sie dachte an Thomas Kern. An einen Mann, der jahrelang in einem System gearbeitet hatte, das er für falsch hielt, und der trotzdem geblieben war, um Beweise zu sammeln.
Die Pressefreiheit ist kein Privileg der Journalisten. Sie ist das Recht jedes Bürgers, die Wahrheit zu erfahren.
Erst heute verstand sie wirklich, was das bedeutete.
10.23:58 Uhr
Als Lena nach Hause kam, war es still. Daniel saß im Bett, ihr Artikel auf dem Tablet.
„Du hast es geschafft”, sagte er.
Sie setzte sich neben ihn. „Es ist noch nicht vorbei.”
„Das weiß ich.” Er nahm ihre Hand. „Aber heute Nacht hast du gewonnen.”
Vor Pauls Zimmer blieb sie stehen. Er schlief, der Stoffhase im Arm. Auf seinem Nachttisch lag ein selbstgemaltes Bild – sie erkannte sich selbst, mit übertrieben langen Haaren und einem riesigen Lächeln.
Irgendwann, wenn Paul älter war, würde er verstehen, warum sie diese Nächte durchgearbeitet hatte. Warum das, was sie tat, wichtiger war als ein verpasster Kinoabend.
Draußen begann der neue Tag zu dämmern. Sie hatte noch viel zu tun.
Vor Paul lag sein Text. Oben stand: Pressefreiheit. Darunter Sätze über Verantwortung, Zuständigkeiten, Macht. Der Cursor blinkte, stoisch, ohne das künstliche Piepen, das man aus alten Science Fiction Filmen kennt, wenn Wichtigkeit hörbar gemacht werden soll. Nichts davon. Nur dieses kleine Lichtzeichen, das ihm sagte: Jetzt.
Abgabe morgen, Konferenz früh am Vormittag. Danach würde man entscheiden, welche Überschrift trägt und welche untergeht. Eine Entscheidung, die nie wie Zensur aussieht und doch wie ein Filter arbeitet, leise, routiniert, sachlich. Er wusste, wie sich so etwas anfühlt: nicht wie eine Hand am Mund, sondern wie ein Blick auf die Uhr. Nicht wie ein Verbot, sondern wie ein Seufzer, der sich als Professionalität tarnt.
Er dachte an Artikel 5 des Grundgesetzes.
Die Presse ist frei.
Ein Satz ohne Pathos. Ohne Ausschmückung. Ein Satz, der Freiheit behauptet, ohne Bedingungen zu nennen. Keine Zensur. Kein staatlicher Eingriff. Kein Vorbehalt. Ein Satz, der Vertrauen voraussetzt und damit Verantwortung delegiert.
Er kannte die Gegenrede, seit dem ersten Seminar, seit den ersten Debatten in verrauchten Redaktionsküchen, die heute nach saurem Wasser riechen, das Kaffee genannt wird, aber keiner ist. Saures Wasser aus schlecht oder gar nicht entkalkten Maschinen, dessen Geruch sich mit dem von Desinfektionsmittel vermischte. Paul brühte seinen Kaffee zu Hause selber, indem er heißes Wasser aus dem Wasserkocher durch das Pulver im Filter goss. Er nahm drei Lote pro Becher. Eva titulierte seinen Kaffee als Mocca; er war ihr viel zu stark. Also brühte er ihren Kaffee mit eineinhalb Loten. Er genoss das Ritual des Aufbrühens, weil es für ihn etwas Meditatives hatte. Er wollte seine Tage langsam und bewusst beginnen.
Er roch den sauren Kaffee in der Teeküche der Redaktion, der seine Gedanken zu schnell fokussierte.
Freiheit sei kein Freibrief. Freiheit brauche Grenzen. Freiheit brauche Sorgfalt. Und trotzdem war da diese schlichte Wucht des Satzes. Kein Mensch stand hinter ihm und sagte: Schreib das nicht. Kein Ministerium, keine Behörde, kein Anruf mit Druck. Nur Zahlen auf einem Dashboard, nur Erwartungen, nur der müde Reflex, die Dinge so zu formulieren, dass niemand anruft.
Artikel 5 war als Abwehrrecht gedacht. Gegen den Staat. Gegen offene Kontrolle. Gegen politische Einflussnahme. Er sollte verhindern, dass Macht entscheidet, was gesagt werden darf. Er sollte verhindern, dass Wahrheit gelenkt wird. Er war eine Konsequenz aus Geschichte, aus Scheitern, aus Missbrauch.
Aber Artikel 5 regelte nur das Gebotene.
Er regelte nicht das Unterlassene.
Artikel 5 schützte vor Zensur und Verboten, vor dem Staat. Aber nicht vor der eigenen Vorsicht, dem Markt, der Müdigkeit. Scheiße, dachte er, das war der Haken.
Das Recht gab Freiheit – klar. Aber keine Haltung dazu. Paul starrte drauf und fühlte sich ertappt.
Und genau hier lag die Bruchstelle. Pressefreiheit war nicht nur ein individuelles Recht, sie hatte eine gesellschaftliche Funktion. Sie sollte Öffentlichkeit ermöglichen, Kontrolle sichern, Macht sichtbar machen. Wenn sie nicht genutzt wurde, blieb sie formal intakt und praktisch wirkungslos. Man konnte in Wort, Schrift und Bild alles sagen und doch ständig daneben greifen, weil man nicht mehr hinsah, sondern nur noch setzte: Themen, Töne, Risikozonen. Man konnte sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert unterrichten und trotzdem immer wieder die eine Quelle meiden, die nicht online ist, sondern im Raum steht.
Paul wusste: Niemand zwang ihn. Deshalb war die Verantwortung größer. Wie oft hatte er gesagt: „Wir müssen neutral bleiben.“ Früher sein Helm. Heute nur Ausrede, um nicht hinzugucken. Wie mit Eva – er hörte nicht mehr richtig zu, aus Gewohnheit. Er starrte auf den Text. Wusste, dass er sauber war. Und wusste zugleich, dass Moral dort beginnt, wo man aufhört, sich hinter dieser Sauberkeit zu verstecken.
Er änderte den Text nicht grundlegend. Er verschob Nuancen. Benannte Verantwortung klarer. Strich Absicherungen. Nicht, weil Artikel 5 des Grundgesetzes es verlangte. Sondern weil er begriff, dass Freiheit ohne Konsequenz leer bleibt. Dass sie im schlimmsten Fall zu einer eleganten Ausrede wird, dass man alles dürfe, also nichts müsse. Und weil er merkte, wie schnell man sich selbst belohnt, wenn man eine Kontroverse geschickt umschifft. Das Lob kommt dann nicht für Wahrheit, sondern für Ruhe.
Er scrollte noch einmal nach oben. Sah, wie leicht es war, sich hinter Formeln zu verstecken. Worte, die wie das Netz unter einem Trapez in der Manege wirken. Ein Kissen, dass weich auffangen sollte. Sehr bequem. Er strich zwei davon. Nicht, weil er plötzlich mutig geworden wäre, sondern weil er merkte, wie bequem seine Vorsicht war. In der Redaktion nannte man das Professionalität. Zuhause nannte man es später Schweigen.
Sein Blick blieb an einem Satz hängen, den er nie gedruckt hätte, weil er zu persönlich klang: dass Freiheit nicht nur Recht ist, sondern Praxis. Dass sie erst dann Sinn bekommt, wenn jemand sie aushält, auch gegen den eigenen Reflex, sich herauszureden. Er ließ die Zeile stehen, als kleinen Stachel. Wenn sie ihm später peinlich wäre, wäre das vielleicht ein Hinweis, dass sie stimmt.
Dann klappte er das Notebook zu. Es gab ein sachliches aber deutlich hörbares Klicken, dass die Stille des Raumes schnitt. Das Restlicht des Bildschirmes, das sich auf der Tastatur widerspiegelte, erlosch. Der Bildschirm wurde schwarz, als hätte er eine Bühne verlassen. Und trotzdem blieb der Druck. Das Gefühl verblieb in seinen Fingern, als wollten sie weiter tippen und seine Gedanken manifestieren.
Er stand auf. Ging Richtung Schlafzimmer. Blieb vor der Tür stehen.
Zum ersten Mal ohne fertige Antwort. Ohne Ratschlag. Ohne das Gefühl, es besser zu wissen.
Er klopfte. Einmal.
Und wusste, dass weder Pressefreiheit noch Nähe dort beginnen, wo man recht hat, sondern dort, wo man aufhört, sich zu entziehen.
Paul stand noch immer vor der Tür, die Hand leicht an das Holz gelehnt, als müsse er sich vergewissern, dass dahinter tatsächlich ein anderer Raum begann und nicht nur eine Fortsetzung seiner eigenen Gedankenschleifen. In ihm arbeitete es nach, langsamer jetzt, schwerer, als hätte sich die Luft verdichtet. Die Sätze über Artikel 5 hingen ihm noch im Kopf, wie ein Kommentar, den er sich selbst in den Korrekturrand des Skriptes seines Lebens geschrieben hatte. Rechte, Pflichten, Verantwortung. Alles klar strukturiert, sauber gegliedert. Alles auf dem Papier des Skripts.
Im Flur war es halbdunkel. Das Licht aus der Küche reichte nur bis zu seinen Füßen. Dahinter begann eine andere Zone, in der andere Regeln galten. Hier halfen keine Paragraphen. Hier gab es keine Bestimmung, die ihm sagte, wie viel Nähe zumutbar war, wie viel Zurückhaltung angemessen, wie viel seine Wahrheit trug. Nähe war nicht justiziabel. Und vielleicht war genau das das Problem. Man konnte nichts einklagen. Man konnte nur bleiben oder gehen. Und gehen war oft die bequemere Form von Ordnung.
Er legte die Stirn kurz an die Tür des Schlafzimmers. Er klopfte. Ein Reflex, kein Pathos. Er hörte nichts. Kein Atmen, kein gedämpftes Geräusch, keine Musik, keinen Fernseher. Diese Stille hätte ihn früher beruhigt. Heute war sie eher ein Echo. Sie machte hörbar, was zwischen ihnen lag. Er merkte, wie sehr er Stille früher als Sieg verstanden hatte: Wenn niemand sprach, hatte niemand ihn widerlegt. Wenn es ruhig war, konnte er sich einreden, alles sei in Ordnung.
Er hätte jetzt argumentieren können. Er hätte erklären können, wie toxisch solche Familiendynamiken seien, wie systemisch, wie vererbbar. Er kannte die Begriffe. Emotional labor. Parentifizierung. Intergenerationale Loyalität. Alles abrufbar, alles verfügbar. Wie die Informationen in seiner Redaktion und auf seinem Notebook, sauber abgelegt, jederzeit zitierbar. Aber auch dort galt: Wissen war nicht dasselbe wie Haltung. Und schon gar nicht dasselbe wie Präsenz. Man kann alles erklären und trotzdem daneben stehen, während jemand innerlich zusammensackt.
Er klopfte ein zweites Mal. Leiser. Nicht, um weniger zu fordern, sondern weil ihm klar wurde, dass Lautstärke in dieser Familie nie das Problem gewesen war. Laut waren immer die Falschen gewesen. Laut war Lena gewesen. Laut war die Mutter gewesen, wenn sie glättete und damit jede Schärfe erstickte. Laut war die Beschwichtigung gewesen. Und leise war Eva, wenn sie danach versuchte, ihren eigenen Eindruck wiederzufinden.
„Ja?“, kam es schließlich von drinnen. Kein Vorwurf, keine Einladung. Ein neutrales Ja. Ein wir nehmen zur Kenntnis, dass jemand etwas will.
Paul öffnete die Tür einen Spalt. Eva lag auf dem Bett, seitlich, das Smartphone neben sich, das Display dunkel. Sie hatte die Beine angezogen, nicht schützend, eher bündelnd. Als müsse sie ihre Gedanken zusammenhalten, damit sie ihr nicht wieder aus den Händen glitten, sobald jemand versuchte, sie einzuordnen. Ihre Haare lagen wirr, nicht unordentlich, eher so, als hätte sie aufgehört, sich zu korrigieren.
Er blieb einen Moment im Rahmen stehen. Früher hätte er die Pause genutzt, um zu sortieren, welchen Ansatz er wählen wollte. Verständnisvoll. Pragmatistisch. Analytisch. Heute merkte er, wie sehr diese Strategien sich ähnelten. Sie zielten alle auf dasselbe: Kontrolle. Eine Deutungshoheit, die sich als Unterstützung verkleidete. Er fühlte das fast körperlich: der Impuls, den Ton zu bestimmen, die Richtung, den Schluss.
„Ich…“, begann er und merkte sofort, wie sehr dieses kleine Wort schon nach Einleitung klang. Nach Vortrag. Nach Struktur. Er brach ab, was wie ein Stocken wirkte. Setzte neu an.
„Kann ich mich dazusetzen?“
Eva zuckte knapp mit den Schultern. Kein demonstratives Abwinken, kein Willkommen. Eher das, was übrig bleibt, wenn man keine Energie mehr für Signale hat.
Paul kam herein, setzte sich an die Bettkante, mit etwas Abstand zu ihren Füßen. Er spürte, wie sehr sein Körper sich nach einer Position sehnte, aus der heraus er souverän wirken konnte. Gerade Rücken, klare Stimme. Er ließ sich stattdessen ein wenig nach vorn sinken. Nicht in sich zusammengefallen, aber auch nicht inszeniert. Er nahm wahr, wie alt diese Inszenierung war: Schon als Kind hatte er lieber erklärt als gefühlt, lieber sortiert als ausgehalten. Als sei Ordnung dasselbe wie Sicherheit.
„Vorhin“, sagte er schließlich, „als Du von Deiner Mutter erzählt hast… ich hab gemerkt, dass ich innerlich schon wieder angefangen hab, den Text darüber zu schreiben, wie das alles zusammenhängt.“ Er sah sie nicht direkt an, aber er wich ihrem Blick auch nicht aus. „Für mich. Nicht für Dich.“
Eva sah ihn kurz an, dann wieder an die Decke. „Du liebst halt Strukturen“, sagte sie. Kein Spott, keine Wärme. Eine Feststellung.
„Ja“, antwortete er. „Und ich benutze sie, um nicht richtig hinzugucken.“
Es wirkte als dauerte es, bis der Satz bei ihr ankam. Nicht, weil er kompliziert war. Weil sie prüfte, ob er eine Falle war. Eine dieser selbstkritischen Bemerkungen, die am Ende doch wieder bei ihr landeten, als Beleg ihrer Überempfindlichkeit. Er kannte dieses Muster inzwischen. Er hatte es selbst gebaut und sich dann darin eingerichtet.
„Was heißt das?“, fragte sie schließlich.
Paul atmete tief ein. Er hörte in seinem Kopf, wie er jetzt normalerweise ausholen würde. Systemische Ansätze. Wie Familie als Frühform von Öffentlichkeit funktioniere. Wie Loyalitäten verteilt würden wie Sendezeiten. Und wie wichtig es sei, sich zu lösen. Er zwang sich, nichts davon auszusprechen. Er zwang sich, keine Theorie als Abkürzung zu nehmen.
„Es heißt“, sagte er langsam, „dass ich Dir zuhören wollte, wie einem Fall. Wie einem Beispiel für ein Muster. Aber nicht wie Dir.“
Eva drehte den Kopf zu ihm. Da war ein kurzes Aufflackern von Schmerz, schneller als jede Empörung. „Und jetzt?“, fragte sie.
„Jetzt sitze ich hier und hab keine Lösung“, antwortete er. „Und alles in mir schreit danach, Dir trotzdem eine anzubieten.“
Sie schwieg. Ein gutes Schweigen. Keines, das etwas abwürgte, sondern eines, das Raum ließ. Paul merkte, wie ungeübt er darin war, diesen Raum nicht sofort mit Vorschlägen zu füllen. In Redaktionen galt Schweigen als Leerstelle. Und zugleich als Risiko: Wer schwieg, verlor Einfluss. Am Ende entschieden die, die redeten. Immer. War das wirklich so. Hatte er je ausprobiert, nicht zu gewinnen, sondern zu bleiben. Er spürte, wie sein Atem unruhig wurde, als müsse er sich das Dasein verdienen, indem er Worte liefert.
Also redete er doch.
„Du hast vorhin gesagt, dass Deine Mutter jeden Konflikt glättet“, sagte er vorsichtig. „Dass am Ende nichts Rohes übrigbleiben darf.“ Er erinnerte sich an Evas Formulierung: Worte, die ihre Schärfe verlieren, Verantwortung, die keinen Ort mehr hat. „Ich glaube, ich habe mit Dir oft was Ähnliches gemacht. Nur mit anderen Mitteln.“
„Mit dummen klugen Sätzen“, ergänzte Eva leise.
Er nickte. Eva redete weiter; sie musste sich immer noch Luft und Platz verschaffen: „Mit klugen Sätzen. Mit Kategorien. Mit dem Versuch, mir zu zeigen, dass Du darüberstehst. Weil ich meine Mutter doch schon so oft bearbeitet habe. Als könnest Du den Abschlussbericht über Kindheit abgeben. Als könntest Du Dir die Vergangenheit vom Hals halten, wenn Du sie nur sauber benennst.“
In seinem Kopf schob sich Artikel 5 dazwischen, ohne dass er laut rief.
Die Presse ist frei.
Kein Zwang, etwas zu schreiben. Kein Zwang, etwas nicht zu schreiben. Freiheit bedeutete Auswahl. Und Auswahl bedeutete immer auch Weglassung. In einer Redaktion wie in einem Schlafzimmer. Man konnte alles sagen. Man konnte auch alles so sagen, dass am Ende nichts mehr wehtat. Man konnte sich mit einer Formulierung retten, die korrekt ist und trotzdem niemanden berührt. Und man konnte, ohne es zu wollen, genau damit zum Komplizen werden: nicht der Lüge, sondern der Müdigkeit.
„Weißt Du, woran ich vorhin denken musste?“, fragte er.
„An Deine geliebte Pressefreiheit?“, entgegnete Eva. Ein Hauch von Ironie, aber ohne Schärfe. Oder wollte er nur keine Schärfe spüren?
„Ja“, sagte Paul. „Daran, dass sie nur regelt, was der Staat nicht darf. Nicht, was wir lassen.“ Er sah sie an, diesmal länger. „Ich hab kapiert, dass das mit Dir ähnlich ist. Ich darf alles sagen. Ich darf Dir widersprechen, analysieren, Ratschläge geben. Niemand verbietet mir das. Aber ob ich es tue und wie, ist eine andere Frage.“
„Du musst ja wohl noch mit mir reden dürfen“, sagte Eva. Es klang fast trotzig, als wolle sie verhindern, dass das Gespräch in seine abstrakte Moral kippt, in deren Armen er sich sicher fühlte. „Ja“, antwortete er. „Aber vielleicht muss ich lernen, zuerst Dir zuzuhören.“
Sie verzog leicht das Gesicht. „Das klingt wie ein Kalenderspruch.“
„Ist es wahrscheinlich auch“, gab Paul zu. „Ich hab noch nichts Besseres.“
Eva sah ihn an. Und diesmal blieb ihr Blick. „Was hättest Du denn vorhin gesagt, wenn Du nicht aufgehört hättest? Was war Deine fertige Antwort?“
Paul zögerte. Die Sätze waren noch da. Dass sie sich abgrenzen müsse. Dass sie lernen müsse, ihre Mutter zu konfrontieren. Dass sie nicht ewig in der Rolle der Vernünftigen bleiben könne, die schweigt, um nicht als schwierig zu gelten. Alles richtig. Alles bekannt. Alles schon tausendmal gesagt, in vielen Variationen. Er hatte vieles gesagt und dabei oft nicht gelesen, was zwischen ihren Zeilen stand. Er hatte ihr Verhalten sortiert und ihr Erleben dabei glatt und platt geredet.
Er überlegte, ob er wieder anfangen sollte zu reden. Ob das Reden mit Eva je etwas Nützliches hervorgebracht hatte. Ob seine Ratschläge nicht längst eine Art Selbstschutz waren: Wenn er Lösungen liefert, muss er nicht fühlen, wie hilflos er ist.
Also sagte er es trotzdem, kurz, ohne Ausflug in die Theorie: „Dass Du Klartext reden sollst. Dass Du Deiner Mutter Grenzen setzen musst. Dass Du das Recht hast, gehört zu werden.“
Eva nickte langsam. „Und was daran ist falsch?“
„Nichts“, sagte Paul. „Und alles.“
Sie runzelte die Stirn.
„Es ist nicht falsch, was ich sage“, fuhr er fort. „Aber es ist zu sauber. Zu sehr von außen. Es tut so, als wärst Du nur noch nicht konsequent genug. Als gäbe es da eine Liste, die Du abarbeiten musst.“ Er machte eine Pause. „Und es tut so, als wäre ich fertig. Als wäre meine Mutter Geschichte und Deine Gegenwart.“
„Ist Deine für Dich nicht Geschichte?“, fragte Eva.
Paul dachte an die Momente, in denen er Konflikte wegmoderierte, bevor sie überhaupt sichtbar wurden. Wie er vermeintlich sachliches Verständnis zur Währung machte, mit der er sich aus Verantwortung freikaufen konnte. Je mehr er erklären konnte, desto weniger musste er sich positionieren. Und wie oft er danach zufrieden war, weil er eine Diskussion gewonnen hatte, während Eva stiller wurde. Und Eva wurde immer stiller, er immer lauter. Nicht im Ton, sondern in der verbalen Präsenz.
„Sie ist nicht mehr zuständig“, sagte er. „Aber sie ist auch noch nicht weg.“
Eva lachte leise, ohne Humor. „Das gilt für meine Mutter auch. Sie ist überall zuständig. Und sie ist nie zuständig, wenn etwas weh tut.“
Sie schwiegen wieder. Diesmal war das Schweigen nicht leer. Es war voll von Bildern, Sätzen, alten Szenen. Der Vater, der alles regelte, indem er verschwand. Die Mutter, die glättete. Lena, die gelernt hatte, dass Lautsein Luft bekommt. Eva, die schwieg. Paul, der daneben saß, geografisch irgendwo anders, innerlich aber näher, als er zugeben wollte. Er spürte, wie sich in ihm etwas wehrte: der Impuls, sofort zu relativieren, sofort zu sagen, dass auch die Mutter ihre Gründe hat. Als hätte er Angst, Eva könnte ihn für unfair halten, wenn er schlicht sagt: Das ist falsch.
„Was brauchst Du von mir?“, fragte Paul schließlich. Wieder war er es, der das Schweigen brach. Es fiel ihm schwer, diese Frage zu stellen, weil sie keine Struktur versprach.
Eva sah ihn lange an. „Nicht, dass Du meine Mutter löst. Und nicht, dass Du mir sagst, wie ich es besser machen kann.“ Sie suchte nach einem Wort. „Ich glaub… ich brauch, dass jemand bezeugt, dass ich nicht verrückt bin.“
Paul schluckte. „Du bist nicht verrückt“, sagte er, fast zu schnell.
„Nicht so“, sagte Eva. „Nicht als Beruhigung. Sondern…“ Sie brach ab, suchte nach dem, was nicht elegant wird, wenn man es ausspricht. „Wenn ich Dir von diesen Szenen erzähle, will ich nicht, dass Du mir erklärst, warum meine Mutter so ist. Oder warum mein Vater so ist. Oder warum Lena so ist. Ich weiß das alles. Ich les dieselben Bücher wie Du.“
Er nickte. Diese Bemerkung traf ihn mehr, als er erwartet hatte. Sie nahm ihm die bequeme Rolle des Wissenden. Und sie zeigte ihm, wie dünn seine Professionalität im Privaten war.
„Ich will, dass Du sie so unerträglich findest wie ich“, sagte Eva leise. „Auch wenn Du sie verstehst.“
Da war er, der Punkt, an dem Artikel 5 und das Schlafzimmer denselben Kern bekamen: Nicht nur beschreiben, was der Fall ist, sondern sich dazu verhalten. Nicht nur erklären, warum etwas so geworden ist, sondern benennen, dass es falsch ist. Selbst dann, wenn niemand einen dazu zwingt. Das Grundgesetz kann dich schützen, aber es kann dir nicht abnehmen, wofür du stehst.
Paul merkte, wie sich in ihm Widerstand regte. Die Angst, ungerecht zu werden. Einseitig. Nicht alle Perspektiven zu berücksichtigen. In der Redaktion war das ein berufliches Ethos. Ausgewogenheit. Multiperspektive. Im Privaten wurde es oft Feigheit, getarnt als Anstand. Er hatte sich daran gewöhnt, nicht zu urteilen, sondern zu erklären. Und er merkte plötzlich, wie sehr Erklärung manchmal ein Wegducken ist.
„Ich finde das unerträglich“, sagte er schließlich. „Wie Deine Mutter Dir Deine Wahrnehmung aus der Hand nimmt. Wie Dein Vater sich schützt, indem er verschwindet. Wie Lena gelernt hat, dass Lautsein Belohnung gibt.“ Er hielt inne, als müsse er prüfen, ob er damit etwas zerstört. Dann merkte er, dass er eher etwas repariert: die einfache Wahrheit, dass Evas Schmerz real ist.
Eva atmete aus, als hätte sie die Luft länger gehalten, als ihr bewusst war. „Danke“, sagte sie. Einfach nur das.
Paul spürte, dass er an einer Schwelle stand. Bisher war er derjenige gewesen, der verstand, analysierte, ordnete. Jetzt stand er vor der Möglichkeit, für Eva Partei zu ergreifen. Gegen ein System, das sie klein hielt. Ohne sich dahinter zu verstecken, dass alle ihre Gründe haben. Er dachte daran, wie oft er in Texten das Wort Verantwortung benutzt hatte, ohne dass es ihn etwas kostete.
„Und ich finde es auch unerträglich, wie ich Dir zuhöre“, fügte er hinzu. „Wie ich so tue, als würde ich Dich ernst nehmen, während ich eigentlich schon an meinen nächsten Text denke, weil mir das Sicherheit gibt“. Er spürte, wie sein Gesicht heiß wurde. Nicht vor Scham allein, eher vor dem ungewohnten Zustand, nicht klüger sein zu wollen als das, was ist.
Eva blinzelte. „Das finde ich ehrlich gesagt ebenso unerträglich.“ Ein kurzer, trockener Humor blitzte auf. „Aber immerhin sagst Du es.“
Sie rückte ein wenig zur Seite, machte unbewusst Platz neben sich. Paul nahm diese Bewegung nicht als Einladung zur Lösung, sondern als Angebot zu bleiben. Er legte sich nicht hin, das wäre zu viel gewesen, aber er ließ seinen Körper näher an ihren heranrücken. Nah genug, dass sie seine Anwesenheit spüren konnte. Weit genug, dass sie jederzeit Abstand herstellen konnte. Er merkte, wie selten er das aushielt: Nähe ohne Leistung.
Im Kopf schob sich noch einmal der Titel nach vorn, den er über seinen Text geschrieben hatte: Pressefreiheit. Er dachte daran, wie er die Formulierungen verschoben hatte. Weniger Absicherung. Mehr Klarheit. Weniger Neutralität als Tarnung. Mehr Haltung als Risiko.
Und er dachte an den eigentlichen Wortlaut, den er sonst nur in Seminaren zitiert hatte, als wäre er ein Werkzeugkasten: Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten. Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film sind gewährleistet. Zensur findet nicht statt. Es klang nüchtern, aber im nüchternen Klang lag eine Zumutung. Es sagte nicht: Du musst mutig sein. Es sagte nur: Du darfst. Und dieses Dürfen ist gefährlich, weil es so leicht wird, daraus ein bequemes Lassen zu machen.
Vielleicht, dachte er, musste er beides zusammenbringen: den Text und diesen Raum. Vielleicht musste er einen Artikel schreiben, der nicht nur sauber war, sondern die Müdigkeit benannte, mit der Redaktionen sich auf ihre Rechte zurückzogen, während sie Verantwortung delegierten. Und gleichzeitig musste er lernen, im gemeinsamen Raum mit Eva nicht wie in einem Kommentar oder einer Kolumne zu sprechen. Nicht wie jemand, der Recht hat, sondern wie jemand, der da ist.
„Morgen“, sagte er leise, „muss ich den Text abgeben.“
Eva nickte. „Und?“
„Ich werde ein paar Sätze lassen, wie sie sind“, sagte er. „Aber ich werde mich davor nicht mehr verstecken. Nicht so tun, als ginge es nur um Zuständigkeiten und Machtverteilung.“ Er dachte kurz nach. „Vielleicht schreib ich rein, dass Freiheit nicht nur vor etwas schützt, sondern zu etwas verpflichtet. Auch wenn es niemand einklagen kann. Und dass Zensur nicht nur ein Verbot von außen ist, sondern auch die bequeme Selbstkürzung, die man verkauft als Professionalität.“ Er spürte, dass er sich dabei selbst meinte.
Eva zog eine Augenbraue hoch. „Und was verpflichtet Dich hier?“
Paul überlegte. Früher hätte er große Worte genommen, geeignet für Überschriften. Heute merkte er, dass es einfacher war. Und schwieriger, weil es keine Ausflucht bot.
„Du“, sagte er. „Jetzt.“
Es waren keine großen Worte. Aber es traf dort, wo all die klugen Sätze bisher vorbeigegangen waren: bei der Frage, wem er sich eigentlich stellte, wenn er sich auf seine Freiheit berief. In der Redaktion stellte er sich dem Thema. Hier stellte er sich einer Person.
Sie schwiegen wieder. Diesmal fühlte es sich nicht an wie Ausweichen. Eher wie Ankommen. Paul hörte plötzlich Dinge, die vorher im Lärm seines Denkens untergingen: Evas Atem, das leise Knacken des Bettes, das ferne Summen der Heizung. Es war banal. Und gerade deshalb real. Keine These, keine Antithese, keine Synthese. Nur zwei Menschen, die versuchen, nicht wegzugehen.
In der Küche wurde der Kaffee weiter kalt. Der Cursor schien im zugeklappten Gerät zu blinken, irgendwo zwischen Halbsätzen und gelöschten Formulierungen. Paul wusste, dass er später wieder dorthin zurückkehren würde. Aber zum ersten Mal seit Langem war das nicht der Ort, an dem er überprüfte, ob er ein guter Journalist war. Sondern nur der Ort, an dem er schrieb, was er verstanden hatte. Und dass Artikel 5, so streng er im Gesetz stand, im Leben weich wurde, sobald niemand mehr zwang. Freiheit war da. Die Frage war nur, ob man sich in sie hineinstellte. Oder ob man sie benutzte, um auszuweichen. Ob man die eigene Stimme wie eine Überschrift trug. Oder wie ein Schutzschild.
Später würde der Cursor wieder blinken. Er dachte an die Tür, Evas Ja. Freiheit war da, aber ohne Zwang weich. Er musste sich festlegen – im Text, bei ihr. Kein Glätten mehr, wenn das nur Wahrheit wegdrückt. Bezeugen statt erklären.
Einleitung
Seine Befürworter sagen, Donald Trump ist ein Ausnahmepolitiker, denn er macht genau das,
was er zuvor angekündigt hat. Seine Gegner behaupten, er ist ein Deal-Maker, der gerade dabei ist, die Weltordnung auf den Kopf zu stellen und bereichert sich selbst daran. Talkshow-Moderator Kimmel hat über US-Präsident Trump in der „alternativen Weihnachtsansprache“ im britischen Fernsehen, des Channel 4 folgendes gesagt: „Hier in den Vereinigten Staaten reißen wir gerade im übertragenen wie im wörtlichen Sinne die Grundfesten unserer Demokratie ein. Von der freien Presse über die Wissenschaft und die Medizin bis hin zur Unabhängigkeit der Justiz und dem Weißen Haus selbst – wir sind ein einziges Chaos.“ Der größte Teil der politischen Welt biedert sich mehr oder weniger öffentlich bei Trump an, nicht weil er so gut ist, sondern, weil er der Präsident eines der
mächtigsten Länder dieser Welt ist. Richtig erschwerend kommt hinzu, dass es sich bei ihm um einen grandiosen Narzissten handelt, der eine geringe Neigung verspürt, auf andere einzugehen. Die, die sich bei ihm die Klinke in die Hand geben, werden eigentlich nur als Applaus-Lieferanten benutzt. Trump protzt, will überlegen wirken und überschätzt sich gnadenlos selbst. Ein Beispiel gefällig? Am 18. August 2025 empfing Trump die wichtigsten Vertreter Europas zu einem Ukraine Gipfel. Jeder dieser Staats- Männer und Frauen dankten und huldigten reihum in ihren Ansprachen Präsident Trump. Worüber sprach der US-Präsident? Über angebliche Probleme mit Wahlmaschinen in den USA, über Migrationspolitik, die Sicherheitslage in der Hauptstadt Washington und auch über seine
Familie. Das Volkslied „Die Gedanken sind frei“ von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben könnte eine Antwort für den politischen Beobachter gewesen sein. Hätte einer der an diesem Gipfel Beteiligten Trump angemahnt, bitte doch beim Thema zu bleiben, so wäre ein extrem heftiger Wutausbruch die Folge und hätte in einer öffentlichen Demütigung für den Auslöser geendet. Der beschriebene Staatsbesuch und das Sondergespräch ist eine Erzählung mit echten und fiktiven Elementen. Mit dem Wissen, dass einem Großteil der politisch interessierten Welt klar ist, was Diplomatie aushalten muss, aber dass diese auch ihre Grenzen hat. Überlassen wir den Übergang zu dem Staatsbesuch William Somerset Maugham der sagte:
Aufrichtigkeit ist höchstwahrscheinlich die verwegenste Form der Tapferkeit. Recht hat er!
Der Staatsbesuch
Erstmalig nach seiner Amtseinführung ist der US-Präsident Donald Trump zu Besuch in
Berlin. Bundeskanzler Friedrich Merz empfängt im Juni 2025 den Republikaner im
Kanzleramt zu einem bilateralen Gespräch. Die beiden schütteln bei der Begrüßung mehrfach
freundlich die Hände, umarmen sich und posieren für Fotos. Trump lobt zudem das gute Englisch des Kanzlers. Das ist die eine Seite der Medaille. Die Kehrseite der Medaille ist die schwierige Situation, in der sich Bundeskanzler Merz befindet. Er will auf den US- Präsidenten zu wichtigen Themen einwirken – aber Druck ausüben kann er nicht. Damit die Gespräche etwas einfacher werden könnten, wird Deutschland die Nato-Quote für Verteidigung im Jahr 2029 auf 3,5 % steigern. Alles in allem ein Drahtseilakt für Merz. Souverän auftreten, aber nicht zu sehr. Unterwürfigkeit, ein bisschen, aber nicht zu sehr. Um Trumps Gunst zu gewinnen nehmen viele Politiker eine untergeordnete Haltung ein und sind voll des übermäßigen Lobes für Trump. Von vielen Beobachtern wird der politische Umgang mit ihm oft als unwürdig angesehen. Umso mehr war die Bundesregierung überrascht, dass Trump gemeinsam mit seiner Regierungssprecherin Karoline Leavitt die Teilnahme an einem gemeinsamen Sondertreffen im Rahmen des Staatsbesuches mit Abgeordneten des deutschen Bundestages zugesagt habe. Das gemeinsame Gespräch fand auf Schloss Meseberg statt, das deutsche Gegenstück zu Camp David in den USA. Dieses Treffen war jedoch heikel. Die Bundesregierung hat sich lange schwergetan, überhaupt dem Antrag einiger Bundestagsabgeordneten zu diesem Treffen zuzustimmen. Hintergrund sind die deutlich erhobenen Vorwürfe der USA gegen Deutschland, die insbesondere den Umgang mit der Opposition und die Einschränkung der Meinungsfreiheit betreffen. Im jährlichen Menschenrechtsbericht des US-Außenministeriums, der im August 2025 vorgestellt wurde, attestierte die US-Regierung Deutschland erhebliche Mängel bei der Meinungsfreiheit. In dem Bericht ist von „ernsthaften Einschränkungen“ die Rede, was die Bundesregierung entschieden zurückwies. Nun dieses Sondergespräch mit Trump! Man hatte den Eklat vom Februar 2025, bei Selenskyjs erstem Besuch im Weißen Haus nach Trumps Amtsantritt noch im Hinterkopf, als es vor laufenden Kameras zu einem lautstarken und unwürdigen Streit kam. Da gab es noch die Begegnungen zwischen Angela Merkel und Donald Trump im Weißen Haus, die als Paradebeispiele für diplomatische Spannungen gelten. Bei Merkels erstem Besuch im März 2017 kam es im Oval Office zu einem bizarren Moment vor laufenden Kameras. Während Fotografen lautstark nach einem „Handshake“ riefen, wandte Merkel sich Trump zu und fragte leise: „Möchten Sie einen Handschlag?“. Trump starrte stur geradeaus, die Hände zwischen den Knien verschränkt, und reagierte überhaupt nicht. Das Weiße Haus behauptete später, er habe die Frage schlicht überhört. Alleine die Tatsache, dass Trump diesem Sondergespräch mit den deutschen Politikern zustimmte, stieß auf unterschiedliche Reaktionen. Die einen sahen das als ein positives Zeichen der US-Regierung an, die anderen fürchteten eine gut geplante öffentliche Vorführung von deutschen Politikern. Diese Annahme befeuerte auch die Teilnahme der Regierungssprecherin Karoline Leavitt an dem Gespräch. Erst kürzlich hatte der Journalist S.V. Date die US-Regierungssprecherin in einer Textnachricht gefragt, wer entschieden hatte, dass ein mögliches Treffen von US-Präsident Donald Trump und Kremlchef Wladimir Putin in der ungarischen Hauptstadt Budapest stattfinden soll. „Deine Mutter war’s“, schrieb Karoline Leavitt, auf eine ernst gemeinte Nachfrage als Antwort. Auf weitere Nachfrage des Journalisten, ob Leavitt das lustig fände, unterstellte Leavitt dem Journalisten, ein voreingenommener „linker Schreiberling“ zu sein. Die großen Bedenken, dass Deutschland in ein „böses Schauspiel“ hineingezogen werden könnte, waren durchaus berechtigt. Es gab jedoch Abgeordnete, die der festen Überzeugung waren, dass man sich diesem Gespräch stellen muss, selbst auf die Gefahr hin, dass versucht wird, die Demokratie als Instrument der Schwäche darzustellen. Der Bundestagsabgeordnete Parsa Marvi schrieb dazu an die Bundesregierung:
„Wir stehen in einer neuen Konfrontation mit den Befürwortern autoritärer Systeme, die in Presse- und Meinungsfreiheit eine Bedrohung sehen und diese mit allen Mitteln bekämpfen! Wir sind aufgerufen, unsere Werte aktiv zu verteidigen. Sterben die Presse- und die Meinungsfreiheit, sterben auch Demokratie, Pluralismus und alles, was uns ausmacht – entweder mit einem lauten Knall wie mit der Erstürmung des Kapitols in den USA 2021 fast geschehen oder langsam und unbemerkt wie in Ungarn. Mahnende Beispiele gibt es leider mehr als genug.“
Das Sondergespräch
Dieses Sondergespräch war ein mutiger Schritt der Bundesregierung und vieler Abgeordneter
und ein klares Zeichen an das eigene Land und die Welt, dass sich Deutschland nicht ängstlich hinter der Demokratie versteckt, sondern sich bewusst vor sie stellt. Wenn nötig, sie auch mit aller Kraft zu verteidigen. Man einigte sich bei den Vorbesprechungen, dass aus dem deutschen Bundestag eine bestimmte Anzahl Abgeordnete aller gewählter Parteien teilnehmen, die von den Parteien wiederum selbst bestimmt werden. Der Regierungssprecher der Bundesregierung, Stefan Kornelius, der zugleich Chef des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung ist, soll dieses Gespräch leiten. Normalerweise gibt es bei Staatsgespräche keine Moderatoren, aber es gab bisher auch nicht solch ein Sondergespräch auf der politischen Weltbühne. Aus diesem Grund einigte man sich auf diese Variante, die von allen Seiten auch so bestätigt wurde. Der klassisch-barock ausgestattete Spiegelsaal auf Schloss Meseberg mit seinen hohen Decken, Stuck, Kronleuchtern, historischen Gemälden und Parkettböden ist äußerst repräsentativ und bietet einen Blick ins Grüne des Schlossparks. Bei der Dekoration der Räumlichkeiten entschied man sich für einen historischen und eleganten Stil, da man von dem Besuch Trumps bei König Charles in England wusste, dass dem US-Präsidenten diese Art von Umgebung gefällt. Man hoffte insgeheim, dass sich diese Art der Wertschätzung in den Gesprächen niederschlagen würde. Das Protokoll setzte das Sondergespräch auf Mittwochnachmittag um 15:00 h an. Für die Dauer waren 60 Minuten eingeplant. Auf Wunsch der US-Regierung sollte es im Anschluss keine gemeinsame Pressekonferenz geben. Die Abgeordneten des deutschen Bundestages hatten bereits ihre Plätze eingenommen, als der amerikanische Präsident Donald Trump mit seiner Regierungssprecherin Karoline Leavitt den Saal betrat. Es erfolgte eine freundliche Begrüßung durch Stefan Kornelius und höflich wurden ihnen ihre Plätze zugewiesen. Nun war der Moment da: Man saß sich gegenüber. Präsident Trump wirkte aufgeräumt und präsent, was für eine gewisse Entspannung zu Beginn des Gespräches sorgte.
Bevor Stefan Kornelius zu dem geplanten Ablauf etwas sagen konnte, ergriff Karolin Leavitt das Wort. Ohne einleitende Worte sagte sie kühl und bestimmend: „Ich möchte eines klarstellen und wiederhole hier meine Aussage von Februar des letzten Jahres im Weißen Haus anlässlich einer Pressekonferenz: Niemand hat das Recht, dem Präsidenten Fragen zu stellen – das ist eine Erlaubnis, die gewährt wird. In diesem Sinne soll dieses Gespräch geführt werden. “ Man konnte diesen Einstieg als Brüskierung werten. Stefan Kornelius reagierte jedoch entspannt und gelassen. “Vielen Dank Mrs. Leavitt für diesen Hinweis und für die Bereitschaft des Gespräches.“ Nachdem er den eigentlichen Ablauf und die einzelnen Abgeordneten vorgestellt hatte, begann er mit folgendem Einstieg:
„Mr. President, sie sagten kürzlich, sie wünschen sich ein starkes Europa. Das jetzige braucht Veränderungen. Sie haben gute Beziehungen zu EU-kritischen Kräften, beispielsweise Ungarns Ministerpräsident Victor Orban. Weiterhin sollen die europäischen Märkte für US-Waren geöffnet werden. Sie sprechen von fairen Handelsbedingungen für amerikanische Firmen, aber auch von einer politisch motivierten Zusammenarbeit, insbesondere in Ländern Mittel-, Ost- und Südeuropas. Hier sollen „gesunde Nationen“ entstehen, die nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich eng mit den Vereinigten Staaten kooperieren – Waffenhandel inklusive. Sehen Sie die jetzige EU und Europa insgesamt als schwach an?“
Präsident Trump:
„Ich denke ja, das gegenwärtige Europa finde ich schwach, auch viele ihrer politischen Führer. Man sagt, die USA würden die globale Sicherheit schwächen, das ist falsch. Europa gefährdet durch seine wirtschaftliche Schwäche die globale Sicherheit, weil dadurch das westliche Bündnis geschwächt wird. Ich habe das bereits in meiner ersten Amtszeit klargestellt. Die USA schützt Europa militärisch und trägt dafür die Kosten. Die EU hat einen großen Handelsüberschuss gegenüber den USA. Das akzeptiere ich nicht.“
Roderich Kiesewetter:
Mitglied des Deutschen Bundestages
„Mr. President, die Europäische Union (EU) hat uns nicht nur eine wichtige internationale Stimme gegeben, sondern auch ein geopolitisches Gewicht, was als einzelner Staat nicht möglich wäre. Darauf sind wir Europäer sehr stolz. Warum stehen Sie der EU, ich spreche es direkt aus, so feindlich gegenüber?“
US-Präsident Trump:
„Warum sagen Sie dass ich feindlich bin? Wir haben uns doch bei den Zöllen geeinigt. Warum verstecken sich Europas Staaten hinter der EU? Warum können wir keine direkten Deals machen, das wäre einfacher. Die EU ist kompliziert, es wird viel geredet. Doch ist die EU stark? Nein, das ist sie nicht. Es wird viel gedroht, doch zum Schluss ist wieder alles anders.“
Norbert Röttgen
Mitglied des Deutschen Bundestages
„Entschuldigen Sie, Mr. President, ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, aber eine der Strategien der US-Regierung sind doch Drohungen. Beispielsweise die von Ihnen angesprochene Zollpolitik, die Beendigung des Ukraine Krieges und aktuell das Einreiseverbot der beiden Leiterinnen der deutschen Beratungsstelle HateAid, die gegen Hass und Hetze im Internet eintreten. Der Grund sei eine angebliche Zensur amerikanischer Online-Plattformen. Die Pressefreiheit ist einer der Grundpfeiler unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung in Deutschland, gleichzeitig wird die Pressefreiheit in Deutschland von der US-Regierung in Frage gestellt. Wie passt das zueinander?“
Karoline Leavitt
Regierungssprecherin US-Regierung
„Haben Sie nicht zugehört, was ich zu Beginn gesagt habe? Fragen werden Ihnen gewährt, aber nur, wenn sie respektvoll sind. Diese Art von Fragen steht Ihnen nicht zu. Ich weiß nicht, wo Sie Ihre Qualifikation dafür hernehmen……“
Stefan Kornelius
Regierungssprecher der Bundesregierung
„Entschuldigen Sie bitte, wenn die Frage für Sie zu direkt gewesen sein sollte, aber sie beruht auf Tatsachen und ja, Herr Röttgen besitzt die Qualifikation, er ist in seiner Partei u.a. für die Verteidigung und eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik zuständig.“
US-Präsident Trump:
„Danke Karoline, aber das ist genau euer Problem, denn ihr seid das Problem. Ihr fordert Respekt ein, habt aber selbst keinen Respekt, wie diese HateAid, die eine Zensur amerikanischer Online-Plattformen will. Ich habe angekündigt, dass ich unsere Gesetze über Verleumdung und üble Nachrede erweitern werde. Wenn die New York Times die Washington Post oder die BBC einen skandalträchtigen Artikel schreibt, dann werden wir sie verklagen und Geld kassieren. Wenn ich das abgeschlossen habe, dann werden Presse und Medien mit Klagen überzogen. Das ist wahre politische Stärke.“
Steffen Bilger
Mitglied des Deutschen Bundestages
„Mr. President, der Umgang eines Staates mit Journalisten spiegelt den Grad an gelebter Freiheit in einer Gesellschaft wider. Die dauerhafte Wahrung echter Meinungs- und Pressefreiheit ist eine der Grundfesten unserer Demokratie. Aus dieser Erkenntnis ergibt sich für uns auch der Auftrag anderen Staaten gegenüber Pressefreiheit einzufordern.“
Dr. Karamba Diaby
Mitglied des Deutschen Bundestages (bis 2025)
„Wir sollten uns besonders bewusst machen, welchen Stellenwert freier und unabhängiger Journalismus für unsere Demokratie hat. Insbesondere kritische und sorgfältig recherchierte Beiträge sind dabei oft das Salz in der Suppe: Das zeigt sich gerade im Vergleich zu Staaten, in denen Medienfreiheit nicht oder nur eingeschränkt existiert. Bei allem Respekt, sind die USA nicht auf dem Weg dahin?“
US-Präsident Trump:
„Ich denke, wir beenden das jetzt hier. Ihr seid Vertreter der Medien, oder? Ihr seid hier alle Verräter der Demokratie. Dieses aufwieglerische Verhalten ist strafbar. Das ist das was wir über euch denken.“
Stefan Kornelius
Regierungssprecher der Bundesregierung
„Mr. President, keiner der hier Anwesenden vertritt die Presse oder Medien, aber die Abgeordneten stehen zu Pressefreiheit. Wir haben aus unserer deutschen Geschichte gelernt. Ich darf erinnern, im Dritten Reich wurde die Pressefreiheit vollständig abgeschafft und die Medien in ein Propagandainstrument des NS-Staats verwandelt. Durch Gesetze wie das Schriftleitergesetz und die Gründung des Reichspropagandaministeriums wurden Journalisten zwangsweise linientreu gemacht, Andersdenkende verfolgt und die Inhalte vollständig der NS-Ideologie unterworfen, um eine einheitliche Weltanschauung durchzusetzen.“
Martin Gerster
Mitglied des Deutschen Bundestages
„Entschuldigen Sie meinen Einwand, ich darf jedoch ergänzen: Als ausgebildeter Redakteur weiß ich um das hohe Gut der Pressefreiheit und die zentrale Rolle, die den Medien als sogenannte „vierte Gewalt“ im Staat zuteil wird. Die Pressefreiheit leitet sich aus dem universalen Menschenrecht auf freie Meinungsäußerung ab, die wir in vielen Staaten dieser Welt leider bedroht sehen. Gerade weil die Medien so eine wichtige Informationsfunktion für die Bürger eines Landes haben, aber auch das Handeln der politisch Verantwortlichen durch kritische Berichterstattung kontrollieren, sind Journalisten besonders in autokratisch geführten Staaten ernsthaften Gefahren ausgesetzt.“
Karoline Leavitt
Regierungssprecherin US-Regierung
„Das reicht jetzt, Sie haben den Präsidenten gehört. Das ist so nicht abgesprochen. Sie sollten keine voreingenommenen Fragen stellen und den Präsidenten fair behandeln. Ist das hier eine verdeckte Pressekonferenz? Das, was hier abläuft ist der Grund, warum wir die Gesprächspartner überprüfen, damit erst keine „Fake News“ entstehen.“
Stefan Kornelius
Regierungssprecher der Bundesregierung
„Mrs. Leavitt, das ist keine verdeckte Pressekonferenz, es ist wie abgesprochen, ein Gespräch
mit Abgeordneten des Bundestages. Keiner spricht hier über „Fake News“.
Präsident Trump und seine Regierungssprecherin Karoline Leavitt stehen gemeinsam auf und wollen das Sondertreffen verlassen.
Dr. Malte Kaufmann
Mitglied des Deutschen Bundestages
„Mr. President, ich bitte kurz um Ihre Aufmerksamkeit. Die Pressefreiheit ist ein wichtiger Grundpfeiler der Demokratie. Deutschland muss dabei allerdings auch vor seiner Haustür kehren. In der Rangliste der Pressefreiheit (Press Feeedom Index) fiel die Bundesrepublik innerhalb von 20 Jahren von Platz 7 (2002) auf aktuell Platz 13 zurück. Zensur, finanzielle Abhängigkeiten durch den Staat und Druck auf Journalisten, genehme Meinungen zu veröffentlichen, gibt es leider auch hierzulande.“
Trump und Leavitt bleiben kurz stehen und setzen sich wieder.
Roger Beckamp
Mitglied des Deutschen Bundestages (bis 2025)
„Es gibt zahlreiche Gründe, die Pressefreiheit in Deutschland zu hinterfragen. Die Verstrickungen von Politik und Staat sind das eine, wie etwa die Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft in Berlin, auch besser bekannt als SPD-Medienimperium. Wirklich problematisch und oft nicht als Ganzes gesehen ist aber Folgendes: Staatlich initiierte Presse (Staatsversträge), staatlich finanzierte Presse (GEZ-System, Werbeschaltungen der Regierung in staatlich genehmer Presse, Vergünstigungen bei der Zustellung), staatlich auch inhaltlich gelenkte Presse (Medienaufsicht), staatlich lizenzierte Presse (Sendelizenzen) sind das andere.“
US-Präsident Trump:
„Offensichtlich gibt es noch ehrliche Politiker in Deutschland. Und diese Partei wollt ihr verbieten? Ihr seid es doch, die die Pressefreiheit unterlaufen. Was hat mein Vizepräsident J.D. Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz gesagt? Die Wahrheit. Die freie Meinungsäußerung und die Demokratie sind in Europa, auch in Deutschland auf dem Rückzug. Und was ist mit der Brandmauer gegen die AFD, diese ist doch von vielen Menschen gewählt worden.“
Karoline Leavitt
Regierungssprecherin US-Regierung
„Danke für Ihre ehrliche Haltung, Mr. Kaufmann und Mr. Beckamp. Wir haben das Problem, das sie aktuell in Deutschland haben, bereits gelöst. Als Reaktion auf die „Fake News und Angriffe“ der Reporterinnen und Reporter hat das Weiße Haus eine Webseite eingerichtet Auf ihr listen wir Medienorganisationen und Reporter auf, die falsche, einseitige oder irreführende Geschichten veröffentlichen. Die Plattform „Media Offenders“ präsentiert sowohl die „Täter der Woche“ als auch eine „Hall of Shame“. Auf vier Seiten listen wir Medienberichte auf, die wir in Kategorien wie Voreingenommenheit, Lüge, falsche Behauptung, Fehlverhalten, fehlender Kontext, Fehlinterpretation, zirkuläres Berichten, Unterlassung und „linken Wahnsinn“ unterteilt haben. Das würde ihrem Land auch gutstehen.“
Stefan Kornelius
Regierungssprecher der Bundesregierung
„Ich möchte der Richtigkeit wegen ergänzen, dass Deutschland in der Tat auf Rangliste 11
zurückgefallen ist, was für Reporter ohne Grenzen noch als „zufriedenstellend“ gilt. Für unser Land kann das jedoch nicht der Anspruch sein. Hintergrund dieser Problematik ist, dass wir mit Herausforderungen, wie politischem Druck und Bedrohungen durch Extremisten konfrontiert sind. Wir stellen uns jedoch dieser Aufgabe in aller Öffentlichkeit.“
Katrin Göring-Eckardt
Mitglied des Deutschen Bundestages
„Ich darf zu diesem Thema noch etwas hinzufügen. Ohne freie Presse keine Demokratie, kein Rechtsstaat, keine Freiheit. Umso wichtiger ist ihr Schutz. Gerade in Zeiten von Propaganda und Desinformation.“
Sie verweist auf Sergey Lagodinsky, den stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Europäischen Parlament, der zugleich US- und Russlandpolitischer Sprecher der Fraktion ist und verliest eine Veröffentlichung von ihm:
„Es scheint nicht mehr „America first“ zu heißen, sondern „America only“. Die Schließung von amerikanischen Qualitätsmedien für Menschen in undemokratischen Ländern führt zu abrupten und dramatischen Rückschlägen für Demokratieentwicklungen weltweit, insbesondere in den Ländern der ehemaligen UdSSR. Die USA senden ein fatales Signal und sie opfern Pressefreiheit für unausgegorene Musk Ideologien. Musk hatte US-finanzierten Medien Radio Free Europe/Radio Liberty (RFE/RL) und Voice of America (VOA) als „linksradikal“ und als herausgeschmissenes Geld bezeichnet. Sie müssten geschlossen werden. US-Präsident Donald Trump möchte das Budget für den Auslandsrundfunk extrem kürzen. Autoritäre Staaten feiern das. Denn weniger Geld heißt weniger kritische Berichte.“
Ariane Fäscher
Mitglied des Deutschen Bundestages (bis 2025)
„Aus deutscher Sicht und das möchte ich deutlich betonen, sind Presse- und Medienfreiheit sowie Medienvielfalt grundlegende Werte für das Gelingen unserer Demokratie. Mit der Berichterstattung der Deutschen Welle und der Arbeit der Deutsche-Welle-Akademie stärken wir in Entwicklungsländern freie Medien, den freien Zugang zu Informationen, die Meinungsfreiheit und die Medienkompetenz gerade bei jungen Menschen. Insbesondere sie, aber auch alle anderen Menschen müssen sich aus verschiedenen, unabhängigen Medien informieren können, um sich eine möglichst differenzierte Meinung zu bilden, Zusammenhänge und Hintergründe zu verstehen und so Gesellschaft aktiv zu gestalten. Nur so können Diskurs und demokratischer Zusammenhalt gelingen.“
US-Präsident Trump:
„Für wen haltet ihr euch? Ihr sprecht mit dem amerikanischen Präsidenten. Dieses dumme Gespräch hätte nie stattfinden dürfen. Deutschland ist ein totaler Schlamassel, gigantische Kriminalität. Viele Politiker wie ihr werden für eine Reihe beispielloser Katastrophen verantwortlich sein, die eure Nation an den Rand der Zerstörung bringen wird.“
Präsident Trump und seine Regierungssprecherin Karoline Leavitt verlassen wortlos den Spiegelsaal von Schloss Meseberg.
Stefan Kornelius
Regierungssprecher der Bundesregierung
„Meine lieben Kolleginnen und Kollegen, wir müssen auch bereit sein, für unsere Werte einzustehen und allen denjenigen Grenzen aufzeigen, die jegliche Art von Freiheiten abschaffen wollen. Die Freiheit des Einzelnen hört da auf, wo die Freiheit des anderen beginnt, daran müssen wir uns messen lassen. Wir wussten alle, dass es ein sehr schwieriges Gespräch sein wird und dass sicherlich der Versuch unternommen wird, die Wahrheit dieses Dialoges so hinzustellen, dass wir die Schlechten sind. Das werden wir aushalten. Konrad Adenauer sagte, – Die persönliche Freiheit ist und bleibt das höchste Gut des Menschen -, dafür werden wir mit unserer ganzen Kraft einstehen.
Persönliche Gedanken
Kriegstüchtig werden, die Diskussion über eine Wehrpflicht, Aufrüstung, öffentliche Kriegsdrohungen durch Russland und ein US-Präsident, der Europa die kalte Schulter zeigt, sind inhaltsvolle Begriffe, die einen erschauern lassen. Unsere Freiheit in all ihren Facetten, war lange nicht so in Gefahr, wie in dieser Zeit. Einschüchtern lassen, klein beigeben? Ein klares Nein! Die Väter unserer Nation haben 1848/1849, in der bürgerlich-liberalen „Märzrevolution“ von einer Republik unter der Souveränität des Volkes geträumt und dafür gekämpft. 1919 – 1933, in der Weimarer Republik entstand die erste parlamentarische Demokratie. 1949, der demokratische Neuanfang in Westdeutschland, als freiheitlicher Rechtsstaat und zuletzt, die deutsche Wiedervereinigung in den Jahren 1989/1990, angestoßen, durch die friedliche Revolution in der DDR. Das sind unsere Werte und unser Fundament.
Die Presse muss die Freiheit haben, alles zu sagen, damit gewisse Leute nicht die Freiheit
haben, alles zu tun.
Alain Peyrefitte
Platz #84 von 180 auf der aktuellen Rangliste der Pressefreiheit – das klingt ja gar nicht so schlecht! Was ist #84 für ein Land? Eines, das atmet, redet, erzählt? Ja, sagen sie. Ein Land, das tanzt und dessen Zukunft wir auf dem Schirm haben sollten? Ja, sagen sie. Politik, Wirtschaft, Meinungsfreiheit – alles halbwegs in Ordnung, vielleicht sogar besser als vor ein, zwei Jahren? Ja, sagen sie. Spannend, oder? Und wie! Du freust dich, willst mehr herausfinden. Du willst recherchieren. Also buchst du den Flug. Den Ablauf deiner Reise hast du akribisch bis ins kleinste Detail geplant. Doch dann bist du dort, vor Ort, und du merkst, dass die Worte zwar da sind, sie aber immer häufiger in deiner Kehle stecken bleiben. Sie wollen raus, kratzen sich mühsam ihren Weg an die Oberfläche. Du steckst fest, verstehst aber nicht, warum. Du merkst: Das Ranking erzählt nur die halbe Geschichte – und du musst aufpassen, wem du deine erzählst.
Du schlägst deine Zelte in einem kleinen Hotel in der Innenstadt auf, nichts Besonderes. Zur Begrüßung reicht man dir Kekse und Mate – ein herzliches Willkommen. Du fühlst dich auf Anhieb pudelwohl. Schwungvolle Rhythmen aus dem Radio erfüllen den Raum. Du wirst übermütig, stellst Fragen. Oberflächlich, dann tiefgründiger. Du bekommst auch Antworten – bis die Luft zwischen dir und der sympathischen Rezeptionistin plötzlich schwerer wird, als du die Proteste erwähnst, von denen du in den Nachrichten gehört hast. In den Nachrichten in deiner Heimat. Darüber wisse man nicht viel, entgegnet sie. Zu lange her. Zu weit weg. Stille. Aber wenn du hören willst, wo es die besten Empanadas oder die beliebteste Musik zum Ausgehen gibt, kannst du dich jederzeit melden.
Am nächsten Morgen blätterst du die Zeitung auf, die auf dem Frühstückstisch parat liegt. Du erfährst viel – und doch so wenig. Politik? Alles beim Alten. Wirtschaft? Alles bestens. Land und Leute? Alles normal. Deine Augen wandern zwischen den Zeilen. Doch da ist nichts. Du hast Mühe zu verstehen, obwohl du die Sprache fließend sprichst. Du suchst nach der Kurve auf der geraden Straße, die dir präsentiert wird. Plötzlich tippt dir ein weiterer Gast auf die Schulter. Wo du herkommst, fragt er. Deutschland, sagst du. Ahh, Hitler! Dein Magen zieht sich zusammen. Ahh, Stroessner!, konterst du mit einem Augenzwinkern, wenn es hier schon um Diktatoren gehen soll. Der Fremde lächelt, doch das Lächeln erreicht nicht seine Augen. Er wendet sich ab, streicht Marmelade auf die Chipa. Dann zückt er sein Handy. Stille.
Die Tage verstreichen, ohne dass du ein Wort zu Papier gebracht hast. Planänderung. Du schaltest den Kopf aus, genießt das Sein. Denn ein Leben in Land #84, das ist wild und bunt und aufregend. Es betont das Gute, wenn das Böse sich durch die Bedürfnisse des Alltags frisst. Es ist Schwarz und Weiß – aber so richtig. Zwar nennt man die Dinge nicht immer beim Namen, doch dafür offenbaren sie sich in aller Pracht. Die Herzlichkeit im Miteinander. Der Geschmack auf der Zunge. Das weite Land jenseits der Großstadt. Die Menschen – unglaublich, diese Menschen! Sie sind lustig, herzlich, gesellig, hilfsbereit, neugierig. Alles auf einmal. Und doch herrscht ab einem bestimmten Punkt … Stille.
Weil du immer noch nicht weißt, worüber du schreiben sollst, machst du eines Abends einen Abstecher in die Vororte der Hauptstadt. In einer kleinen, landestypischen Bar triffst du sie: Ana. Ana ist Ende zwanzig, Einheimische, Sozialarbeiterin. Sie erzählt dir, dass sie nicht die große Partei wählt, die schon während der Diktatur regiert hat. Sofort spürst du, dass sie einen Dämpfer erfährt: die Stille, an die du dich zu gewöhnen scheinst. Denn Ana ist laut. Ihre dunklen Locken wippen im Takt, während sie mit dir spricht und ihr helles Lachen den Raum mit Leben füllt. Sie schildert unverblümt, woran es Land #84 fehlt, warum du dankbar sein solltest, in Land #11 zu wohnen. Es kümmert sie nicht, dass einige Leute um euch herum starren, als hätte sie ein Staatsgeheimnis ausgeplaudert. Ana ist fuerte. Und doch senkt sie die Stimme, als sie sagt: Komm, ich zeige dir, was in unseren Zeitungen stehen sollte.
Als du Anas geheime Redaktion betrittst, schlägt dir ein ungewohntes Gefühl entgegen. Wohlig warm, fast elektrisierend. Hier treffen sie sich oft nach Feierabend, berichtet Ana, wenn die Straßen voller Menschen sind. Menschen, die ausgehen, lachen, das Leben genießen. Dann sitzt man hier und schreibt Flugblätter, redigiert Artikel und hofft, dass niemand einen verrät – einen selbst und diesen wilden Akt der Freiheit. Ja, hier spürt man noch diesen Drang, wirklich etwas verändern zu wollen – und zu können. Für eine Sache einzustehen, an die man glaubt. Kann es sein, dass du das längst verlernt hast? Obwohl du deinen Job so sehr liebst? Du wartest auf die Stille zwischen den Zeilen, doch sie bleibt aus. Du kennst mich kaum, wieso hast du mich hierher gebracht?, fragst du. Ana schmunzelt. Ich kann dir vertrauen. Du bist nicht von hier. Ich habe mit der Zeit gelernt, den Unterschied zu sehen.
Und plötzlich weißt du ganz genau, was du recherchieren willst: die Stille. Nicht Daten und Fakten über Land #84, die dir jeder Wikipedia-Artikel verraten würde. Vielmehr …
… das kurze, heisere Lachen bei der Erwähnung eines Namens, dem in den großen Blättern des Landes kaum bis gar keine Beachtung geschenkt wird.
… die Lücken in ebendiesen Blättern.
… die nervösen Hände, die die Ecken eines Notizblocks glätten, und die Augen, die dabei mehr als einen Blick über die Schulter werfen.
… den Satz, der plötzlich unterbrochen und umformuliert wird.
… die gekonnte, abwertende Handbewegung, wenn von Opposition die Rede ist.
… das „Tief-in-die-Tasche-Greifen“, wenn es mal schnell gehen muss oder eine gewisse Sache nicht erwähnt werden soll.
… das Wissen, jetzt verdammt nochmal leise zu sein, aus Reflex und ohne dass es dafür eine Anleitung braucht.
… die Geschichte, die man unter vorgehaltener Hand erzählt, aber lieber nicht aufschreibt.
… den Händler auf dem Markt, der über alles Mögliche plaudert, nicht aber über das Wesentliche.
… die fehlenden Fragen.
… das Fernsehen, das Zuschauer lediglich unterhält und beruhigt, anstatt sie aufzuklären.
… den verschwundenen Kommentar in den sozialen Medien.
… die Selbstzensur im Alltag – in der Schule, in der Universität, auf der Arbeit.
… den gesenkten Blick und jedes stumme, wortlose Nicken, jeden Atemzug, um Stellung zu beziehen, jedes Seufzen ohne Inhalt, Ton und Konklusion.
… die Theaterstücke, Lieder und Gedichte, die im Laufe der Jahre zensiert wurden.
… die Bücher, die zensiert wurden.
… die Bücher, die verbrannt wurden.
… die Normalität des Ganzen – der Stille –, die sie wohl besonders gefährlich macht.
Also schreibst und schreibst du, schläfst zwei Stunden, schreibst weiter. Du gönnst dir keine Pause. Was steckt hinter der scheinbaren Ruhe, die Land #84 umhüllt? Du evaluierst politische Einflüsse, wirtschaftlichen Druck, soziale Angst. Wenn du nicht weiterweißt, fragst du Ana, aber sie setzt auch Grenzen. Du realisierst: Es ist kritisch, über die herrschenden Eliten zu berichten, und mehr als ein kreativer Kopf hat dafür schon mit der Freiheit bezahlt. Hier geht es um mehr als Stille. Hier geht es um Korruption, um Macht. Du lässt dich nicht einschüchtern, denn du wirst in Land #11 veröffentlichen, nicht in Land #84. Und doch merkst du, wie auch du immer öfter einen Blick über die Schulter wirfst. Du spürst die stechenden Augenpaare auf dir, wenn du eine Frage zu viel stellst. Du wirst zurückgewiesen, an den Toren der großen Medienhäuser, denn „hier gibt es nichts zu recherchieren“. Na schön. Gerade diese Momente füllen deine Seiten. Eine nach der anderen.
Erschöpft, aber zufrieden steigst du wieder in den Flieger. Zurück in die Freiheit? Das ist jetzt die Frage. Schließlich hast du soeben am eigenen Leib erfahren, dass diese Freiheit keine Selbstverständlichkeit ist. Auch wenn sie vorgibt, da zu sein, ist sie fragil wie das Vertrauen, das sie erst möglich macht. Du fragst dich, warum dich die vermeintlich kleinen, stillen Momente so getroffen haben. Vielleicht, weil jede nicht erzählte Geschichte uns alle ein Stück ärmer macht. Uns alle – nicht nur die Menschen in Land #84. Vielleicht, weil Freiheit sich erst dann so richtig bemerkbar macht, wenn sie fehlt. Und vielleicht auch, weil du in Wahrheit manchmal Angst hast, dass dir diese Freiheit unbemerkt entgleitet. Weil du in deinem Arbeitsalltag immer öfter nachdenkst – und nicht schreibst.
#84, #11, das sind Zahlen, Bezeichnungen. Doch hinter jeder Zahl stecken Stimmen. An manchen Orten sind sie lauter, an manchen leiser. Einige sind ganz verstummt. Und genau deswegen setzt du dir das Ziel, nicht nur über Rankings zu schreiben. Du wagst dich von nun an in die Zwischenräume. Danke, dass du das tust. Denn erst zwischen den Zeilen entstehen die Geschichten, die deinen Job so lebendig machen. Danke, dass du diese Extrameile gehst. Nur, wer die Pressefreiheit auch im vermeintlich Unsichtbaren verteidigt, sorgt dafür, dass diese Stimmen sich nicht für immer für von uns abwenden. Danke, dass du dich traust. Nur, wer hinter die flüchtigen Blicke sieht, kann in Ländern wie Land #84 die kleinen, aber bedeutenden Narrative überhaupt erst erahnen. Danke, dass du dich reinkniest. Du bist eine Bereicherung für jede Art von Freiheit. DANKE.
_________
Quellen: Die Platzierung des Landes #84 und des Landes #11 habe ich der Rangliste der Pressefreiheit (Reporter ohne Grenzen, 2025) entnommen.
„Sie können Ihre Blätter jetzt umdrehen.”
Papiergeraschel, Kugelschreiberkritzeln und das Scharren von Füßen. Jemand atmet tief, tief ein, tief, tief aus. Kein gutes Zeichen. Die Nervosität der Anwesenden sickert in den Raum, durch ihre Blicke, die steifen Schultern, den Angstschweiß, der sich in mancher Achsel abzuzeichnen beginnt.
Angstschweiß, das ist gestern zufällig Thema gewesen, ein normales Kompositum eigentlich, vergleichsweise kurz, im Vergleich zu anderen Konstrukten, die die deutsche Sprache hervorbringt, aber mit acht Konsonanten hintereinander. Ein Albtraum für jeden Deutschlernenden. Und wir haben gelacht, ich über die lustige Anekdote, die Kursteilnehmer um mich herum vielleicht aus Verzweiflung.
Fünfundsiebzig Minuten später sammeln sich auf dem Tisch vor mir neun ausgefüllte Prüfungsbögen. Ein paar Blätter Papier, die für die meisten hier über Wesentliches entscheiden.
Das mündliche Modul findet am Nachmittag statt. Zehn Minuten pro Person sollen reichen, um das Niveau ihrer sprachlichen Ausdrucksfähigkeit festzustellen. Um eine Entscheidung zu treffen, über diese Person. Die erste ist Leyla. Im Unterricht haben wir uns geduzt, doch jetzt sitzt sie vor mir und knetet ihre Hände und spricht mich per Sie an, vor Angst zitternd vor einer Studentin Anfang zwanzig, jünger als sie. Sonst formt die Falte ihres Doppelkinns eine zweite freundliche Linie unter ihren Lippen, die Winkel nach oben gebogen, und darunter folgt die Vorahnung einer dritten Mulde im Fleisch, ein Echo des Echos ihres Lächelns, das sie sympathisch wirken lässt und nahbar. Kleider mit kleinem Blümchenmuster darauf umarmen ihren Körper, und ich weiß nicht, was es ist, aber als ich sie zum ersten Mal gesehen habe, hatte ich den Drang, mich in dieses Blumenmeer, in diese weiche Landschaft zu legen und sie an mich zu drücken. Warm musste das sein, ein Gefühl von Geborgenheit.
Heute strahlt sie nichts davon aus. Keine Sicherheit, nichts Gemütliches. Vergräbt das Gesicht in den Händen, „ich kann nicht.”
Ich habe Angst, sie könne anfangen zu weinen.
„Du kannst das,” entgegne ich. „Du machst das super, wirklich.”
Und wir mühen uns weiter ab, die Worte sperren sich in ihrem Mund und tun nicht, was sie sollen, aber Leyla zwingt sie hinaus, stotternd und etwas schief, mit zitternden Mundwinkeln über der zitternden Hügellandschaft ihres Kinns, und ich, ich lächle, nicke ermutigend. Versuche, in dieser kalten, von bürokratischer Effizienz geprägten Situation ein Gefühl von Geborgenheit zu vermitteln und spüre mich selbst versagen.
Während die Prüflinge gegen die deutsche Grammatik und lange Vokabellisten in ihren Köpfen um ihre Erlaubnis zu arbeiten, ihr Bleiberecht, ihr Recht auf Sicherheit kämpfen, werde ich müde. Nach fünf Teilnehmern lasse ich mir einen Kaffee aus dem Automaten am Gang herunter, nehme den Pappbecher mit zurück in die kleine Kammer ganz hinten.
Ich unterrichte sonst im Klassenzimmer, sitze davor zum Vorbereiten allein in diesem großen Raum mit den leeren Tischen und Stühlen, die sich ab sieben für den Abendkurs füllen. Der meiste Betrieb herrscht vormittags, abends gehören die zwei Zimmer und der lange Gang mir. Seit einigen Wochen aber ist die Sprachschule voll, ich muss zum Vorbereiten in die Kammer neben dem Kopierer, weil im Klassenzimmer außerplanmäßig ein Kurs stattfindet, für die Kleinen, die Mütter sind auch dabei, im ersten Monat kostenlos, das ist nicht staatlich gefördert, das ist ehrenamtlich. Peter, der Schulleiter, arbeitet diese Wochen umsonst, sechzig Stunden mit Organisationskram und den paar wenigen regulären Kursen. Er hat nicht gefragt, ob ich ehrenamtliche Stunden einschieben kann, stattdessen, ob ich reguläre Kurse übernehmen könne, er komme gerade an die Grenzen seiner Kapazitäten. „Klar,” habe ich geantwortet. „Warum machst du das?”, wollte ich fragen, verkniff es mir gerade noch. Eine dumme Frage, hallte es in mir. War der Impuls zu helfen nicht normal, normal für Menschen? Streichelten nicht schon Kleinkinder tröstend über Wangen, wenn das Leid um sie herum sie doch nichts anging? Warum ich diesen Impuls unterdrückte, menschlich statt wirtschaftlich zu arbeiten, das war eher die Frage. Keine Zeit, kein Geld, war ich zu bequem oder verdiente ich nur zu schlecht, um mich wohltätig zu engagieren? Menschlichkeit als etwas, das ich mir leisten musste. Menschlichkeit als eine Wohltat, ein seltsames Konstrukt, diese Formulierung. Als Stilfehler hätte ich das in den Übungsaufsätzen der Fortgeschrittenenkurse angezeichnet, so könne man das nicht sagen.
Es ist stickig hier drin, und ich öffne das Fenster, um mit der abgestandenen Luft und dem Schweißgeruch auch die Zukunftsängste hinauszulassen, unterdrücke ein Gähnen, als die nächste Teilnehmerin vor mir Platz nimmt. Oleksandra lächelt mit ihren dünnen Lippen, umklammert die Ärmel ihres Pullovers, viel zu kalt für diesen Maitag.
Vieles im Unterricht ist Improvisation, gerade bei den Anfängern. Gemeinschaft bildet sich im Klassenzimmer von allein, wenn etwa eine Ukrainerin als einzige gut Englisch kann und das Übersetzen übernimmt, denn wie bringt man Menschen eine Sprache ohne gemeinsame Sprache bei? Manches funktioniert auch anders, pantomimisch, „ich heiße”, Zeigefinger auf die eigene Brust, „wie heißt du?”, Zeigefinger auf die Person vor dir. „Eins, zwei, drei”, die Tafel, der Tisch, der Sessel. Vieles funktioniert nicht, auch nicht mit englischer Übersetzung. Wie macht man Unterricht, wenn die Frauen mit Kleinkindern auf dem Schoß ihre Männer im Krieg zurückgelassen haben?
Oleksandra hat mit ihren fünfzehn Jahren keinen Mann, keine Kinder, aber der Krieg hat trotzdem Narben an ihr hinterlassen, und als wäre sie noch mittendrin, fügt sie sich selbst neue zu, auf der Toilette der Sprachschule, kommt dann mit dünnem Lächeln und fest umklammerten Ärmeln wieder ins Klassenzimmer, beteiligt sich an den Grammatikübungen, als sei nichts. Und ich, vor der Tafel, nicht mehr unbeteiligt auf einmal, ich mache, weil mir nichts Anderes übrigbleibt: Improvisation.
Ich improvisiere auch jetzt, als ich das Prüfungsgespräch beginne: „Hallo Oleksandra, wie geht es dir?”
Sie schiebt die Hände noch tiefer in ihre Ärmel. Es ist eine falsche Frage in dieser Situation, aber mir will keine richtige einfallen.
In der Straßenbahn am Heimweg lese ich die Nachrichten am Handy, schaue durch das Fenster, als wir am Parlament vorbeifahren. Die längste Zeit dachte ich, die Statue vor dem tempelartigen Gebäude zeige Justitia mit der Waage der Gerechtigkeit in Händen, dabei ist es Athene. Auf dem Scheitel der Kämpferin, der Schutzgöttin, sitzt eine Taube, den Kopf unter die Flügel gesteckt. Die Wolken liegen pastellrosa über den Dächern, zerfließen in helles Blau. Es sind sanfte Farben, ist ein zarter Himmel für diesen Abend, als der Erlass beschlossen wird, dass Abschiebungen in den Iran wieder rechtens sind. Dass die dortigen Menschenrechtsverletzungen kein Grund für Asyl sind, kein Grund, um sein Leben zu fürchten. Die Kommentarspalte ist voller Stimmen, wütende und zufriedene und entsetzte, und ich lehne meinen Kopf an die schmutzige Scheibe, schließe die Augen.
Denke an ein Gespräch mit Leyla, „du hast recht”, hatte ich sie korrigiert, nicht „du hast richtig.” Sie hatte den Kopf schief gelegt, „warum?” Und ich hatte an die Decke über mir geschaut, weiß und kalt mit einem feinen Haarriss darin. „Weil recht und richtig ähnlich sind, aber nicht dasselbe.”
Sie kniff die Augen zusammen, nickte. Als verstünde sie die Differenz nur zu gut. Nach dem Unterricht hatte sie mir ihren Instagramkanal gezeigt, voll mit Bildern der Proteste in Teheran. Frauen ohne Kopftuch, stattdessen mit Schildern. „You can’t take our freedom, you can’t take our voice,“ übersetzte sie. “That account is why I had to leave.”
Plötzlich kam ich mir dumm vor. Was erzählte ich ihr von Recht? Sie wusste besser als ich, dass Recht im Grunde nichts mit Richtigkeit zu tun hat.
Später sitze ich vor den schriftlichen Prüfungsmodulen, den Teilen zu Lese- und Hörverständnis, lange Reihen von Rastern mit Kreuzen, die systematisch zwischen richtig und falsch unterscheiden. Die keinen Bewertungsspielraum zulassen, die ohne Abwägen und Interpretieren Wahrheiten schaffen, Punktestände im zweistelligen Kommabereich ergeben. Anders als Asylanträge und Gesetzesbeschlüsse gibt es hier keine Grauzonen, keine Ermessungsspielräume.
Die Aufsätze zur Prüfung der Schreibkompetenz sind anders. Hier entscheide ich. Entscheide über richtig und falsch, entscheide über das Ergebnis, darüber, was das System, das Migrationssystem Österreichs, nun mit Person P047 anfangen wird. Die Kennziffern dienen der Anonymisierung, doch ich erkenne die Personen hinter den Aufsätzen schon an der Handschrift, und wenn die durch Nervosität und Stress entstellt ist, spätestens am Inhalt. P047 schreibt von Borscht, schreibt von der Suppe, die sie aßen, ihre Familie um den großen Fliesentisch in der Wohnung in Mariupol versammelt, die Suppe wie ein Zuhause im Mund, aber hier in Wien schmeckt die Suppe anders, ohne den Tisch und die Menschen rundherum. Ich war mir sicher gewesen, Oleksandra würde die andere Aufgabenstellung nehmen, Beschreiben Sie ein Familienmitglied, von ihrer Schwester schreiben.
Wir füllten Lückentexte zu Possessivpronomen aus, mein, dein, unser, euer, als sie die SMS bekommen hat, mitten im Unterricht, einfach so. Ich hatte noch an ihrer Stelle die Lösung gesagt, „meine Schwester”, das e langgezogen und laut, als sie aufstand, den Raum verließ. Einfach so. Erst Tage später, als sie fragte, was das deutsche Wort für bomb sei, für air strikes, da erzählte sie: „Mein Schwester stirbt Bombe.” Und wieder stand ich da vor der Tafel, ein Stück Kreide in der Hand, wusste nicht, was sagen, wusste nur, dass ich Oleksandras Satz nicht grammatikalisch richtig wiederholen würde, wie ich es sonst oft tat. Das war nicht der Zeitpunkt für Berichtigungen. Und was konnte ich an dieser Situation schon richtigstellen?
Stattdessen hat T821 diese Aufgabenstellung gewählt, schreibt von einem wichtigen Menschen, schreibt über ihre Schwester. Ich habe den Fernseher laufen, der Lichtschein der wechselnden Bilder huscht über die handgeschriebenen Sätze auf dem Papier vor mir. Etwas Bild und Ton, um über den Korrekturen nicht einzuschlafen, dieser Aufsatz ist der letzte, bevor ich endlich ins Bett kann. In den Nachrichten geht es wieder um den Iran, ein Mann mit Brille spricht von Massenprotesten und Massenverhaftungen, von Folter und Mord, als ich innehalte. Den roten Stift in meiner Hand sinken lasse, bevor ich den Fehler anstreiche, mein Schwester, nochmal die Bögen von Hör- und Leseverständnis von meinem Schreibtisch hole. T821, einmal, zweimal, und ich überschlage die Punkte in meinem Kopf und rechne nochmal nach und starre wieder auf den Aufsatz von Leyla.
Ein Deklinationsfehler bedeutet den Abzug von einem halben Punkt. Das ergibt: 44,5 Punkte. Das ist ein halber Punkt zu wenig, um zu bestehen. Um bleiben zu dürfen. Um frei zu sein und auf die Straße zu gehen, ihr Haar zu zeigen und laut lachen zu dürfen, um ihre Meinung zu äußern und trotzdem nicht um ihr Leben zu fürchten.
Naiv hatte ich angenommen, ich würde hier Menschen eine Sprache beibringen, ich würde ihnen vielleicht sogar, auf eine Weise, helfen. Dabei bin ich Teil des Systems, das Menschen zu Zahlen und Problemen macht, bin Teil des Systems, das Menschenleben bürokratisch und regelkonform bewertet, manchmal im Zuge dessen zerstört. Ein Sprachniveau von A2 ist nötig, innerhalb eines Jahres, dann darf man bleiben. Was das heißt? Dass man funktionieren muss, trotz Verlieren des alten Lebens und Trauma und Angst und der Nachricht, dass die Schwester verhaftet worden und nicht mehr lebendig zurückgekehrt ist, dass das Elternhaus plötzlich seltsam leise ist, nur leere Räume und Fotos an der Wohnzimmerwand, wo davor Familie und das Gefühl von Heimkommen war, mit dem feinen Duft nach Jasmin aus dem Garten, dem glockenspielartigen Lachen der Schwester, dunkle Augen und unordentliche Locken ums Gesicht. Es heißt, dass man die e’s und en’s und t’s richtig platziert und weiß, welche Wörter wohin im Satz gehören, weiß, unter welchen Bedingungen ein Verb an eine andere Satzstelle verschoben werden muss und wann es an seiner Stelle bleibt, und nur wenn man das weiß, darf man das auch: bleiben.
Und ich denke an Justitia, die auf vielen Abbildungen eine Augenbinde trägt. Die manches nicht sieht. Denke an Athene, die für Schutz steht. Irgendwann wird Leyla in ihr Elternhaus zurückkehren, sie werden zu dritt auf die Wohnzimmerwand mit den Fotos daran blicken. Doch noch nicht jetzt. Mein Schwester kann nicht bleiben, wenn Leyla das soll. Ich glaube, das ist er: der richtige Zeitpunkt für eine Berichtigung. Und statt zum roten Stift greife ich nach meinem Kugelschreiber, schwarz wie der, mit dem Leyla den Aufsatz verfasst hat, ergänze ein kleines e.
Der Gefangene Nummer eins war verschwunden. Er hatte noch andere Namen – „Staatsfeind Nummer eins“ oder „dieser Mensch“, wie der Präsident ihn nannte. Selbst nachdem er ihn endlich in den Mühlen seines Systems gefangen hatte, verweigerte er ihm seinen Namen. Als wüsste er nicht, wie er heißt, als wäre es ihm entfallen, wessen Mord er in Auftrag gegeben hatte, einen Anschlag, der misslungen war und jetzt durch diese Haftstrafe ersetzt wurde.
Seit Tagen las Sascha unter ihrer Bettdecke die Nachrichten in ihrem Thread. Wahrscheinlich war das VPN, das sie nutzte, um ihre IP-Adresse zu verschleiern und Nachrichten aus dem Ausland zu lesen, nur halblegal. Es hieß, die Duma arbeite an einem Gesetzesentwurf.
Die Nachrichten aus dem Ausland kamen von Exilmedien, die ihre Redaktionen über Nacht außer Landes bringen mussten, nachdem es verboten wurde, den Krieg im Nachbarland als Krieg zu bezeichnen. Dort las sie nun täglich: „Wir wissen nicht, wo er ist“, „Seine Anwälte haben keinen Zugang zu ihm“.
Bis ihre Mutter eines Morgens zu ihrem Vater sagte, während sie den pfeifenden Wasserkocher vom Gasherd nahm:
Tante Flosja schaute kurz von ihrer Strickerei hoch und murmelte zufrieden:
Sie tauschte einen Blick mit Sascha. Nun war klar, wohin der Gefangene Nummer eins verschwunden war – er wurde etappiert, also von einer Haftanstalt in eine andere gebracht. Diese Verlegungen konnten Wochen dauern und lebensgefährlich sein – unter schlechten hygienischen Bedingungen, ohne ärztliche Versorgung, ohne Kontakt zur Außenwelt.
Für Sascha klang „Nekroraum“ wie die Ausgeburt des Bösen, wie der düstere Nekromant in „Der Herr der Ringe“, der die Toten befehligte.
Aber das fiel Sascha zunehmend schwer. Jetzt war der Gefangene Nummer eins also in einem neuen Nekroraum aufgetaucht – im Betrieb.
Der Betrieb war länger da, als ihre kleine Stadt. Die Stadt war nur dank Betrieb entstanden. Er lag hinter bewaldeten Hügeln, unsichtbar und doch immer gegenwärtig. Mindestens ein Viertel der Einwohner arbeitete dort, im „FKU IK-3 FSIN“, so der offizielle Name, dem größten Gefängnis im Norden, wo es immer kalt war.
Tante Flosja wusste, wovon sie sprach. Als junge Frau verlor sie ihren Mann ans System. Ende der fünfziger Jahre wurde er nachts abgeholt, als das Monster schon tot und entthront war. Eigentlich war das Leben schön damals – aber eben nicht für alle. Sie hat nie erfahren, was mit ihm passiert war.
Irgendwann war sie zu Saschas Oma gezogen, jetzt wohnte sie bei ihren Eltern auf der Bank in der Küche. Sie war klein und fast durchsichtig, als würde sie von unsichtbaren Fäden zusammengehalten. Und von ihrem messerscharfen Verstand, den sie dazu nutzte, Sascha auf ein ungewisses Leben vorzubereiten.
Sie war es, die Sascha mit nur einem Blick klargemacht hatte, dass es keine gute Idee war, die gefährlichen Nachrichten im Bus zu lesen. Leute seien schon für ein Like verhaftet worden, da sollte sie sich nicht aufs Handy schauen lassen, hatte sie gesagt. Sie war es auch, die Sascha aufbaute, wenn sie frustriert aus der Redaktion kam. Wenn sie wieder über die Eröffnung neuer Denkmäler oder das Dienstjubiläum des Oberbürgermeisters schreiben durfte und nicht über die steigende Zahl der Gefallenen aus ihrer Stadt.
Deswegen atmete Sascha durch und schrieb wieder über den Schulausflug zum Grabmal des unbekannten Soldaten. Nur manchmal bekam sie schwer Luft und Schweißausbrüche, aber das versuchte sie zu ignorieren.
Wenn sie von der Arbeit kam, traf sie im Hof meistens ihre alten Nachbarn Onkel Zhenja und Onkel Wasja an. Sie saßen auf halbzerfallenen Bänken neben den Resten eines vor dreißig Jahren errichteten Spielplatzes, tranken Vodka und spielten Domino. Seit der Gefangene Nummer eins in den Betrieb verlegt worden war, strahlte Onkel Zhenja, der dort als Wärter arbeitete. Seine Arbeit, monoton und voller Elend, hatte plötzlich einen neuen Sinn bekommen. Er bewachte einen Mann, der selbst dem Präsidenten bekannt war! Es fühlte sich an wie eine Beförderung.
Onkel Wasja, der sonst über die plumpen Witze seines Kumpels lachte, sah in den letzten Wochen irgendwie betrübt aus. Er trank und schwieg, vergaß oft, dass er am Zug war. Immer öfter blieben die Dominosteine in den ausgebeulten Taschen von Onkel Zhenjas Hose und die beiden saßen nur stumm nebeneinander.
Sascha schenkte dem neuen Stillleben in ihrem Hof wenig Beachtung, bis ihre Mutter, immer besser informiert als jeder Radiosender, die Familie eines Abends auf den neuesten Stand brachte. Sie hantierte am Gasherd mit einer Pfanne und wendete die brutzelnden Bouletten. Es war Fleischtag. Solche Tage gab es immer seltener, denn Fleisch war teuer geworden.
Das galt ihrem Vater, der sich sofort daran machte, in der Schublade nach Gabeln zu wühlen.
Dreißig Jahre Ehe hatten Saschas Vater gelehrt, nicht zu widersprechen, wenn seine Frau schlechte Laune hatte. Heute war das der Fall – der neue Wohlstand er Nachbarn stieß ihr offensichtlich sauer auf. Deswegen saß er schon, als Sascha die gefüllten Wassergläser auf den Tisch stellte.
Tante Flosja erhob sich von ihrer Bank, die genauso ächzte wie sie, und schlurfte zum Tisch.
Witalik hatte also beschlossen, Kohle zu machen und auf Glück zu hoffen, dachte Sascha. Da die Regierung unbedingt eine Mobilmachung vermeiden wollte – denn es war ja nur ein kleiner Krieg, eine „spezielle militärische Operation“ – bekamen Männer sehr viel Geld, wenn sie sich freiwillig meldeten. Jetzt verstand sie auch Onkel Wasjas leeren Blick auf der Bank vor dem Haus. Im Gegensatz zu seiner Frau freute er sich offenbar nicht über den Geldregen.
Abends im Bett schaltete sie wieder auf ihrem Handy VPN ein und las unter der Decke die „echten“ Nachrichten. Der Gefangene Nummer eins ist wieder angeklagt worden – diesmal wird ihm Angriff auf einen Polizisten vorgeworfen. Wahrscheinlich hat er einen Pappbecher nach jemandem geworfen, dachte Sascha. Wie das Mädel in Sankt-Petersburg, das dafür drei Jahre Haft bekommen hat.
Sascha merkte, wie sich ihr die Kehle zuschnürte. Sie versuchte, tief Luft zu holen, und schaffte es nicht. Sie wusste aber, was ihr manchmal half. Also fantasierte sie darüber, wie ihre Zeitung darüber berichten könnte. Immerhin wertete die Nähe eines solchen Gefangenen gewissenmaßen die ganze Stadt auf. Selbst wenn man den Artikel nur schreiben würde, um darauf hinzuweisen, welch hervorragende Sicherheitsmaßnahmen der Betrieb hatte, wäre der Name des Gefangenen in der Zeitung. Dazu könnte man noch einen kleinen Kasten über die linguistischen Seltsamkeiten ihrer Zeit stellen, sozusagen ein Wörterbuch „Normales Russisch – Neurussisch“.
Beflügelt von ihrer Idee, warf Sascha die Decke zur Seite und holte ihr Notizbuch aus der Schublade. Im Schneidersitz auf dem Bett sitzend, kritzelte sie ihr Wörterbuch ins Heft:
Der Betrieb – das örtliche Gefängnis
Einen Vertrag unterschreiben – sich für viel Geld zum Krieg melden
Annullieren – jemanden im Krieg töten
Negatives Wachstum – Rezession
Parallelimport – Einfuhr von ausländischer Ware ohne Zustimmung der Rechteinhaber
Schutz vor Telefonbetrügern – Überwachung und Kontrolle der Telekommunikation
Das alles waren sprachliche Neukreationen, die auch ihre Zeitung benutzte. Sie schrieb noch eine Weile, dann lehnte sie sich zurück. Sie konnte wieder freier atmen.
Sie wusste auch nicht, was sie geritten hatte, ihre Idee (natürlich ohne das Wörterbuch, um Gottes willen, nur die neue Anklage plus Sicherheitsmaßnahmen) am nächsten Tag dem Chefredakteur vorzuschlagen. Pawel Borisowitsch schielte zu seiner Bürotür, um sicherzugehen, dass sie geschlossen war. Er steckte seine Hand zwischen seinen Hals und Hemdkragen, um den Kragen breiter zu ziehen, scheiterte an der engen Krawatte, gab auf und schaute Sascha eindringlich an:
Der Chefredakteur seufzte und trommelte mit den Fingern auf den Tisch.
Er sah sie schweigend an und Sascha rutschte das Herz in die Hose. Wie konnte sie das Offensichtliche übersehen haben?
Was für eine seltsame Einstellung für eine Zeitung, dachte Sascha. Und noch ein Eintrag für ihr Wörterbuch: „außerhalb der Politik“ bedeutete „wir sprechen/schreiben nicht über die Politik, um ja nichts zu äußern, was als Kritik an den Machthabern ausgelegt werden könnte.“
Wenige Artikel hatten bei Sascha so viel Widerwillen erzeugt, wie dieses Porträt. Der neue Sportlehrer an einer Grundschule war ein ehemaliger Sträfling, dem seine Haftstrafe erlassen wurde, weil er sich freiwillig zum Krieg gemeldet hatte. Jetzt galt er nicht mal mehr als vorbestraft, seine Akte wurde gelöscht. Die Todesrate bei Exsträflingen im Krieg lag Gerüchten zufolge bei 80 Prozent. Somit hatte der Sportlehrer das große Los gezogen – er hatte es geschafft, zu überleben und war nun ein freier Mann.
Mehr noch: er war nun ein Held, genoss Privilegien wie eine kostenlose gesundheitliche Versorgung und wurde bei Stellenbesetzungen bevorzugt behandelt. Als er anfing, als Lehrer zu arbeiten, schlug die Stadtverwaltung zwei Fliegen mit einer Klappe: der Personalmangel an der Schule wurde gelindert und da war einer, der den Kindern etwas über Patriotismus beibringen konnte.
Sascha hatte den Auftrag, ihn für die Rubrik „Unsere Helden“ zu porträtieren. Sie traf ihn an der Schule und fand ihn von Anfang an widerwärtig. Breitschultrig, der Schädel kahlgeschoren, die Hände übersät mit Tattoos, die vermutlich eine besondere Bedeutung in der Knastsymbolik hatten. Als er ihr seinen „Arbeitsplatz“, die Sporthalle, zeigte, zog er seine Jacke aus und sie sah, dass auf seinem Oberarm ein Porträt des Präsidenten tätowiert war.
Die Sporthalle war – natürlich – marode. Der Putz blätterte innen wie außen ab, es gab nur einen halbverrosteten Basketballkorb und der Boden rund um die Tür war übersät mit Zigarettenstummeln. Sascha vermutete, dass sie aufs Konto des Kriegshelden gingen.
Passend dazu zündete dieser sich eine Kippe an, und sagte, während er mit einem abschätzenden Blick Saschas Brüste studierte:
Um seinem Blick und dem Qualm zu entkommen, ging Sascha nach draußen.
Sascha trat an den Maschendrahtzaun, der den Sportplatz umgab, und betrachtete die gigantische Mülldeponie.
Er deutete Saschas fragenden Blick falsch und ergänzte:
Der Typ ist nicht nur gefährlich und notgeil, sondern auch strunzdoof, dachte Sascha auf dem Rückweg im Bus. Er hatte gerade angedeutet, dass jemand illegale Abfälle neben der Schule entsorgte.
Nach ein paar Tagen hatte sie sich durchs Porträt gequält und es abgegeben. Um wieder besser Luft zu bekommen, machte sie eine Liste von Dingen, die an der Sporthalle der Schule baufällig waren und formulierte eine Anfrage fürs Schulamt, wann das alles repariert werden sollte. Nur in ihrem Tagebuch, versteht sich. Nachdem sie eine Weile an ihrem Stift herumgekaut hatte, entwarf sie noch eine Anfrage fürs Büro des Oberbürgermeisters, in der sie wissen wollte, wie groß die Mülldeponie laut Bebauungsplan sein durfte, und welche Abfälle dort erlaubt waren.
Die Erleichterung nach diesem winzigen Akt zivilen Ungehorsams hielt nicht lange an. Eines Abends fiel Sascha auf dem Heimweg von der Arbeit auf, dass Onkel Wasja auf seiner Bank vor dem Haus jetzt einfach vor sich hinstarrte und sein Kumpel Zhenja offensichtlich nicht wusste, wie er ihn aufmuntern konnte, außer zu seufzen, ihm auf die Schulter zu klopfen und ununterbrochen zu rauchen. Automatisch blickte Sascha hoch zur Wohnung von Onkel Wasja und seiner Frau Galja. Neue schwere Vorhänge schmückten die Fenster.
Schlurfende Schritte verrieten ihr, dass ihr Vater die Küche betreten hatte.
Ihre Mutter knallte eine Portion Kartoffelstampf auf einen Teller und stellte ihn vor ihren Mann.
Abends in ihrem Bett fügte Sascha einen neuen Eintrag zu ihrem Wörterbuch für neumodische Sprache hinzu:
Ladung 200 – Ein Zinksarg mit einem gefallenen Soldaten
Eine Ladung 200 erhalten – einen Angehörigen im Kriegseinsatz verlieren
Auch dafür gab es satte Zahlungen an die Familien. Eine Art Lebensversicherung in einem Land, in dem sich sonst niemand so etwas leisten konnte.
Der neue Eintrag half diesmal nicht gegen das gepresste Gefühl in ihrer Brust. Verdammt, ignoriere es einfach, sagte sie sich, als sie sich im Bett wälzte.
Der Gefangene Nummer eins war tot. Eine Woche zuvor hatte Sascha – und alle anderen, die VPN nutzten – noch Fotos von ihm gesehen, wie er im Gefängnis dem Richter vorgeführt wurde. Er wirkte abgemagert, aber wach und entschlossen, wie immer. Jetzt las sie überall: „Behörden haben den Tod bestätigt“, „Todesursache unklar“, „Gefängnisleitung verweigert die Herausgabe des Leichnams an die Familie“. Nachdem sie diese Nachrichten das erste Mal gelesen hatte, drehte sie kurz durch und schickte die zwei Anfragen aus ihrem Tagebuch ab: eine ans Schulamt wegen der maroden Sporthalle, die andere ans Büro des Oberbürgermeisters wegen der Mülldeponie.
Nachdem Sascha ihrer unterdrückten Wut durch das Absenden der Anfragen kurz Luft verschaffte hatte, durchfuhr sie ein kalter Schauer. Fieberhaft überlegte sie, welchen Ärger sie in der Redaktion durch ihre unverschämte Eigeninitiative bekommen könnte. Sie redete sich ein, dass die Behörden sich wahrscheinlich sowieso nicht für ihre Anfragen interessieren würden, weil alle wegen der Nachrichten aus dem Betrieb im Dreieck sprangen. Oder würden die Beamten besonders empfindlich auf alles reagieren, was ihre Autorität untergraben könnte? Andererseits, wen interessiert schon eine Schule oder eine lokale Müllhalde, wenn hier so staatstragende Dinge passierten? Sie war doch nur eine kleine Lokaljournalistin, die sowieso niemand ernst nahm.
Unfähig zu entscheiden, welches Szenario wahrscheinlicher war, lungerte sie morgens noch in der Küche herum, nachdem ihre Eltern schon zur Arbeit gegangen waren. Tante Flosja, die sehr schnell gerochen hatte, dass etwas faul war, und ihr ein Geständnis bezüglich der Anfragen entlockt hatte, schnaufte auf ihrer Bank und klapperte wie wild mit ihren Stricknadeln.
Beide taten einen Satz, als Saschas Handy vibrierte. Auf dem Display sah sie eine Nachricht von der Redaktionssekretärin aufpoppen:
‚Sascha, bleib heute lieber zu Hause. Der Chef hat ein paar Anrufe bekommen und ist auf dem Kriegspfad.‘
Überrascht stellte Sascha fest, dass sie diese Möglichkeit selbst, wenn auch nur halbbewusst, schon in Betracht gezogen hatte.
Tante Flosja setzte sich wieder auf ihre Bank und griff zu ihren Stricknadeln, um zu zeigen, dass die Diskussion zu Ende war. Sascha starrte noch eine Weile auf die Scheine in der Tüte. Dann ging sie in ihr Zimmer und stopfte ein paar Sachen in ihren Rucksack.
Sie schaute aus dem Fenster. Onkel Wasja saß alleine auf der Bank, was nicht verwunderlich war – sein Kumpel Zhenja hatte im Betrieb sicher alle Hände voll zu tun. Ein Auto bog in den Hof ein und hielt vor ihrer Tür. Sie kannte das Auto nicht, es gehörte keinem der Einwohner. Drei Männer stiegen aus und sahen sich im Hof um. Irgendwas an ihnen ließ Sascha vom Fenster zurückweichen. Fieberhaft überlegte sie, ob sie sich in der Wohnung verstecken könnte. Oder sollte sie über den hinteren Balkon abhauen? So tun, als wäre niemand da?
Tante Flosja warf ihr einen kurzen Blick zu, sprang erstaunlich behände von ihrer Bank und schaute ebenfalls aus dem Fenster. Nun stand nur noch ein Mann am unbekannten Auto. Flosja sagte:
An der Tür klopfte es.
„Sie wissen, warum Sie hier sind?“
Das ist keine Frage. Das ist eine Schlinge. Mir gegenüber wippt ein uniformiertes Vollzugsorgan auf einem Drehstuhl mit Kopfstütze. Meinem Gesicht nähern sich schmale, langgezogene Lippen mit Blockbart. Ich weiche zurück.
„Ich weiß es nicht.“ Meine Stimme klingt unsicherer, als ich es möchte. Der Beamte wartet. Er beobachtet, wie die Zeit mich fertig macht. Minute für Minute. Mein Körper fängt an, sich zu verraten. Klirrende Angst kämpft gegen Schweigen.
Das Verhörzimmer im Gebäude für gesellschaftstragende Angelegenheiten hat keine Fenster. Decke und Wände sind farbverlassen. Pigmente der Hoffnung und kleinste Kleckse der Phantasie haben den Einsatz des Vakuumsaugers nicht überstanden. Wie eine eingesperrte, angriffslustige Wespe surrt das Röhrenlicht.
„Hier ist der Stapel der Wahrheit.“ Der Typ grinst süffisant und bettet einen Aktenordner auf das abgewetzte Schreibtischfurnier. Er ist mittelalt, klein und hat streichholzkurze, braune Haare. Nun schiebt er den Ordner langsam in meine Richtung und wieder zurück. Noch immer öffnet er die Belastungsakte nicht. Er wartet und genießt. Zufriedene Blicke fallen auf seine sauberen Hände. Unter den Nägeln kein Krümelchen, nicht ein dunkler Punkt. Korrektheit endet in den Fingerspitzen. Charakterschmutz ist tiefer angesiedelt.
Ich habe Durst. Der Beamte trinkt Kaffee, öffnet eine Keksdose und bedient sich. Gewalt des stummen Verhörs. Endlich zieht er ein Blatt aus der Akte und legt es zwischen uns. Es ist einer der Leserbriefe, über die ich mich so gefreut habe: „Wenn jeder so schreiben würde, wäre die Welt für alle verständlicher. Vielen Dank.“
Solches Lob spornt an. Der Staatsbedienstete für gesellschaftstragende Anliegen ist offensichtlich weniger beeindruckt. Er wartet und wartet. Ich spüre fieses Drücken in der Brust. Höre ein Räuspern.
„Meine Frage! Sie wissen, warum Sie hier sind? Kommt da noch was?“
*
Natürlich weiß ich, warum ich vorgeladen wurde. Ich bin – war – Lokaljournalist. Eigentlich nichts Gefährliches. Ich schreibe – schrieb – über Dinge, die vor der Haustür passieren. Von Menschen, die dort leben. Am Anfang eine Kaninchenausstellung hier, ein Bürgermeister, der in der Grundschule vorliest, da, das Geheimnis einer glücklichen, eisernen Hochzeit dort. Weil ich fleißig und aufmerksam bin, bekam ich schnell interessantere und besser bezahlte Aufträge: Bauverzögerungen, Lieferengpässe, Reportagen über große, gemeinschaftseigene Betriebe. Ich steckte noch mehr Arbeit und Zeit in meine Recherchen. Ich wollte jede Frage beantworten können, und zwar so, dass es alle verstehen.
Der Chef vom Dienst teilte mich für das Thema „prophylaktische Antibiotikagabe in der Nutztierhaltung“ ein. Ich fragte nach, ob ich mich auch um einen möglichen Zusammenhang mit der aktuellen Häufung rätselhafter Salmonellen-Fälle kümmern sollte. „Sonst hätte ich unsere Schlafhörnchen fragen können“, lachte er. „Aber keine Panikmache, bitte. Ich vertraue dir. Du triffst den richtigen Ton.“ Er leitete mir E-Mails und Leserbriefe weiter. Sie beschrieben eigenartige Symptome und fragten, warum die Presse nicht berichtet.
Als erstes besorgte ich mir die gerade erlassene, neue Tierhygiene-Verordnung. Ihr Zweck, so die Präambel, sei die Sicherung der Produktion in sämtlichen genossenschaftlichen Agrarbetrieben. Eine notwendig gewordene Maßnahme aufgrund einer besonderen Lage. Die Sicherstellung der Volksernährung mache eine schnelle Reaktion erforderlich. Deshalb dürften ab sofort Antibiotika zur Wachstumssteigerung bei Hühnern, Kühen und Schweinen eingesetzt werden. Auch Medikamente, die vorher als problematisch galten, seien bis auf weiteres erlaubt. Ich habe alle Fußnoten gelesen und auch die Aufsätze von Experten, auf die darin verwiesen wird. Dann habe ich Tierärzte für Interviews gesucht. Und plötzlich wurde es schwierig. Man sei noch in der Versuchsphase, die zuständigen Behörden hätten um vorsichtigen Umgang mit Informationen gebeten.
Ich telefonierte stundenlang, besuchte Betriebe, machte Fotos von Jungtieren und von Maschinen zur automatischen Injektion hochdosierter Antibiotika.
Dann traf ich einen Staatsanwalt. Er sprach von einer Spur, die für mich höchst interessant werden könnte. Aber offiziell dürfe er nichts sagen. Er nannte mir den Namen einer Tierärztin. Ich sollte für mich behalten, von wem der Tipp ist. Ich sagte der Ärztin, ihre Praxis sei mir von einem Freund empfohlen worden. Er hätte eine orangefarbene Katze mit Husten. „Oh, grüßen Sie ihn von mir.“
Ich musste der Tierärztin zusichern, dass ich sie nicht namentlich nenne. Sie erzählte mir, dass Rinder, Schweine und Schafe sehr viel schneller an Gewicht zulegten, seit sie großzügig mit Antibiotika versorgt wurden. Aber sie wusste auch von den Risiken. Nicht nur für die Nutztiere.
*
Der Beamte mit den streichholzkurzen Haaren entschließt sich, eine weitere Frage zu stellen. „Warum haben Sie diesen Artikel geschrieben?“
„Ich habe viele Artikel geschrieben. Welchen meinen Sie?“
„Stellen Sie sich nicht dumm.“ Er zieht ein Blatt aus der Akte. kratzt mit einem Fingernagel darauf herum. „Hier. Ärzte sprechen von … blablabla … Salmonelleninfektionen … Antibiotikaresistenzen … und so weiter…“
Er schiebt den Artikel von sich weg wie einen leer gefrühstückten Teller. „Warum diese Bezeichnung?“
„Welche Bezeichnung?“
„Salmonelleninfektionen.“
„Darum geht es.“ „Sie hätten auch schreiben können: „saisonale, gesundheitliche Auffälligkeiten“.
„Das wäre zu ungenau.“
„Es wäre einfacher gewesen.“
„Für wen?“
Er antwortet nicht auf die Frage. „Sie produzieren einen Zusammenhang, als wäre es eine begründete Vermutung.“
„Ich produziere keinen Zusammenhang. Es gibt ihn.“
*
Nach der Tierärztin besuchte ich die Intensivstation im Städtischen Klinikum. Ich setzte mich auf einen Plastikstuhl vor der Schleuse. Licht ohne Trost ließ Tag und Nacht gleich aussehen. Ein Hauch von Hoffnung, nicht größer als das Samenschirmchen einer Pusteblume, stemmte sich von den Seilen. In den Gesichtern der Wartenden sah ich Erschöpfung, Angst, Schmerz und Verlassenheit. Sterile Betten wurden vorbei geschoben, verloren sich im Raum. Zu wenig Personal, zu viele Patienten. Pflegerinnen allein mit Kurven, Schläuchen, Infusionslösungen. Mein Hintern schmerzte von der harten Sitzfläche. Ich starrte die Wände an. Sie schwiegen zurück. Ich zählte Schritte und Fliesen. Meine letzte Recherche im klinischen Alltag hatte noch in einer anderen Wirklichkeit stattgefunden. Damals waren die Zimmer groß genug gewesen für die benötigten Betten. Niemand musste sich auf den Gängen zwischen Leben und Tod gedulden. Das medizinische Personal war noch nicht vom Dauerwachsein zermürbt und durfte darauf vertrauen, dass genug für alle da war. Zeit, Medikamente und Platz. Damals hatten Ärzte und Pfleger mit mir gesprochen. Jetzt bekam ich nach vier Stunden Warterei nur einen mürrischen Pressesprecher zu Gesicht. Ich fragte ihn, ob es eine Auswahl gebe, eine Triage. Er knurrte, dass er sich nichts in den Mund legen lasse. Fragen nach Zusammenhängen seien Vermutungen. Es gebe keinen Anlass, die Bevölkerung zu beunruhigen. Ich könnte ja schreiben, dass Händewaschen immer gut sei als Vorsorge und dass man Fleisch nur durchgegart essen sollte.
Auf dem Klinikparkplatz traf ich einen Arzt aus der Notaufnahme, den ich von früher kannte.
Er winkte mich auf den Beifahrersitz in seinem Auto. „Schließen Sie die Tür.“
Mit Sorgenfalten auf der Stirn und über der Lippe sah er mich an. „Diese Vielzahl schwerer Magen-Darm-Infektionen ist alles andere als normal. Und die Erreger sprechen auf keines unserer Medikamente an. Das wissen Sie aber nicht von mir.“
Ich nickte und stieg aus.
Ich wollte den Zusammenhang erfahren und erklären. Ich erstellte Listen mit Daten, Quellen, Erkrankungen, Todesfällen. Ich überarbeite meinen Text, schrieb keine Zeile, die ich nicht belegen konnte.
Ich wollte sichtbar machen, was sonst verborgen geblieben wäre. Fragen können doch nicht gefährlich sein. Falschinformationen schon. Wieviel kannte der Staat bereits von dem, was ich aus meinen Recherchen wusste? Wollten seine Diener überhaupt erfahren, was ich herausgefunden hatte? Oder waren sie wie das Affen-Dreigestirn? Hände fest auf den Augen, den Ohren und dem Mund?
*
Der Verhörbeamte in Raum 106 schreibt irgendetwas auf. „Sie säen Zweifel und Unsicherheit“, sagt er.
„Nein. Ich erkläre, was gemacht wird. Im Ministerium, auf den Höfen, in den Krankenhäusern. Ich habe geschrieben, was geschieht. In den Ställen, auf den Transportwegen, in den Kühlhäusern, auf unseren Tellern.“
Ich hole kurz Luft. Der Mann schaut auf die Uhr und stellt dieselben Fragen immer wieder. „Würden Sie den Artikel noch einmal genau so schreiben? Würden Sie das Wort Salmonellen verwenden? Das Wort ‚Antibiotikaresistenzen‘? Wem nützt es, verunsichert zu werden?“ Jetzt wartet er wieder und schweigt.
*
Mein Artikel wurde nicht zensiert und nicht verboten. Er erschien einfach nicht. Nicht am ersten Tag nach der Abgabe, auch nicht am zweiten. Es hieß: „Leider kein Platz, hab Geduld.“
Dann, auf meine Nachfrage: „Der Text ist zu konspirativ. Die Leute haben genug Sorgen.“ Meine Nägel bereits blutig gekaut. Schweigen und Abwarten wurden von mir gefordert. Professionelle Geduld.
Ich arbeitete verbissen weiter und erfuhr von einer Reihe ungeklärter Todesfälle. Wieder Magen-Darm-Erkrankungen. Wieder nicht behandelbar. Ich schrieb einen neuen Artikel, bemüht sachlich. Nur was mehrfach bestätigt und abgesichert war, kam in den Text. Der Bericht klang schon fast wie eine amtliche Pressemitteilung. Ich kürzte ihn auf das Notwendigste: nur Informationen, keine Spekulationen. Nur gesicherte Fakten, keine Hypothesen. Doch der Artikel verschwand gleich nach dem Hochladen aus dem System. Keine Fehlermeldung. Er war einfach weg. Ich bat um einen Termin bei der Redaktionsleitung und bekam acht Minuten. Man schloss die Tür und wirkte zuhörend. Nickte mit ernstem Blick. „Die Lage ist schwierig. Wir müssen jetzt alle sensibel arbeiten. Alle Antennen ausfahren. Keine Panik verbreiten.“
„Aha.“
Am Abend fand ich einen Text unter meinem Namen im Newsroomsystem. Er sah fast aus, wie der, den ich hochgeladen hatte. Aber es war nicht mehr mein Text. Alle Zahlen fehlten. Die Zusammenhänge waren aufgelöst. Nur noch nichtssagende, abgegriffene Nebelwörter. „Aktuelle Einschätzung … die zuständigen Behörden informieren … es besteht kein Anlass zur Sorge … die beobachteten Krankheitsverläufe bewegen sich im jahreszeitlich normalen Rahmen … Zusammenhang mit Nahrungsmitteln … überprüft … Hinweise auf konkrete Ursachen liegen nicht vor. Gerüchte und Spekulationen entbehren jeder Grundlage … medizinische Versorgung … jederzeit gesichert …“
*
Das Verhör zermürbt mich. Ich werde langsamer, müder. Jemand kommt und fragt, was ich dabei habe.
„Nur meinen Rucksack.“
Ich muss ihn hergeben.
Mein Gegenüber gönnt sich eine weitere Tasse Kaffee.
„Salmonellen sind kein politisches Argument“, erklärt er.
„Es trifft Menschen“, sage ich.
„Der Staat sorgt für die Menschen.“
„Der Staat entscheidet über die Menschen. Genau deshalb brauchen wir die Pressefreiheit. Sie gehört zum Fundament der Demokratie.“
Der Beamte lehnt sich zurück, ballt die rechte Hand zur Faust und lässt sie auf den Tisch sinken. „Soweit die Theorie. Wenn Fakten sich ändern, müssen Entscheidungen getroffen werden. Pressefreiheit ist zwar nach allgemeiner Benennung ein Grundrecht. Aber sie ist kein Recht gegen den Staat. Sie sollte ihm dienen.“
„Nein.“ Noch einmal Aufwallen. „Und ob die Pressefreiheit sich gegen den Staat richtet. Gegen wen denn sonst?“
„Keine künstliche Aufregung. Dafür ist jetzt der falsche Moment. Sie hätten Ihren Text doch einfach entschärfen können. Weniger Zusammenhänge. Mehr Zuversicht.“
Er gibt mir ein Papier. Meine Augen werden feucht. Ich kann nicht jedes Wort lesen, sehe: „politisch nicht zuverlässig“.
„Warum? Was heißt das?“
„Fakten belegen, dass Sie ihre journalistische Arbeit nicht dem staatlichen Bedarf unterordnen.“
„Bekomme ich ein Berufsverbot?“
„Nein. Wir sind ja keine Unmenschen. Sie können das alles wieder in Ordnung bringen.“
„Wie?“
„Einfach den Text richtig stellen. Klar sagen, dass Einzelfälle unzulässig aufgeblasen wurden, die behaupteten Zusammenhänge nicht existieren. Geben Sie zu, dass Sie bei der Recherche bedauerlicherweise dilettantisch gearbeitet haben, Sie sind ja noch jung, ein Anfänger. Sie haben falsche Informationen geliefert und die falschen Zusammenhänge hergestellt. Dafür entschuldigen Sie sich ausdrücklich bei den Lesern, den Informanten und der Redaktion. Nur ein kleiner Text, eine Richtigstellung. Danach können Sie wieder ganz normal arbeiten.“
Ich frage, was passiert, wenn ich diesen Lügentext nicht schreibe.
„Nun, das würde rechtliche Konsequenzen haben. Das wäre doch schade.“ Das Wort Gefängnis wird nicht gesagt. Jemand bringt meinen Rucksack. Er ist leer. Mein Notizblock und mein tragbarer Rechner sind weg. Ich möchte schreien. „Keine Sorge, es ist nur zu Ihrer Sicherheit. Alles ist archiviert. Sagen Sie uns, wie Sie sich entschieden haben. Wann immer Sie so weit sind“. Mir wird schlecht bei so viel Großzügigkeit.
*
Ich hatte den Mann vorher nie gesehen. Er saß plötzlich neben mir auf dem Klinikstuhl. Mein dritter Besuch im Wartebereich der Intensivstation. Kein „Guten Abend“. Seine Augen hatten keine Tränen mehr. Er hauchte: „Meine Tochter ist gerade gestorben. Alle Medikamente waren wirkungslos.“ Sein Blick war zu müde, um vorwurfsvoll zu sein. „Warum hat niemand etwas gesagt? Warum stand nichts in der Zeitung?“
„Ich bin von der Zeitung“, sagte ich. „Sie drucken es nicht.“
Er zeigte mir die Todesbescheinigung. Ich las: „Exitus nach Sepsis bei antibiotikaresistenter Infektion.“
„Die drucken es nicht? Heißt das, da wird etwas vertuscht? Bewusst unter der Decke gehalten?“ Der Mann wirkte alarmiert. Ich reagierte vorsichtig. „Das scheint zumindest möglich …“
„Vielleicht war Mias Tod nicht völlig umsonst“, unterbrach er mich. „Ich fahre nach Hause zu meiner Frau. Wir haben das Liebste verloren. Besuchen Sie uns. Machen Sie den Skandal bekannt.“
Ich hatte bis dahin trotz allem dementiert, in einem Unrechtsstaat zu leben. Bestritten, dass das System die alleinige Wahrheit beansprucht und sich über die Menschen stellt. Schließlich gab es doch keine Zensur. Keine amtliche Kontrolle. Aber meine Artikel erschienen nicht. Und auch die Geschichte des Mannes, der seine Tochter verloren hatte, würde nicht herausgebracht werden. Mein Chef vom Dienst ließ sich am Telefon verleugnen. E-Mails blieben ohne Antwort.
Ich schrieb die Story in meinen privaten Laptop. Fügte alles hinzu, was ich bis dahin herausgefunden hatte. Das Gespräch mit dem Arzt. Die Andeutungen des Staatsanwalts. Die Statistiken mit den Todesfällen. Ich ließ nichts aus. Dann versuchte ich, mich ins Redaktionsnetzwerk einzuwählen, und stellte fest, dass mein Zugang gesperrt war.
*
Eine weitere Person betritt Raum 106. Ein großer Mann mit Glatze. Er trägt Zivil, keine Uniform. „Sie machen es sich schwerer als nötig“, sagt er.
„Ich habe nur meinen Job gemacht. Es gibt nichts richtigzustellen.“
„Ihre Arbeit verursacht Schäden. Das ist schlecht für unsere Gesellschaft. Man kann nicht einfach Menschen mit Vorschriften verbinden, oder Entscheidungen mit Folgen, oder Heute mit Morgen.“
„Ihre Worte sind hohl und leer.“ Ich weiß nicht, woher ich den Mut nehme, das zu sagen.
„Hüten Sie Ihre Zunge.“ Der Glatzkopf baut sich neben dem Braunhaarigen auf. „Wir können auch anders.“
„Was ist daran falsch, nach Antworten zu suchen? Ich möchte doch nur mit daran arbeiten, dass niemand sagen kann, wir haben von nichts gewusst.“
*
Mias Vater gab mir die Handynummer einer Ärztin. Ich rief sie noch am selben Abend an. Sie klang müde. „Es ist bei allen Patienten das Gleiche. Die Medikamente schlagen nicht an.“ Ich fragte, ob ich Laborberichte sehen darf. Sie verneinte, fasste mir allerdings die schweren Krankheitsverläufe bei dem aktuellen, multiresistenten Erreger zusammen. Länger als eine Woche wässriger Durchfall, Schüttelfrost, Bauchkrämpfe, hoher Flüssigkeitsverlust, Fieber über neununddreißig Grad, Blut im Stuhl, septische Streuung, Durchdringung der Darmwand, Herzklappenentzündung, Verwirrtheit, Austrocknung, Tod. Ich ergänzte meinen Artikel um die neuen Fakten und startete noch einmal den Login im Pressehaus. Wieder ohne Erfolg. Ich sprach Nachrichten auf Mailboxen. Jemand, den ich nicht kenne, schrieb: „Nur eine technische Überprüfung. Eine Routineangelegenheit. Ein wenig Geduld. Ihr Serviceteam.“
Diese Lüge gab mir den Rest. Ich beschloss, dass es genug war mit dem Geduldig-Sein.
Ein Freund von mir ist Computerfreak. Er wollte nicht gleich mitmachen. Ich erinnerte ihn an unser Kindergartenversprechen. Wir halten zusammen, egal, wer von uns gegen welche Regeln verstoßen haben mochte. Egal, wenn wir etwas gemacht hatten, das die Erzieherin nicht wollte. Egal, ob wir im Recht waren.
„Ja, aber das ist lange her. Die Zeiten haben sich …“
Ich fiel ihm ins Wort, erzählte von allem, was ich noch herausgefunden hatte. Und von Mias Vater. Ich spürte, wie sein Herz taut.
„Okay.“ Er warf den Rechner an. Keine fünf Minuten, und wir waren im Netzwerk der Redaktion. Schön, dass es immer noch Menschen gibt, die „123456“ als Passwort benutzen.
Alle meine Notizen waren noch da. Alle niemals gedruckten Artikel. Wir luden eine neue Fassung des Artikels hoch. Mein Freund fand den direkten Zugang zum Druckserver. „Mit etwas Glück schaut da keiner mehr drüber“, brummte er und grinste. Dann gestalteten wir die Seite Drei der Morgenausgabe um. Die Zeit war knapp. Ich schrieb nur das Wichtigste. Fügte Fotos ein. Das Interview mit Mias Vater, Links zu weiteren Artikeln. Ich schlief bei meinem Freund. Wir hatten uns viel zu erzählen.
*
Ich werde aus Zimmer 106 geführt und in einen anderen Raum gebracht. Hier gibt es keinen Tisch. Die Decke ist deutlicher niedriger, die Heizung aus. Wieder kein Fenster. Die Luft riecht abgestanden. Ein Spot zeigt mir, wo ich stehen soll. Nur ein Punkt, in den meine Füße gerade so hinein passen. Der Glatzkopf betrachtet mich von allen Seiten, kommt mir unangenehm nah. „Keine Bewegung.“
Stehen ist Folter. Alles tut weh. Gelenke, Füße, Hüfte. Der Boden ist hart. Der Mann kommt und geht. Stellt immer wieder die gleichen Fragen: „Diesen Artikel, würden Sie ihn wieder schreiben? Würden Sie wieder einen Zusammenhang zwischen Tierhaltung und Antibiotikaresistenz erfinden? Und wie haben Sie Ihre Redaktion überzeugt, solche haltlosen Spekulationen zu drucken?“
Mein Körper verlangt nach Ruhe. Die Gedanken in meinem Kopf tanzen. Erst durcheinander, aber dann Paso Doble: Stolz, Mut, Angriff, Haltung. Das ist für mich Pressefreiheit. Und das heißt, Fragen zu stellen, bevor Entscheidungen durchgeboxt und amtlich sind. Fragen und unbequem sein, solange man Schäden vermeiden kann, solange man Menschen, Tiere und die Welt noch schützen kann. Nicht vertrösten lassen von: „Erstmal abwarten“ oder: „Manche Fragen stören die Ordnung, stören das System“.
Ich wundere mich bis heute darüber, dass die Chefredaktion nicht zugegeben hat, wie mein Artikel in die Zeitung gelangt ist. Offenbar wollten sie nicht eingestehen, wie leicht es war, den Druckserver zu hacken und an allen Kontrollen vorbei einen Bericht zu veröffentlichen, der eigentlich nicht erscheinen sollte. Sie haben nur von „internen Versäumnissen“ gesprochen. Vielleicht, weil es ihnen peinlich war. Vielleicht aus Angst vor Nachahmern. Vielleicht ja aber auch, weil so viele Leserbriefe mir Recht gegeben haben.
Nach zwei Stunden auf dem Lichtpunkt lässt man mich gehen. Man teilt mir aber noch mit, dass der Vorgang nicht abgeschlossen sei. Ich solle mich bereithalten.
Also bleibe ich erreichbar. Ich gehe täglich spazieren. In dieser Zeit wird offenbar meine Wohnung durchsucht. Mir fallen hinterher immer kleine Veränderungen auf. Ein Buch liegt anders. Der Gefrierschrank steht offen. Die Gardinen sind verzogen. Verwischter Staub unter meinem Bett. Aber es ist alles noch da. Nichts fehlt. Ich habe nicht gedacht, dass ich meine Arbeit so schmerzlich vermissen würde. Ich rufe in der Redaktion an. Niemand erkennt mich. Keiner will sich an meinen Namen erinnern. Es ist als würde es mich nicht mehr geben.
Ich werde noch einmal vorgeladen und gehe freiwillig hin. Diesmal erwartet mich eine Frau in Zimmer 106. Ist sie echt oder ein KI-Avatar? Mimik und Stimme wirken so menschlich unmenschlich. Sie teilt mir mit, dass ich für meine Situation die alleinige Verantwortung trage. Ich hätte meine Eignung in Frage gestellt und solle meinen Führerschein abgeben. Zudem müsse ich mit weiteren Einschränkungen rechnen. Ich frage nicht, ich widerspreche nicht, ich nicke und gehe zur Tür. Bevor ich Raum 106 verlasse, drehe ich mich noch einmal um. „Wird meine Akte jetzt geschlossen?“
Die Dame lächelt. „Akten werden doch nicht geschlossen. Akten ruhen.“
*
Jahre später darf ich die Akte einsehen. Ein Raum. Ein Tisch. Ein dicker Ordner. Kein Mensch.
Ich erfahre niemals genau, wann ich zum Feind des Systems wurde. Es war kein einzelnes Gespräch, kein klar heraus kristallisiertes Geschehen. Es waren Sätze, die nicht erwünscht waren, dann ein Absatz, ein ganzer Artikel, Interviews, Diagramme, Fotos. Und irgendwann meine komplette Persönlichkeit.
Ich wurde nicht wieder zurückgeholt. Mein Name blieb beschwert, solange das System existierte.
Aber immerhin habe ich in einer Gesellschaft, die Schweigen verlangt, mehr getan, als Klappe und Stift zu halten. Und ich habe mich in einem Staat, der Lügen verlangt, geweigert, auch selbst zum Lügner zu werden. Alles andere wäre falsch gewesen. Das verlogene System ist untergegangen. Ich bin noch da.
Pressefreiheit, im Grundgesetz verankert – das klingt nach Transparenz und Kontrolle der Politik. Nach Meinungsvielfalt und demokratischer Willensbildung. So wie es für die Presse (inzwischen eher: die Medien) als „Vierte Gewalt“ vorgesehen war. Die Freiheit von staatlicher Zensur, ein Zeugnisverweigerungsrecht, um Informanten zu schützen, ein Auskunftsrecht bei Behörden, ein Zugangsrecht bei öffentlichen Veranstaltungen, Datenschutz-Ausnahmen – das alles sind Rechte, die Journalistinnen und Reporter Otto Normalverbraucher voraushaben.
Pressefreiheit meint heutzutage ausschließlich die Freiheit der Presse- oder Medienorgane, ohne Einfluss oder Zensur von außen, etwa von Seiten des Staats, recherchieren und berichten zu können sowie Meinungen kundzutun. Die sogenannte innere Pressefreiheit, also die Möglichkeit des einzelnen Journalisten und der einzelnen Redakteurin, auch eine von Chefredaktion, Herausgeberschaft oder Medienkonzern unabhängige bzw. natürlich abweichende Meinung zu publizieren, gilt gemeinhin als gescheitert.
Die Pressefreiheit hat selbstverständlich ihre Grenzen, vornehmlich im Jugendschutz und bei der Verletzung von Persönlichkeitsrechten. Veröffentlichungen können also durchaus im Nachhinein auf Jugendgefährdung oder auf verleumderische Berichterstattung geprüft werden – und dann, meist per Gerichtsbeschluss, aus dem Verkehr gezogen werden. Eine vorherige Kontrolle, also Zensur, findet jedoch nicht statt.
Aber ist es wirklich nur „Jammern auf hohem Niveau“, wenn man so einiges an der Pressefreiheit, wie wir sie momentan hierzulande genießen, in Frage stellt? Die NGO „Reporter ohne Grenzen“ berichtet, dass die Lage der Pressefreiheit sich weltweit stark verschlechtert hat – und das gilt auch für Deutschland.
Wie ist es um eine Pressefreiheit bestellt, wenn Verlagshäuser und Rundfunkanstalten in immer stärkerem Maße von Anzeigenkunden abhängig sind? Firmen, Organisationen, finanziell gut gepolsterte Vereine und auch Privatpersonen erkaufen sich redaktionellen Platz mit Anzeigenschaltungen. Das ist vom kleinsten Anzeigenblatt bis zur bedeutendsten Tageszeitung gang und gäbe. Und Redakteure, die Produkte oder das Verhalten von Anzeigenkunden kritisieren, haben ihren Job schneller verloren, als sie „Aber“ sagen können. Das Nachsehen haben unter anderem kleinere Vereine, die sich mit viel ehrenamtlichem Einsatz etwa der Jugendarbeit oder dem Sport widmen. Für deren Anliegen ist kein redaktioneller Platz mehr vorhanden. Und was ist mit der unabhängigen und möglichst umfassenden Information der Leserinnen und Leser?
Ist das die Pressefreiheit, auf die wir stolz sind?
Wo bleibt die so oft gepriesene Meinungsvielfalt, wenn (fast) alle Zeitungen und Magazine zu wenigen Konzernen gehören? Da liegt es nicht nur nahe, sondern bestätigt sich auch immer wieder, dass Ausrichtung und Meinung gleichgeschaltet werden. Und wie unabhängig und frei können Journalistinnen, Reporter und Redakteure arbeiten, wenn ihnen die Angst vor dem Jobverlust aufgrund der viel gelobten Synergieeffekte im Nacken sitzt?
„Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten“, schrieb bereits 1965 Paul Sethe, einer der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Heute, gut 60 Jahre später, dürften es sehr viel weniger Leute sein, die das Meinungsbild im Lande bestimmen. Konzentration wirtschaftlicher Macht ist in allen Bereichen riskant, in der Presse aber noch viel gefährlicher, denn sie nimmt großen Einfluss auf die öffentliche Meinung.
Das beginnt schon beim Fernsehen – im Bereich des Privat-TV spielen heute nur noch RTL und ProSiebenSat1 eine Rolle, der Pay-TV-Sender Sky gehört ebenfalls zu RTL. Auch den Hörfunk beherrscht RTL, ein bisschen was fällt noch für die Axel Springer AG ab. Im Tageszeitungssektor teilen sich Frankfurter Allgemeine Zeitung und Süddeutsche Zeitung den Kuchen auf, Die Welt und die Frankfurter Rundschau dürfen auch noch mitspielen, Die Zeit als Wochenzeitung. Die Bild-Zeitung ist ohnehin konkurrenzlos und selbst im regionalen Bereich konzentrieren sich die Presse-Angebote auf wenige große Zeitungen, die dann eine Reihe von Lokalausgaben zur Verfügung stellen. Da erinnert sich manch historisch Bewanderter mit Grausen an die Lage in der Weimarer Republik …
Ist das die Pressefreiheit, auf die wir stolz sind?
Dass das Graben in unliebsamen Vorgängen nicht unbedingt jedermanns Gefallen findet, dürfte klar sein. Man kann wohl davon ausgehen, dass Pressevertreter den „tödlichsten Arbeitsplatz der Welt“ haben. Natürlich denkt man in diesem Zusammenhang sofort an Kriegsberichterstatter, an Journalisten und Reporterinnen etwa im Sudan, in Gaza und auch in der Ukraine. Natürlich gelten Repressalien und Schikane auch für Pressemitarbeiterinnen und -mitarbeiter, die in autoritären Staaten leben und von dort berichten.
In einigen Beispielzahlen, die aus Recherchen von „Reporter ohne Grenzen“ stammen: Weltweit wurden 2025 insgesamt 67 Reporterinnen und Reporter getötet, die meisten in Gaza (allein 29 von der israelischen Armee) und in Mexiko, wo kriminelle Organisationen sehr schnell kurzen Prozess machen. 135 Journalistinnen und Journalisten gelten weltweit als vermisst, knapp drei Viertel davon im Nahen Osten und in Lateinamerika.
Ist das die Pressefreiheit, auf die wir stolz sind?
Aber wie sieht es hierzulande aus? Auch in Deutschland werden tagtäglich Journalistinnen und Reporter mit Hasskommentaren überschüttet, eingeschüchtert, massiv bedroht und körperlich angegriffen. Nach Recherchen im Rahmen des Investigativprojekts „Storykillers“, das nach dem gewaltsamen Tod einer indischen Aktivistin und Journalistin ins Leben gerufen wurde, sind Vertreter des publizierenden Berufsstands häufig brutalen persönlichen Hassnachrichten, Drohungen und Verunglimpfungen ausgesetzt – Frauen dabei deutlich schlimmer als Männer.
Es ist sehr viel schlimmer geworden, seit es die Sozialen Medien gibt. Hier entladen sich ungehemmte Shitstorms mit Hass und Pöbel. Ganz offenbar kann nichts diese giftspeienden Trolle aufhalten, denn im ach so gläsernen Internet gilt die Freiheit der Anonymität. Extreme Ansichten und ungebändigte Aggressivität nehmen in den letzten Jahren in beängstigendem Ausmaß zu – auch gegen die Presse. Allein ein Blick auf den Umgang des US-Präsidenten mit – vor allem – Journalistinnen zeigt, mit welch harten Bandagen gegen Pressevertreter gekämpft wird.
Eine ganze Schattenindustrie verbreitet Falschnachrichten über unliebsame Journalistinnen und Reporter im Netz, terrorisiert Kritiker mit Hilfe von Bot-Netzwerken und bringt damit eine Lawine von Anschuldigungen in Gang, die die normale Leserschaft nicht unbedingt nachprüfen kann. Auftraggeber: unter anderem Regierungen, Politiker und Unternehmen. Man spricht vom Milliardengeschäft „Desinformation“.
Ja, höre ich Sie sagen, im Ausland, aber doch noch nicht bei uns in Deutschland. Nein? Sophia Maier berichtete als Reporterin häufiger von Corona-Demonstrationen. Dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, Teil des Projekts „Storykillers“, erzählte sie, dass sie nach so einem Einsatz innerhalb von zwei Tagen allein auf ihrem Instagram-Account rund fünftausend Hassnachrichten erhalten habe, darunter viel Frauenfeindliches. Danach wurde sie bei Demos von Sicherheitspersonal geschützt, trotzdem erlebte sie immer wieder Gewalt gegen sich, auch sexualisierte.
Ist das die Pressefreiheit, auf die wir stolz sind?
Neben Hass, Häme, Drohungen und Beleidigungen sowie realer Gewalt werden Pressevertreter auch auf subtilere Art behindert und an der Ausübung ihrer Tätigkeit gehindert. In Norddeutschland ist gerade bekannt geworden, dass Behörden Journalistinnen und Journalisten Auskünfte verweigert haben, die sie ihnen hätten erteilen müssen. Der Zugang etwa zu Demonstrationen oder die selektive Zulassung von Medienvertretern beispielsweise zu Parteitagen ist so illegal wie geläufig. Mit Einschüchterungsklagen versuchen finanzstarke Gegner, Medienschaffende in langwierigen Prozessen zu zermürben und mit hohen Kosten für Anwälte in den Ruin zu treiben. Und da macht Donald Trump nur den Leuchtturm im Meer aus.
Auch die Politik bekleckert sich gegenüber der Presse nicht immer mit Ruhm. Unvergessen die „Spiegel-Affäre“ – 1962 besetzte die Polizei die Redaktionsräume der Zeitschrift „Der Spiegel“ und verhaftete mehrere Journalisten. Der Fall gilt bis heute als einer der größten Angriffe auf die Pressefreiheit in der bundesdeutschen Geschichte.
Ist das die Pressefreiheit, auf die wir stolz sind?
Pressevertreter haben hierzulande ein besonderes Recht zu freier Recherche und Berichterstattung und dessen sollten wir uns sehr glücklich schätzen. Der Blick auf die Rechtslage in anderen Ländern der Erde lehrt uns entsprechende Dankbarkeit.
Man sagt, die öffentliche Meinung sei der Spiegel der Gesellschaft. Doch die ist durch die steigende Polarisierung, vor allem seit dem Erstarken des rechten Randes, ziemlich getrübt. Ist denn solcher Hass, solche Häme, die Verunglimpfungen und üblen Drohungen das, was das Land der Dichter und Denker ausmacht?
Derzeit muss man der Tatsache ins Auge blicken, dass es viel zu viele Möglichkeiten gibt, nicht nur eine wirklich freie Meinungsäußerung zu beschneiden, sondern auch Presse und Rundfunk zu lenken. Die Demokratien unserer Welt sind nicht in der Lage, eines ihrer wichtigsten Güter zu schützen – wenn Politik und Beamtenapparat nicht selbst Teil des Problems sind, stehen sie dem genauso hilflos gegenüber wie der Einzelne, über den ein Shitstorm hereinbricht.
Der besondere Schutz der Pressefreiheit macht in Deutschland und in anderen Ländern, in denen die Pressefreiheit verfassungsmäßig garantiert wird, wachsende Probleme, mit denen Medien, Journalistinnen und Reporter zu kämpfen haben.
Das stellt eine reale Gefahr dar – und das greift die Grundlagen unserer Demokratie(n) an. Oder, wie es Dirk Kurbjuweit formulierte: „Eine Demokratie ist angewiesen auf einen offenen Diskurs und eine Kontrolle der Mächtigen“. Doch die Akzeptanz für die Kontrollfunktion des Journalismus schwindet. Und das öffnet dem Machtmissbrauch Tür und Tor.
I.
Es regnet seit drei Tagen. Draußen, vor den hohen Fenstern des Verlagshauses, grau in grau, läuft das Wasser an den Scheiben herab.
Im dreiundzwanzigsten Stockwerk ist der Lärm der Straße nicht mehr zu hören. Hier oben herrscht eine künstliche Stille, gefiltert durch dreifache Verglasung und dicke Teppiche. Der Raum ist groß und sparsam möbliert, wie es der protestantischen Tradition der Verlegerfamilie entspricht. An der Längswand hängt ein großformatiges Bild eines modernen Künstlers. Es zeigt nichts und alles.
In der Mitte stehen zwei Sessel aus dunklem Leder. Dazwischen ein niedriger Tisch, darauf eine Karaffe mit Wasser und zwei unberührte, schlichte Kristallgläser.
In den Sesseln sitzen zwei Menschen und taxieren einander.
Der Mann ist Mitte fünfzig, das Gesicht zerfurcht von Jahrzehnten der Verantwortung als Verleger für über dreihundert Männer und Frauen und eine Zeitung, die seit mehr als siebzig Jahren existiert. Er hat den Verlag von seinem Vater übernommen, wie dieser von seinem Vater. Er verwaltet ein Erbe, das in Auflagen und Druckerschwärze gemessen wird, aber dessen eigentlicher Wert in etwas Immateriellem besteht: Vertrauen.
Die Frau ist jünger, etwa Anfang vierzig, das Kostüm maßgeschneidert, ein dezentes Makeup, das ihr Alter verschleiern soll, dazu ein einstudiertes Lächeln auf dem geglätteten Gesicht. Als Wahlkampfmanagerin vertritt sie den aussichtsreichen Kandidaten, für den sie in drei Wochen die Wahl gewinnen soll.
Sie sitzt bewusst entspannt, ein Bein über das andere geschlagen. Aber ihre Augen sind wach. Es sind Augen, die nichts übersehen, die permanent scannen, bewerten, berechnen.
Die beiden sitzen sich seit zehn Minuten gegenüber. Sie haben sich begrüßt, höflich, distanziert, ohne Handschlag. Der Verleger hat Wasser angeboten. Die Managerin hat abgelehnt.
„Sie haben Fragen“, sagt sie. Ihre Stimme ist leise, angenehm moduliert.
„Wir haben Antworten“, korrigiert der Verleger.
„Antworten auf Fragen, die niemand gestellt hat.“
„Antworten auf Fragen, die sich die Öffentlichkeit stellen sollte.“
Die Managerin nickt langsam. Sie betrachtet ihre gepflegten Fingernägel.
„Mein Klient“, sagt sie dann, „ist ein Mann, der auch einmal Fehler macht. Wie jeder Mensch. Er ist in der Politik, aber er ist kein Heiliger. Niemand wählt Heilige. Heilige sind langweilig. Und Heilige treffen keine harten, notwendigen Entscheidungen.“
„Es geht nicht um Heiligkeit“, erwidert der Verleger. „Es geht um fehlende Ehrlichkeit. Es geht um Bestechlichkeit.“
Die Managerin lächelt. Es ist ein Lächeln, das die Augen nicht erreicht.
„Bestechlichkeit. Ein juristisch schwieriger Begriff. In der Politik ist es oft eine Frage der Perspektive. Eine Spende, eine Gefälligkeit, ein Netzwerk. Wo beginnt das eine, wo endet das andere?“
„Es endet dort, wo Entscheidungen gekauft werden. Wo Genehmigungen gegen Geldkoffer getauscht werden. Wo politische Weichenstellungen von privaten Konten in Panama abhängen.“
Der Verleger beobachtet die Frau jetzt genau. Er sucht nach einer Reaktion, einem Zucken, einer Nervosität. Aber die Managerin bleibt ungerührt.
Sie ist ein Profi. Sie hat um das Gespräch gebeten, weil sie herausfinden will, wieviel die Zeitung wirklich weiß: Nur von der Baugenehmigung? Oder wissen sie auch von der Stiftung? Wissen sie von den verdeckten Geldern der ausländischen Investoren?
„Sie sprechen von Panama“, entgegnet die Managerin und klingt dabei beabsichtigt gelangweilt.
„Das ist doch Schnee von gestern. Niemand nutzt mehr Panama. Das ist etwas für Amateure oder für Filme aus den neunziger Jahren.“
„Die Orte ändern sich vielleicht, aber das Prinzip bleibt“, sagt der Verleger. „Wir haben Belege für Transaktionen. Dazu haben wir E-Mails als Beweise.“ Er kennt alle Dokumente seiner Journalisten. Er kennt aber auch die Lücken darin. So etwas bleibt nicht aus bei komplexen Nachforschungen.
„E-Mails“, wiederholt die Managerin gedehnt. „Kontextlose Schnipsel irgendeiner digitalen Kommunikation. Leicht zu fälschen, leicht misszuverstehen. Kaum belastbar.“
„Wir haben auch Zeugen.“
Damit landet er einen Treffer. Der Verleger sieht, wie sich die Managerin kurz anspannt. Nur für den Bruchteil einer Sekunde.
„Zeugen?“, die Managerin sammelt sich sofort wieder und fährt scheinbar unbeeindruckt fort. „Vielleicht enttäuschte Mitarbeiter? Gefeuerte Sekretärinnen? Menschen mit Rachegelüsten? Glaubwürdigkeit ist eine fragile Ressource. So ein Kartenhaus kann schnell bei der leichtesten Brise einstürzen.“
„Wir prüfen unsere Quellen gründlich“, sagt der Verleger bewusst streng. Er weiß, dass Menschen immer wieder umfallen oder sich doch als geschickte Lügner erweisen können. Das Risiko besteht dauernd.
Absichtlich souverän fährt er fort. „Wir wissen, was wir tun. Das ist unser Handwerk. Wir drucken keine Gerüchte. Wir drucken sorgfältig recherchierte Fakten.“
II.
Die Managerin steht auf. Sie geht langsam zum Fenster, blickt hinaus in den Regen und dreht dem Verleger den Rücken zu.
„Ihr Handwerk“, sagt sie zur Fensterscheibe. „Ich bewundere das. Wirklich. Diese Akribie. Dieser Glaube an eine objektive Wahrheit. Es hat etwas Museales, irgendwie Nostalgisches.“
Sie dreht sich um.
„Wir leben in komplexen Zeiten. Mein Klient steht für Stabilität. Er steht für Wirtschaftswachstum. Die Umfragen geben ihm recht. Die Wirtschaft vertraut ihm und die Menschen wollen Sicherheit. Sie wollen nicht wissen, wie die Wurst gemacht wird, solange sie schmeckt und ausreichend da ist.“ Sie ist im Wahlkampfredenmodus.
„Die Menschen haben ein Recht auf Wahrheit und den unverstellten Blick auf den echten Charakter Ihres Mandanten, den Blick hinter die Fassade des Machers“, knurrt der Verleger.
„Wahrheit“, wiederholt die Managerin, als koste sie das Wort wie ein exotisches Gewürz, dessen Geschmack sie nicht einordnen kann.
Sie kommt zurück zum Tisch, setzt sich aber nicht, sondern stützt die Hände auf die Lehne des leeren Sessels.
„Ein großes Wort. Früher war Wahrheit das, was am Sonntag von der Kanzel gepredigt wurde. Später das, was in der Tagesschau lief. Heute ist es das, was bei Google oben steht. Aber wir beide wissen, dass die Realität nicht aus Fakten besteht, sondern aus Geschichten.“
„Fakten existieren unabhängig von Geschichten“, erwidert der Verleger kühl. „Wenn Geld geflossen ist, ist Geld geflossen. Das ist Physik, nicht Philosophie.“
„Sie wollen meinen Klienten zerstören“, stellt die Managerin fest.
„Wir wollen Fakten berichten, nicht mehr, nicht weniger,“ wiederholt der Verleger.
„Das Ergebnis ist dasselbe. Wenn Sie heute – drei Wochen vor der Wahl – das drucken, was ich vermute, greifen Sie bewusst in den Wahlkampf, in den Lauf der Geschichte ein. Sie machen sich zum Akteur. Wollen Sie das? Wollen Sie die Verantwortung dafür tragen, dass vielleicht die Opposition gewinnt? Eine Partei, die die Wirtschaft ruinieren wird? Und damit auch die Grundlage für Ihr Unternehmen gefährden kann? Denken Sie doch langfristig.“
Der Verleger lehnt sich zurück. „Sie drohen mir wirklich mit den Auswirkungen demokratischer Wahlen? Ihr Ernst?“
„Ich biete Ihnen Perspektiven.“ Die Managerin setzt sich wieder. Ihre Stimme wird vertraulich.
„Lassen Sie uns vernünftig sein. Mein Klient weiß, dass Sie Material haben. Vielleicht ist manches davon unangenehm. Aber muss es gerade jetzt veröffentlicht werden?“
Sie macht eine offene Handbewegung.
„Wir können kooperieren. Mein Klient schätzt Ihr Blatt, er liest öfter Ihre Leitartikel.“
Sie macht eine kleine Pause.
„Und daher würde er Ihnen gerne… Einblicke gewähren. Exklusive Einblicke.“
Der Verleger schweigt. Er kennt dieses Spiel.
„Wir geben Ihrem Haus das große Interview“, fährt die Wahlkampfstrategin fort.
„Homestory. Nächsten Samstag. Er und seine Frau. In der Küche. Er kocht etwas und wir zeigen den Menschen hinter dem Politiker. Seine Sorgen, seine Zweifel. Nahbar. Das ist es doch, was Ihre Leser wollen. Gefühle. Keine trockenen Zahlen oder Kontobewegungen. Wir liefern Ihnen emotionales Gold für Ihre Sonntagsausgabe. Und Ihr Verlag baut sich eine wichtige Brücke zur Zukunft, wenn mein Klient die Wahl erst einmal gewonnen hat.“
„Das wäre nur plumpe Propaganda“, kontert der Verleger mit härter werdender Stimme.
„Billige Werbung für Ihren Mann. Wir würden uns zu Komplizen machen, sein Image aufpolieren, während wir Beweise für sein Fehlverhalten in unserem Tresor verschimmeln lassen. Das ist völlig ausgeschlossen.“
Die Managerin seufzt, als bedauere sie die Sturheit eines begriffsstutzigen Kindes.
„Natürlich sind Sie ein Idealist, aber das ist teuer. Ich kenne Ihre Bilanzen und jeder weiß, wie es um die Printbranche steht. Die Auflagen sinken, Anzeigen brechen weg. Google und Facebook saugen den Markt leer.“
Sie beugt sich vor.
„Mein Klient hat Freunde. Mächtige Freunde in der Wirtschaft, die auf ihn bauen. Sie alle sind ihm dankbar für seine Politik. Ein Wort von ihm reicht, ein diskreter Hinweis beim nächsten Kamingespräch, und die Werbebudgets für das nächste Jahr werden neu verteilt. Wir sprechen von großformatigen Anzeigen. Serienbuchungen. Beilagen. Wir sprechen von finanzieller Sicherheit für Ihren Verlag für die nächsten vier, fünf Jahre. Garantiert.“
Der Verleger spürt Zorn aufsteigen, kalt und scharf. Er weiß, dass die Frau Recht hat.
Die Zahlen sind in den letzten Jahren immer kritischer geworden. Aber er wird nicht zulassen, dass sie diese Entwicklung als Waffe gegen ihn richtet.
„Sie versuchen, mich zu kaufen.“
„Ich versuche, eine Win-Win-Situation zu schaffen. Sie verzichten auf eine schmutzige Schlammschlacht, die uns und letztlich dem Land schadet, und erhalten dafür die Mittel, um weiterhin Qualitätsjournalismus zu betreiben.“
Sie lächelt schief.
„Pressefreiheit ist nicht käuflich.“ Der Verleger schüttelt heftig den Kopf.
„Alles ist käuflich“, entgegnet die Managerin gelassen. „Es ist nur eine Frage der Währung. Manchmal ist es Geld. Manchmal ist es Eitelkeit. Und manchmal ist es Angst.“
„Nochmal: wir sind nicht käuflich. Weder durch Homestorys noch durch Anzeigenverträge. Nehmen Sie Ihr Geld und verschwinden Sie.“
Die Stimme des Verlegers ist fest, aber er glaubt zu spüren, wie dünn sie jetzt klingt, angesichts der kühlen Strategie der Managerin.
III.
Die Frau bleibt ungerührt sitzen. Ihr Gesichtsausdruck verändert sich. Die Höflichkeit fällt ab wie eine lästige Schale und ihr Gesicht wird glatt und hart.
„Schade,“ sagt sie. „Ich hatte gehofft, Sie seien ein Geschäftsmann. Aber Sie sind ein Fanatiker.“
Sie greift nach dem Wasserglas vor sich, dreht es langsam in den Händen, betrachtet die Lichtbrechungen im geschliffenen Glas.
„Dann lassen Sie uns über diese Pressefreiheit sprechen, die Sie wie eine Monstranz vor sich hertragen.“
Sie stellt das Glas hart auf den Tisch zurück.
„Sie verstehen nicht, wie das Spiel heute funktioniert“, sagt sie leise.
„Sie denken immer noch in den Kategorien des 20. Jahrhunderts. Sie denken: Ich habe die Information, also habe ich die Macht. Aber Sie irren sich. Sie haben nur Papier.“
„Wir haben das Vertrauen der Öffentlichkeit“, hält der Verleger dagegen, fragt sich aber unwillkürlich, ob das wohl immer noch stimmt.
„Die Öffentlichkeit“, lacht die Managerin leise und freudlos. „Die Öffentlichkeit sucht keine Wahrheit, mein Lieber. Sie sucht Bestätigung. Und vor allem: Sie sucht Unterhaltung. Wenn Sie morgen diesen Artikel bringen, werden Sie nicht erleben, wie ein Skandal meinen Klienten stürzt. Sie werden erfahren, was moderne Kommunikation und Öffentlichkeit heute wirklich bedeuten.“
„Natürlich, Sie und Ihr Kandidat werden alles dementieren. Das erwarten wir.“
„Dementieren? Gott bewahre, nein. Das ist so neunziger Jahre.“ Die Managerin macht eine wegwerfende Handbewegung.
„Wer dementiert, wirkt schuldig. Nein. Wir werden den Fokus verschieben. Wir werden das Narrativ ändern. Wir sprechen dann nicht mehr über meinen Klienten. Wir werden über Sie sprechen. Über Ihre Agenda. Über Ihre Motive.“
Die Managerin lehnt sich weit zurück, verschränkt die Arme.
„Ihre Frau, Claudia. Sie engagiert sich doch im Vorstand eines Vereins für Flüchtlinge. Sehr lobenswert. Aber es gibt da Gerüchte. Man erzählt sich, dass Gelder in dem Verein nicht ganz sauber verbucht sein könnten.“
Der Verleger spannt sich an. „Lassen Sie meine Frau aus dem Spiel.“
„Natürlich ist da nichts“, beruhigt ihn die Managerin sanft, als spräche sie mit einem Kind.
„Das wissen Sie. Das weiß ich. Aber spielt das eine Rolle? Wir stellen nur Fragen. Das ist doch Journalismus, oder? Fragen stellen. Wir platzieren diese Fragen dort, wo sie wachsen. Auf Telegram, in Kommentarspalten, via Bots, die aussehen wie besorgte Bürger. Wir liefern kein Urteil. Wir liefern Zweifel.“
„Das ist Verleumdung. Ich werde Sie verklagen.“
„Tun Sie das. Bitte. Ein Prozess ist wunderbar. Er hält das Thema über Jahre warm.“
Die Managerin beugt sich wieder vor, ihre Stimme wird fast flüsternd.
„Hören Sie mir gut zu. Es geht nicht darum, ob wir einen Prozess gewinnen. Es geht um Geruch.“
Leise holt sie Atem.
„Kennen Sie das Prinzip der sozialen Kontamination?“
Sie wartet keine Antwort ab.
„Stellen Sie sich einen Ventilator vor. Riesig, laut. Und davor eine Jauchegrube.“
Sie macht eine kleine, fast entschuldigende Geste. „Wir werfen alles hinein, was wir finden. Wahr, halbwahr, erfunden. Es spielt keine Rolle. Der Ventilator übernimmt den Rest und bläst alles in Ihre Richtung.“
Ihre Augen blitzen vor Erregung.
„Der Dreck fliegt. Sie können sich ducken. Sie können einen Regenschirm aufspannen. Aber der Dreck wird überall sein. Er legt sich auf Ihre Kleidung, auf Ihre Haut, in Ihre Haare. Er trifft Sie, Ihre Frau, Ihren Sohn. Ihren alten Vater. Er trifft diesen Verlag. Und wissen Sie, was passiert?“
Sie deutet mit dem Zeigefinger auf die Brust des Verlegers, ohne ihn zu berühren.
„Das Zeug klebt. Es ist zäh. Und es stinkt. Die Leute werden nicht analysieren, woher der Gestank kommt. Sie werden nur riechen, dass Sie es sind, der stinkt. Und sie werden auf Abstand gehen. Ihre Freunde im Golfclub? Haben keine Zeit mehr für Sie. Einladungen bleiben aus. Ihre Frau wird im Supermarkt Blicke spüren, die sie nicht zuordnen kann. Ihr Sohn wird an der Uni gemieden, weil niemand mit dem Sohn des ‚korrupten Pädophilen‘ gesehen werden will. Ja, auch diese Worte werden fallen. Das Internet kennt keine Schamgrenze und Bots erst recht nicht.“
Der Verleger starrt die Frau an. Er sucht nach einem Anzeichen von Skrupel, findet aber nur kalte Effizienz.
„Wir werden uns wehren.“ Seine Stimme wird lauter. „Wir werden Interviews geben. Wir werden die Wahrheit belegen und alle Ihre Lügen aufdecken. Wir haben Fakten.“
„Fakten sind leise“, entgegnet die Managerin. „Lärm überdeckt alles. Und wir haben die Verstärker. Je mehr Sie sich wehren, desto mehr wirbeln Sie den Staub auf. Jedes Ihrer Dementis wiederholt nur unsere Geschichten. Am Ende bleiben Sie der Mann, der ständig abstreiten muss, seine Frau betrogen oder Geld unterschlagen zu haben. Sie können nicht gewinnen. Nicht gegen den Schwarm und den Algorithmus.“
Sie steht auf, greift nach ihrer Aktentasche. Ihre Bewegungen sind ruhig, ökonomisch.
IV.
„Wie können Sie so etwas tun? Wie können Sie für so jemanden eine solche Drecksarbeit übernehmen? Sie zerstören Vertrauen, treten die Demokratie in den Dreck“, sagt der Verleger leise.
„Wir modernisieren sie“, antwortet die Frau gelassen. Fast entschuldigend ergänzt sie schnell: „Das ist nun einmal meine Aufgabe, dafür werde ich bezahlt“.
„Soll das Ihre ganze Rechtfertigung sein?“ schnaubt der Verleger.
Die Managerin schüttelt sich langsam und fixiert den Mann vor sich.
„Sehen Sie, früher war das alles so einfach. Es gab Sie und Ihresgleichen. Ein halbes Dutzend Zeitungen, zwei, drei Fernsehsender. Und Sie waren die Meinungselite im Land und haben gemeinsam entschieden, was wahr und was wichtig ist. Sie teilten sich das Monopol auf die Realität und sonnten sich in Ihrer Meinungshoheit. Aber das Internet hat diese Alleinherrschaft längst gebrochen.“
„Die Wahrheit setzt sich am Ende immer durch“, beharrt der Verleger, aber es klingt wie ein Gebet, nicht wie eine Überzeugung.
„Die Wahrheit?“ Die Managerin lacht. „George Orwell erzählt in `1984´ vom Wahrheitsministerium, an dessen Gebäude mein Lieblingsmotto zu lesen ist: Unwissenheit ist Stärke. Orwell hat schon damals erkannt: Eine Lüge wird geglaubt, wenn sie nur oft genug wiederholt wird. Wahrheit kann man einfach unter Massen von „alternativen Wahrheiten“ auf Nimmerwiedersehen verschütten.“
Sie wendet sich noch einmal zum Tisch.
„Die Pressefreiheit stirbt heutzutage nicht durch Zensur. Sie stirbt durch Reizüberflutung. Sie stirbt, weil niemand mehr zuhört.“
Die Managerin macht eine letzte Pause.
„Das ist unser Angebot. Kooperation. Stille. Wohlstand. Oder wir werfen den Ventilator an. Der totale Krieg. Die Vernichtung Ihrer sozialen Existenz und die Ihres Verlages. Entscheiden Sie.“
Der Verleger drückt einen Knopf an seinem Telefon.
„Ich lasse Sie hinausbringen.“
Die Managerin zuckt mit den Schultern. „Wie Sie wünschen.“
Sie geht zur Tür. Ihre Schritte sind leise auf dem teuren Teppich.
An der Tür hält sie inne, die Hand auf der Klinke. Sie dreht sich noch einmal um.
Ihr Gesicht ist jetzt vollkommen ausdruckslos.
„Sie glauben, Sie tun das Richtige. Das Moralische. Aber fragen Sie sich: Ist es das wert? Ist es wert, dass Ihre Frau zerbricht? Dass Ihr Personal auf der Straße landet, weil niemand mehr eine Zeitung kauft, deren Verleger als pädophil oder korrupt gilt? Denn das werden wir behaupten, wenn es sein muss. Wir haben keine Grenzen. Sie schon. Das ist Ihr Nachteil.“
Sie öffnet die Tür.
„Wir leben in einem neuen Zeitalter, mein Lieber. Die Wahrheit ist tot. Es lebe der Lärm.“
Dann ist sie weg. Die Tür schließt mit einem satten Klicken.
V.
Der Verleger bleibt zurück.
Die alte Stille liegt wieder im Raum, aber sie fühlt sich jetzt anders an. Bedrohlich. Kontaminiert.
Der Mann sitzt regungslos da. Er starrt auf das Kunstwerk an der Wand. Die Farben scheinen sich zu bewegen, zu wirbeln.
War das eben nur ein Bluff?
Er kennt den Politiker. Er weiß, dass das Team um ihn herum skrupellos ist.
Er hatte beobachten müssen, wie sie im letzten Jahr eiskalt einen Gegenkandidaten Stück für Stück demontierten. Gerüchte wurden lanciert über anonyme Quellen und dem Mann wurde keine Chance gelassen, bis sein Ruf ruiniert war und er zurücktreten musste.
Die Drohungen sind nicht nur Gerede. Er ist sich sicher, sie haben die Mittel.
Er denkt an Claudia. Sie ist sensibel. Ein solcher Shitstorm, eine solche Kampagne: würde sie das ertragen? Und würde ihre Ehe das aushalten?
Der Verleger steht auf und geht zum Fenster. Er legt die Stirn gegen das kühle Glas.
Draußen liegt die Stadt, grau und nass. Irgendwo dort unten leben die Menschen, die seine Zeitung lesen. Oder auch schon länger nicht mehr und stattdessen lieber ins Handy starren, wenn man den sinkenden Auflagen glaubt.
Hat die Managerin recht? Ist der Kampf von Anfang an verloren, weil die Waffen ungleich verteilt sind? Sind er und sein Verlag aus der Zeit gefallene Ritter in maroder Rüstung, ohne Chance gegen eine Armee aus unsichtbaren Drohnen und Bots?
Vielleicht sollte er nachgeben. Nur dieses eine Mal. Den Bericht abschwächen, die schonungslosen Details weglassen. Den Politiker schonen. Zumindest im Moment.
Und es stimmt leider: Der Verlag braucht dringend frisches Geld. Neue Anzeigen wären die Rettung für die nächste Zeit. Er hat auch die Verantwortung für dreihundert Familien. Setzt er deren Jobs aufs Spiel für sein Ideal von Wahrheit, das vielleicht niemanden mehr interessiert? Und könnte sich der Verlag überhaupt einen teuren Rechtsstreit leisten, wenn es hart auf hart kommt?
Aber wenn er jetzt nachgibt… was bleibt dann?
Dann ist er kein Verleger mehr. Dann ist er nur noch ein Händler von bedrucktem Papier. Ein Verkäufer von Belanglosigkeiten.
Sein Vater hat immer gesagt: „Eine Zeitung kann alles verlieren, ihr Geld, ihr Haus, ihre Maschinen. Aber erst wenn sie ihre Haltung verliert, ist sie wertlos.“
Doch sein Vater hatte Gegner, denen man in die Augen sehen konnte. Heute kämpft man gegen Geister, gesichtslose Söldner aus dem Datennebel.
Der Zweifel frisst an ihm. Vielleicht ist an den Vorwürfen gegen den Politiker auch weniger dran, als es scheint? Vielleicht haben sie sich verrannt? Was, wenn er die Existenz seiner Familie und des Verlages zerstört für eine Geschichte, die am Ende doch nicht wasserdicht ist?
Die Angst kriecht ihm den Nacken hoch. Die Angst vor dem Gestank. Die Angst vor der Isolation.
Plötzlich zerreißt ein Geräusch die Stille.
Das Telefon auf seinem Schreibtisch.
Es ist ein altes Modell, schwer, schwarz. Er hat es von seinem Vater geerbt und all die Jahre nicht austauschen lassen gegen die moderneren Geräte.
Das Klingeln ist mechanisch, fordernd.
Der Verleger dreht sich um und starrt das Gerät an.
In der Mitte der zwei Reihen mit Durchwahlknöpfen blinkt das Licht für die Chefredaktion im Rhythmus des Klingeltons.
Er weiß genau, warum der Anruf kommt. Es ist 20:30 Uhr.
Die Deadline.
In der Druckerei im Keller stehen die Maschinen bereit. Die riesigen Rollen Papier sind eingelegt und die Plattenbelichter warten auf die Daten.
Der Chefredakteur braucht das Go. Er braucht seine Entscheidung.
Drucken wir die Geschichte? Den Aufmacher? Die Enthüllung?
Oder drucken wir die Alternative? Den harmlosen Bericht über die Steuerreform?
Wenn er abnimmt, muss er Ja oder Nein sagen.
Ja bedeutet Krieg. Es bedeutet den Ventilator. Den Schmutz. Die Gefahr für seine Familie.
Nein bedeutet Frieden. Es bedeutet Geld. Sicherheit. Und den moralischen Bankrott.
Das Telefon klingelt weiter.
Zweimal.
Dreimal.
Es ist das lauteste Geräusch der Welt.
Der Verleger geht langsam zum Schreibtisch. Er spürt jeden Schritt in seinen Knochen. Er fühlt sich unendlich schwer.
Er steht vor dem Telefon. Das rote Licht blinkt unbeeindruckt. Wie ein Warnsignal.
Vier Mal.
Er streckt die Hand aus, sieht auf seine Finger, als gehören sie einem Fremden.
Fünf Mal.
Er denkt an die Managerin. An das reptilienhafte Lächeln. An ihren Satz: Die Wahrheit ist tot.
Er denkt an Claudia, seinen Sohn, seinen Vater. Den Verlag.
Der Verleger atmet tief ein. Seine Hand umschließt den Hörer. Das Plastik ist glatt und kalt. Er zögert den Bruchteil einer Sekunde.
„Drucken“, will er sagen. Oder „Stopp“.
Er hebt ab.
Die Glocken der Nikolaikirche erinnerten Ingrid daran, dass der Montag sich dem Abend zuneigte. Jetzt, nach dem Friedensgebet, würden sich die Tore der Kirche öffnen und die Menschen würden herausströmen in die spätsommerliche Luft der letzten Septembertage. Ingrid schloss das Fenster ihres Büros, auch wenn sie wusste, dass das wogende Gemurmel, das sich langsam, aber stetig über den Ring bis zum Karl-Marx-Platz schieben würde, damit nicht auszusperren war. Sie spähte durch das Fenster und beobachtete die Menschen, die sich vor der Kirche sammelten. Mit jeder Woche wurden es mehr, flüsterten sie lauter. Wie hatte es so weit kommen können? Sie ertappte sich bei dem Wunsch, sich unter die Menschen zu mischen, sich den Rufen nach Freiheit, nach Schreiben-Dürfen anzuschließen. War nicht das der Grund gewesen, warum sie geschworen hatte, gegen diese schreiende Ungleichheit anzuschreiben, gegen die Ausbeutung? Damals auf der Flucht aus Ostpreußen, kaum 15 Jahre alt.
Die Euphorie der frühen DDR-Jahre war der Ernüchterung gewichen, dass der kleine Mann von früher vielleicht der große Mann von heute war, seinem Vorgänger aber zum Verwechseln ähnlich sah.
Das Quietschen der Türklinke riss sie aus ihren Gedanken.
Ich geh dann jetzt!
Hedi, die Sekretärin, steckte ihren Kopf hinein und winkte.
Ja, ich mache jetzt auch Feierabend, erwiderte Ingrid und klappte die Kladde vor sich auf dem Tisch zu. Johanna wartet sicher schon, fügte sie in Gedanken hinzu.
***
Blauer Anzug, weißes Hemd, rote Krawatte. Wie immer sah er tadellos aus, als er dem anderen Mann, dem im ausgewaschenen Blaumann, den Koffer reichte. Der sah müde aus, das Lächeln gebückt. Im Austausch für den Koffer erhielt er einen Stapel Papiere. Der Mann im Anzug nickte, ein Wort formte sich auf seinen Lippen. Sarah konnte von ihrem Platz hinter der gläsernen Wand die Lippen des Mannes lesen: MEHR! Sie fühlten sich unbeobachtet. Doch wenn der Wind Lücken in die Blätter der Büsche riss, die die Männer als Deckung nutzten, konnte Sarah sie sehen.
Der Blaumann kommt zu ihr, öffnet ihre Tür, ohne dass sie darum gebeten hatte. Er bringt ihr einen Karton voller Dinge, einen Zettel. Sagt, ihr Mann habe viel geleistet, verdiene diesen Monat mehr, also bekommt sie nun einen Karton neuer Dinge. Sarah weiß, was in dem Karton ist, ohne ihn zu öffnen. Es sind jede Woche dieselben Dinge. Sie brauche diese neuen Dinge in dem Karton nicht, erwidert sie. Aber sie brauche dringend Vorhänge; sie schlafe schlecht, weil das Licht der Laternen ins Glashaus scheint, sie komme nicht zur Ruhe. Der Mann legt den Arm um sie.
Aber aber, säuselt er. Sie wisse doch, dass die Beleuchtung und das Glas einzig ihrem Schutz dienen. Ordnung und Sicherheit durch Transparenz, das Prinzip sei doch jedem Kind klar. Sie haben doch sicher gesehen, Frau Hellmann aus der Wohnung nebenan musste ins Krankenhaus, nachdem sie die Nächte im Dunkeln verbracht hat. Das bekommt den Menschen nicht.
Wollen sie nicht eines Tages in ein oberes Stockwerk ziehen? In eine der großen Wohnungen?
Die großen Wohnungen bekam man erst, wenn die kleinen weiter unten zu klein wurden. Also musste man viel arbeiten, damit man viele Dinge bekam. Dann würde die Wohnung zu klein und man bekam eine größere.
Sie würde doch sicher bald Kinder haben wollen und die brauchten doch eine große Wohnung, denen wolle sie doch etwas bieten.
Der Blaumann schüttete den Karton aus, füllte ihn mit anderen, älteren Dingen. Er holte seine Papiere hervor, machte Notizen, fragte, notierte und verließ die Wohnung. Nächste Woche würde er wiederkommen.
Und in der danach. Und in der darauffolgenden auch.
Von Geld hatte Sarah nur gehört. Es wird immer direkt in Waren bezahlt, man muss kaufen, um in den nächsten Stock zu ziehen.
Doch ganz oben, da wohnen die Männer, ohne Kinder, ohne Frauen. Die Frauen allein wohnen ganz unten. Sie könnten arbeiten, sollen aber Kinder bekommen, das Geld verdienen den Männern überlassen.
Die Männer gehen tagsüber zum Arbeiten in das Gebäude nebenan. Doch nie darf die Schranke passieren. Niemand, außer dem Mann im Anzug. Sein Haus hat keine Wände aus Glas. Man kann nicht hineinsehen. Nicht in sein Haus, nicht in ihn. Nicht so, wie er in andere hineinsehen kann.
Die Tür wurde aufgestoßen. Johanna schreckte hoch, klappte instinktiv ihr Notizbuch zu und schob es unter einen Stapel Papier, der allein zu diesem Zweck auf ihrem Küchentisch lag. Ingrid trat ein und legte den Finger an die Lippen. Ohne ein Wort ging sie ins Bad und drehte den Wasserhahn auf. Das Rauschen des Wassers würde ihre Worte verwaschen, bevor sie an die feine Membran der Abhörwanzen gelangten. Johanna folgte ihr, das Notizbuch in der Hand.
Die beiden Frauen umarmten sich.
Was macht „Das Glashaus“?, fragte Ingrid. Johanna reichte ihr das Notizbuch und sie setzten sich auf dem Linoleumboden nebeneinander, den Rücken gegen die Wanne gelehnt. Ingrid überflog den Text.
Das ist gut, flüsterte sie. Kritik an der Bundesrepublik, auf jeden Fall. Das mit Frau Hellmann werden sie streichen und sicher auch den Koffertausch. Aber vielleicht reicht das schon, damit der Rest durchkommt.
Dann fügte sie grinsend hinzu: Lass Sarah den Wasserhahn ihrer Badewanne aufdrehen, wenn sie das Gefühl haben will, allein zu sein.
Johanna kicherte leise. Sie liebte diese geheimen Treffen mit Ingrid, die für sie mehr eine Freundin war als eine Vorgesetzte. Wie Ingrid war Johanna eine glühende Verfechterin des Sozialismus gewesen und umso ernüchterter, wenn sie sah, wozu die Elite der SED ihn missbrauchte. So mussten sie dem Zensor genügend offensichtliche Provokationen geben, damit er etwas streichen konnte, das Gefühl hatte, seine Arbeit gemacht zu haben. Um dann die tatsächliche Botschaft in Metaphern zu kleiden: Das Glashaus, in dem sie lebten. Der Mann in blau, rot und weiß – die Farben der Amerikaner ebenso wie die panslawischen Farben von 1848, die Farben Russlands. Russland, das den Mann im Blaumann, den Arbeiterstaat, am Leben hielt, genau wie die Amerikaner die BRD. Die BRD, deren Überfluss an Gütern die Menschen zerquetschte, so wie der Mangel am Notwendigen in der DDR dasselbe tat.
Die Sklavenhaltung der Frauen in der BRD, die sich vom Osten nur dadurch unterschied, dass sie auch in Paragrafen geschrieben war. Die Männer, denen es in beiden Systemen als einzigen vorbehalten war, in die höchsten Stockwerke der Gesellschaft aufzusteigen.
Doch nie hätte sie jemand so reden hören dürfen. Dass sowohl Ingrid als auch Johanna als getreue Genossinnen galten, verschaffte ihnen einen gewissen Handlungsspielraum.
Ingrid markierte die Stellen im Text, die der Zensor streichen würde. So gingen sie immer vor. Johanna entwarf ihre Geschichte, dann frisierte sie den Text für die Zensur. Sie schrieb Stellen um, damit sie provozierten, schrieb etwas hinzu, das dem Zensor fette Beute bescherte. Später würde sie mit schuldbewusstem Nicken und eiligem Gehorsam alle Anpassungen einarbeiten. Ihre Botschaft musste unter genügend opferbaren Sätzen versteckt sein.
Nein, das war nicht der gerechte Sozialismus, von dem Ingrid nach der Nazi-Diktatur geträumt hatte und für den sie Johanna begeistert hatte. Es war ein schmaler Grat der Worte, auf dem sie balancieren gelernt hatten. Die Angst schrieb immer mit.
***
Der 7. Oktober war mild, die Stadt vor Ingrids Fenster trotz oder vielleicht gerade wegen des 40-jährigen Staatsjubiläums ungewohnt still.
Der hagere Mann im grauen Anzug hatte blass gewirkt, als er die Tür zu Ingrids Büro geräuschlos geöffnet hatte. Natürlich hatte er sich angekündigt. Natürlich hatte Ingrid dem Termin zugestimmt. Ja war das erste Wort, das eine Genossin lernte. Und schon an der Farbe seiner Stimme hatte Ingrid erkannt, dass etwas anders war als sonst. Doch davon hatte sie Johanna nichts gesagt, die im Büro nebenan saß, an einem Artikel für die Zeitschrift „Für Dich“ schrieb und nervös auf das Urteil des Zensors wartete.
Anders. Dieses Gefühl zog durch die Straßen Leipzigs wie ein Geruch. Der Gestank der Angst, die größer wurde; der feine Duft von Hoffnung, die sich von Angst ernährt.
Den angebotenen Stuhl hatte der Hagere abgelehnt, er müsse auch gleich weiter. Hatte den mausgrauen Hut vom sorgfältig gelegten Haar genommen und ihr gedankt, dass sie ihn empfange. Was hätte sie auch sonst tun sollen, war die Frage, die sie nicht zu stellen wagte.
Die Tasche auf den Knien hatte er den angebotenen Stuhl schließlich doch angenommen.
Ich habe das Manuskript ihrer Autorin gelesen.
Er schaute über den Text in seiner Hand, als ob sich die Worte ihm plötzlich widersetzen und fliehen könnten.
Ganz.
Keine Einleitung, keine Wertung, keine Eile. Stattdessen: Zähe Unnahbarkeit. Und Vorsicht. Die war neu, aber nicht weniger bedrohlich. Dass er betonte, es ganz gelesen zu haben, war eine Drohung.
Eine junge Autorin.
Er blickte über den Rand des Manuskriptes.
Sehr geschlossen. Konsequent.
Er blätterte um, als gäbe es im Text etwas zu entdecken, das ihm bisher entgangen war.
Literarisch ambitioniert. Das macht es schwierig.
Er weiß, dass sie wartet. Er genießt, dass sie wartet.
Geradezu kompromisslos.
Ingrid versuchte ein Lächeln. Kompromisslosigkeit ist doch aber keine Kategorie im Genehmigungsverfahren, oder?
Der Hagere erwiderte ihr Lächeln nicht.
Und dennoch ist es doch der Kompromiss, den wir alle in diesen Zeiten suchen sollten, nicht wahr?
Pause.
Frau Werner, sie wissen, es ist nicht meine Aufgabe Bücher zu mögen.
Pause.
Ich habe die Arbeit mit ihnen immer geschätzt, aber dieses Buch…
Er zögerte, als ob die Worte ihm von den Lippen gerutscht wären. Dann legte er das Manuskript auf ihren Schreibtisch. „Verboten“ stand dort. Der Hagere seufzte.
Sie sehen doch, was da auf den Straßen los ist, unsere Leute sind doch schon aufgebracht genug. Da muss man doch nicht noch Öl ins Feuer gießen. Er wirkte plötzlich beinahe versöhnlich, ja gar menschlich.
Er schaute aus dem Fenster, dann auf die Uhr an seinem Handgelenk.
Ich habe die problematischen Stellen markiert, versucht umzuformulieren. Aber es sind einfach zu viele. Zu viele tragende Textstellen.
Ingrid schwieg. Es dämmerte bereits, nicht mehr lang, dann würde die Menschen zum Friedensgebet in die Nikolaikirche ziehen. Ingrid hatte sich nie an den Montagsdemonstrationen beteiligt. Zu wichtig war die Linientreue. Bis heute.
Durchsichtigkeit, fehlende Rückzugsräume, Transparenz als Repression. Die durchgehende Negation von Ordnung als Voraussetzung für gesellschaftliches Zusammenleben. Die Leute werden das Lesen. Aber nicht so, wie sie es meinen, Frau Werner.
Linientreue. Die Schlinge um den Hals. Sie zog sich zu. Es hatte keinen Sinn so zu tun, als wäre es Kritik nur an der BRD. Sie waren zu weit gegangen, in einer Zeit, in der die Zensur fester nach ihren Stiften griff.
Vielleicht wird es so gelesen, wie es gemeint war? I
Ingrid sah ihn direkt an. So musste sich Mut anfühlen. Für einige Sekunden erfüllte das Glucksen der Heizung den Raum vollkommen. Er hielt ihrem Blick stand. Dann sagte er schließlich: Ich halte den Text für nicht genehmigungsfähig.
„Verboten“ war ein Wort, dass sie nie aussprachen.
Er schob das Manuskript über den Tisch und sah erneut auf seine Uhr. Ingrid rührte die Seiten nicht an.
Sie wissen, ich meine das nicht persönlich.
Wieso sah er ständig auf die Uhr?
Ingrid zwang sich ein Lächeln auf die Lippen.
Natürlich.
Der Hagere stand auf, setze den Hut auf den Kopf und ging zur Tür. Er zögerte, blieb stehen, drehte sich noch einmal um, als ob er etwas sagen wollte. Dann schloss er die Tür hinter sich.
Die Friedensgebete gingen zu Ende, als Ingrid und Johanna das Büro verließen, um gemeinsam durch die Innenstadt nach Hause zu radeln. Sie schwiegen. Es blieb nichts mehr zu sagen.
Auf Höhe der Nikolaikirche hielten sie an und staunten. Waren das schon immer so viele Menschen gewesen, die aus dem Inneren der Kirche auf die Straße traten? Die dort warteten, unsicher, aber unübersehbar? Ingrid stutzte, als sie den Hageren unter ihnen erblickte. Zuerst bemerkte er sie nicht; dann tat er so, als hätte er sie nicht bemerkt.
Sie sah ihn erst im Pferdestall wieder. Die Zeit dazwischen war luftleer.
Stille. Wie konnten so viele Menschen, tausende so still sein? Es war die Angst, die sie lähmte. Das Flüstern wurde nur allmählich lauter. Es war keine Demonstration geplant. Die Staatsführung feierte sich selbst in Berlin. Zum 40. Jahrestag der Republik waren unbequeme Gäste unpässlich zu machen.
Zuerst waren es nur die Knüppel im Rücken, die Waffen an den Gürteln der Staatsschergen; dann sahen sie, wie Menschen an den Füßen über das Kopfsteinpflaster zu LKWs gezogen und rüde hinaufgeworfen wurden. Ingrids Fahrrad wurde umgestoßen und plötzlich fand sie sich selbst auf der Ladefläche eines Lasters, den Kopf in einer Blase des Unglaubens. War das Johanna neben ihr? Ihr Blick flackerte.
Das Nächste, was sie wahrnahm, war die junge Frau, die in der Box nebenan auf und ab lief, zitternd, flehend, dann schreiend.
Bitte, ich muss nach Hause! Ich habe Kinder. Ich habe doch damit nichts zu tun. Ich war auf dem Weg nach Hause, zu meinen Kindern.
Ruhe!, brüllte der Volkspolizist vom anderen Ende der Stallgasse, die Waffe im Holster.
Immer zu zehnt je Pferdebox hatten Polizei, Stasi, Betriebskampfgruppen und NVA das „Zeug“, wie der Staatsschutz die Menschen nannte, in einem Pferdestall der Agra Markkleeberg „zugeführt“. Wütende Bürger passten nicht in glückliche Bilder der Jubiläumsfeier. Ingrid fühlte Blut an ihrer Stirn. War das ihres? Wo war Johanna?
Bitte, ich muss nach Hause, ich muss zu meinen Kindern, jammerte die Frau.
Der Polizist ignorierte sie. Ihre Schreie wurden schon zu leise, als dass es ihn noch interessiert hätte. Ingrids Blick klarte langsam auf, da entdeckte sie Johanna, die an der Wand der Pferdebox lehnte und sich den Arm hielt. Langsam wankte sie zu ihr hinüber, Ingrids Kopf schien sich zu drehen.
Geht es dir gut?, fragte sie kaum hörbar. Johanna stöhnte leise. Mein Arm, ich glaube sie haben mir den Arm gebrochen.
In diesem Moment begann die Frau in der Box nebenan hysterisch zu schreien.
Bitte, meine Kinder, ich muss zu meinen Kindern, sie sind ganz allein zu hause!
Der Volkspolizist stapfte mit wütenden Schritten durch die Stallgasse.
Johanna lehnte ihr Gesicht gegen die Gitter, die die Boxen voneinander trennten.
Schhhhh, beruhige dich! Je mehr du schreist, desto länger werden sie dich hierbehalten! Alles wird gut, raunte sie der Frau zu, nimm meine Hand.
Sie unterdrückte den Schmerz, als sie ihre gebrochene Linke losließ, um die rechte Hand durch das Gitter zu strecken. Alles wird gut!, murmelte sie.
Die junge Frau griff nach Johannas Hand, sie zitterte am ganzen Körper. Der Polizist zog die Tür der Box auf und starrte die beiden Frauen an.
Ruhe jetzt!, schrie er.
In Ordnung Herr Wachtmeister, wir werden jetzt ruhig sein, nicht wahr? Johanna sah die Frau an, die am ganzen Leib zitternd nickte. Wortlos drehte sich der Polizist um, zog die Boxentür hinter sich zu und hielt auf den Ausgang des Stalls zu.
Ich bin Johanna, stellte sich Johanna vor und strich der jungen Frau über das Gesicht.
Sarah, erwiderte sie. Johanna lächelte. Alles wird gut Sarah. Ich bin bei dir.
Stille senkte sich über den Stall wie ein Leichentuch. Die Zeit stand still. Johanna wisperte, wenn Sarah wimmerte.
Ingrid bemerkte, wie sich Johannas Stimme von ihr entfernte, dabei stand sie doch direkt neben ihr. Sie schloss die Augen. Der Herbst war mild, aber die Kälte des nackten Betons unter ihren Füßen fraß sich durch die Sohlen ihrer Schuhe, in ihre Zehen, ihren Körper hinauf. Frieren, Zähne klappern. Angst. Den Tod im Rücken. Als sie die Augen wieder öffnete, war sie 15, auf dem Fuhrwerk, klappernd vor Kälte trotz der Federbetten, in die ihre Mutter sie gewickelt hatte.
Sie kommen, dachte sie, und dann nehmen sie auch dich!
Sie spürte, wie die Angst sie packte. Die Luft wich aus ihren Lungen, ihr Körper zog sich zusammen, zitterte, wollte verschwinden. Panik lähmte sie. Noch einen Moment, dann würde alles schwarz werden, dann würde sie erstickt sein.
Ingrid schreckte hoch, als die Pferdebox aufgestoßen wurde. Der Hagere stand in der Tür. Er nickte dem Volkspolzisten zu und deutete auf Ingrid, die kurz darauf aus der Box geführt wurde.
Halt, warten sie, ich muss nach Hause, ich muss zu meinen Kindern!, fing Sarah an zu schreien. Auch Johanna war mit einem Schlag hellwach. Was tun sie, wohin bringen sie sie?, rief sie, doch der Polizist ignorierte sie.
Der Hagere nahm Ingrid beim Arm und zog sie mit sich.
Bitte, diese Frau, sie hat Kinder zu Hause, bettelte Ingrid. Der Hagere zog sie weiter.
Das haben die meisten hier. Aber nur für sie konnte ich etwas tun, Frau Werner.
Er zögerte.
Wissen Sie, es ist ein gutes Buch, sagte er.
Ingrid sah ihn an, ausdruckslos.
Das ist das Problem.
***
Johanna war nach Bockenheim gezogen, weil es hier die „Leipziger Straße“ gab, ein wenig Heimat in blau-foliertem Aluminiumblech. Als sie ihr Rad durch den Hausflur in den Hinterhof schob, blieb ihr Blick am Briefkasten hängen. Sie hatte Post.
Sie betrat ihre winzige Einzimmerwohnung, legte die beiden Briefe auf dem Küchentischchen ab und setzte Teewasser auf. Was der Brief der Journalistenschule enthielt, ahnte sie. Sie öffnete ihn und überflog die Zeilen: …Dank für Ihr Interesse… leider können wir Ihnen keinen positiven Bescheid geben…
Sie war nicht überrascht. Nachdem der Leiter der Schule persönlich gefragt hatte, wie sie denn darauf komme zu behaupten, sie hätte schon immer Journalistin werden wollen, wo es im Osten doch gar keinen echten Journalismus gab und sie daher doch gar nicht wissen konnte, wovon sie da redete. Sie war in Tränen ausgebrochen. Natürlich hatten sie sie abgelehnt.
Ihr Herz zog sich zusammen, als sie den zweiten Brief sah. Ingrid. Seit Johanna vor drei Jahren von Leipzig nach Frankfurt gezogen war, hatten sie sich nur selten gesehen. Doch sie schrieben sich dann und wann. Etwas zwischen ihnen war zerrissen, damals, am 7. Oktober 1989, in einem Pferdestall in Markkleeberg. Danach war nichts mehr wie zuvor; nicht in der DDR und nicht mehr zwischen Ingrid und ihr. Warum hatte Ingrid nicht gekämpft, sich nicht widersetzt? Johanna und Sarah zurückgelassen?
Nachdem klar war, dass die DDR binnen Stunden Geschichte geworden war und die Verlage, für die Johanna geschrieben hatte, reihenweise übernommen und dichtgemacht wurden, war sie nach Frankfurt gezogen – Herzkammer der westdeutschen Verlagsindustrie. Irgendwo würde sie schon unterkommen, sich hocharbeiten und endlich die Freiheit schreiben, die ihr in der DDR gefehlt hatte. Doch der einzige Ort, an dem sie untergekommen war, war die Theke einer Kneipe im Studentenviertel. Tagsüber schrieb sie. Artikel, Reportagen, Porträts. Versuchte sich gar an einem Roman, doch immer mit dem gleichen Ergebnis: Keine Zeitung, kein Verlag, kein Magazin fand ihre Texte „marktfähig“. Auch nach drei Jahren hatte sie hier kaum Freunde gefunden. Alles wirkte auf sie kalt, geschlossen, unnahbar.
Ungeduldig riss sie den Umschlag auf und las.
Liebe Johanna,
ich sitze am Küchentisch, wie vor Jahren, als wir versuchten, „Das Glashaus“ so umzuschreiben, dass es mit einem anderen Titel, einem anderen Zensor, vielleicht doch noch veröffentlicht würde. Ich war so in den Text vertieft, dass ich die Aktuelle Kamera erst bemerkte, als du „sofort, unverzüglich“ auf volle Lautstärke gedreht hast.
Leipzig, du große Schwester Berlins – schön, aber zurückhaltend. Verantwortungsvoll und mutig, aber bieder. Berlin war die schillernde junge, die exzentrische, die wilde; die, die jeder kannte, weil sie verführerisch war, so zum Greifen nah schien dort der Westen, das Glück. Natürlich hatte nur Berlin eine Mauer, die sie fallen lassen konnte, wie einen Rock. Was hätten wir in Leipzig schon machen sollen, als der Schabowski plötzlich von Reisefreiheit sprach? In Berlin sind sie einmal ums Karree zum nächsten Grenzübergang, in Leipzig hätten wir 3, 4 Stunden nach Helmstedt fahren müssen, selbst wenn wir ein Auto gehabt hätten. Das konnte doch keiner Glauben. Und doch sind wir auf die Straße, erinnerst du dich, Johanna? Wie die Menschen wisperten, aber jetzt unüberhörbar? Immer und immer wieder „Wenn das wahr ist…“. Wir gingen zur Nikolaikirche, zum ersten Mal trauten wir uns dort hin, denn es hätte ja ein ganz normaler Spaziergang sein können, an einem ganz normalen Abend.
Mein Herz schlug anders an diesem Abend vor drei Jahren, ich erinnere mich genau. Zum ersten Mal wuchs die Hoffnung in mir höher als die Angst, war da mehr morgen als gestern. Was würde nur alles möglich sein, in diesem Morgen, für mich und noch mehr so für dich!
Heute kam die 19. Absage. „Marktunfähig“, wie sehr ich dieses Wort verachte! Sie wollen nicht mehr zwischen den Zeilen lesen müssen, nicht mehr suchen müssen nach Zweideutigkeit. Sie wollen alles, gleich, jetzt. Nackt und vulgär in einer Hand voll Zeichen, ohne Leerzeichen und ohne Leerstellen.
Sie trauen sich noch nicht einmal zu schreiben, dass nur das es wert ist geschrieben zu werden, was etwas in die Kassen spült. Ich habe das Glashaus immer und immer und immer wieder umgeschrieben, nach jeder einzelnen Absage; nackter Staat, offene Kritik – doch es interessiert keinen mehr. Niemand will mehr von der Angst der vielen wissen, vom Mut der wenigen und wie sie unsichtbar werden. Niemand will von dem lesen, das wir fürchteten, verachteten und was wir davon heute wiedererkennen; alte Macht in neuem Gewand.
Meine Tage werden mir lang, mit zu vielen Gedanken und zu wenigen, für die ich schreiben kann. Das ist sie nicht, die Freiheit, die ich meinte.
In der DDR wohnte die Zensur in der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel; heute in den Brieftaschen der Verleger. Wie viele gute Texte, Texte, die stechen, hoffen, Wunden aufreißen, sind in der HV Verlage unsichtbar geworden? Wie viele werden heute zermalmt in den Mühlen des Kapitals? Mit jedem Tag wächst die Ohnmacht in mir, die Resignation. Ich sollte doch froh sein, dass ich Rentnerin bin, sagte mir die Sachbearbeiterin auf dem Amt. Wie viel schwerer hätten es andere! Ich tröste mich damit, dass ich vielleicht den ein oder anderen Text durch die Zensur gebracht habe, ein paar Worte, die womöglich einer Seele Trost gespendet haben oder Hoffnung. War das genug für ein Menschenleben? Ich vermag es nicht zu sagen. Ich hatte auf mehr gehofft.
Johanna legte den Brief zur Seite. Seit einiger Zeit schrieb Ingrid so und Johanna wurde müde, ihr zu antworten. Sie würde nicht mehr antworten.
Nein, das war nicht die Freiheit, die sie gemeint hatten. Das hatte auch Johanna gelernt.
Aber zumindest sperrte sie niemand mehr in einen Pferdestall, trennte Frauen von ihren Kindern, schlug sie nieder. Sie waren naiv gewesen zu glauben, dass da jemand kommt und eine Utopie verschenkt. Es tat nicht weniger weh. Der Schmerz war nur anders.
Doch ohne Schmerz wäre das Schreiben nur Beschreibung. Kein Wagnis. Es würde nichts kosten. Es wäre umsonst.
Einfach mal die Presse halten. Ein guter Vorsatz für angehende Autokraten. Menschen die noch wissen, dass in zeitweise real existierenden Staaten schon der unerlaubte Besitz eines Kopierers, eines Hektografiergerätes oder gar einer Drucker-Presse strafbar war, lächeln wissend. Ja, diese ärgerlichen Nörgler. Presse hat häufig etwas mit Kritik zu tun und immer mit Informationen. Im besten Fall trägt die Presse zur Aufklärung von bislang unklaren Sachverhalten bei, sie bringt Licht ins Dunkel. Aber die Presse ist gar nicht so leicht zu erkennen, denn ihre Schwestern sehen ihr ähnlich: Die Propaganda und die Werbung, die Lüge und die Desinformation.
Wenn die Presse und ihre schwierigen Schwestern den Marktgesetzen folgen, dann versuchen sie häufig mit der Unterhaltung, dem Amüsement und den Sehnsüchten der Menschen befreundet zu sein. Denn das vergrößert die Auflage, die Reichweite und die Einschaltquote. Vor Jahrzehnten hatten Kultur-Kritiker wie Neil Postman befürchtet, dass wir uns zu Tode amüsieren. Aber noch immer sind wir lebendig, zumindest haben wir das Gefühl. Die Unterhaltung an sich war also anscheinend doch nicht die große Gefahr.
Die Presse hat mit der Umarmung der Unterhaltung gelebt, manchmal sogar luxuriös und bequem. Und auch das Publikum lebt noch immer. Ob geschriebenes Wort, gesprochenes Wort, gedrucktes Bild oder Bewegtbild, das Interesse an verlässlicher und vertrauenswürdiger Information ist nicht verloren gegangen. Trotzdem ist die Presse in Gefahr. Sie droht zu verhungern.
Zum Wesen der Presse gehört, dass viele Menschen zusammenarbeiten, um regelmäßig eine Zeitung, Zeitschrift, eine Radio- oder TV-Sendung, einen Podcast, einen Dokumentarfilm oder ein anderes digital zugängliches Produkt zu erstellen, dass Informationen enthält. Aber wo soll das Geld dafür herkommen? Das Abonnement gilt in der Gratis-Kultur des Internets als Auslauf-Modell. Auch die geteilte Aufmerksamkeit mit der Werbung funktioniert immer weniger, die Firmen können den Kontakt zu möglichen Kunden billiger bekommen. Ein großer Teil sogenannter „Influencer“ sind Angestellte oder Gesellschafter von Unternehmen, die früher Werbeagenturen genannt wurden. Öffentlich-rechtliche Medien werden angegriffen, von manchen auch deshalb, um lästige Konkurrenz zu schwächen. Mittlerweile scheint ein Teil des Publikums zu glauben, Journalismus und eine freie Presse wären dasselbe wie regelmäßige Posts auf Facebook, Tiktok oder Instagram.
Die Monopole von Digital-Oligarchen erobern einen immer größeren Anteil unserer Aufmerksamkeit. Die lässt sich über Werbung zu Geld machen. Die Finanzierung von Content, von Inhalten, wird prekär. Wie frei ist dann noch eine Presse, wenn junge JournalistInnen kaum mehr von ihrem Job leben können? Wo dann doch gleich nebenan gut dotierte Jobs in Agenturen oder der „Öffentlichkeitsarbeit“ locken, bei denen die Freiheit dann arbeitsvertraglich stark eingegrenzt ist.
Dazu arbeiten schon jetzt viele Zeitungen mit KI, mit „künstlicher Intelligenz“. Lange und schwer verständliche Pressemitteilungen werden automatisch auf die gewünschte Länge gekürzt und umformuliert. Längere redaktionelle Texte werden durch die Eingabe von kurzen Prompts erstellt und nur noch von einer „SchlussredakteurIn“ kurz geprüft und bearbeitet. Was in den vergangenen Jahren zunächst bei Gesundheits- und Reise- und Service-Themen angewendet wurde, betrifft mittlerweile verstärkt auch andere Ressorts und Medien. Viele Stellen wurden bereits abgebaut, eine weitere Reduzierung von redaktionellen Mitarbeitern ist absehbar. Die Konzentration in der Presse-Landschaft geht weiter.
Presse-Freiheit hat aber auch etwas mit Vielfalt zu tun. Mit der Freiheit des Publikums, sich aus unterschiedlichen Medien die für sie passenden auszuwählen. Und das geht nur, wenn es tatsächlich auch unterschiedliche und unterscheidbare Anbieter gibt. Eine Konzentration auf wenige mächtige Unternehmen ist auf Dauer eine Einschränkung der Vielfalt, der Möglichkeit frei zwischen Medienangeboten zu wählen. Dieses Problem ist nicht erst mit der Digitalisierung entstanden. In der Lokalberichterstattung ist die Medienvielfalt in großen Teilen Deutschlands schon längere Zeit eine vom Aussterben bedrohte Art.
Häufig wird die Presse-Freiheit allein als Freiheit von staatlichem Zwang, von Zensur und Einschüchterung durch Polizei und Geheimdienste verstanden. Aber auch systematische Bestechung, die Beeinflussung von Entscheidern in den Medien, kann die Presse-Freiheit entscheidend schwächen. Für das Publikum sind diese Interventionen nicht sichtbar. Eine Einflussnahme über den Entzug oder die Erhöhung von Werbe-Geldern oder der Kauf von Medienunternehmen, um auf Inhalte einzuwirken, ist dagegen für aufmerksame Beobachter sichtbar. Ein weiterer Punkt ist die physische Bedrohung von Journalisten durch nichtstaatliche Akteure. Die Praxis der Mafia in Italien ist lange bekannt: Kritische Journalisten erleben Drohungen, brutale Gewalt und Mordanschläge. Solche Mittel nutzen aber nicht nur kriminelle Banden. In vielen Ländern Europas gibt es politische Extremisten die daran arbeiten, eine freie und für sie unbequeme Berichterstattung zu verhindern. Eine Legitimations-Versuch für die eigene Rücksichtslosigkeit ist häufig, sich selbst als Opfer zu inszenieren.
Alle Einschränkungen der Pressefreiheit sind von ihren Gegnern natürlich viel leichter und effektiver durchsetzbar, je geringer die Medienvielfalt ist. Eine Pressekonzentration ist für sich selbst genommen nicht zwangsläufig ein Anzeichen für eine unfreie Presse, aber sie macht es den Feinden einer kritischen Berichterstattung leichter, ihre Ziele durchzusetzen.
Diese Mechanismen und Gefahren werden seit einigen Jahren durch den digitalen Strukturwandel der Öffentlichkeit verstärkt. Die ehemals etablierten Medien werden ausgehöhlt. Weil die Finanzierung durch Werbung, Straßenverkauf oder Abo-Modelle nur noch eingeschränkt funktioniert, wird am Angebot, an den Redaktionen gespart. Angefangen hat es in der Lokalberichterstattung und auf Service-Seiten. Jetzt geht es weiter. Fast alle Redaktionen der Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und TV-Sender sollen „schlanker“ werden. Wie bei jeder Diät stellt sich die Frage, wann geht eine Hungerkur in Magersucht und lebensgefährliche Unterernährung über? Und wenn man am Hungertuch nagt – ist dann irgendwann das Brot doch wichtiger als die Freiheit? Ein weiterer Effekt: Die ausgehungerten Redaktionen werden immer empfänglicher für die Fast-Food- Angebote aus Pressestellen, Werbe-und PR-Agenturen. Es ist für überlastete Redaktionen verlockend, hauptsächlich die schon vorgekochten Meldungen weiterzuverbreiten und auf anstrengende eigene Recherchen zu verzichten.
Wie weit die Aufgaben einer freien Presse in der Gesellschaft gehen, wird unterschiedlich eingeschätzt: Einfach „Wichtiges“ aufnehmen, auswählen und weitersagen, lautet eine weit verbreitete Auffassung. (Wobei dabei noch nicht geklärt ist, was ist eigentlich „wichtig“ oder „relevant“.) Weitersagen reicht nicht, man muss auch übersetzen, ordnen, prüfen, recherchieren und in eine verständliche Form bringen, betonen die Praktiker. Dazu gibt es noch den Anspruch, dass Medien auch selbst Themen setzen, dabei Skandale aufdecken, Werte-Diskussionen führen und ein Gegengewicht zu den mächtigen und einflussreichen Institutionen, Personen und Gruppierungen in der Gesellschaft bilden. Wenn Medien, die so etwas leisten, zum Beispiel als „Mainstream“ abgewertet und verächtlich gemacht werden, ist das ein erster Schritt um die Presse-Freiheit grundsätzlich anzugreifen und in Frage zu stellen.
Die Digitalisierung hat die Geschwindigkeit, in der Informationen verbreitet werden, enorm erhöht. Das hat den Zeitdruck in den Redaktionen erhöht. Eine deutlich spürbarer Effekt ist, dass dadurch die Recherchetiefe in den aktuellen Medien geringer geworden ist. Ein Beitrag muss möglichst schnell veröffentlicht werden. Vor der Digitalisierung gab es in aktuellen Zeitungs-Redaktionen meist einmal am Tag einen „Redaktionsschluss“. Das war der Zeitpunkt, an dem der Stress für die JournalistInnen aufs Maximum gestiegen ist, wo sich schnell Flüchtigkeitsfehler einschleichen konnten. Heute veröffentlichen Online-Medien im Grunde rund um die Uhr. Dazu kommt: Der wirtschaftliche Vorteil von aufwändigen Recherchen ist extrem geschrumpft. Recherchierende Tageszeitungen waren ihren Nachahmern in der vor-digitalen Zeit in der Regel einen Tag voraus. Um die aktuellen Informationen zu bekommen musste genau diese Ausgabe gekauft werden. Heute sind schon wenige Minuten nach der Veröffentlichung einer Exklusivmeldung geringfügig umformulierte Kopien auf vielen anderen Seiten zu finden. Und wenn eine Quellenangabe fehlt ist für die Nutzer gar nicht mehr nachzuvollziehen, welche Redaktion Urheber einer Sensationsmeldung (oder Enthüllungsgeschichte) war. Das Kopieren von Informationen ist billiger und schneller als eine mühsame Recherche, aufwändig arbeitenden Redaktionen droht das wirtschaftliche Aus. Es gibt schon lange „freie“ Auslands-Journalisten, die viele Berichte ohne eigene Informationssuche erstellen. Ein Anruf, eine Bestellung mit kurzem inhaltlichem Briefing, eine halbe Stunde später ist auf Basis dieser telefonischen Informationen der „Korrespondentenbericht“ abrufbar. Auch so kann Presse-Freiheit zu einer leeren Hülle ohne Inhalt werden.
Für die reine Vervielfältigung von Inhalten wird die Presse kaum noch gebraucht. Theoretisch kann jeder Computer- oder Smartphone-Nutzer im Internet unendlich viele Menschen erreichen. Aber durch die allgemein zugänglichen technischen Vervielfältigungsmöglichkeiten ist die Auswahl- und Ordnungsfunktion der Presse nicht außer Kraft gesetzt worden, sondern sie ist gerade deshalb sogar wichtiger geworden. Wenn nämlich in Deutschland heute vielleicht 70 Millionen Menschen die Möglichkeit haben, Informationen zu verbreiten, ist eine Vor-Auswahl und eine Strukturierung dessen, was für den Einzelnen wichtig und interessant sein könnte, unerlässlich. Gate-Keeper Funktion wird das in der Theorie genannt, eine Vor-Auswahl von Inhalten, die Nutzer entlasten kann. Innerhalb jeder Redaktion wird die Relevanz von Äußerungen, Ereignissen oder Geschehnissen unterschiedlich und oft kontrovers beurteilt. Grundsätzlich sind aber folgende Kriterien wichtig: Die Auswirkungen auf die gegenwärtige und künftige Lebensrealität des Publikums, die Überraschung oder Nicht-Erwartbarkeit, die Prominenz (und Bekanntheit) der Beteiligten, der Grad des möglichen Mitgefühls. Die Ordnung von als relevant beurteilten Inhalten geschieht innerhalb einer Zeitung oder deiner Nachrichtenseite durch die Trennung in verschiedene Ressorts: Innen- oder Außenpolitik, Kultur, Wissenschaft, Gesundheit, Tiere, Reisen, Umwelt, Ernährung und so weiter. Eine weitere Ordnung von Inhalten gibt es durch Medien für bestimmte Zielgruppen: Zum Beispiel für Fußballfans, Wanderer, Kinder, Aktionäre, Musiker, Briefmarkensammler und so weiter.
Wenn es nach den Plänen und Voraussagen der Digital-Oligarchen geht, dann wird die Vor-Auswahl von Inhalten für die Nutzer in Zukunft fast vollständig durch KI-Algorithmen übernommen. Die Technik funktioniert schon jetzt. Wie frei eine solche Auswahl ist, ist allerdings so wenig transparent wie die KI selbst, Manipulationen sind sind immer schwerer nachzuweisen. Dazu kommt: Herr Meyer weiß nicht mehr, welche Informationen Herr Schmidt, Familie Grabowski oder Frau Gencer bekommen. Wenn zum Beispiel vor 30 Jahren eine Boulevard-Zeitung oder ein TV-Sender eine Kampagne für oder gegen Etwas gemacht hat, dann war das für die ganze Gesellschaft grundsätzlich sichtbar. Es war also problemlos möglich, die jeweiligen Behauptungen und Argumente nachzuvollziehen oder zu widerlegen. So konnte (jedenfalls im Prinzip) ein Dialog, eine sachgerechte Diskussion stattfinden. Und es war klar nachvollziehbar, wer eine Kampagne initiiert hatte. Wenn aber die unterschiedlichen Informationen, Wertsetzungen und Argumentations-Stränge gar nicht mehr gegenseitig bekannt sind, ist ein Verstehen und eine produktive Auseinandersetzung kaum noch möglich. Wer könnte daran ein Interesse haben?
Die Vorauswahl, das kuratieren von Aussagen, Meinungen, Geschehnissen, Ereignissen, Diskussionen und Konflikten ist grundsätzlich an Wertungen der Auswählenden gebunden. Auch diese Wertmaßstäbe müssen hinterfragt werden können, im besten Fall werden sie von dem jeweiligen Medium auch transparent dargestellt. Wer eine völlig „neutrale“ Presse fordert, verweigert eine Diskussion über diese Werte, will also seine eigenen Normen unhinterfragt durchsetzen. Der Rosa Luxemburg zugeschriebene Satz „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“ gilt insbesondere auch für die Presse.
Vertrauen müssen sich Medien durch seriöse Recherchen erarbeiten, nur dadurch entsteht Glaubwürdigkeit. Gerade die kritische Prüfung von Meldungen ist eine Aufgabe, die im digitalen Zeitalter immer wichtiger wird. Damit verknüpft sind die Grenzen der Presse-Freiheit: Lügen, Desinformation, Hass und Aufrufe zu blutiger Gewalt können nicht durch die Berufung auf die Meinungsfreiheit gerechtfertigt werden.
Zunächst zum Thema Lügen und Desinformation: Bewusste Falschaussagen, also Lügen, sind häufig schwer nachzuvollziehen. Selbst in Gerichtsverhandlungen, die sich einem Thema in der Regel sehr viel gründlicher widmen als Presseberichte, sind Lügen oft nicht nachweisbar, es steht Aussage gegen Aussage. Dass Medien also mögliche Lügen von Akteuren weitertransportieren ist kaum zu vermeiden. In der Regel muss die Quelle einer (möglicherweise unwahren) Aussage kenntlich gemacht werden, so die Mindestanforderung an die journalistische Sorgfaltspflicht. Eine transparente Faktenrecherche sollte dazu kommen. Was ist wirklich wahr, gerade diese Auseinandersetzung ist in ernsthaften Medien ein Kern des journalistischen Interesses. Wenn ein Medium dagegen bewusst Falschaussagen verbreitet, kann es sich dabei nicht auf die Presse-Freiheit berufen. Wie in Gerichtsverhandlungen behaupten ertappte Akteure dann allerdings oft, es handele sich ja nicht um Lügen, sondern nur um einem Irrtum oder ein Versehen.
Presse-Freiheit beinhaltet also immer auch eine Sorgfaltspflicht, also eine professionelle Prüfung dessen, was man veröffentlicht beziehungsweise weiterverbreitet. Sonst macht sich die Presse zum Handlanger oder nützlichen Idioten von Akteuren, die nicht die Kooperation und produktive Auseinandersetzung im Sinn haben, sondern die Irreführung und Manipulation der Öffentlichkeit. Zu einer idealtypischen vertrauenswürdigen Presse gehört auch eine innere Vielfalt – dass also innerhalb eines Senders, einer Zeitung, eines Portals unterschiedliche Interessen, Meinungen, Sichtweisen und Wertmaßstäbe wahrgenommen und benannt werden und zu Wort kommen.
Zum Thema Hass und Aufrufe zu Gewalt: Wenn ein sachlicher Dissens oder gegensätzliche Interessen mit persönlicher Ablehnung und Feindseligkeit vermengt werden, dann verwandelt sich eine Kontroverse in einen Kampf. Beide Seiten wollen nur noch gewinnen, es geht nicht mehr darum, die Anderen zu verstehen, zu lernen, nach Lösungen zu suchen. Es gibt dann keine Kompromisse mehr, sondern nur noch Sieger und Besiegte. Wenn also Personen oder Gruppen in der Presse respekt- oder würdelos dargestellt und beurteilt werden, kann das nicht mit der Berufung auf Freiheitsrechte geschehen. Das heißt jedoch gerade nicht, dass Fehlverhalten, Normverletzungen, Beleidigungen, Hasskriminalität oder die Ideologie dahinter aus der Berichterstattung ausgeblendet werden. Kontroversen können nur konstruktiv gelöst werden, wenn beide Seiten sich gegenseitig achten und respektieren. Es geht darum, unzulässige und voreilige Verallgemeinerungen zu vermeiden und selbst grausamen, gierigen oder brutalen Tätern und Gruppen, die nach eigener Ansicht eine harte Strafe verdient haben, nicht das Menschsein abzusprechen. Und da ist es wichtig, wirklich wachsam zu bleiben. Denn wir alle wissen, die Aberkennung der Menschenwürde war gerade in der deutschen Geschichte die Vorbereitung und Voraussetzung für schlimmste Verbrechen.
Allgemein und für die Presse gilt: Freiheit ist anstrengend, sie fordert vom Einzelnen eigene Entscheidungen, Einschätzungen und Selbstverantwortung. Auch Journalisten sollten wissen, Bequemlichkeit und Faulheit höhlen die Freiheit aus. In der Geschichte ist eine freie Berichterstattung in vielen Ländern durch den Staat, durch Wirtschaftsunternehmen, Interessengruppen, durch Kriminelle oder Geheimdienste fremder Staaten eingeschränkt oder manipuliert worden. Die Akteure bestechen oder verbreiten Angst. Die Digitalisierung hat auch den Feinden einer freien Presse neue Werkzeuge zur Verfügung gestellt. Medien und Publikum müssen wachsam bleiben. Freiheit braucht Mut und die Toleranz, auch andere Standpunkte als den eigenen auszuhalten und sich mit ihnen aktiv auseinanderzusetzen.
Immer wieder wird deutlich, Medienunternehmen benötigen viel Geld, wenn sie kritische und gründlich recherchierende Redaktionen finanzieren wollen. Wer also eine freie und vielfältige Presse bedroht sieht, sollte nicht nur klagen, sondern sich auch selbst fragen, welche Informationsquellen er oder sie selbst nutzt und ob man angemessen zur Finanzierung von informierenden Medienangeboten beiträgt.
I
Donnerstag, 01. Februar 1973
Zweizimmerwohnung – Zerbster Straße 38 – Halle/ Neustadt, 6. OG
15:32 Uhr
Schwerfällig ächzt die alte Schreibmaschine wie ein allwissender Zeitzeuge unter der Last seines Wissens. Gedankenverloren stützt er den Kopf auf und lässt die Finger auf den Tasten ruhen, als lausche er einem fremden Atem.
Vor seinem Fenster schläft scheinbar friedlich die Stille eines Landes, welches zu viel weiß, aber zu wenig sagt. Und dennoch hat diese Ruhe nichts mit dem Frieden zu tun, den sie vorgibt, zu haben.
„Das kannst du so nicht drucken“, dringt ihre Stimme aus der Küche. Vorsichtig fügt sie hinzu, so als wolle sie ihre Worte wieder einfangen und damit heimlich neutralisieren: „Jedenfalls nicht in dieser Form.“
Paul antwortet nicht sofort und schreibt den Satz zu Ende. Erst dann dreht er sich zu Anna um.
„Und ob ich das kann“, sagt er. „Ich darf es nur nicht.“
Mit traurigem Blick tritt Anna näher. Ihre Augen bleiben an den geschriebenen Seiten hängen, als wären sie gefährlich.
„Du weißt, dass sie Menschen für viel weniger verschwinden lassen“, flüstert sie Paul fast lautlos zu und blickt ihn eindringlich an.
Paul nickt: „Ganz genau. Und deshalb muss ich es aufschreiben.“
Er steht auf und geht schwerfällig zum Fenster. Irgendwo unten im Hof hallen hohle Schritte die grauen Neubauwände empor. Vielleicht ist es nur ein Passant, vielleicht aber auch der Anfang vom Ende.
„Wenn wir aufhören, Dinge beim Namen zu nennen“, sagt Paul leise, „dann werden SIE irgendwann namenlos und sterben irgendwann endgültig.“
Anna legt ihre schwitzige Hand auf seinen Rücken und fragt: „Wer sind SIE?“
„Du weißt, von wem ich spreche“, antwortet Paul mit zittriger Stimme. „SIE alle, die namenlos hinter Mauern verschwinden, nur weil sie von ihrer freien Meinung Gebrauch gemacht haben. Manche von ihnen tauchen auf der anderen Seite der Mauer urplötzlich wieder auf. So als ob sie auf einmal wieder existieren dürften, wird ihnen ein neues Leben geschenkt. Gefangenenfreikauf. Du weißt schon.“
Pauls Blick verdüstert sich und er fährt fort: „Aber hinter diesem vermeintlichen Utilitarismus verbirgt sich ein perfides Kalkül unseres Staates, der seine Bürger mit hohen Freiheitsstrafen für geringe sozialistische Normabweichungen bestraft. Schnell wurde anfangs ein lukratives Tauschmodell darin gesehen, um dem Mangel an bestimmten Gütern entgegenzuwirken. Gefangene gegen Kaffee, Medikamente und Orangen. Aber schnell wurden horrende Ablösesummen verlangt, die die Staatskasse wieder füllten. Stell dir vor, vor zehn Jahren kostete ein DDR-Häftling der Bundesrepublik in etwa 40.000 DM und heute bereits 60.000 DM. Wo soll das alles noch hinführen, wenn nicht darüber berichtet wird?“
Anna tritt langsam hinter Paul und legt ihre warmen Hände auf seine Schultern. „Heute ist zwar der Schmutzige Donnerstag, aber du musst nicht immer und überall aufräumen wollen.“
„Doch, genau deshalb. Ein Grund mehr, an diesem Tag heute, die schmutzigen Geschäfte unseres Staates zu entlarven. Unsere Leser haben ein Anrecht auf die Wahrheit“, protestiert Paul energisch und schüttelt Annas Hände von seinen Schultern.
„Welche Wahrheit?“, fragt Anna spitz. „Kannst du mit Bestimmtheit sagen, dass alles wahr ist, was du schreibst?“
„Solange ich Augen im Kopf, offene Ohren und einen klaren Verstand besitze, vertraue ich darauf, was ich sehe, höre und mit meinem Gewissen vereinbaren kann.“ Paul widmet sich erneut seiner Schreibmaschine und antwortet fast störrisch: „Und nun lass mich weiterarbeiten. Am Rosenmontag soll der Artikel erscheinen.“
Traurig legt sie ihren Kopf auf sein Haar und atmet tief ein. Es riecht vertraut und ganz nach ihm. Paul benutzt kein Shampoo. Er riecht echt und authentisch. Und genauso schreibt er auch. Paul hat sich voll und ganz seinem Beruf verschrieben und lebt in jedem seiner Atemzüge diese vermeintliche Freiheit. Als freischaffender Berichterstatter übernimmt er täglich mehrere Rollen, um seine eigene Mission auf lange Sicht erfüllen zu können. Er balanciert zwischen notwendiger Loyalität, gekonnter Zeilenläufe, verdeckter Anspielungen und Grenzgänge. Paul weiß, dass er unter Beobachtung steht und seine Artikel mit Argwohn registriert und rapportiert werden.
Wer ist noch Freund und wer ein verdeckter Mitarbeiter? Paul traut niemanden mehr, außer sich selbst und Anna.
Annas heiße Tränen rollen Pauls Wange hinunter und fallen auf ein beschriebenes Blatt Papier. Traurig dreht sie sich um und sagt mit gesenkter Stimme: „Ich habe Angst um dich.“
Kaum hörbar antwortet Paul mit geschlossenen Augen.
„Ich sollte es wohl besser auch haben.“
II
Montag, 05. Februar 1973
Zweizimmerwohnung – Zerbster Straße 4 – Halle/ Neustadt, 6. OG
08:12 Uhr
Sein Artikel erscheint unscheinbar an einem grauen und doch bunten Februartag. Rosenmontag und die Welt scheint fröhlich zu sein, während Paul fassungslos an seinem Küchentisch sitzt. Verzweifelt blättert er die Seiten vor und zurück, als hätte sich der Rest seines Artikels auf der Rückseite versteckt.
Eingepfercht zwischen Schlagzeilen über den Fortschritt des Sozialismus, Vorbereitungen der bevorstehenden Weltfestspiele in Ost-Berlin sowie der Ehrung von Prof. Dr. Hanna Wolf, erscheint sein Artikel stark gekürzt in der Neuen Deutschland.
Pauls Artikel erzählt von fiktiven Gefängnissen ohne Adressen. Über Zellen, die nicht auf Karten zu finden sind, weil sie auf Papier nicht existieren. Über Männer und Frauen, die nachts abgeholt werden und tagsüber plötzlich fehlen. Über einen Handel, der zwar offiziell nicht existiert und dennoch funktioniert wie ein gut geschmiertes Uhrwerk: Geld, Waren, Stillschweigen – Mensch gegen Summe.
Der Artikel wirkt nüchtern, ja fast kalt. Die Zensur hat ihm jeglichen Pathos genommen.
Resigniert schlägt Paul die Zeitung zu und sagt müde zu Anna: „Worte haben ein Gedächtnis. Sie erinnern sich an das, was sie gerne gesagt hätten.“
III
Mittwoch, 07. Februar 1973
Zweizimmerwohnung – Zerbster Straße 4 – Halle/ Neustadt, 6. OG
10:09 Uhr
Der Nachhall seines Artikels klopft an Pauls Tür.
Nicht laut. Nicht hastig. Sondern klar und deutlich.
„Paul Richter?“
„Ja.“
„Kommen Sie bitte mit.“
Anna steht hinter ihm in ihrem langen Morgenrock, barfuß und die Haare flüchtig nach oben gebunden.
„Wohin bringen Sie ihn?“, fragt sie.
Der Mann lächelt höflich. „Machen Sie sich keine Sorgen, werte Frau, es handelt sich lediglich um ein kurzes Gespräch.“
Paul greift nach seinem Mantel und dreht sich noch einmal um.
„Warte nicht“, sagt er kurz.
Sie möchte noch antworten, aber die Tür fällt genauso unaufällig ins Schloss wie der Abtransport von Paul selbst.
IV
Mittwoch, 07. Februar 1973
Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit – Am Kirchtor 20 Halle/ Saale
13:46 Uhr
Das Licht im Verhörraum ist stechend grell, als wolle es sämliche staatsuntreue Gedanken ausleuchten.
„Warum schreiben Sie darüber?“
„Weil es passiert“, antwortet Paul empört.
„Das ist Ihre Interpretation.“
Der dickbäuchige Offizier schlägt die Akte zu.
„Sie glauben, die Wahrheit zu sagen, sei ein Schutz.“
Paul hebt seinen trüben Blick und lässt ihn durch den sterilen Vernehmungsraum wandern: „Nein. Ich verstehe Wegsehen, Schweigen und Erdulden eher als ein Vergehen.“
Ein kurzes Innehalten des Offiziers lässt den Schweiß auf Pauls Stirn für einen Moment lang zu Eis erstarren. In einem plötzlichen Anfall aus Zorn bäumt sich die steingraue Uniform vor Paul auf und seine Waffenfarbe wirkt dadurch umso bedrohlicher.
„Pressefreiheit ist kein Naturgesetz“, donnert es aus dem Offizier hervor.
„Aber auch kein Verbrechen“, erwidert Paul im ruhigen Tonfall und muss unwillkürlich an das Bild eines wütenden, roten Ochsen denken.
Es folgt ein dumpfer Rückschlag.
Aber er kommt erst viel später.
Nicht körperlich, sondern juristisch.
V
Montag, 09. April 1973
Bezirksgericht – Bernburger Straße 15 – Halle/ Saale
11:02 Uhr
Mit trüben Blick studiert der Richter die Anklage und schüttelt beim Lesen den Kopf.
Schwerfällig erhebt er sich, um das Urteil zu verkünden:
„Acht Jahre Haft ohne Bewährung.“
Paul schnürt es innerlich die Kehle zu. „Acht Jahre hinter Gitter, weil ich über Tatsachen berichtet habe, die in unserem Land vor sich gehen und keiner sonst darüber spricht?“, dringt Pauls gedämpfte Stimme nach der Verhandlung durch das dicke Glas im Besucherraum hindurch. „Anna, ich gebe nicht auf. Bitte bring mir meine Schreibmaschine. Bitte. Irgendwie.“
„Ich hätte dich aufhalten sollen“, sagt Anna kraftlos und geht.
„Du hättest mich nur verlieren lassen“, schüttelt Paul den Kopf und ruft Anna hinterher: „Jetzt habe ich wenigstens genug Zeit, um alles ganz in Ruhe aufzuschreiben.“
VI
1973 – 1979
Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit – Am Kirchtor 20 Halle/ Saale
Gefängnisse riechen nach Zeit. Nach zu vielen Tagen der Tristesse, die hoffnungslos aneinander gekettet und manchmal wirr übereinander liegen. Paul lernt, wie Hoffnung am besten aufgeteilt wird, damit sie länger reicht.
Gerüchte kriechen stumm durch dicke Mauern – gleich schreiender Schatten gehäuteter Ratten.
„Er ist weg.“
„Freigekauft.“
„Von wem?“
„Westen.“
Sein Zellennachbar Karl spricht wenig. Wenn, dann rational und präzise.
„Warum bist du hier?“, fragt Karl Paul eines Abends plötzlich.
„Ich habe geschrieben.“
„Dann warst du einmal frei“, antwortet Karl mit einem schiefen Lächeln und fügt ungewöhnlich plaudernd hinzu. „Ich rufe gleich morgen meinen reichen Onkel im Westen an. Bestimmt holt er sein dickes Portemonnaie raus und bezahlt ein halbes Vermögen für dich. Dann wärst du wieder frei, Paul.“
„Nein, das wird wohl nicht passieren. Dafür bin ich zu teuer. Für heute ist meine Portion Hoffnung bereits aufgebraucht. Und nun gute Nacht, Karl.“
Resigniert zieht Paul die kratzige Wolldecke bis über beide Ohren und dreht sich auf die Seite seiner durchgelegenen, muffigen Matratze. Wie so oft gibt er zu schlafen vor, nur um nicht in ein tiefgreifendes Gespräch mit Karl verwickelt zu werden. Sicher ist sicher.
Paul liegt oft des nachts wach und denkt an seine Worte in der Zeitung. Daran, dass er sie einmal gedruckt gesehen hatte. Und nun durchlebt er das, was er einst beschrieben hatte.
Die Jahre nehmen Anna mit sich.
Ihre Briefe werden kürzer, dann seltener.
Schließlich Stille.
Und Paul stellt keine Fragen mehr.
Manche Antworten zerstören das, was sie erklären.
VII
Sonntag, 21. Oktober 1979
Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit – Am Kirchtor 20 Halle/ Saale
10:13 Uhr
Irgendwo in dieser Stadt erblickt ein Kind das Licht der Welt. Sein kräftiges Schreien hämmert schonungslos gegen Pauls Tür. Routiniert schiebt der hünenhafte Wärter den schweren Eisenriegel beiseite und öffnet die Zellentür.
Mit versumpften, stummen Blick mustert er Paul für mehrere Sekunden. Dann befiehlt er im kurzen Brummton: „Packen.“
Verschlafen blickt Paul von seiner Pritsche auf und fragt verwundert: „Warum?“
„Warum du? Keine Ahnung. Befehl ist Befehl. Ich hinterfrage nicht, sondern führe nur aus“, erklärt der Gefängniswärter fast verärgert. „Packen. Und keine weiteren Fragen.“
VIII
Sonntag, 21. Oktober 1979
Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit – Am Kirchtor 20 Halle/ Saale
11:55 Uhr
Transitautobahn Berlin-Helmstedt
Vor dem Gefängnis wartet ein großer Setra-Reisebus mit milchigen Fenstern.
Wieder dieses Schweigen, das schwerer wiegt als jedes Geständnis.
Instinktiv weiß Paul, was das bedeutet, bevor er es tatsächlich verstehen kann.
Die kalte Oktoberluft riecht nach Freiheit und aus jeder Ecke strömt ihm ein anderer Eindruck entgegen.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite verlassen vereinzelte Personen die Kirche nach dem Gottesdienst und aus dem offenen Fenster des Pfarrhauses zieht der Duft von frisch angebratenem Jägerschnitzel mit Pellkartoffeln zu ihm hinüber. In seinem Mund läuft das Wasser zusammen und sein Magen fühlt sich flau an.
„Das ist es nun“, sagt Paul fast wehmütig und steigt in den umgebauten Bus mit den falschen Kennzeichen. Ein letztes Mal sieht er durch die matten Scheiben nach draußen. „Lebe wohl, du alte Heimat hinter schwedischen Gardinen.“
Der Bus fährt stundenlang auf der holprigen Transitautobahn durch das Land. Dicke Nebelschwaden begleiten ihn und der Herbstwind weht stark. Als wollte er dem getarnten Bus Rückenwind geben, um schneller über den Checkpoint zu gelangen.
Nervös blickt er aus dem Fenster und sieht bereits von weitem die langen Warteschlagen am Grenzübergang Helmstedt/ Marienborn. Der Busfahrer fährt auf einen kleinen Rastplatz und drückt gelassen auf einen Knopf. Ein Klacken ist zu hören. „Was machen Sie da?“, fragt Paul ungläubig. Zu surreal ist die ganze Situation.
„Ich tausche die Kennzeichen. Bei uns sehen die doch anders aus. Warst du schon mal hier drüben?“, wirft ihm der unrasierte Busfahrer flapsig entgegen. Paul schüttelt hastig den Kopf und blickt wieder aus dem Fenster. An der Grenze riecht die Luft nach Asphalt und unendlichen Möglichkeiten. Paul rutscht mit pochendem Herzen auf seinem Sitz hin und her. Freundlich grüßt der Busfahrer den Grenzkontrolleur und wirft unauffällig eine zusammengeknüllte Brötchentüte aus dem Fenster in den ungewöhnlich sauberen Papierkorb. Ungläubig sieht Paul, wie der Bus vorbei gewunken wird. Und ganz allmählich werden die wartenden Autos im Rückspiegel des Busses immer kleiner, bis sie schlussendlich hinter der nächsten Kurve gänzlich verschwinden. Alle Anspannung fällt augenblicklich von Pauls Schultern und sein gesamtes Gewicht sackt in den dunklen Ledersitz ein. Erschöpft von der Anstrengung wird Paul vom Schaukeln des Busses in einen tiefen Schlaf befördert.
Nach weiteren sieben Stunden Fahrt hält der Bus plötzlich vor einer Reihe Holzbaracken und entlässt Paul unbarmherzig in eine verregnete und kalte Oktobernacht.
IX
Montag, 22. Oktober 1979
Notaufnahmelager für Flüchtlinge und Vertriebene – Frankfurter Straße (B3) – Gießen
0:05 Uhr
„Paul Richter?“
Erschrocken blickt sich Paul um. Sein Herz scheint augenblicklich stillzustehen. Instinktiv tastet er die Umgebung mit seinen Augen nach Fluchtmöglichkeiten ab. Erneut fragt die Stimme:
„Paul Richter?“
Er nickt und bekommt keinen Ton heraus.
Die Hand, die man ihm gereicht wird, ist fest und fühlt sich sicher an:
„Sie sind frei.“
Augenblicklich fällt alle Last von Pauls Schultern und heiße Tränen schießen in seine Augen. Er sinkt auf die Knie, küsst den Boden und blickt dann in den klaren Himmel: „Warum ich?“
Der Mann zögert und erwidert dann: „Weil jemand Ihren Namen auf die Liste gesetzt hat.“
⸻
X
Samstag, 01. Dezember 1984
Frühstückscafé am Schillerplatz – Frankfurt/ Main
10:00 Uhr
„Ich freue mich, dass Sie nach all Ihren Erlebnissen wieder mit dem Schreiben angefangen haben und sich vorstellen können, bei uns zu arbeiten“, sagt die junge Chefredakteurin freundlich.
Paul beißt ein Stück von seinem Frühstücksbrötchen ab.
„Ich muss“, gibt er nuschelnd zu verstehen. „Mir bleibt doch überhaupt keine andere Wahl.“
Vorsichtig nippt er an seinem heißen Kaffee, um die Krümel in seinem Mund herunterzuspülen. Dabei blickt er wehmütig aus dem Fenster des kleinen Cafés. „Das bin ich ihnen schuldig.“
„Wem?“
„All den Menschen eines Landes, was zu viel weiß und zu wenig sagt. Egal, wie oft ich stürze, ich werde immer wieder aufstehen. Ich habe gelernt, wie wertvoll die Worte zwischen den Zeilen sind und dass sie in besonders dunklen Tagen das womöglich einzige Licht der Hoffnung für mich darstellen. Sie werden niemals verblassen, solange es Menschen gibt, die mutig genug sind, diese Zeilen zu lesen und auszusprechen.“
Aus der Ferne ist das Schreien eines Neugeborenen zu hören. Paul fährt für einen Augenblick zusammen. Die Erinnerungen und das Trauma sitzen tief in ihm begraben.
Am Nachbartisch raschelt eine Zeitung. Das Geräusch klingt wie ein hoffnungsvolles Versprechen.
„Und irgendwann werden diese Menschen den Mut und die Kraft haben, aufzustehen und die Ketten zu sprengen. Daran glaube ich. Bis dahin möchte ich mit meinen Artikeln ein Zeichen gegen das Vergessen setzen. Meine Texte sollen ein Lichtstrahl für jene sein, die noch im Dunkeln leben müssen.“
Lächelnd blickt er seine Begleiterin an. „Hand drauf. Ab Montag in der Redaktion. Dann bringe ich Ihnen meinen ersten Artikel mit.“
„Abgemacht“, streckt ihm die hübsche Redakteurin mit strahlendem Lächeln die Hand entgegen. „Im übrigen heiße ich Sabina.“
Noch am selben Tag fängt Paul mit dem Schreiben an.
Und er schreibt über Mauern.
Über Schweigen.
Über den Preis der Wahrheit.
Und über jene, die noch warten.
XI
Montag, 04. September 1989
Wolfgang Goethe Universität, Theodor-W.-Adorno Platz, Frankfurt/ Main – Oberer Hörsaal
10:00 Uhr
„Würden Sie es wieder tun?“ fragt ein Student nach Pauls Vortrag über politisch Verfolgte.
Paul denkt an Anna, an Karl und an die Zellen.
„Sehen Sie, liebe Studierende,
Sie sind noch jung und in einen Teil der Welt hineingeboren, wo die Freiheit in jeglicher Form von Ihnen als normales Gut angesehen wird. Doch bitte vergessen Sie niemals, dass es gerade – just in diesem Moment unseres Denkens und Seins – viele tausende Menschen in anderen Teilen unserer Erde gibt, die in Unfrieden und Unterdrückung leben. Diese anderen Gebiete müssen nicht weit weg sein und befinden sich nur wenige Kilometer Luftlinie von uns entfernt. Ich wurde in der DDR geboren, bin dort aufgewachsen und habe Freunde gehabt. Dennoch habe ich in meiner Heimat kein Zuhause gefunden. Ich wurde verfolgt und bespitzelt, weil ich die Dinge aufschrieb, die ich wahrnahm. Derzeit leben auch andere Bürger der DDR in Angst und Unterdrückung. Viele Künstler wie Musiker oder Schriftsteller suchen die Freiheit zwischen den Zeilen. Wir haben gelernt, die Untertöne und Nuancen des geschriebenen oder gesungenen Wortes wahrzunehmen. Und das lässt uns überleben. Es geht um Hoffnung und das Weitermachen, denn irgendwann gibt es einen Umbruch. Daran glaube ich.“
Paul räuspert sich. Er fährt mit festem Blick und starker Stimme fort:
„Aber nun zu Ihrer Frage, junger Mann. Ich habe es zwar bereits in meinen Ausführungen indirekt beantwortet, aber um es noch einmal klar und deutlich zu sagen. „Ich kann nicht einfach schweigen und die stummen Hilferufe meiner Freunde überhören. Ich denke an die vielen politisch Verfolgten und Gefangenen, die täglich gegen die Schatten ankämpfen. Ich kann mich nicht selbst negieren. Natürlich würde ich es wieder tun. Immer wieder. Ich würde sogar jeden Einzelnen von Ihnen dazu anstiften es mir nachzumachen, wenn Sie irgendwann in einer ähnlichen Situation stecken sollten. Hören Sie niemals auf, auf Ihr Herz und Ihren gesunden Menschenverstand zu vertrauen. Hören Sie niemals auf, Ihre Meinung zu äußern. Und bitte, bitte kämpfen Sie stets friedlich. Stehen Sie auf für die Freiheit Ihrer Worte und Gedanken. Gehen Sie auf die Straßen – egal wann und wo – für ein demokratisches Miteinander und insbesondere für die Pressefreiheit. Denn unterliegt sie erst einmal einer Zensur, gibt es keine Demokratie mehr. Worte können zwar eingesperrt oder zensiert werden. Damit werden sie aber nicht ausgelöscht. Denn authentische Texte bleiben erhalten in den Köpfen und Herzen der Schaffenden und Zuhörer. Sie können gefährlicher sein als Parolen. Parolen wollen demokratische Strukturen schwächen und die Kraft des gemeinschaftlichen Zusammenhalts zersplittern. Sie sind laut, vorhersehbar und leicht zu entkräften. Kritische Texte, die Missstände ansprechen – ohne Menschen zu diffamieren – bleiben hingegen. Sie bleiben in Erinnerung und lassen sich immer wieder lesen.“
Langsam fügt Paul hinzu: „Worte sind zwar zerbrechlich wie Glas, aber sie erinnern sich und können die Zukunft verändern.“
Lauter Applaus ertönt.
Aber Paul bittet den Hörsaal um Ruhe und beendet seinen Vortrag: „Und somit werde ich bis zur letzten Seite meines Lebens weiter schreiben. Des Erinnerns wegen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Meine Worte sind ein Ruf zur Freiheit. Ein Ruf zur Freiheit, für all diejenigen, die gerade nicht sprechen können. Für all diejenigen, die täglich die Geister der Vergessenheit zu besiegen versuchen.“
Ein ehrfürchtiges Raunen geht durch die Reihen und lässt den Hörsaal vollends verstummen. Paul scheint die Studierenden im Hier und Jetzt und in ihren Gedanken eingefroren zu haben. Kein Ton, kein Summen, kein Atmen ist mehr zu hören. Zum ersten Mal in all den Jahren scheint er wirklich JEDEN im Hörsaal erreicht zu haben. Bis in der hintersten Reihe ein Schlüsselbund zu Boden fällt und das Stillleben wie aus einem Dornröschenschlaf wieder zum Leben erweckt wird.
Zögernd erhebt sich die erste Studentin und klemmt sich ihre Ledertasche unter den Arm, um den Saal zu verlassen. Wie eine Kettenreaktion folgen ihr weitere junge Menschen; bis der Hörsaal leer ist.
Paul stützt sich mit beiden Armen und hängendem Kopf gegen das Rednerpult. Ein tiefer Seufzer lässt die Anspannung aus seinen Gliedern fließen. Doch im nächsten Augenblick durchfährt ihn ein kalter Schauder. Grelle Blitze schießen wie ein Feuerwerk in seinen Kopf und vernebeln den Verstand.
„Ist das nun der jahrelang gefürchtete Moment?“, murmelt Paul geistesabwesend vor sich her. „Jener grauenhafte Moment des Erinnerns, der mir immer dichter auf die Spur kam? Bisher konnte er mich nicht fangen. Nie habe ich mich umgeblickt, um ihm ins Gesicht zu blicken.“
Kalter Schweiß benetzt Pauls Stirn.
Erschrocken dreht er sich um.
Hinter ihm ertönt ein ihm wohlbekanntes Geräusch.
Das Klacken der Gefängnisschlüssel.
Es hallt in seinem Kopf wider.
Und Pauls Welt fängt an, sich zu drehen – während die Schlüssel unerlässlich gegen seine innere Schädeldecke pochen als seien es Gefängnisrohre aus Blech.
„Da stehst du nun, du Bestie meiner Vergangenheit, mit deinen leuchtenden Augen. Du hast mich über Jahre hinweg beobachtet und mir stets deine Spitzel zur Seite gestellt. Hinter jeder Mauer haben sie gelauert.“
Augenblicklich hält er beide Arme schützend über sich.
Paul duckt sich instinktiv hinter dem Rednerpult ab.
Die Welt fängt an, sich um ihn herum zu drehen.
Unzählig Schreibmaschinen kreisen um seinen Kopf.
Informelle Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes beugen sich mit neugierigen Blicken in Scharen über ihn und reden unverblümt auf ihn ein.
Dabei produzieren sie Texte, die in meterlangen Schleifen aus ihnen herausquellen und durch die Luft wirbeln. Schlagzeile um Schlagzeile scheint sich gegenseitig übertrumpfen zu wollen.
Wie hypnotisiert sieht er die Texte, die seinen Namen tragen, an ihm vorbeiziehen. „Nein!“, schreit er erschrocken auf. „Das sind nicht meine Worte. Nicht meine Texte.“
Panisch wälzt er sich orientierungslos auf dem Boden des Hörsaals umher.
Mehrere Studierende versuchen ihn zu beruhigen, aber Paul ist bereits zu tief in seiner Panik gefangen.
XII
Dienstag, 05. September 1989
Dreiraumwohnung, Gerhardt-Hauptmann-Ring 7, Frankfurt/ Main – 2. OG
07:27 Uhr
Als die ersten Sonnenstrahlen durch das Fenster dringen, wird Paul aus einem unruhigen Schlaf geweckt. Er blinzelt und sieht seine Frau neben sich, wie sie leise lächelnd an einem Tisch sitzt und ihm einen warmen Tee reicht. „Guten Morgen“, flüstert sie sanft und streichelt vorsichtig über seinen Arm, als wolle sie ihn aus dem Schatten der Nacht herausholen.
Ein Gefühl der Verwirrung überkommt ihn; er setzt sich auf und fragt mit einer krächzenden Stimme: „Habe ich meine Freiheit wiedergefunden, Sabina?“
Sie sieht ihn an und ihre Augen leuchten. „Ja, Paul. Schau dir die Nachrichten im Fernsehen an, was gestern überall bei euch da drüben los war. Die Menschen stehen auf und gehen für ihre Freiheit auf die Straße. Sie beginnen, an der Mauer zu rütteln, die sie so viele Jahre eingesperrt hat.“
„Redest du von der innerdeutschen Mauer, die so viele Existenzen auf dem Leben hat?“ Paul braucht einen Moment, um die Worte zu verarbeiten.
Sie nickt. „Ja. Es haben sich so viele Menschen zusammengefunden, die den Mut aufbringen, für das zu kämpfen, was sie für richtig halten. Sie haben ihre Stimmen erhoben. Das Echo ihrer Entschlossenheit ist so laut, dass es dicke Mauern zum Wanken bringen kann. Die Menschen scheinen endlich keine Angst mehr zu haben.“
Paul sieht sie an und spürt, wie die Schwere der vergangenen Jahre von ihm abfällt. „Und was wollen wir jetzt machen?“
„Wir werden darüber berichten, was gerade in der DDR passiert. Es gibt noch so viel zu tun, so viele Geschichten zu erzählen“, sagt Sabina.
„Und darüber müssen wir schreiben. Denn die Freiheit, die ich meine, kann nicht als selbstverständlich angesehen werden. Wir müssen sie bewahren und verteidigen. Auch für unsere Kinder“, fährt sie lächelnd mit ihrer Hand über die kleine Vorwölbung unter ihrem weiten Pullover. Sabina beugt sich zu Paul und küsst ihn sanft auf die Stirn. „Du bist nicht allein, nie gewesen. Wir sind hier und bald zu dritt, um füreinander zu kämpfen. Und auch für all die Stimmen, die noch geboren werden müssen.“
„Dann lass uns schreiben“, sagt Paul entschlossen, während er aufsteht und Sabina freudestrahlend an sich heranzieht. „Lass uns die Worte finden, die die Freiheit verteidigen.“
Sie nickt.
„Ja, lass uns beginnen. Denn jede Freiheit beginnt mit einem Wort.“
KALEIDOSKOP
oder
KEIN KEKS VOM MINISTERIUM
I
Heute muss Kleist überraschend früh aufgestanden sein, ich bin vom Geräusch des Schlüssels aufgewacht, dann fiel die Wohnungstür ins Schloss. Seit er vor acht Tagen hier aufgeschlagen ist, genauer gesagt seit dem 2. November 2013, ist mein Tages-Rhythmus dahin. Er belegt das Wohnzimmer, ich komm nicht an den Rechner, den Aufsatz über seine „heilige Cäcilie“, hab ich nichtmal begonnen. jetzt klappert Geschirr. Wird er das hinkriegen mit der Kaffeemaschine? Ich öffne die Tür, noch im Nachhemd, ruf ich ein „Morgen!“ in die Küche, Kleist errötet und vergräbt sich in der Zeitung, Erst als ich angezogen aus dem Bad komme, wünscht Kleist ebenfalls „Guten Morgen“ und legt die Zeitung weg. Warum er schon auf sei, frage ich ihn, und ob das mit dem Sofa auch wirklich okay sei. Ja sagt Kleist. Oh kehh.
Wo hat er denn die Zeitung her!
Er wird rot. Die sei im Briefkasten gewesen.
– Aber nicht in meinem, stelle ich fest, weil ich die Bild am Sonntag nämlich nicht abonniert habe. Nein nein sagt Kleist und errötet wieder.
Hat er sich doch die Bild von der Frau Kovacs stibitzt! So was. Ich sage ihm, was er da habe, sei Schrott. Eher was für Leute, die nur Schlagzeilen wollen als sich den Kopf zu zerbrechen. Bilder schauen, als sich selbst eins zu machen.
Er legt die Zeitung weg und sagt, dass ihm das auch schon aufgefallen. Geschichten von gänzlicher Bedeutungslosigkeit schlügen einem entgegen durch Illustration. Nicht, dass er darauf hereinfiele, aber es interessiere ihn trotzdem.
„Wegen der Titten?“ frage ich.
Sein linkes Ohr glüht ein wenig. Er sieht aus dem Fenster und murmelt etwas vor sich hin. Natürlich gäbe es sicher mehr zu sagen über eine Frau namens Tatjana, als dass sie gern ein Häschen sei und Eier suche. Klar ginge es hier nur darum, dass sie beinahe nackt sei. Aber spricht das nun nur gegen den Herausgeber einer Zeitung, dass er offensichtlich, um mit der Konkurrenz mithalten zu können, auf die niederen Motive der Leser abziele, die offensichtlich nicht geneigt seien, Interesse an Dingen zu entwickeln, die nicht lasterhaft seien – ja nichtmal selbst Phantasie bemühten… –
So viel hat Kleist in zwei Wochen nicht geredet wie eben!
Auch ihm sei es früher darum gegangen, ein möglichst breites Publikum zu erreichen, und Kompromisse habe er machen müssen, weiß Gott! Aber immer habe er versucht, dem Publikum, Ideen zu vermitteln, den Geist zu bilden. Missstände zu benennen. Andererseits aber… – druckreif schießt das aus ihm heraus! – Bis er dann doch stockt und kurz aufbrummt, dann weiter im Text. Übersprungs-Sprechen. Er ist erregt. Ich hab jetzt nicht verstanden, ob er die Bildzeitung in Schutz nimmt, oder sich über sie aufregt.
– Beides!, Sagt er. Schweigt. Dann fragt er, ob ich wüsste, dass er selbst Zeitungsherausgeber gewesen sei.
Nein, wusst ich nicht.
Die Abendblätter seien leider eingegangen. Ein Versuch, die Masse zu unterhalten, zu bilden, zu informieren… „und so.“ Ohne Sensationen sehr schwer. Und die seien nun einmal ein Geschäft mit der Obrigkeit. Klinkenputzen. ‚Komme er nur herein, Kleist, ein Tee? Ein Keks?‘ Fördermittel??? Na, schreibe er nur recht gefällig, dann werde man sehen.‘ – Nichts sähe man! Nie. Kleist sieht nach Kloß im Hals aus.
Wie lang es denn seine Zeitung gegeben habe, frage ich. Während ich nach dem Kaffee Ausschau halte.
„Achzehnundertzehn bis elf.“ Ein Riesenerfolg anfangs. Völlig neu: „dass ein Blatt jeden Tag, erscheint!“ Aus der Hand habe man ihm das Blatt gerissen, damals, in seinen…– er macht eine Pause „…Redaktionsräumlichkeiten“. Und am Gendarmenmarkt.
„Wo ist der Kaffee?“
– Kleist zuckt die Achseln, redet weiter: …und zum ersten Mal in seinem Leben habe er gespürt, wie es ist, wenn man jemand erreicht mit dem, was man macht. – Erzählen was in Berlin so los ist im Voll. (Da hatte ihm wohl einer von der Polizei geholfen, ihm mit Infos über Mord,Totschlag, Unzucht versehen – Und dann schlagartig nix mehr.) Funkstille. Einfach so! Ohne solcherlei Zutaten, könne man aber nun mal keine Zeitung machen. Da hilft kein Keks.
Immer noch such ich den Kaffee. Ich brauch dringend einen. Kleist errötet, möglicherweise habe er die Reste des Pulvers aufgebraucht in der Nacht. – Wie sehr er Abhängigkeiten hasse! (Er meint die Polizei, nicht den den Jacobs-Krönungs-Espresso). Von der Presseaufsicht kalt gestellt. Und der Zensur des Ministeriums ganz zu schweigen! Hardenberg! Raumer! Wichtigtuerische despotische Kleingeister!, sagt er; Scheißbullen! (Das hab ich gesagt).
– Ich weiß, dass er „Raumer“ und „Hardenberg“ sagte, bei „Arschloch“ bin ich mir nicht mehr sicher).
Ich sage, dass die Alternative ja dann nur sei, unabhängig zu werden. Kleist schnaubt Wie denn, wenn der Staat bestimmt, wer eine Zeitung herausgeben darf. Und worüber sie sein darf und worüber nicht.
„Worüber denn nicht?“
Politik zum Beispiel. Er hätte die Lizenz nur für ein kulturelles Blatt gehabt.
„Und?“
Die Frage sei: was ist Kultur. Was Wirklichkeit?
Die Naht könne man auftrennen, Stich für Stich; die Grenzen lösten sich auf, wenn man sich nur an die Wahrheit hielte, die einer Sache innewohnt.
Er schaut wieder in die Ferne, zum Küchenfenster hinaus. Auf dem Weg zurück bleibt sein Blick doch wieder an Tatjana hängen. Weil er sieht, dass ich seh, dass er guckt, wirft er die Bild in den Müll.
„Das ist doch nicht Deine Zeitung!“
Das könne ich laut sagen. Seine sei ganz anders gewesen.
„Nein, ich meine, die gehört der Frau Kovacs. Die… braucht die!“
Ich hol die Zeitung wieder aus dem Müll.
Stille. Kleist schweigt.
„Hier dürfen wir alles sagen. Und alles drucken.“ Das hieße aber, man müsse um jeden Preis verkaufen, mithalten. Ich zeige auf die Bildzeitung. Ein eigenes Imperium werden.
Dann, sagt Kleist, müsse man sich aber erinnern, warum man damit begonnen habe. Um unzüchtige Frauen abzubilden? Oder um Wichtiges mitzuteilen. Oder Widerwärtigkeiten. Er klopft noch mal auf den Papierstoß, als versohle er Tatjana ihren fast nackten Hintern. Sind das die, die nicht anders können als schreiben?
Nein. Die machen andere Zeitungen. Ich schiele zu Tatjana rüber, Sie hat keine übermäßig großen, aber extrem pralle Brüste. Sie trägt ein rosanes Höschen mit einem Hasenpuschelschwänzchen. Man sieht das Hasenpuschelschwänzchen, aber sie dreht sich so unnatürlich in der Taille, dass die Kamera die Brüste auch noch fasst. Jedenfalls das Wesentliche der einen Brust. Ich merke, dass es Kleist offensichtlich peinlich berührt, dass jetzt ich auf dieses Bild glotze. Und: Was ist das Wesentliche?
Es müsse ihm nicht unangenehm sein. Ich würde mich nicht sexuell belästigt fühlen von seinem Blick auf Tatjana. Jetzt wird er rot, aber es ist keine Schamesröte, er ist fleckig im Gesicht und wohl richtig sauer.
Das sei ja noch schlimmer! Wie könne ich meinen Blick davor verschließen, dass… so ein Augenblick…, er sucht nach Worten, …nun mal zerstört. Die Unschuld einer Beziehung… –
Er ist so erregt, ich trau mich kaum in anzusehn.
…beendet. Den Zauber des Unausgesprochenen…“
„Welche Beziehung denn?“ Er bleibt die Antwort schuldig. – Er sähe es jetzt ganz klar: an alldem sei nur eines Schuld:
„Die Pressefreiheit! Hardenberg und seine Reformen!“
Jetzt versteh ich gar nix mehr. „Jetzt bist du plötzlich gegen die Pressefreiheit?“
Ja. Nein. In diesem Falle ja!
Natürlich müsse es Zensur geben. Sei doch logisch: Wenn jeder Pöbel irgendwas verbreitet, ob Bild ob Wort, Verleumdung, Hetze Fragwürdigkeit…
„Okay! ja. Klar…“
Nichts sei klar; und Wahrheit schwer erkennbar. Er nimmt einen Schluck Kaffee. Ärgert sich dass er kalt geworden ist. Stellt ihn weg.
Ich setze Wasser auf. Es ist das erste richtige Gespräch das wir führen, endlich. Aber lieber spräche ich über das was ich für die Hausarbeit brauche. Aber immer wenn ich mit der Hausarbeit ankomm, sagt er Jetzt nicht. Oder: das sei Frauensache.
„Frauensache?!“
Kleist denkt Küchenkram, Kaffeekochen, Badputzen,
Ich meine… meine Hausarbeit.
Ja, eben.
Hausarbeiten schreibt man, wenn man studiert. Meine geht über „Resonanzräume in „Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik“. Ich hab das Thema dann fallen lassen. Es schien wichtiger Kleist klarzumachen, dass auch er hier Pflichten hat. Und es WG-Regeln gibt. Immerhin wäscht er jetzt ab. Seit gestern.
Ich mache Tee.
II
Der Himmel wird schon wieder dunkel. Mitte Oktober fürchte ich schon November. Eine Schar von Krähen fliegt über den Berliner Dom. Den sehe ich nicht. Aber ich denke ihn mir. Gendarmenmarkt. Vielleicht gehen wir da mal hin. Er sollte mehr ausgehen. Er sieht so blass aus. Sehe ihn an einer Ecke stehen mit seinen Abendblättern, als wär er ein Zeitungsjunge und nicht der Herausgeber, ein großer Wurf, ungeduldige Kunden warten auf ein Extrablatt, aber ich muss mich versehen haben, sein Zeitungsbauchladen ist eine Dreh-Orgel, er kurbelt und kurbelt – keine Musik. Einstweilen lese ich. Im Prosa-Band aus dem Keller stehen noch andere Texte, Aufsätze und das was von seinen Zeitungsartikeln und Anekdoten erhalten geblieben ist. Verrücktes Zeug, das er da geschrieben hat, Oft ganz banal: Von einschlagenden Blitzen in Bäumen, tollen Hunden, einem Mann namens Beyer, der pausenlos von Kutschen überfahren wird und trotzdem überlebt.. – Aber immer so dass du denkst, was für ein Zauber dem Zufall innewohnt. Was für Abgründe und: wo verläuft eigentlich die Grenze zwischen Anekdote und Leserbrief, Tatsachenbericht und Wunderwelt, –
Eine seriöse Tageszeitung ist es definitiv nicht
Einmal schreibt er über Wassermänner und Sirenen und einmal über eine Erfindung, die der Telegraphie nah kommt. Kleist findet aber, man solle lieber gleich Briefbomben werfen, Kanonenkugeln mit Briefen gefüllt. Klingt jetzt blöd, aber das berührt mich wirklich! Volltreffer. Nachts liege ich in meinem Bett und lese. Der Charité-Wagen, der immer und immer wieder jenen Herrn Beyer an – und überfährt, nimmt mich mit in den Schlaf, Das Radio spielt Musik, aber Herr Beyer hört es nicht, denn (laut Kleists Berliner Abendblatt Nr. 12) fiel sein linker Ohrknorpel ins Innere seines Gehörgangs. Er hört weder den gröhlenden Gesang einer Truppe von Bilderstürmern, noch Tatjana, die mit Engelszungen-Stimme „All of me“ singt. Aber bei den Sirenen nicht mitmachen darf. Sie sänge zu schön (das Vorsingen war ausgeschrieben worden von einem Chorverband von Polizei-Sirenen). –
Ich werde wieder wach von wirklich langweiligen aktuelle Nachrichten, die mich wieder in die Wirklichkeit holen.
III
Der Morgen ist kalt und ich bin so wach wie selten nach einer schlaflosen Nacht. Die Sonne scheint dermaßen scharf auf die Brandmauer, die ich vom hohen Küchenfenster aus sehe, dass die Kontur jedes einzelnen Backsteins derart klar hervortritt… – Ich hätt Lust, einen daraus hervorzuziehen. Vielleicht fällt das Haus dann in sich zusammen. darüber der Himmel ist wolkenlos. Wir müssen spazieren gehen! Wann, wenn nicht jetzt?
Kleist hat weder Lust mit mir über sein Werk zu sprechen, noch auf Draußen. Mehr als ihn mit in den Hof zu nehmen mit Restmüll und Altpapier gelingt mir nicht. Ich entleere den Müll in die schwarze Tonne und überlass ihm die blaue.
Als ich fertig bin mit dem Restmüll, scheint Kleist verschwunden, ich finde ihn zur Hälfte im Altpapier, Sprachlos von der Medienflut, die sich vor ihm ausbreitet, hängt er zur Hälfte darin und fischt nach Zeitschriften, Papieren, Verpackungs-material, sogar zerschredderten Krankenakten aus der Zahnarztpraxis im Erdgeschoss hat er empor gewühlt. – So einen Reichtum an Gedrucktem oder Bedruckenswertem habe er noch nie gesehen, sagt er. Es ist kalt im Hof, es stört ihn nicht. Die Sonne, die etwas über unseren Köpfen die Mauern erleuchtet, dringt nicht bis ganz hinab in den Hof. Wie kann er nicht frieren? Nur weil ich ihm versichere, es sei kein Diebstahl, Bedrucktes aus dem Container zu nehmen und es zu lesen, kann ich ihn dazu bewegen, den Hof zu verlassen. Er könne es auch in der Sonne lesen, am Platz gegenüber. Er nimmt einen Stoß Papier mit und setzt sich am Tucholla Platz in die Sonne.
Magazine, Aldi-Werbung, Berliner Zeitungen, ein Pizzakarton als Kladde. Liest er die Zeitung oder liest die Zeitung ihn? Ich hätt so gern geredet. Erst als ich vom Kiosk zurückkomme mit zwei Bockwürsten ist er bereit für eine Pause.
Wir essen im Gehen, Kleist den Pizzakarton unter dem Arm. Am Stadthaus vorbei, an der Kirche, Richtung Rummelsburger Bucht. Es ist der ruhigste Weg, an der Spree macht er halt und bedankt sich: das Lesen sei ein Anknüpfen gewesen, den roten Faden immerhin suchen. Das Lesen in der Nacht sei verwirrender gewesen.
Er sieht mitgenommen aus. Erst jetzt sehe ich, wie tief die Augenringe sind, die gestern noch nur Schatten schienen. Hat er wieder einen Zugang ins Internet gefunden?
„Ja!“ und er habe das Internetz sehr genau gelesen.
„Das Ganze?!“
So weit er eben gekommen sei.
„Du darfst nicht alles glauben, was da steht!“
Schon klar! Natürlich nicht, deshalb sei er ja auch nicht generell, nicht gänzlich gegen das was ich „Presse-Freiheit“ nenne. Der Maßstab müsse die Wahrheit sein. Ich sagt: „Die liegt im Auge des Betrachter.“
Da läge schon die Kunst, sagt er. –Und da läge sie durchaus gut, weil beides…, er hält inne, bleibt stehen: „Genau. Ganz genau das: ‚Mut zur Wahrheit‘ bedarf. Dann sei es egal was man schriebe. Hauptsache…
‚Mut zur Wahrheit‘.
An der Lichtenberger Straße, Höhe Holzmarkt steht er mit roten Backen vor irgendeiner Wahlwerbung. Neue Partei. Kenn ich nicht. Rote Schrift auf Himmelblau. „Das ist Wahlwerbung, Kleist. Guter Spruch ‚Mut zur Wahrheit‘, aber garantiert nicht das, was am Ende damit gemeint sein wird.“
„Dann sollte man es vielleicht nicht aufhängen!“. Kleist stapft die Straße entlang, seltsame Gangart, als liefe er gegen den Wind. – Weiß er überhaupt was Wahlen sind?
Wieder bleibt er stehn: ‚Ich bin doch nicht blöd!‘
„Das meinte ich auch nicht!“
Ich weiß!“, aber er wüsste gerne: „was ist ein Media-Markt?
„Das ist… kein Zeitungsladen.“
Das überfordert mich jetzt alles ziemlich. Kleist winkt ab. Er ahne was gemeint sei. Wahrscheinlich: „das Internetz?“, in dem er gestern die Nacht verbracht.
„Nein. – beziehungsweise… gewissermaßen…– wie kamst du überhaupt rein?“ Und was genau er wo auf welcher Seite er gemacht habe?, will ich wissen.
Er sei auf keiner „Seite“ gewesen. Und „Nur gelesen!“ habe er, sagt Kleist. Einer hätte unter den Artikel eines anderen unflätige Dinge geschrieben. Und böse gelbe Gesichter gemalt. Viele Worte mit „F“ seinen gefallen… Kleist zieht ein Notizheft aus der Innentasche seines Mantels und blättert. „Zum Beispiel ‚Fakten‘, ‚Fuck‘ und… ‚F…ake.‘
„Fakten und was?“ Ich schiele auf fast unlesbare Schrift. „Ach so, das ist englisch, es wird „Feihk“ ausgesprochen und es bedeutet…“
– Er wisse was es bedeute“, sagt Kleist. Zu Teig verknetete Wahrheit, möglicherweise auch gar keine.
An der Stralauer Allee reißen die Autos aus dem Gespräch. Und die Werbung, die sich ein Wald ohne Bäume die Straße entlang zieht. Man kann sich nicht mehr unterhalten. An einem riesigen Be-Berlin-Aufstellers an der Jannowitzbrücke bleibt Kleist, restlos verausgabt stehen. „The-Place-To-Be“ – Zu viel! Gestern Nacht das Internetz, jetzt dieser rasante Strom. und er bezweifle, dass dieser Ort, der sei, an dem er zu sein habe. Er setzt sich zu Boden. Auf den Pizzakarton. Ich schlag ihm die S-Bahn nachhause vor. Er wird ruhiger, lehnt ab, will weiter. Wir gehen am Spreeufer entlang, hier gehts ihm besser, der Fluß sei ein roter Faden. Alles fließt und er kennt ihn.
„War wahrscheinlich war es leichter damals, zur deiner Zeit?“, frag ich Kleist. Kein Getexte, Nicht diese Informations-Fülle,“ kein „Twitter-Pling“, das ihn umlenkt, den Fluß. Dass ich oft keinen klaren Gedanken hinkrieg für das, was ich hab schreiben wollen für…“ …‘mich ,hab ich sagen wollen, aber da hatte er mich längst unterbrochen: „Schöner Gedanke!“ Er schnaubt ein seltsames Lachen: „Aberwitzig!“ – So gut wie alle Nachrichten seien damals falsch gewesen! Wenn sie denn endlich eingetroffen seien, habe bereits die Gerüchteküche das Gegenteil verbreitet. Den Balanceakt zu finden zwischen Aufklärungspflicht, staatlich verordneter Unwahrheit, Lüge, Pro-Forma-Wahrheit, und kriegsbedingter Fehlinformation! Mit fließenden Grenzen habe er gekämpft! In einer Zeit, in der es prinzipiell, moralisch militärisch und territorial um nichts anderes ging als Grenzen, sei, diese nicht zu überschreiten, de facto unmöglich. Eine unendliche Dauerschleife von Redigieren, Umschreiben, Herausgeben und Dementieren. Selbst die Leserbriefe habe er am Ende noch selber geschrieben. Dann dem Verleger Hitzig alles vorgelegt, Gasse himterm Dom, Luft geschnappt, dann in den Druck. Selbst im Leerlauf der schlaflosen Nacht habe er weitergeackert. Alles habe sich um das Blatt gedreht. Bis am nächsten Morgen die Post gekommen sei, und der neue Strom ihn weitergerissen habe.
Er legt den Pizza Karton ans Gelände des Ufers, um sich eine Zigarette zu drehen. Ich bin dermaßen erleichtert, ihn rauchen zu sehen, jetzt atmet er wieder.
Wie er das ausgehalten habe, dieses Pensum?
Kleist bläst Rauch in die Novembersonne. Es sei leichter geworden als er begriffen habe, dass das Perpetuum Mobile der Fehlinformationen das eigentliche Thema sei: Die Nachricht sei nicht (zum Beispiel), dass sich das Nationaltheater Schreiber kaufe, die gute Rezensionen fabrizierten, egal wie die Schauspieler auf der Bühne sich wieder verrenkten. – Die Meldung ist: „man hört es überall.“ Man liest davon, sogar in der Vossischen Zeitung. – Die Rede ist der Rede wert.
Von diesem Zeitpunkt an, sei er nicht mehr der Nachricht hinterhergejagt, sondern sie ihm. Er selbst habe nicht mehr über das Theater schreiben dürfen, aber das, was das Volk darüber denkt, das sei ihm ebenbürtig erschienen.
Was er sagt ist atemberaubend. „Kann ich mal einen Zug?“ Ich brauch ne Rauchpause. Kleist reicht die Kippe rüber. Ein Windstoß bläst seine Papiere in die Spree. Sie fließt in Richtung Ostkreuz. Ich will ihm die Zigarette zurückgeben, aber Kleist sagt, ich könne sie behalten.
„Danke.“ und Hut ab vor allem andern.
Gefühl, die eigene Schädeldecke sei am Hut gleich mitkleben geblieben und immer noch drehen darunter seine Worte Kreise in meinem Hirn. De-men-tieren. Ich fühle mich geistlos neben ihm. Stumm gehen wir weiter. – Theater der Zeit hat hier irgendwo seinen Sitz. Vielleicht könnt er ja für die schreiben. Mal wieder in die Oper oder…– lieber Nix sagen.
„Ach…– !“ Kleist stutzt. Vor uns ragen die dunklen Umrisse der Klosterruine in den Himmel. „…immer noch nicht wiederaufgebaut?“
Wir gehen ins Innere. Das Innere ist Außen. Das Kirchenschiff fehlt, das Kloster hat kein Dach. Wir laufen über Spiegelglas.
Kleist starrt zu Boden in den freien Himmel, der zerbrochen zu unseren Füßen liegt.
Das sei das Bild!, sagt er. Die Welt liegt in Scherben. Aber immerhin diese Freiheit sei garantiert zu jeder Zeit: Man kann sie sich zusammenwursteln aus allen mosaischen Teilchen, und kein schwarzer Balken der Zensur träfe das Auge des Lesers. „Und der Leserin“, fügt er hinzu. Im übrigen sei alles eine Frage des Layouts.
Unsere Blicke treffen sich im Fußboden der Klosterruine. Ausnahmsweise weicht sein Blick nicht sofort aus. Wolken ziehen auf. Geballte Ladung Schlagsahne-Steif. Sogar der Himmel wirkt malerischer so.
„Ist das jetzt Feihk?, fragt Kleist. Oder die einzig wahrhafte Wirklichkeit?
„Keine Ahnung!“ Vielleicht bin ich blöd! Der Himmel ist mir zu hoch. Gibt es Heilige, die Nonnen im Fieber befallen und Oratorien dirigieren, damit eine Bande von mittelalterlichen Terroristen ein Kloster nicht platt machen?
„Nein.“, sagt Kleist. Deshalb sei „Legende“ unter seiner Erzählung gestanden. Und hinter der Erzählung ein Fragment über den ökonomischen Aberwitz der Reformpolitik, die eine Woche vorher die Enteignung aller Kirchenbesitztümer angekündigt hatte. Danach ein Polizeibericht, in dem sich Zuhälter und Huren auf Tanzböden tummelten. Das sei Wahrheit. Bunt und laut und alles unter einem Dach.
IV
Wenn Kleist lächelt , sieht er aus wie auf meiner Gesamtausgabe. Und wird wieder zum Zeitungsjungen. Heute Nacht dreht er nicht am Rad, er guckt mit einem Fernroh in den Mond. Den Mond sieht er nicht. –
„Blödmann, Frau“, ein Kaleidoskop sei das!“ sagt das Kind am Gendarmenmarkt. bunte Scherben, zusammengeschüttelt zur einer Wirklichkeit, über die man schreiben kann und wenn man schon keinen Keks bekommt dafür, doch immerhin nicht eins übern Deckel. Mut. Wahrheit. Sagen was ist – Notfalls über Bande.
Die Splitter rieseln weiter. mein ganzes Bett ist voll davon: Nonnen, die im Fieber singen, Zahlen, die von Enteignung sprechen. Öffentliche tanzen…
…Ein Hausknecht der betrunken nach Hause kam, ist, wahrschein⸗
lich vom Schlage gerührt, tot im Bette gefunden.
Eine Schlägerei zwischen Studenten und Handwerksburschen
auf einem Tanzboden ist durch das Hinzukommen eines Polizei-Offizianten
und der Jäger-Patrouille unterdrückt bevor Jemand beschädigt worden.
Bei der Revision eines anderen Tanzbodens seien zwei verdächtige Frauen-
Zimmer und zwei dergleichen Mannspersonen, so wie neun öffentliche Huren arretiert worden.
Lesen was war.
ENDE
Zitat im vorletzten Absatz: aus Kleists Abendblatt Nr. 41, vom 16.11. 1810
„Wer hat den Artikel geschrieben, in dem ein Politiker als rechtsextrem und Nazi bezeichnet wird? Können wir das überhaupt so drucken? Das löst sicher einen Shitstorm aus.“
„Und wenn schon? Das würde Aufmerksamkeit generieren. Aufmerksamkeit bedeutet Geld.“
Julien fuhr sich durch die Haare. Die wöchentlichen Meetings in der Redaktion stellten sich immer wieder als anstrengend heraus. Er nahm einen großen Schluck von seinem Kaffee, dann hob er die Hand. „Ich habe den Artikel geschrieben.“
Sofort drehten sich alle Köpfe am Tisch zu ihm. Er spürte, wie die Blicke seiner Kollegen auf ihm lasteten und plötzlich wollte er sich rechtfertigen: „Ich halte es für richtig, das so zu schreiben. Der besagte Politiker wurde vom Verfassungsgericht offiziell als rechtsextrem eingestuft und seine Beziehungen zur Neo-Nazi-Szene wurden bereits bestätigt–“
Der Redakteur schnitt ihm das Wort ab: „Wenn wir uns das so leisten, dann werden sich eine Menge Leute aufregen. Der Politiker hat einen großen Einfluss und wir können nicht ausschließen, dass sich der Artikel negativ auf unsere Fördergelder auswirkt.“
Eine Frau meldete sich zu Wort: „Ich denke, wir sollten Juliens Text trotzdem veröffentlichen. Das könnte eine Debatte auslösen. Wir wären ein Gesprächsthema und Aufmerksamkeit, egal in welche Richtung, bedeutet Klicks. Und Klicks bedeuten Geld.“
Der Redakteur schüttelte den Kopf. „Das Risiko ist zu groß. Wir denken zu kurzfristig. Wenn wir die Fördergelder in Zukunft nicht mehr bekommen, dann bringt uns auch die Reichweite nichts.“
„Pardon“, mischte sich Julien wieder ein. „Aber ich bin der Meinung, dass wir den Artikel so drucken sollten, weil es hier um Fakten geht. Es sind keine Beschönigungen notwendig. Wir müssen unseren Beitrag für die Gesellschaft leisten und die Probleme beim Namen nennen, sonst normalisieren wir Rechtsextremismus. Das ist eine Gefahr für unsere Demokratie!“
„Das sind sehr ehrenhafte Gedanken, aber so funktioniert die Branche nun einmal nicht. Wie lange arbeiten Sie schon als Journalist?“, antwortete der Redakteur. In seinem Blick lag Wohlwollen, aber auch Ungeduld über Juliens Naivität.
„Ein knappes Jahr“, gab Julien zurück.
„Dann werden Sie es noch lernen.“ Der Redakteur schüttelte den Kopf. „Es ist zu riskant. Wir werden den Artikel so nicht veröffentlichen. Streichen Sie die Passagen, in denen er als Nazi und Extremist bezeichnet wird und ersetze sie durch neutrale Ausdrucke. Dann veröffentlichen wir es.“ Er rückte seine Brille zurecht und ging dann zum nächsten Punkt der Tagesordnung über. „Wie steht es mit den Bildern für die Reportage über die Handwerksbetriebe der Region?“
Julien nahm einen weiteren Schluck Kaffee, um sich zu beruhigen. Er hasste diese Besprechungen. So hatte er sich die Arbeit als Journalist nicht vorgestellt. Doch was konnte er jetzt schon tun?
–
Julien stöhnte genervt, als wieder einer seiner Artikel mit einer Mail an ihn zurückgeschickt wurde. Er arbeitete nun schon mehrere Jahre in der Redaktion, doch das hatte sich nicht geändert. Keine Begrüßung, keine Verabschiedung, nur ein Satz: Zu offensiv, die üblichen Änderungen sind vorzunehmen.
Julien öffnete zähneknirschend das Dokument auf seinem Computer und durchsuchte es nach Wörtern, die sein Redakteur für unangemessen und zu riskant hielt.
„Schreibst du schon wieder zu politisch, Julien?“, fragte Mira, mit der Julien sich sein kleines Büro teilte. Sie war daran gewöhnt, dass seine Artikel immer mit den gleichen Anmerkung versehen wurden, bevor sie in den Druck gingen. Sie war auch an seine schlechte Laune gewöhnt, die unweigerlich darauf folgte.
„Ich verstehe es einfach nicht“, beschwerte sich Julien, während er ein weiteres Mal rechtsextrem durch rechtsgerichtet ersetzte.
Mira sah von ihrem Bildschirm auf. „Warum machst du dir noch die Mühe? Es bringt doch eh nichts. Irgendwann kündigen sie dir noch deswegen. Am Anfang dachte der Chef vielleicht noch, dass du jung bist und sich dein Verhalten noch ändert, aber das geht jetzt schon seit fünf Jahren so. Trotzdem ist noch keiner deiner Artikel angenommen worden, oder? Warum also der ganze Aufwand?“
Juliens Augen blitzten. „Es ist unsere Aufgabe als Presse, die Bevölkerung richtig zu informieren. Der Aufstieg des Rechtsextremismus ist besorgniserregend. Wir dürfen das nicht beschönigen, nur um niemanden auf die Füße zu treten. Wenn wir so etwas nicht einmal benennen dürfen, dann können wir unsere Demokratie dagegen auch nicht verteidigen.“
Mira nickte. „Das ist richtig, aber wenn wir den falschen Leuten auf die Füße treten, dann schreiben wir bald gar nicht mehr.“
Julien warf die Hände in die Luft und stieß dabei fast seinen Stiftehalter vom Tisch. „Und genau das ist einfach nur falsch! Sollte die Presse nicht die vierte, inoffizielle Staatsgewalt sein? Die Gewaltenteilung funktioniert nicht richtig, wenn wir uns so von den Politikern einschüchtern lassen. Unsere Augen sollte auf die Institutionen gerichtet sein und die Politiker sollten sich der Macht des Journalismus bewusst sein. Aber stattdessen haben wir Angst vor ihnen, weil sie uns die Fördergelder streichen könnten. Das ist doch absurd!“
„Und was willst du dagegen tun?“, fragte Mira ruhig. Sie hatte aufmerksam zugehört, als er sich in Rage geredet hatte.
Julien starrte stur auf seinen Bildschirm. „Ich weiß es nicht. Irgendwas.“
Mira legte den Kopf schief. „Falls du es herausgefunden hast, sag mir Bescheid und ich unterstützte dich sofort. Aber solange du es nicht weißt, solltest du dich vielleicht etwas weniger provokant verhalten. Es wäre schade, wenn ich bald mit jemand anderem das Büro teilen müsste, nur weil die Redaktion die Nase voll davon hat, immer die gleichen Korrekturen anzubringen.“ Mira wand sich wieder ihrem Computer zu und einen Augenblick später erfüllte das rhythmische Klicken ihrer Tastatur erneut den kleinen Büroraum.
Julien ließ die Schultern hängen. Miras Worte ließen seinen Tatendrang so naiv wirken. Ein Gefühl von Machtlosigkeit überkam ihn. Er atmete tief durch, dann lenkte er seine Aufmerksamkeit wieder auf seinen Bildschirm und löschte ein weiteres Wort.
–
„Ich schätze Ihre Arbeit wirklich sehr. Allerdings müssen Sie zukünftig die sich wiederholenden Anmerkungen der Redaktion auch selbstständig umsetzen. Und das auch schon vor der ersten Abgabe. Sie sind ein wertvoller Mitarbeiter, aber wenn sich dieses Verhalten in Zukunft nicht ändert, kann ich nicht garantieren, dass die anderen Redakteure meine Meinung noch länger teilen. Das könnte Konsequenzen für Sie haben. Haben Sie mich verstanden?“
Julien hatte gleich ein schlechtes Gefühl gehabt, als der Redakteur ihn nach der Besprechung noch gebeten hatte, etwas länger zu bleiben. Er senkte den Kopf. „Ich verstehe.“
Der Redakteur klopfte ihm anerkennend auf die Schulter. „Ich weiß, es ist schwer, aber wir können eben nicht immer alles schreiben, was wir wollen. Doch Sie haben Potential. Ich bin froh, dass Sie sich nicht dazu entscheiden, es zu verschwenden.“
Julien neigte nur schweigend den Kopf.
„Dann sehen wir uns morgen. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag und bin gespannt auf Ihren nächsten Artikel.“
„Bis morgen“, murmelte Julien und zwängte sich eilig aus der Tür des Besprechungsraums. Auf dem kurzen Weg zu seinem Büro suchte er die Uhr an der Wand, um zu sehen, wann er seinen Arbeitsplatz endlich verlassen konnte. Stattdessen fiel ihm der Kalender mit dem heutigen Datum ins Auge.
Er lachte freudlos auf. Der dritte Mai, der Tag der Pressefreiheit. Welche Ironie.
Mira sah auf, als er die Tür öffnete und sich auf seinen Stuhl fallen ließ.
„Warum solltest du länger dableiben? Du siehst verspannt aus, gibt es schlechte Nachrichten?“
Julien zuckte abweisend mit den Schultern. „Es war wohl überfällig.“
„Oh“, sagte Mira. „Es ist wegen der Wortwahl in deinen Artikeln?“
„Du hast mich gewarnt, dass es passieren wird.“
„Ich hatte es trotzdem nicht gehofft.“
„Ich weiß. Sie haben mir auch nicht gekündigt. Es war mehr eine Verwarnung. Oder eine Drohung.“
Mira nickte mitfühlend.
Die Stille, die darauf folgte, war unangenehm und zu schwer für einen Montagmorgen. Julien klapperte extra laut mit den Tasten, als er sein Passwort eingab und auch Mira wand sich wieder ihrer Arbeit zu.
Julien hatte noch nie einen Text so wenig gemocht wie den Artikel, den er am frühen Nachmittag der Redaktion schickte. Der Text war weichgespült und vermied jegliche Kontroverse. Seelenlos, wie Julien fand.
Nur wenig später erhielt er eine Antwort: Ihr heutiger Artikel war ausgezeichnet. Gute Arbeit und weiter so!
Julien konnte sich nicht darüber freuen.
–
Ein Jahrzehnt verging, bis Juliens Befürchtungen sich bewahrheiteten. Er war fassungslos, als er die Mail wieder und wieder las.
Mit sofortiger Wirkung ist es jeglichen journalistischen Institutionen und Personen verboten, Texte zu veröffentlichen, die Politiker der Regierungspartei verunglimpfen. Dazu gehören insbesondere Verweise auf Extremismus. Dies gilt zum Schutz der Bevölkerung vor Missinformationen.
Julien hatte mit Schrecken beobachtet, wie die rechtsextremistischen Parteien in den letzten Jahren immer mehr an Zuspruch gewonnen hatten und seit der letzten Wahl sogar die Regierung bildeten. Er hatte sich Sorgen um die Demokratie gemacht, doch so richtig hatte er wohl nie daran geglaubt, dass ein solch unverfrorener Angriff auf ihre Rechte möglich wäre.
„Hast du die Mitteilung der Regierung schon gelesen?“, fragte er Mira, die gerade ins Büro kam.
Sie schnaubte. „Sicher.“
„Ich kann das nicht glauben. Wo bleibt der Aufschrei der Bürger? Wo bleibt der Protest?“
Mira schüttelte den Kopf. „Warum sollte es ihn geben? Der einzige Unterschied ist nun, dass es schriftlich festgelegt ist. Oder hast du in den letzten Jahren einen Artikel geschrieben, der Extremismus offen benennt?“
Juliens fiel darauf keine Antwort ein.
Mira klang müde, als sie fortfuhr: „Ich wundere mich ja, dass sich überhaupt die Mühe gemacht wurde, so eine Verordnung zu schreiben.“
„Wozu die Presse zensieren, wenn sie es auch wunderbar selbst schafft?“, bemerkte Julien sarkastisch.
Mira setzte sich an ihren Schreibtisch und blickte nachdenklich an die Decke. „Ich glaube, du hattest damals recht, weißt du?“
„Womit?“
„Als du gesagt hast, dass etwas ganz gewaltig falsch läuft und wir etwas tun müssen.“ Sie stützte den Kopf in ihre Hände. „Ich wünschte, ich hätte damals auf dich gehört. Vielleicht hätten wir etwas ändern können. Vielleicht wären wir dann jetzt nicht hier.“
„In einer Zeit, in der die Demokratie langsam abgeschafft wird?“
Mira nickte. „Ja.“
Vor Juliens Augen verschwammen die Buchstaben der Mail. Er blinzelte. Dann schloss er entschlossen sein digitales Postfach. „Genug ist genug. Dann tun wir eben jetzt etwas.“
„Und was?“
„Wir schreiben. Und diesmal veröffentlichen wir ungefiltert. Wir nennen das Problem beim Namen. Unsere Regierung ist rechtsextrem und anti-demokratisch.“
„Ist es dafür nicht zu spät?“
„Unterschätze niemals die Macht der Informationen und der Sprache. Wenn die Presse so unbedeutend wäre, dann würde sich niemand die Mühe machen, uns einzuschüchtern und zu zensieren. Sie haben diese Verordnung erlassen, weil sie Angst vor uns haben.“
„Glaubst du, das funktioniert? Besonders jetzt, wo du damit etwas Verbotenes tust?“
Julien zuckte mit den Schultern und schaute Mira eindringlich an. „Ich weiß es nicht, aber ich werde es versuchen. Ein Artikel nach dem anderen. Es ist längst überfällig.“ Entschlossen wandte er sich wieder seinem Computer zu. Der Bildschirmschoner zeigte die Uhrzeit und das heutige Datum an.
Julien lächelte.
Der dritte Mai. Der Tag der Pressefreiheit.
Ein gutes Zeichen, dachte er. Dann begann er zu schreiben.
Staub rieselt von den Regalen über ihr. Die wenigen Sonnenstrahlen, welche sich hierhin verirrt haben, lassen die Staubflusen erleuchten. Wie kleine Schneeflocken, die sich der Schwerkraft entziehen, tänzeln sie durch die Luft, drehen sich umeinander, als führen sie einen längst vergessenen Volkstanz auf. Einen, bei dem man sich Arm in Arm im Kreis dreht, immer wieder die Partnerin wechselt, Blasmusik und Streicher im Hintergrund. Tia hat schon lange keine solchen Instrumente mehr gehört. Instrumente sind was für die Menschen hinter der Mauer, wurde ihr immer gesagt. Für die Menschen ohne Sorgen, ohne Schmerzen, ohne Moral. Sie hier brauchen das Holz für die Wärme, für ihre Hütten und für das Werkzeug. Vor allem das Wissen über das Handwerk der Instrumente ist lange verloren und der Internetzugang nicht stetig genug, um ihn für so etwas zu verbrauchen. Also singen sie. Denn die Musik ist ihnen geblieben. Und so summt Tia in ihrem Kopf eine kleine Melodie, während sie den tanzenden Staub beim sich Nähern der Erde beobachtet. Irgendwann ist auch er dem Boden nahe und muss sich den Gesetzen der Physik ergeben.
Die Regale sind mehr als doppelt so hoch wie Tia und nur halb gefüllt. Doch selbst das fasziniert die junge Frau, für welche Bücher etwas ganz Besonderes sind. Am liebsten würde sie durch die Gänge streifen, die Finger über die Buchrücken fahren und jedes Einzelne herausholen, durchblättern, inhalieren. Sie möchte den Geruch aufnehmen. Der blättrige Geruch mit einem Hauch von Tinte. Und ein modriger Geruch, der sich nach all den Jahren ohne Berührung nicht verhindern lässt. Doch Tia kann ihren Gelüsten nicht nachgehen, muss ihren Blick lösen und sich ihrer Mission widmen. Wobei Mission zu viel gesagt wäre. Eigentlich weiß Tia gar nicht, was auf sie zukommen wird. Eine Einladung war vor zwei Wochen bei ihr eingeflattert. Buchstäblich. Eine Drohne im Aussehen einer Brieftaube landete im Innenhof ihrer Kommune. Es war ein Freund von ihr, welcher das Gerät als erstes entdeckte und sofort versuchte zu entschärfen. Es hätte alles dahinterstecken können. Auch Sprengstoff wäre keine Überraschung gewesen. Doch nach vorsichtigem Nähern warf die Drohne einen handgeschriebenen Brief ab und entfernte sich wieder, stieg mit surrenden Klängen auf und flog wieder Richtung Hauptstadt.
Der Brief war an Tia adressiert. Es war ihr unangenehm. Sie merkte, wie die Leute anfingen, hinter ihrem Rücken darüber zu reden, über sie zu reden. Und doch konnte Tia das Geheimnis nicht lüften, musste schweigen und lügen und den Menschen aus dem Weg gehen, welche ihr sowieso noch nie vertraut hatten. Doch der Brief bedeutete ihr viel. Denn er war von einer Person, die ihr trotz der unterschiedlichen Meinungen, so viel bedeutet.
Tias Schritte hallen duch den Korridor. Der Gang ist dunkel, die Fenster mit Brettern zugenagelt. Nur durch die Schlitze dringt Licht. Der Boden, durchdrungen von wildem Unkraut und mit Fließen verlegt, zieht ihr all die Wärme aus den Füßen, die nur durch dünne Schuhe bedeckt sind. Stiefel wären zu dieser Jahreszeit angebracht, doch Tias Stiefel sind schon letzten Winter auseinander gefallen und seitdem hat sie keine Neuen gefunden. Also friert sie, wenn sie ihre Füße nicht am Feuer wärmen kann. Doch hier ein Feuer zu entzünden, wäre viel zu riskant. Aufgrund zweier Punkte: Sie würde der Schutzpatrouille ein direktes Zeichen geben, fast schon schreien „Hier bin ich, holt mich!“. Und sie würde den Schatz an Büchern gefährden, die den ersten Verbrennungen entgangen waren. Tia hat das nicht mitbekommen. Damals war sie noch nicht auf der Welt gewesen und zur heutigen Zeit werden keine Bücher mehr verbrannt. Es gibt keinen Nutzen mehr dafür. Die Bibliotheken sind längst verriegelt und verschlossen, die Macht längst gesichert. Es war aufwändig für Tia, hier hineinzukommen. Ein Fenster musste zerstört und der Weg dorthin auf wackeligen Tischen erklommen werden. Die Damentoilette im 2. Stock war somit das Erste, was Tia in der ersten Bibliothek ihres Lebens erblickte. Unspektakulär für die einen, faszinierend jedoch für Tia, die es nur gewöhnt war, ihre Hinterlassenschaften mit Spähnen zu überdecken. Trotzdem verbrachte sie keine Sekunde länger als nötig dort, denn direkt am Fenster lebt man gefährlich. Vor allem in diesem Teil des Rings. Im Norden der Hauptstadt, im sogenannten verlorenen Teil, dort wo Tia aufgewachsen ist, leben sie vergleichsweise sicher. Die Schutzpatrouillen trauen sich dort meistens nicht hin. Hier im Süden jedoch trifft man ständig auf sie. Und Kontrollen stehen an der Tagesordnung. Nicht, dass Tia etwas Illegales mit sich herumtragen würde. Es ist ihr Gesicht, welches sie nicht zeigen darf, welches nicht erkannt werden darf. Vermutlich wählte Sie diesen Teil des Rings, weil er für Sie der sicherere Ort ist. Einfache Anfahrt mit der einzigen Bahn, welche Hauptstadt mit Ring verbindet, guter Empfang für ihre Ausrüstungen und schnelle Rettung, falls sich doch Gefahr auftun würde. Dabei ist es eigentlich Tia, die sich in Gefahr begibt.
Am Ende des Korridors ragt eine große Doppeltür aus massivem Holz in die Höhe. Der Flur teilt sich in zwei weitere Gänge auf, doch Tia interessierrt sich nur für die metallenen Buchstaben, die über der Tür im Bogen geschrieben stehen und das Wort Planetarium buchstabieren. Es sind alte Buchstaben. Tia braucht einen Moment, um sie zu entziffern. Sie ist gut im Lesen. Trotzdem fehlt ihr die Übung.
Ein Geräusch hallt über den Flur und lässt Tia zusammenzucken. Sie dreht sich im Kreis, versucht die Töne zu orten, einzuordnen. Beides gelingt ihr nicht. Sie zieht ihre Kapuze noch weiter über ihren Kopf und das Halstuch noch tiefer in ihr Gesicht. Einige Momente bleibt sie regungslos, macht keinen Laut. Als sie die Situation als nicht gefährlich einstuft, wendet sie sich wieder der Tür zu. Mit aller Kraft stemmt sie sich dagegen und bringt das Holz in Bewegung. Die Scharniere scheinen gerostet zu sein. Der Raum dahinter ist gigantisch. Tia versucht, alles gleichzeitig in sich aufzunehmen. Die Kuppel, die Reihen gepolsteter Stühle, der mit Teppich verlegte Boden, die Anlage in der Mitte. Noch nie hat Tia ein Planetarium betreten. Den Sinn dahinter hatte sie bis jetzt nicht verstanden. Man sieht den Sternenhimmel nachts doch mit bloßem Auge wunderbar. Nur die Lichtverschmutzung der Hauptstadt macht es manchmal schwierig. Am liebsten würde Tia das Gerät in der Mitte anwerfen, doch sie bezweifelt, dass das Gebäude noch mit Strom versorgt wird. Dem gesamten Ring wurde vor einigen Jahren der Strom abgestellt, als die Aufstände zu groß geworden waren. Es war Tia, welche damals die Berichte geschrieben, die Fotos geschossen und die Flyer verteilt hatte. Und es war Sie, die ihr dabei geholfen hatte.
Sie ist es auch, die jetzt kommen sollte. Jeden Moment. Tias Puls steigt, obwohl sie ihn eigentlich gut unter Kontrolle hat. Nicht bei ihrer ersten Festnahme und auch nicht bei den etlichen Malen danach, stieg ihr Puls auf die Höhe, auf die er jetzt steigt. Tief atmet sie durch ihre Nase ein und durch den Mund wieder aus. Ihre Hand auf der Brust und die Augen geschlossen verweilt sie einige Sekunden, bis sich ihr Körper der Situation angepasst hat. Und sie setzt sich. In die erste Reihe, lässt sich umarmen von dem tiefblauen Stoff. Nicht müde werden, sagt sie sich selbst. Doch der Tag war schon viel zu lang. Vier Stunden Fußmarsch und eine Fahrt mit einem verdächtig aussehenden Auto liegen hinter ihr. Doch ihre Zweifel gegenüber dem älteren Mann in dem vierrädrigen Klappergestell stellten sich als unnötig heraus. Er brachte sie sicher durch die rote Zone, einem Bereich mit besonders strenger Überwachung, da die Haupstädtler dort einen Großteil ihrer Ressourcen herbekommen. Die Kontrolle war auch nur oberflächlich, da das Auto nur eine Durchfahrtsgenehmigung, keine Bleibeerlaubnis hatte. Deswegen schaute niemand in den Kofferraum, in welchen Tia sich zusammengekauert hatte. Es war gut, dass sie sich für diese Route entschieden hatte und nicht die Überquerung des Flusses in Betracht gezogen hatte. 65 Meter schwimmen wäre nicht das Problem gewesen. Die Strömung, die Wachtürme, die Boote. Die hatten sie eingeschüchtert.
Und jetzt ist Tia hier. Im Süden des Rings, wo sich nur Menschen aufhalten, die noch darauf hoffen, irgendwann in die Hauptstadt aufgenommen zu werden. Tia weiß, dass es Möglichkeiten gibt. Sie hat es schließlich geschafft. Trotzdem weiß sie auch, dass die Menschen im Süden vergeblich warten. Ihr Aussehen, ihre Bildung, ihre Sprache. All das wird die Hauptstädtler niemals davon überzeugen, ihnen die Tore zu öffnen. Die Mauern werden geschlossen bleiben und wenn der nächste Orkan den Ring zerstören wird, werden sie dahinter genüsslich lachen und ihr sauberes Wasser schlürfen.
Schon wieder brodelt die Wut in Tia hervor. Die Wut, die sie schon ihr Leben lang begleitet. Die Wut, die dafür sorgte, dass sie anfing zu schreiben und zu posten. Immer wenn sie eine freie Verbindung ins Internet hatte, lud sie ihre Texte hoch und hoffte, dass irgendjemand da draußen sie lesen würde. Und dann kamen die Videoaufnahmen und Fotos dazu. Und ohne Vorwarnung wurde Tia eine der meist gesuchten Widerständlerinnen. Sie war es auch. Sie war auch aufmüpfig, rebellisch, antifaschistisch. Bis Sie ein Angebot bekam und sich die Tore ihr öffneten. Seitdem hatte Tia nichtsmehr von Ihr gehört. Bis diese Drohne bei ihr gelandet war.
Wird es eine Falle sein? Wird sie bald festgenommen? War alles nur ein großer Streich, um sie in die Hände der Schutzpatrouille zu bringen? Tia hatte im Vorhinein alle möglichen Szenarien durchgespielt und war immer zu dem Schluss gekommen, dass es keine gute Idee war, der Bitte zu folgen. Und trotzdem ist sie nun hier. Und wartet. Wartet auf Sie. Auf ihre Schwester.
Schritte ertönen im Korridor. Ihre Schwester war noch nie gut im Anschleichen. Tias Vorteil. Sie huscht hinter einen Vorhang, welcher die gesamte Wand bedeckt und den Raum sowohl vom Schall, als auch von der Kälte draußen isoliert. Ihre Füße scheinen dabei über den Boden zu fliegen und hinterlassen kein Geräusch. Weitere Schritte. Nun dumpf, auf Teppichboden. Sie sind schwer. Die Stiefel müssen warm halten.
„Tia?“
Die Stimme ist leise und wird fast vom vielen Stoff des Raumes komplett geschluckt. Doch Tia erkennt sie sofort. Erkennt sofort die Stimmlage, den Ton, das Krächzen, das alle Menschen haben, die ihre Kindheit im Staub und Rauch des Rings verbracht haben. Doch Tia bleibt noch still, hält ihren Atem an. Ein Surren ertönt darauf, kreist einmal durch den Raum. Bling. Das Gerät hat sie erkannt. Muss ihre Wärme aufgespürt haben. Natürlich hat sie so ein Gerät dabei. Wie könnte sie ohne aus der Hauptstadt gehen?
„Ich weiß, dass du hier bist, also komm hinter dem Vorhang hervor.“
Ihre Stimme ist befehlerisch, streng. So wie Tia sie von früher kennt. Sie wusste immer alles besser, auch wenn sie es nicht tat. Sie bestimmte immer, wo es lang ging, war immer vorne und Tia verstand warum. Sie war die ältere Schwester. Sie hatte Verantwortung. Und doch macht es Tia jetzt wieder wütend. So wütend, dass sie unvorsichtig wird, hinter dem Vorhang hervortritt und ihr direkt in die Augen schaut. In diese träumerischen Augen. Sofort kann sie ihr nicht mehr böse sein. Sofort will sie ihr vergeben, doch ihr Kopf hält dagegen. Zählt all die Dinge auf, die sie getan hat. Den Verrat, den Betrug, das Verlassen der Kommune, das Verlassen der Schwester.
Für einige Augenblicke bleibt es still. Niemand sagt irgendetwas. Beide bleiben starr und stur. Bis sich das Gesicht von Tias Schwester aufweicht. Der verspannte Keifer löst sich und der Punkt zwischen ihren Augenbauen entspannt sich.
„Tia. Ich bin hier, um mich zu entschuldigen.“
„Nach all den Jahren glaubst du, dass eine einfache Entschuldigung reicht? Ein Tut-mir-leid und alles ist wieder gut? Die Stadt hat dich verändert, Luci.“
Luci ist nicht überrascht von Tias Antwort. Sie hat diese Reaktion erwartet. Deswegen redet sie weiter. Macht Tia ein Angebot. Ein Angebot, von dem sie glaubt, Tia könne es nicht ablehnen. Es ist ein Freifahrtschein. Ein freies Leben. Ob nun im Ring oder in der Hauptstadt. Keine Verfolgung mehr. Kein Haftbefehl.
Doch Tia lehnt ab. Sie lehnt ab, weil sie etwas dafür aufgeben müsste. Ihre Würde. Nicht mehr schreiben, das ist die Bedingung, welche Luci ihrer Schwester stellt. Keine Berichterstattung mehr und alle Anklagepunkte werden fallen gelassen. Keine Videos von Protesten, keine kritischen Texte, keine Fotos von Festnahmen. Und Tia weiß sofort: niemals. Niemals wird sie sich den Mund verbieten lassen. Sie ist schockiert von der Dreistigkeit ihrer Schwester. Die Jahre in der Hauptstadt haben jeglichen Gerechtigkeitssinn aus ihr hinaus geprügelt. Jeden Funken an kritischem Denken. Jeden Tropfen Mitgefühl. Und Tia verachtet sich selbst für ihre Hoffnung. Sie hatte wirklich gedacht, dass etwas Gutes bei diesem Treffen herauskommen könnte. Sie weiß, dass es naiv war zu denken, dass sich ihre Schwester wieder umentscheiden würde, dass sie wieder Teil der Rebellion wird, dass sie die Hauptstadt entweder verlassen oder von innen manipulieren würde. Und trotzdem war diese Hoffnung da, denn was wäre das Leben ohne Hoffnung? Ohne diesen Funken, dass irgendwann alles besser wird? Dass Familien wieder vereint, Freunde wieder Freunde und keine Feinde mehr sind und dass Bäume wieder wachsen? Dass Bibliotheken wieder offen, Bücher keine Schmugglerware und Essen keine Rarität mehr sind?
Nein. Tia wird sich ihre Würde nicht nehmen lassen und auch nicht ihre Hoffnung. Sie wird verschwinden aus der Bibliothek, ihre Schweste mit mulmigem Gefühl im Bauch zurücklassen und weiterhin ihre Texte schreiben. Denn sie weiß, wenn sie weitermacht, dann fühlt sie sich lebendig. Wenn sie kämpft, weiß sie, dass sie noch am Leben ist.
Es war einmal eine Pressefreiheit. Die deutsche, meine ich. Und eigentlich gibt es die auch noch. Aber ich habe letztens mit ihr gesprochen und allzu sicher ist sie sich nicht, ob sie noch lange lebt. Ihre Geschwister sind in vielen verschiedenen Länder zerstreut. In manche Länder kamen sie leider nicht rein und in manchen wurden sie ermordet. Auch hierzulande schon einmal.
„Aber das ist doch lange her, wir sind eine gefestigte Demokratie.“
„So lang her ist´s nicht und sei es Jahrhunderte her gewesen, dass man die Mutter eines Menschen ermordete, so würdest du das doch niemals so zu ihm sagen!“
„Da hast du recht, es tut mir leid, also um deine Mutter. Es ist nunmal so, dass du kein Mensch als solcher bist und uns Menschen fällt es ja schon schwer, Empathie für uns unter Menschen aufzubringen… Tut mir leid.“
„Ich weiß, ich merk´s. Aber was soll das überhaupt heißen „gefestigte Demokratie“? Ich kenne Demokratie, sie ist eine gute Freundin von mir, aber sie ist gar nicht steif oder unbeweglich, wenn du das meinst. Sie ist echt sportlich und sehr aktiv. Immer auf Protesten unterwegs, sie macht sogar Selbstverteidigung! Nachdem sie in letzter Zeit so oft angegriffen wurde, ist das ganz sinnvoll, sie kann sich ja nicht auf den Schutz anderer verlassen, ihre Mutter musste ja sehen, wohin das führt…“
„Nein, so meinte ich das nicht mit „gefestigt“, aber jetzt, wo du so über die Demokratie sprichst, fällt mir auf, dass ich ohnehin vielleicht im Unrecht war.“
„Was meintest du denn?“
„Dass die Demokratie hier in Deutschland sicher sei.“
„Ganz schön naiv. Oder blind für die Geschehnisse und reich an Ignoranz. Oder uninformiert. Eins davon muss es sein.“
„Kein Grund, mich zu beleidigen.“
„Schon ein ganz schöner Grund, wenn du mich fragst. Bei dem Abgrund, auf dem die Menschen deiner oder einer schlimmeren Sorte geradewegs zusteuern.“
„Welcher Abgrund und welche Sorten?“
„Hättest du mich am Anfang einfach direkt gefragt, wie du einen Menschen gefragt hättest, wie es mir geht, hättest du die Antwort gleich bekommen, aber ich will mal nicht so sein. Nun, es geht mir ziemlich schlecht. Ich leide unter Angstzuständen und laut einiger Ärzte unter Depressionen. Ich würde sagen ich leide unter Ignoranz und Gewalt gegen mich. Demokratie geht´s nicht anders. Manche Ärzte sind nicht so naiv wie du zum Beispiel und verstehen, dass das Problem wo anders liegt, als in unseren vermeintlichen Krankheiten, aber manche sprechen in abwimmelnden Floskeln zu mir und nehmen den Ernst der Lage nicht ernst.“
„Das klingt besorgniserregend, möchtest du mir denn erzählen, was dir und Demokratie so Schreckliches passiert ist?“
„Ich hoffe, dass es mal endlich das Besorgnis Menschen deiner Sorte erregt. Und ja, ich war gerade dabei, bevor du mich unterbrochen hast.“
„Tut mir leid, so machen wir Menschen das, so zeigen wir Empathie.“
„Ja, mit Floskeln, statt mit Handlungen, ich merk´s. Nun gut, ich fahre fort. Letztens war ich bei einer Demo, irgendeine, es gibt die ja zuhauf, bei all den Kriegen, Missständen und Unruhen. Ich war aber wohl nicht erwünscht von denen, die schlimmer als deine Sorte der Ignoranten sind. Einer davon kam auf mich zu, bespuckte mich, schrie mich an, ich verbreite nur Lügen und würde seine Meinungsfreiheit einschränken. Komischer Kerl. Denn ich kenne Meinungsfreiheit, er war auch bei der Demo und hat sie im Übrigen überhaupt erst möglich gemacht, damit der seltsame Spinner mich bespucken kann. Nun gut, dafür nicht, aber damit er seine Meinung mitteilen kann. Auch wenn es fraglich ist, inwiefern das noch eine Meinung war. Von solchen Erlebnissen habe ich viele. Einmal war ich wieder auf dem Weg zur Arbeit, als ich an die Wand gepresst wurde, haha, lustig, Pressefreiheit an die Wand gepresst, spar dir den Witz. Und rate mal, was die Menschen deiner Sorte getan haben. Richtig, das, was ihr am besten könnt: nichts. Oder, damit es nach etwas klingt: „Hinschauen, oh, doch nicht, lieber wegschauen, dann habe ich keine Verantwortung, bin nicht schuldig und habe nie mitbekommen, wie das passiert ist.“ “
„Ich mach´ doch während solcher ernsten Themen keine Witze! Und ich wäre bestimmt dazwischengegangen und hätte dir geholfen oder zumindest Hilfe geholt.“
„Das sagt ihr alle und wenn ihr es seid, die so etwas beobachten, handelt ihr doch alle gleich, und zwar gar nicht. Na ja, auf jeden Fall geht´s Demokratie genauso schlecht wie mir, wir gehören schließlich alle zusammen, enge Freunde und haben uns wohl dieselben Feinde gemacht. Menschen der schlimmen Sorte schließen sich einer Partei an, die mich ganz schön an den Tod meiner Mutter und den Tod der Mutter von Demokratie erinnert und die Menschen deiner Art machen es so wie immer: „Es ist ja noch nichts passiert, das wird schon nicht nochmal passieren, es ist nicht so ernst…“ Bis es das doch ist, dann kann keiner was dafür.“
„Ich möchte nach diesem Gespräch kein Mensch meiner Sorte mehr sein. Gibt es noch eine andere? Also, eine, die besser ist, nicht die schlimmere.“
„Ja, die gibt es. Aber du musst dich darauf gefasst machen, dass du anecken wirst. Du wirst dann die nervige Person beim Weihnachtsessen sein, die den rechtsextremen Onkel auf seinen latenten oder direkten Rassismus, seine Homophobie oder was auch immer es sein sollte, hinweisen wird, die „den heiligen Weihnachstfrieden stört“, die auf Proteste geht, aber nicht, um mich zu bespucken, sondern um meine Freundin Frieden, meine Freundin Demokratie und so weiter zu verteidigen. Du sollst uns immer verteidigen, wenn wir angegriffen werden und schützen, bevor es überhaupt zu Angriffen kommt. Ihr Menschen fühlt euch immer so schlau, wenn ihr komplizierte Begriffe versteht: Prävention sollst du leisten.“
Doch die Moral dieser Geschicht´ ist nicht nur, dass die Pressefreiheit lebendig, sterblich, zerbrechlich ist und deshalb zu schützen gilt, sondern dass ich eigentlich nicht mit ihr im Gespräch gewesen bin, sondern mit mir selbst, mit dir, mit uns, da sie ein nicht wegzudenkender Bestandteil der Demokratie und somit unserer Gesellschaft, nicht nur der Presse, sondern Teil der Freiheit als solcher ist und sobald diese Freiheit bröckelt und zerbricht, sind alle anderen Freiheitsrechte längst erlischt, da eine nur im Zusammenschluss mit allen anderen gilt. Und sind sie einmal alle vernichtet, so schaut die Diktatur nicht nur hinterlistig um die Ecke, sondern schon mir, dir, uns allen, mitten ins Gesicht. Dann sind alledie, die meinten, die Pressefreiheit gäbe es nicht, sie würde heucheln, lügen, was weiß ich, scheinbar frei, freuen sich, sind die ersten, die sinnbefreite, freiheitsverachtende Parolen ausgelassen mitschreien und mitgrölen, sich irgendwann für die neu erlangte „Freiheit“ in den Krieg stürzen und dort in ihrer gemeinsamen Dummheit einheitlich in mein, in dein, in unser aller Verderben marschieren. Dass ich von ihnen, statt von uns spreche, ist eigentlich naiv, denn wie kann ich mir sicher sein, dass nicht ich, nicht du, nicht wir uns mitschuldig machen? Das können ich und du und wir nur vermeiden, wenn wir die Verantwortung übernehmen, die wir seit dem letzten Mal tragen, als keiner davon wusste, keiner das so meinte, alle nur mussten und keiner daran wirklich beteiligt war, „Mein Opa, der war einer, der den Opfern geholfen hat!“, obwohl klar war, dass das Vorhaben, die Ideologie, der Verlust vieler Menschenleben, der Verlust aller Freiheiten war, da die Presse davon berichtet hat, auch davon, wie die Menschen ihre Stimmen bei den Wahlen für ihr Verderben vergaben, noch vor der Machtübernahme, ganz legal, alle schauten zu, alle machten mit und später war es keiner gewesen, keiner war schuldig, keiner wusste, wie das hatte passieren können. Die Presse, die von der Wahrheit erzählte und diese Wahrheiten Warnung genug waren und sind, ohne, dass vermeintlichen Lügen, die sie heute angeblich erzähle, überhaupt von Notwenidgkeit (gewesen) wären, die lag „plötzlich“ in der Hand derer, die die Freiheit vernichtet hatten. Und wer hat sie ihnen überreicht? Diejenigen, die damals von ihren Warnungen nicht wachgerüttelt worden waren oder ihr Eintreten willkommen gehießen haben, diejenigen, die ich heute mit meinen Worten zu erreichen hoffe. Mich, dich, uns, gemeinsam für die Vernunft.
Genervt wische ich über meinen Handybildschirm. Langweilig, noch langweiliger. Oh, was ist das? Ach so, doch nur ein Bericht über die beliebtesten Kindernamen 2025, als ob es mich interessiert, ob Eltern ihre Kinder Sophia, Matteo, Emma oder Felix nennen. Frustriert lege ich mein Handy zur Seite. Wie soll ich bei all den öden Schlagzeilen nur ein gutes Referat über Pressefreiheit zustande bringen? Immerhin überleben wir Menschen auch ohne zu wissen welche Babynamen im Trend liegen, ein Sudokurätsel zu lösen oder zu erfahren wie die Preissprünge bei Lebensmitteln im vergangenen Jahr waren. Kaufen muss man sie, wenn man nicht verhungern will, so oder so. Aber ich beschließe mir darüber morgen weiter den Kopf zu zerbrechen und knipse das Licht aus. Und ehe ich mich versehe, befindet mein müdes Gehirn sich auch schon tief im Land der Träume. Doch plötzlich durchzuckt ein greller Blitz mein inneres Auge. Mein Zimmer erleuchtet. Erschrocken zucke ich zusammen und schlage die Augen auf. Zu meiner Überraschung ist um mich herum jedoch alles Zappen duster. Wo bin ich? Immernoch völlig orientierungslos taste ich nach meiner Nachtischlampe, aber dort wo sich normalerweise der Lichtschalter befindet, ist keiner. Verdammt, wo ist er bloß? Stattdessen klatscht meine Hand immer wieder gegen etwas hartes raues. Auch der
Untergrund, auf dem ich liege, fühlt sich so gar nicht nach meiner weichen
Federkernmatratze an. Ganz zu schweigen von der Decke, die an meinen nackten Beinen kratz. Entschlossen schwinge ich mich aus dem Bett, um nach einer Lichtquelle zu suchen. Vorsichtig tappe ich über den kalten Boden. Schließlich werde ich neben der Tür fündig und drücke auf den Schalter. Nur wenige Sekunden später wird der Raum in ein schummriges Licht getaucht. Zu meiner Überraschung kommt mir das Zimmer überraschend bekannt vor. Es sieht sogar aus wie mein eigenes, nur in einer anderen Zeit. Mein Sitzsack ist verschwunden, genau wie einige meiner Bücher. Stattdessen stehen im Regal Werke wie “Mein Kampf“. Warte was? Wieso besaß ich ein Buch des deutschen Diktators Adolf Hitler? Schockiert blicke ich an mir herunter. Doch was ich nun sehe, überrascht mich nur noch viel mehr. Anstelle meines Schlafanzugs trage ich eine kurze schwarze Hose, Lackschuhe, Krawatte und ein hellgelbes Hemd. Eilig haste ich ins Badezimmer, um mich genauer zu betrachten. Auch der Rest vom Haus kommt mir erstaunlich bekannt vor. Es wirkt nur etwas aus der Zeit gefallen. Gebannt starre ich in den Spiegel. Meine Harre sind plötzlich blond statt braun und ich trage sie zu einem Seitenscheitel frisiert. Dennoch gibt es keinen Zweifel, der Junge im Spiegel bin ich. „Horst, Adolf, kommt ihr bitte zum Frühstück.“, ertönt plötzlich die Stimme meiner Mutter durchs Haus. Erschrocken drehte ich mich um. Wer sind bitte Adolf und Horst? Schnell werfe ich einen Blick aufs Waschbecken. Dort stehen nach wie vor jedoch nur fünf Zahnbürsten. Eine für mich, eine für meinen Bruder, eine für meinen Opa und zwei für meine Eltern. Sind mit Horst und Adolf etwa mein Bruder und ich gemeint? Entschlossen es herauszufinden, mache ich mich auf den Weg in die Küche. Dort treffe ich auf meinen Opa, meine Eltern, sowie meinen kleinen Bruder. Auch sie tragen Klamotten wie aus einem Geschichtsbuch. „Schön, dass du uns auch endlich mit deiner Anwesenheit beehrst, Horst.“, begrüßt mich meine Mutter. Meine Befürchtung ist also wahr, ich bin Horst. Nicht das ich meinen alten Namen besonders mochte, vor allem mein Zweitname Karl gefiel mir nie, doch Horst treibt das Ganze eindeutig auf die Spitze. Doch viel Zeit zum Nachdenken bleibt mir nicht, da drückt meine Mama mir schon zwei Scheiben Brot in die Hand und ich nehme an dem stillen Frühstückstisch Platz. Irritiert lasse ich meinen Blick zwischen Opa und Papa schweifen. Normalerweise liefern die Beiden sich bereits früh morgens eine heftige Debatte über die aktuellen politischen Ereignisse. Sie bestellen sich sogar unterschiedliche Zeitungen, obwohl sie im selben Haus leben. Doch heute scheint Opa still in seine Zeitung vertieft zu sein und Papa beschmiert sich sein Brot mit einer dicken Schicht Erdbeermarmelade. „Dieser Hitler ist wirklich ein guter Mann.“, bricht mein Opa schließlich das Schweigen. Endlich, so langsam wurde die Stille unangenehm. „Echt, zeig mal her.“, entgegne ich und lasse mir von ihm die Zeitung über den Tisch reichen. Eigentlich nur um mich zu versichern, dass wir noch im Jahr 2026 leben. Mein Blick fällt auf das Veröffentlichungsdatum, dort steht in dicken Buchstaben geschrieben 05. Jan. 1934. Erschrocken zucke ich zusammen. Verdammt, ich befinde mich im Jahr 1934. Das ist eine Sensation, ich bin der erste Mensch, dem eine Zeitreise gelungen ist. Gewiss wäre 1934 nicht meine erste Wahl gewesen, aber es ist immerhin besser als nichts. Ich würde eine Berühmtheit werden und in die Geschichtsbücher eingehen. Schließlich gelingt es mir meinen Blick von der Jahreszahl loszureißen und nach unten wandern zu lassen. Dort prangt in großen Buchstaben die Headline: Hitler, ein Held, der den Juden den Kampf ansagt. „Ja, Adolf ist wirklich ein ausgezeichneter Führer, der uns vor all den Juden und
Linksextremen schützt.“, pflichtet mein Papa bei. Beinahe hätte ich mich an meinem
Brot verschluckt. Hatte er das gerade wirklich gesagt, mein Papa, der immer so für Gleichberechtigung war und etliche jüdische und ausländische Freunde besahs? Ich blättere weiter durch das Pressewesen und konnte auf fast jeder Seite ausschließlich
Artikel über Adolf Hitler, sowie sein bezauberndes Handeln finden. Wussten die
Journalisten etwa nicht, was Hitler alles angerichtet hat? Wie er Juden verfolgte, Menschen grundlos wegsperrte, ihnen die Meinungsfreiheit raubte oder später den zweiten Weltkrieg anzettelte. Auch meine Eltern scheinen nahezu entzückt von ihm. „Adolf, Horst macht ihr euch bitte auf zur Schule. Ach, heute Mittag gibt es Eintopf.“, teilt meine Mutter uns mit. Überrascht schaue ich sie an: „Arbeitest du den heute gar nicht?“. So weit ich mich erinnern konnte, verbrachte meine Mutter bisher jeden Dienstag in der Praxis. „Schätzchen mach dich doch nicht lächerlich. Du weißt doch, dass dein Vater und ich uns für das Ehestandsdarlehen entschieden haben. Immerhin erhielten wir 1.000 Reichsmark dafür, dass ich nach meiner Eheschließung meinen Beruf aufgebe. Wahrscheinlich ist es auch besser so, Frauen gehören nun Mal hinter einen Herd“. „Sagt wer?“, frage ich bestürzt. „Na die Regierung und die Medien.“, entgegnet sie. Jetzt bin ich endgültig verwirrt. Ausgerechnet meine Mama, die ihren Job als Ärztin so geliebt hat, verpflichtet sich nach ihrer Hochzeit all das aufzugeben nur, weil die Zeitung und das Regime, das von ihr verlangen. Denn dass es meiner Mutter nicht ums Geld geht, ist mir klar. Soweit ich mich erinnern kann, hatte meine Familie nie finanzielle Nöte. Auch Reichtümer waren meinen Eltern bisher gänzlich egal, solange es uns allen gesundheitlich gut geht. Das wollte mir nicht in den Sinn gehen.
Völlig abgehetzt treffe ich in der Schule ein. Offenbar scheinen auch Schulbusse ein knappes Gut 1934 zu sein, weshalb mein Bruder, der tatsächlich auf den Namen Adolf getauft wurde, und ich ganze 30 Minuten zu Fuß unterwegs waren. Gleich auf dem Gang kommt mir meine Freundin Emilia entgegengelaufen. Doch anstatt ihrer Jeans und einem T-Shirt trägt sie einen langen schwarzen Rock, eine weiße Bluse und eine Krawatte. Etwas, dass sie im Jahr 2026 niemals freiwellig angerührt hätte. Ich schenke ihr ein freundliches Lächeln und bemerke erst jetzt, dass ihre Augen stark gerötet sind. Offensichtlich hatte Emilia geweint. „Alles gut?“, möchte ich sofort wissen und schließe sie in meine Arme. „Nein, aber ich kann darüber nicht reden. Nicht jetzt, nicht hier.“. Sie zieht eine ängstliche Miene und schluchzt laut auf. Was auch immer vorgefallen war, es scheint ihr große Sorgen zu bereiten. „Dann lass uns in den Kunstsaal gehen.“, sage ich
mit betont weicher Stimme. Der Kunstsaal ist unser gemeinsamer Safe Space in der Schule. Da ich mich mit unserem Kunstlehrer sehr gut verstehe, erlaubt er mir und Emilia ihn in den Pausen und vor der Schule als Rückzugsort zu benutzen, wenn uns alles zu viel wird oder wir einfach unsere Ruhe wollen. Leise schließe ich die Tür hinter mir. Mit einer leichten Handbewegung deute ich auf eine der Bänke. Sie sehen aus wie ich sie in Erinnerung habe, mit unzähligen kleinen Farbspritzern verziert, jedoch fehlt ihre Höhenverstellbarkeit. Wir setzten uns nebeneinander. Eine Weile sagt keiner von uns etwas. Wir genießen einfach nur die Ruhe und hängen unseren eigenen Gedanken nach. Emilia ist eine der wenigen Menschen, mit denen ich mich über nichts unterhalten muss, ohne dass sich ein unangenehmes Gefühl in mir breit macht. Bei meinem Bruder und mir war es auch immer so, doch seit meiner Zeitreise scheint er wie ausgewechselt zu sein. Es ist nicht nur sein neuer Name, an den ich mich wohl erst noch gewöhnen muss, sondern auch seine Art. Ohne genau sagen zu können was es ist. Was ich jedoch weis ist, dass ich mir den alten Tim um jeden Preis zurückwünsche. „Was ist denn passiert?“, breche ich schließlich das Schweigen. „Ich bin aus der Schülerzeitung geflogen und mein Vater ist seit gestern weg.“, erzählt mir Emilia unter Tränen. Die Worte scheinen ihr nur schwer über die Lippen zu kommen. „Das ist schrecklich! Aber wieso bist du aus der Zeitung geflogen und was ist mit deinem Papa geschehen? Er ist doch nicht etwa gestorben?“, frage ich bestürzt. „Nein, dass nicht. Er ist ins Exil in die Schweiz geflohen. Er konnte es nicht länger ertragen, dass das NS-Regime die Juden für die Niederlage des ersten Weltkriegs, sowie Arbeitslosigkeit, Wirtschaftskrisen oder Inflation verantwortlich machen. Aus diesem Grund hat er einen Artikel verfasst, in dem er aufzeigte, dass die wahre Ursache komplexe politische sowie wirtschaftliche Entscheidungen sind und die Juden gerade mal eine Minderheit ohne besondere Macht sind. Das gefällt Hitler und seiner Regierung natürlich nicht. Aus lauter Angst davor, dass die NSDAP herausfindet, dass seine Tochter in der Schülerzeitung tätig ist und sie verboten wird, hat mein Lehrer beschlossen mich aus dem Journalistenteam zu schmeißen.“, berichtete sie. Eine dicke Träne rollt über ihre Wange. Behutsam wische ich sie mit dem Ärmel meines Hemdes weg. „Herrscht in Deutschland keine Pressefreiheit?“, muss ich an der Stelle nachhacken. „Schon seit der Machtübernahme der Nazis nicht mehr. Gleich zu Beginn der Amtszeit verkündete Propagandaminister Joseph Goebbels, dass man sich zur nationalsozialistischen Partei ohne Wenn und Aber mit einem klaren Ja oder Nein positionieren muss. Ausschließlich Befürworter der Regierung durften ihren Beruf weiter ausüben. Damals hatte mein Vater noch Glück, da er weder für eine sozialdemokratische noch eine links orientierte Zeitung der SPD oder KPD schrieb. Übrig blieb die Presse der NSDAP, sowie die bürgerlichen Medien, um die sich dann das Schriftleitergesetz kümmerte. Mit Hilfe des Gesetzes änderten sie nicht nur die Namen der Journalisten von Redakteur in Schriftleiter, sowie den Titel Chefredakteur in Hauptschriftleiter, sondern legten auch Rahmenbedingungen fest, die
Medienschafende zu erfüllen hatten. Eine Regel besagt beispielsweise, dass nur Menschen mit deutscher Reichsangehörigkeit und einem “Ariennachweis“ als
Journalisten tätig sein dürfen. Das bedeutet alle die aus dem Ausland stammen, Deutsche mit jüdischem Glauben, sowie Menschen, die mit einer nicht arischen Person verheiratet sind, haben keine Möglichkeit den Weg in die Medien einzuschlagen. Durch diese Regel wird sämtliche persönliche Vielfalt an Reportern ausgelöscht. Natürlich betrachtet eine jüdische Person oder ein Mensch mit afrikanischen Wurzeln das Geschehen im Lande anders und würde eher auf Missstände, sowie falsche politische Entscheidungen aufmerksam machen. Etwas, das Hitlers Macht gefährlich werden könnte, daher dürfen ab sofort nur noch Journalisten für Zeitungen schreiben, die zumindest aus kultureller Sicht seinen Anforderungen entsprechen und wahrscheinlich eher dazu neigen das zu berichten, was er gerne hören möchte, auch wenn es nicht die Wahrheit ist. Jedenfalls konnte mein Papa diese Anforderung erfüllen, genau wie die Erhaltung der Pflichtmitgliedschaft in der Reichspressekammer, die einem ohne konkrete Begründung nicht gestatten werden, kann. Wer sich politisch nicht fügsam zeigt, ist also auch weg vom Fenster. Doch mit dem Artikel über Juden, brach er die wohl wichtigste Regel, die Verpflichtung zur Loyalität gegenüber der NS-Diktatur. Außerdem hat er über für Hitlers Regierung schädliche Themen berichtet. So gelingt es der NSDAP Tag für Tag unerwünschte Journalisten aus ihrem Job zu entfernen. Dazu kommt, dass viele Presseleute nicht nur ihren Job verlieren, sondern häufig auch Gerichtverfahren gegen jüdische oder klassenlose Medienschaffende eingeleitet werden.“, erklärt mir Emilia und atmet einmal tief durch. Erschrocken zucke ist zusammen. Dass es 1934 so kritisch, um
die Sicherheit von Journalisten steht und die Regierung dermaßen in die
Berichterstattung eingreift, wusste ich nicht. Dabei ist ein wichtiger Teil der
Pressefreiheit, dass Medien unabhängig von Regierung und Firmen berichten. „Richtig! Probleme wie steigende Preise, Umweltverschmutzung, Schulmissstände oder andere Themen, die für Hitlers Partei gefährlich werden könnten, werden zensiert. Dazu kommt, dass Menschen einseitige Informationen vermittelt bekommen, was zur Bildung einer Einheitsmeinung führt. Die NSDAP unterdrückt also die freie Pressearbeit und erhält dadurch Kontrolle über das gesellschaftliche Leben und schafft es die Medien unter Kontrolle zu halten.“, fuhr meine Freundin fort und wischt sich die letzten Tränen aus den Augenwinkeln. Wie gerne würde ich ihr jetzt all den Schmerz und ihre Sorgen nehmen. Das alles nur, weil ein Größenwahnsinniger an der Regierung beschlossen hatte, Pressefreiheit sei unnötig.
Den ganzen Schultag denke ich über Emilias Worte nach. Egal wie oft ich versuchte mich auf mathematische Formeln oder chemische Gleichungen zu konzentrieren, ihre Worte wollten mir nicht aus dem Kopf gehen. Aus dieser Perspektive habe ich die Journalismusarbeit noch nie betrachtet. Es scheint offenbar mehr hinter Medienfreiheit zustecken, als ich bisher angenommen habe. Berichte, wie die von Emilias Vater, sorgen für eine Kontrolle der Macht im Interesse der Gesellschaft, verschafft der Bevölkerung das Recht auf seriöse Informationen, gibt Minderheiten eine Stimme und stärkt die Demokratie. Auch in meiner Familie zeigt die mangelnde Medienfreiheit Folgen. Die morgendlichen Politikdiskussionen am Frühstückstisch sind von einem auf den anderen Tag verschwunden. Grund dafür ist, dass in Zeitungen keine seriösen Fakten oder für und wider Punkte mehr stehen, sondern eine vorgegebene Meinung. Plötzlich wünsche ich mir nichts mehr sehnlicher zurück als, dass mein Opa und mein Papa sich mal wieder darüber in die Haare kriegen, ob ein veganes Produkt Wurst heißen darf oder nicht. Endlich ertönte der Gong. Ich glaube das waren die längsten sechs Stunden meines Lebens. Hastig erhebe ich mich von meinem Stuhl, stopfe meine Hefte in den Ranzen und verschwinde aus der Tür. Auf dem Gang strömen mir bereits etliche Schüler entgegen. Ein lautes Gekreische halt durch den Raum und in der Luft hing bereits der Duft nach dem Mittagessen für die Nachmittagsschule. Ich schlendere zu meinem Spind hinüber. Der Schrank quietscht, als ich ihn öffne. Dabei fällt auf einmal ein kleines Papierstück herunter. Verwundert hebe ich den Zettel auf. Darauf ist eine
durchgestrichene Zeichnung von Adolf Hitler zu sehen. Darunter prangen in krakeliger
Schrift die Worte: Pressefreiheit ist kein “Extra“, sondern eine Voraussetzung für
Demokratie. Gebannt starre ich auf den Zettel, bei dem es sich zweifellos um ein Flugblatt handelt. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass diese Worte in mir nichts auslösen. Denn plötzlich fühle ich mich verdammt schuldig und dumm. Ich hatte in den Medien bis vorkurzem bloß unnötige und langweile Artikel gesehen, nicht aber die Verantwortung, die Journalisten Tag für Tag in einer Demokratie tragen. Doch ein Schüler hat nicht nur seinen ganzen Mut zusammengenommen und das erkannt wofür ich ganze 17 Jahre gebraucht habe, sondern auch gehandelt. Zu oft jammern wir Bürger nur, anstatt uns wirklich dafür einzusetzen. Freiheiten, wie die der Presse oder auch das Recht seine ehrliche Meinung äußern zu dürfen, sollte keiner als Selbstverständlichkeit sehen, sondern als Privileg, das es zu nutzen gilt. Freiheit für Medien betrifft nämlich nicht nur Journalisten, sondern uns alle. Sie schützt uns vor falschen Nachrichten und liefert zuverlässige Fakten, sowie Hintergrundinformationen, wodurch uns echte Wahlen ermöglicht werden, wir politisch mitreden können und uns gesellschaftlich aktiv beteiligen können. Sie ist also Grundvoraussetzung für eine vom Volk mitbestimmte Politik. Dazu kommt mir auch ein Zitat von Olaf Scholz in den Sinn, Demokratie stirbt dort, wo die freie Presse unterdrückt wird. Ein Zitat, das ich zuerst nicht verstand, für mich jetzt aber einen klaren Sinn ergib. Ebenfalls kommt mir eine Studie von Reportern ohne Grenzen aus dem Jahr 2025 wieder in den Kopf, die ich zur Vorbereitung auf mein Referat gelesen hatte. Darin steht, dass in gerade mal sieben Ländern weltweit eine gute
Lange für den Journalismus herrscht, in 35 Staaten stuft die Organisation die Lage als zufriedenstellend ein und in 42 Ländern sogar als sehr ernst. Zu den Spitzenreitern gehören die Niederlande, Estland, Norwegen oder Finnland, kritisch wird die Medienfreiheit hingegen in Ländern wie Russland, China, Saudi-Arabien oder Ägypten gesehen. Die letzten Kinder strömen aus dem Schulgebäude. Entschlossen stopfe ich das Flugblatt in meinen Schulranzen. Sobald ich Zuhause bin, werde ich mich weiter damit beschäftigen und versuchen die oder den Verfasser/in ausfindig zu machen. Gerade als ich die Treppenstufen vor der Eingangstür nach unten steige, spüre ich plötzlich einen starken Stoß in den Rücken. Erschrocken stolpere ich nach vorne. Ein tiefer Schmerz durchfährt meinen Körper, als ich auf den harten Asphaltboden knalle. Meine Beine, meine Arme, mein ganzer Körper fühlt sich auf einmal unfassbar schwer und gelähmt an. Plötzlich beginnt sich alles um mich herum zu drehen. Was ist jetzt los? Doch mein Gehirn ist zu schwach, um sich ernsthafte Gedanken zu machen. Das letzte was ich denke, ist nein, ich will nicht. Dann ist plötzlich alles dunkel. Da sind nur noch ich und unfassbar viele kleine schwarze Vierecke, die irgendwie auf mich zukommen zu scheinen. Angst durchflutet meinen Körper. Ein heller Blitz erscheint, dann ist alles schlagartig wieder düster. Erschrocken schlage ich die Augen auf. War das ganze etwa nur ein Traum und ich bin gar nicht in der Zeit gereist? Mit schmerzverzogenem Gesicht greife ich mir an den Kopf. Verdammt, wo kommen diese Kopfschmerzen auf einmal her. Um mich herum herrscht Dunkelheit. Das einzige Licht sind die blau leuchtenden
Zahlen meines Weckers. Meines Weckers, bedeutet das etwa, dass ich mich in meinem Zimmer befinde? Im Jahr 2026? Hastig taste ich nach dem Lichtschalter. Tatsächlich werde ich auch fündig. Innerhalb weniger Sekunden ist mein Zimmer in ein schummriges Licht getaucht. Mein Blick wandert hinüber zu meinem Bücherregal. Alle meine Geschichten stehen feinsäuberlich sortiert da. Von “Mein Kampf“ fehlt zum Glück jede Spur. Auch mein Sitzsack liegt wieder an Ort und Stelle. Ich sehe erneut auf die Uhr. Es ist jetzt 5:30 Uhr. Entschlossen schwinge ich mich aus dem Bett. In einer halben Stunde hätte ich sowieso aufstehen müssen und nach diesem Traum wusste ich genau was ich in meinem Referat sagen möchte. Nämlich nicht die langweiligen Standartfakten von Wikipedia, sondern was Pressefreiheit für einen ganz normalen Menschen im Alltag wirklich bedeutet, und was passiert, wenn sie auf einmal nicht mehr vorhanden ist. Das Trügerische daran ist nämlich, dass der Verlust meinst schleichend kommt. Zeitungen gibt es ja noch. Erst mit der Zeit merken die Menschen, dass immer mehr wichtige Themen in den Medien nicht mehr thematisiert werden, Kritik schwindet und alternative Meinungen kaum noch aufgezeigt werden. Durch den Mangel an Alternativen können Menschen sich nicht über anderweitige Parteien informieren und so die Chance bekommen die Fraktion zu wählen, die ihre Zukunftsvisionen und Werte teilen. Demokratie wird mehr zu einer Formalität als einer echten Möglichkeit mitzuentscheiden. Wichtig ist aber auch zu wissen, dass wir etwas für die Unterstützung der Pressefreiheit tun können. Beispielsweise indem wir Petitionen, sowie Initiativen rund um Medienrechte unterstützen, Zeitungen abonnieren oder seriöse Pressearbeit anderweitig finanziell stärken, uns über Entscheidungen rund um Medienfreiheit informieren oder Parteien wählen, die sich für Pressefreiheit einsetzen. Durch meinen Traum ist mir auch bewusst geworden, dass wir Menschen besonders in Zeiten von Krisen dazu neigen konservativer zu denken. Probleme gab es 1934, aber auch heute sind Zeitungen geprägt von negativen Berichten. Trotzdem müssen wir aufpassen, dass unser Denken nicht in eine extreme Richtung abdriftet.
Der Cursor blinkte auf dem Bildschirm wie ein leiser Befehl. Zarah wusste, dass sie beobachtet wurde. Nicht in diesem Moment, nicht durch eine Kamera über ihr, sondern durch ein System, das sich daran gewöhnt hatte jedes Wort mitzulesen.
Die Redaktion war fast leer. Offiziell aus Spargründen, inoffiziell aus Angst. Einige Kolleginnen und Kollegen hatten gekündigt, andere waren „versetzt“ worden. Über manche sprach man nicht mehr. Zarah war geblieben, weil Aufhören für sie keine Neutralität bedeutete, sonder Zustimmung.
Der Artikel vor ihr war nüchtern geschrieben. Keine Wertungen, keine Anschuldigungen. Zahlen, Protokolle, Aussagen – alles überprüft. Genau das machte ihn gefährlich. In ihrem Land galt Wahrheit nicht als Recht, sondern als Risiko.
Am Vormittag hatte man sie zu einem Gespräch gebeten. Ein schlichtes Büro, ein freundlicher Ton. Man habe ihre Arbeit geschätzt, hieß es. Gerade deshalb wolle man sie schützen. „ Ein solcher Text könnte missverstanden werden.“ Zarah hatte genickt. Sie wusste, dass „missverstanden“ hier etwas anderes bedeutete.
Zarah war Journalistin geworden, weil sie dachte, dass Worte schützen können. Dass Informieren ein Gegengewicht sei – gegen Macht, gegen Willkür, gegen das Vergessen. Doch in den letzten Jahren hatte sich diese Gewissheit aufgelöst, schleichend, fast unmerklich. Artikel verschwanden. Überschriften wurden entschärft. Sätze gestrichen bis vom Kern nur noch eine harmlose Hülle blieb.
Ihre Hände ruhten auf der Tastatur. Sie dachte an ihr Studium, an ihre Vorstellung, Journalismus sei eine Brücke zwischen Macht und Öffentlichkeit. Inzwischen fühlte es sich an, als schrieb sie gegen eine Wand.
Für einen Moment stellte sie sich vor, wie einfach es wäre, das Dokument zu schließen. Niemand würde es ihr vorwerfen. Niemand würde es bemerken. Aber sie würde es wissen.
Sie scrollte nach unten und fügte einen letzten Satz hinzu. Kein Aufruf. Keine Anklage. Nur eine Wahrheit, die sich nicht verbieten ließ.
„Wo niemand spricht, verliert die Freiheit ihre Stimme“
Zarah las ihn nochmal. Kurz. Klar. Unübersehbar.
Dann klickte sie auf „Veröffentlichen“.
Draußen erwachte die Stadt. Menschen gingen zur Arbeit, tranken Kaffee, lasen Nachrichten. Vielleicht würde jemand diesen Artikel überfliegen. Vielleicht würde jemand ihn teilen. Vielleicht würde jemand innehalten.
Zarah lehnte sich zurück. Sie wusste nicht, was folgen würde. Aber sie wusste, dass sie heute nicht geschwiegen hatte. Und in einem Land ohne Pressefreiheit war das bereits ein Akt des Widerstands.
Manchmal dachte sie, beginnt die Freiheit genau dort: Mit einem Text, den man eigentlich nicht schreiben sollte.
Der Kampf um Freiheit
Wie brechen wir das Schweigen?
Mit Schreiben?
Was bricht geschriebene Gesetze?
Es sind die Wörter, sind die Sätze,
Die immer wieder widersprechen,
Die Gegenseiten konstruieren,
Die Polarisierung schwächen,
Die Tatsachen nicht zensieren.
Wer schreibt diese Worte?
Diese Reporte?
Sind es die Gesetzesbrecher?
Es sind die Schreiber, sind die Sprecher,
Die immer wieder Fragen stellen,
die wissen wollen, nicht nur glauben.
Die Hinterfrager von Fakten und Quellen,
mit wachem Geist und offenen Augen.
Wer schreibt diese Verbote und Gesetze?
Diese Hetze?
Wer profitiert von dieser Stille?
Die mit der Macht und mit dem Willen,
ihre eigene Gier zu stillen.
Die Lügen wieder und wieder erzählen
Bis sie diese selber glauben,
Die Menschen für ihre Meinung quälen,
Die anderen ihre Freiheit rauben.
So bleibt der Kampf um Freiheit,
Der Kampf, von dem wir alle Zeugen werden.
Es ist der Kampf unserer Zeit,
Ein Kampf, für den viele Menschen sterben.
Es ist ein Kampf, um Macht und Geld,
Der rücksichtslos ausgefochten wird.
Es ist ein Kampf, um diese Welt,
Den man schweigend nur verliert.
Deswegen müssen wir reden,
Nur so können wir etwas bewegen.
Deswegen müssen wir schreiben,
Nur so können wir uns zeigen.
Sichtbarkeit ist die Währung dieser Zeiten,
Es ist ein Zeichen des Widerstands.
Gedanken sind sich so am Verbreiten,
doch auch das Denken wird zum Kampf.
Wenn Denken ein Bruch der Regeln ist
Und eine Frage plötzlich Verrat,
So wird die Gesellschaft stumm und trist,
So wird eine Diktatur aus einem Staat.
So werden die, die dem Schweigen nicht folgten
Auf einmal von Menschen zu Verfolgten.
Es verstummen die, die reden sollten,
Die die Welt verändern wollten.
Können wir ihnen dies verübeln?
Angst ist eine natürliche Reaktion.
Wir sollten die verurteilen, die verfolgen und verprügeln,
die, die andere bedrohen.
Doch wir dürfen nicht vergessen,
Dass Stimmen, jene, die Bestimmen,
Unter Druck setzen und stressen,
Da sie Rechenschaft erzwingen.
So müssen wir uns selber Fragen,
„Soll ich reden und schreiben oder untätig schweigen?“
Wie lange können wir die Stille ertragen?
Können wir uns richtig entscheiden?
Wie viel ist ein Menschenleben wert?
Weniger als die Moral?
Wie viel bleibt einem Menschen verwehrt
Hat er keine freie Wahl?
Was ist mit den Menschen, die niemals schreiben konnten?
Die keinerlei Bildung erhielten.
Weil sie aufwuchsen in Armut oder an Fronten,
Arbeiteten, kämpften und nicht lernten und spielten.
Es sind die, ganz ohne Macht,
Erzogen zu gehorchen, nicht zu denken.
So werden sie gefügig gemacht.
So sind sie einfacher zu lenken.
Sie sind dann einfacher zu entmenschlichen
Und widerstandslos zu unterdrücken.
Dann werden sie mit Tieren verglichen
Und der Ton des Schweigens bricht die Brücken
Zu Menschen, die alle Menschen schätzen
Und die das Leben zu würdigen wissen.
Die heilen wollen und nicht verletzen
Mit Mut, Mitgefühl und Gewissen.
Wir müssen aufmerksam lauschen
Dem Flüstern, dass uns noch erreicht.
Es filtern aus dem chaotischen Rauschen,
Doch zuzuhören ist nicht leicht.
Wir fühlen uns oft so machtlos dabei,
Als könnten wir nichts verändern
Hören wir das Flüstern, das Flehen, den Schrei
Aus weit entfernten Ländern.
Aber wir können es nicht verdrängen.
Wir müssen weiterhin hinterfragen und diskutieren.
Aus Menschen werden Menschenmengen,
die sich zu Großem inspirieren.
Der Text ist fertig.
Die Sätze stehen ruhig nebeneinander, geprüft, gewogen, sortiert. Der Bildschirm leuchtet wie eine glatte Oberfläche, unter der nichts sichtbar ist. Nur ihr Finger zögert über der Taste. Nicht aus Unsicherheit. Sondern aus Erfahrung.
Pressefreiheit beginnt für sie oft genau hier. An dieser schmalen Schwelle zwischen Innen und Außen. Zwischen dem geschützten Raum des Schreibens und dem offenen Feld der Reaktion. Ein Schritt, der klein aussieht und doch alles verändert.
Sie weiß, dass Schreiben kein neutraler Akt ist. Nicht für Frauen. Sichtbar zu werden heißt, den Körper mitzusenden. Die Stimme tritt aus dem Schatten und betritt einen Raum, der offiziell offen ist, sich aber ungleich verteilt anfühlt. Manche bewegen sich darin frei. Andere spüren sofort die Blicke, die Kälte, die Fragen.
Pressefreiheit steht im Gesetz.
Aber sie setzt sich im Körper fort.
Sie liegt als Spannung im Nacken, als Gewicht auf der Brust, als leises Zögern im Atem. Wie viel darf dieser Text tragen? Wie klar darf er sein, ohne als laut zu gelten? Wie eindeutig, ohne dass Haltung zur Angriffsfläche wird?
Die Grenze verläuft nicht dort, wo etwas verboten wird. Sie verläuft dort, wo der Raum enger wird. Wo Frauen schreiben über Macht, über Ungleichheit, über Erfahrung, die nicht theoretisch sind. Dann kippt etwas. Aus Analyse wird Aktivismus. Aus Meinung Befangenheit. Aus Stimme ein Störgeräusch.
Der Raum zieht sich zusammen.
Nicht sichtbar, nicht messbar – aber spürbar. Wie Wände, die näher rücken, während sie spricht. Sie kann sich noch bewegen, aber jeder Schritt wird bewusster, vorsichtiger. Irgendwann stellt sich nicht mehr die Frage, ob sie schreiben darf, sondern ob sie bereit ist, den Preis zu zahlen.
Sie kennt den Preis.
Er kommt nicht frontal. Er sickert.
In Nachrichten, die den Inhalt umgehen und die Person treffen. In Kommentaren, die nicht widersprechen, sondern entwerten. In Warnungen, die als Ratschläge getarnt sind. Diese Erfahrungen sind kein Einzelfall. Sie sind das Klima, in dem Pressefreiheit stattfindet.
Und sie führen zu etwas Gefährlichem:
Der Selbstzensur.
Nicht als Entscheidung, sondern als Reflex. Sätze werden gekürzt. Worte weicher. Kanten abgeschliffen. Nicht, weil sie falsch wären, sondern weil Müdigkeit schwer wiegt. Weil man schreiben will, ohne sich jedes Mal verteidigen zu müssen. Weil Schweigen manchmal einfacher scheint als Sichtbarkeit.
Hier wird Pressefreiheit politisch.
Nicht erst, wenn Texte verschwinden, sondern wenn Stimmen sich zurücknehmen, um zu überleben. Eine Demokratie verliert sie dort, wo Menschen lernen, sich selbst kleiner zu machen.
Und trotzdem schreiben Frauen weiter.
Nicht aus Leichtsinn. Nicht aus heroischem Mut. Sondern aus Notwendigkeit. Weil Leerstellen entstehen, wenn sie fehlen. Weil Macht unbequemer wird, wenn sie benannt wird. Pressefreiheit lebt nicht vom Bestehen, sondern vom Gebrauch. Sie ist kein Besitz. Sie ist eine Bewegung.
An dieser Stelle wechselt etwas.
Denn jetzt bin ich es, die den Finger senkt.
Ich drücke die Taste.
Ich weiß, was folgen kann. Ich kenne die Blicke, die Kommentare, das Rutschen des Bodens unter den Füßen. Und trotzdem veröffentliche ich. Nicht, weil ich keine Angst habe, sondern weil Angst kein Argument gegen Wahrheit ist.
Die Freiheit, die ich meine, zeigt sich nicht darin, dass ich schreiben darf. Sie zeigt sich drin, dass ich schreibe – trotz allem. Dass ich mich nicht unsichtbar mache, um erträglich zu sein. Dass meine Erfahrung kein Makel ist, sondern ein Zugang zur Wirklichkeit.
Pressefreiheit ist erst dann lebendig, wenn sie nicht an Belastbarkeit gekoppelt ist. Wenn sie nicht verlangt, dass manche mehr aushalten müssen als andere. Eine Demokratie, die weibliche Stimmen duldet, sie aber unter Druck setzt, höhlt sich selbst aus.
Der Text ist jetzt draußen.
Der Raum ist nicht plötzlich größer geworden.
Aber er ist offen geblieben.
Ein wenig heller.
Ein wenig weiter.
Die Freiheit, die ich meine, ist kein Zustand.
Sie ist eine Handlung.
Sie entsteht jedes Mal neu, wenn eine Stimme bleibt.
Wenn sie spricht.
Es ist eiskalt, dunkel und einsam. Ich sitze an meinem Arbeitsplatz, schreibe noch einen Artikel fertig und bereue, dass ich nicht doch schon in meine Wohnung bin. Ein Blick nach vorne auf meinen Schreibtisch zeigt mir: Es ist 21:30 Uhr, der 27. Februar 1933.
Ich drehe meinen Füller in meinen Händen und lasse den Deckel schnipsen. Der Stuhl, auf dem ich sitze, ist hart und der Geruch von kaltem Kaffee vermischt sich mit dem der Druckertinte. Der Text, an dem ich arbeite, ruft bei mir ein Gefühl der Frustration hervor. Ich bin eine Frau und das spüre ich in jedem Satz, den ich schreibe. Es bedeutet, dass ich mich noch stärker anstrengen muss und jeder Fehler hart und sofort bestraft wird.
Schreiben ist alles, was ich habe, ich reihe die Worte aneinander, bilde Sätze und zaubere Geschichten, die Menschen in andere Welten bringen können. Andere Arbeiten für ein Haus und um ihre Familien zu ernähren. Ich schreibe, nicht weil ich muss. Ich schreibe, um zu überdauern.
Ich schreibe für die Frankfurter Zeitung und still und heimlich noch für die Parteizeitung Vorwärts der SPD, dort unter einem Pseudonym. Ich will schreiben, aber nicht sterben. Es ist gefährlich geworden, ein Teil von Zeitungen zu sein. Immer wieder bekomme ich mit, wie Kollegen eingeschüchtert und bedroht werden. Jeder Satz, jedes Wort, jeder Buchstabe wird unendliche male überdacht. Sätze verfasst, der Aufbau verändert und am Ende dann voller Sorge und Wut wieder gestrichen, aus Angst die Nazis könnten einen am nächsten Tag erwarten.
Es ist Zeit, um den Artikel für morgen liegen zu lassen und nach Hause zu gehen. Schlafen, um diesen Sorgen zu entkommen.
Mein Wecker klingelt und reißt mich aus meiner Traumwelt. Einer Welt voller Respekt und ohne Gewalt. Bunt und voller Freiheit. Ich werde zurückgerissen in meine Realität. Eigentlich will ich hier nur wieder weg. Ich drehe mich nocheinmal um, aber ich nehme den Lärm war, der von draußen, von den Straßen kommt. Ich stehe auf, die Kälte nehme ich nicht wahr, ich frage mich was passiert ist und erschrecke, als ich aus dem Fenster sehe. Es ist ein Chaos. Menschen. Panische Menschen. Unruhige Menschen. So viele Menschen die herumrennen. Die Kälte, des Bodens, auf dem ich stehe, erreicht mich nun doch und ich ziehe mir einen Morgenmantel über. Alles in mir schreit danach wieder unter die warme Bettdecke zu kriechen. In meine Träume zu fliehen. Stattdessen greife ich hastig nach meinem Türschlüssel und renne die Treppen nach unten. Dort angekommen atme ich tief durch, ziehe meine Schultern zurück und spreche mir selber Mut zu. Als ich aus der Tür trete, werden die Rufe der Menschen noch lauter. Ich sehe mich um, aber kenne hier niemanden. Vor mir auf dem Boden liegt eine Zeitung. Nein, es ist nicht eine Zeitung, es ist Vorwärts. Mein Magen zieht sich zusammen und meine Hände fangen an zu zittern, während ich den Text überfliege. Die Überschrift: Reichstag geht in Flammen auf schreit mich aus dem Papier heraus an. Mein Blick wandert automatisch ans Ende des Artikels und sieht nach, von wem dieser stammt. Meine Hände verkrampfen sich um das Zeitungspapier und zerknittern es. Ein mir bekannter Name, ein enger Freund. Dass wird ein Nachspiel haben, aber wie wird es für ihn ausfallen?
Ich schmeiße die Zeitung in den Regenmatsch neben mir und gehe wieder in meine Wohnung. Türe aufschließen, Hausschuhe ausziehen, ins Schlafzimmer gehen, Morgenmantel aus und Arbeitstaugliche Kleidung an. Gesicht waschen, Zähne putzen, Schuhe und Mantel anziehen. Das Frühstück auslassen, Türe öffnen, über die Schwelle treten, Türe hinter mir zu ziehen und abschließen. Jeden einzelnen Schritt, jede einzelne Bewegung nehme ich zu sehr wahr. Meine Gedanken sind ein pures Chaos und ich muss garnicht erst versuchen dort eine Ordnung hineinzubringen, denn weiß, dass ich kläglich scheitern werde. Angekommen bei dem Gebäude der Frankfurter Zeitung registriere ich langsam was passiert ist. Ich betrete das Haus und gehe hinauf in den Redaktionsraum. Sein Platz ist leer und alle Gegenstände, die gestern noch auf seinem Tisch standen, sind weg. Irgendwie sagt mir mein Gefühl, dass er nicht einfach nur entlassen wurde. Viele meiner anderen Kollegen sitzen an ihren Plätzen, schreiben ihre Texte und reden kein Wort miteinander. So still ist es sonst nie. Man begrüßt sich, man verabschiedet sich. Man tauscht Ideen miteinander aus und hilft sich bei Schreibblockaden. Es ist so, als wäre die Angst, die ich spüre im ganzen Raum greifbar. Sie haben es auch mitbekommen. Sie wissen, dass er den Artikel verfasst hat. Wissen sie dann auch, wer ich bin? Wissen sie, wer E. Licht ist? Das darf nicht sein.
Diesen falschen Namen, trage ich schon lange als Pseudonym bei Artikeln, die mit einem gewissen Risiko geschrieben wurden. Meine Mutter sagte mir immer, dass meine Worte ihr Licht in dunklen Tagen waren. Dieser Satz blieb mir auch noch lange nach ihrem Tod in Erinnerung und inspirierten mich dazu ihn als Pseudonym zu verwenden.
Sie können es nicht wissen, niemand außer meinem verschwundenen Kollegen weiß Bescheid. Ich setze mich an meinen Platz und fange an, den Text von gestern zu beenden, doch es gelingt mir den ganzen Tag über nicht. Ich sitze da, überdenke jeden Satz, jedes Wort, jeden Buchstaben und bin noch vorsichtiger als sonst. Am Ende des Tages bin ich keinen Schritt weiter mit dem Artikel, aber ich habe einen Entschluss gefasst. Ich stehe auf und schließe den Deckel meines Füllers. Wahrscheinlich zum letzten Mal. Ich verlasse diesen Raum, für immer. Ich werde nicht wieder zurückkehren, keine Artikel mehr schreiben, hinter denen ich nicht stehe, werde nicht das Risiko eingehen, dass auch ich plötzlich verschwinde.
Die Geschichten und Welten, die man mit Worten erschaffen kann, waren einst alles, was mir Freude machte. Alles, was ich den ganzen Tag machen wollte. Ich will schreiben, was ich denke, schreiben was ich fühle! Als Journalistin, als Frau hätte ich die Möglichkeit gehabt, eine Stimme zu sein. Eine Stimme für diejenigen, die sie nicht haben. Meine Stimme wurde mir genommen. Meine Freiheit wurde mir genommen und dass über Wochen hinweg. Ich sollte die Möglichkeit haben, kritisch über Dinge zu schreiben, die in meinem Land, auf dieser Welt passieren, doch ich muss um mein Leben fürchten, wenn ich dies mache. Die Angst, vor den Nazionalsozialisten hat Besitz von mir ergriffen und ich werde das Werk des Schreibens niederlegen.
Ich trete auf die nun leeren Straßen und gehe in die Innenstadt. Ich kann noch nicht in meine Wohnung, ich kann gerade nicht alleine sein. Die Räume würden mich einengen und ich hoffe darauf, dass wenn ich ein wenig in der Innenstadt auf und ab gehe, dieses scheußliche Gefühl abnehmen wird. Dass dieses Chaos zusammen mit der Kälte vergeht. Hätte ich gewusst, was passieren wird, wäre ich nie in die Stadt gegangen. Wäre nie auf dieser Bank gesessen und hätte nie mitbekommen wie Soldaten, das Haus mir gegenüber stürmen. Jedoch bin ich den gepflasterten Weg entlanggelaufen, meine Schritte klingen in meinen Ohren lauter als sie es in Wirklichkeit sind. Meine Hände sind tief vergraben in den Taschen des Mantels, den ich trage. Meine Schultern sind verspannt und schmerzen, meine Hände sind klamm und kalt. Die Augen habe ich auf den Boden gerichtet. Ich habe mich auf eine Bank gesetzt. Das Holz, auf dem ich sitze, ist aufgeweicht vom Regen und ich spüre die Kälte, die von ihr ausgeht, schon jetzt durch den Stoff des Mantels hindurch. Ich bin versunken und verloren in meinen Gedanken, bis das Geräusch einer berstenden Türe, die Luft, den kalten Nebel zerreißt.
Ich sehe auf und wenige Minuten später haben drei in Uniform gekleidete Männer eine junge Frau gewaltsam aus dem Hauseingang mir gegenüber gezerrt. Ich bleibe sitzen und beobachte was passiert, bemerkt wurde ich noch nicht und ich hoffe verzweifelt, dass das so bleibt. Die Frau, klein, schlank und mit dunklen Haaren versucht sich zu wehren. Sie schlägt wild um sich, schreit um Hilfe. Ihre Stimme bricht und ich höre die Panik, doch niemand eilt ihr zur Hilfe. Hinzusehen schmerzt, aber ich kann mich nicht rühren und sitze erstarrt auf dieser Bank.
Die Frau schafft es sich loszureißen und ich bin erstaunt darüber. Sie rennt und ich habe noch nie jemanden so rennen gesehen wie sie. Wir beide wissen, dass sie um ihr Leben kämpft. Ich bin verunsichert, was ich machen soll. Ich will aufspringen. Zu ihr. Helfen.
Ich weiß, dass ich ihr nicht helfen kann. Sie sprintet, ihre Handtasche liegt auf dem Boden und einer der Männer sieht gelangweilt zu, während die anderen beiden hinterherjagen. Sie ist zu langsam, ich weiß es. Ich spüre es in jedem Teil meines Körpers. Ich will schreien. Ich will sie antreiben. Ich will ihr helfen, aber ich habe Angst vor dem, was ihr passieren wird. Wenn sie Glück hat, dann werden sie sie mitnehmen, wenn nicht, dann… Beten wir einfach, dass sie Glück hat. Der größere der beiden Soldaten hat sie eingeholt und am Mantel gepackt. Er reißt sie zu sich herum, doch dabei stürzt sie und schlägt hart mit dem Kopf auf dem Boden auf. Alle die auf diesem Platz sind, alle 5 Personen wissen, es ist vorbei. Die Soldaten gehen weg, einfach so. Sie drehen sich nicht um, entschuldigen sich nicht und werden nicht panisch wegen dem, was gerade passiert ist. Es war ein Unfall und es ist ihnen egal. Als die drei weg sind, kann ich mich endlich wieder rühren, meine Knie zittern und ich renne so schnell ich kann zu ihr hin.
Ich Knie, mich neben sie entschuldige mich tausendmal, nehme ihre Hand, fühle ihren Puls. Er ist noch da jedoch schwach. Ich sehe, dass sie blutet und bemerke, dass sie mich mit klarem Blick ansieht. Ich rede sie voll, ich erkläre ihr, warum ich nicht gekommen bin, doch ich fühle mich wie ein Verräter. Jeder Satz, jedes Wort fühlt sich falsch und leer an. Warum bin ich nicht zu Ihr? Warum habe ich nicht geholfen? Warum nur? Sie greift meine Hand, gibt mir einen Zettel. Ihre Finger sind noch kälter als meine eigenen und in ihnen steckt kaum noch Kraft. Sie sagt, dass ich ihr nicht hätte helfen können und dass sie sich des Risikos bewusst war. Sie sagt, dass sie nicht bereut, so gehandelt zu haben und ich es auch nicht sollte. Sie sagt, dass sie wusste, wenn sie diesen Artikel veröffentlicht, sie ein extremes Risiko eingehen würde. Ein Artikel? Ich werde wahnsinnig, ich habe mich verhört. Alles vor meinen Augen verschwimmt. Ist das alles überhaupt Real, oder ein Gespinst meiner eigenen Gedanken, meiner eigenen Sorgen und Ängste. Sie schließt die Augen und ich schüttele ihre Schultern, ich sage ihr, dass sie bei mir bleiben muss. Ich flehe Sie an, nicht zu gehen. Tränen kullern von meinen Wangen und landen auf ihr. Ich erzähle, dass ich auch Journalistin bin und dass ich noch nie eine andere Frau, die es auch ist, getroffen habe. Tränen Rollen mir weiter über das Gesicht und ich spüre deren Wärme auf meinen Wangen. Was ist nur los, mit dieser Welt!? Sie öffnet die Augen, es sieht aus, als würde es sie alles an Kraft Kosten, dass Sie noch hat. Sie sagt, dass es umso besser sei, dass ich jetzt da bin, dass es das Schicksal so wollte. Sie lächelt, während sie das sagt. Wie kann sie jetzt gerade lächeln. Sie flüstert, ich solle zu der Adresse gehen, es geht um Freiheit. Persönliche Freiheit. Politische Freiheit. Unsere Freiheit. Ich verspreche es ihr, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich dieses Versprechen halten werde. Sie lächelt und schließt ihre Augen.
Ich weine so lange bis ich kein bisschen mehr an Flüssigkeit in mir trage. Ich weine so lange, bis mein Kopf dröhnt und meine Brust schmerzt. Ich bleibe bei ihr. Ich sitze da und halte ihre Hand. Irgendwann stehe ich auf, gehe nach Hause und in mein Bett. Ich schlafe nicht, bekomme kein Auge zu und kann nicht aufhören an ihr Gesicht zu denken. Die ganze Zeit frage ich mich, was passiert wäre, wenn ich es gewesen wäre, die verfolgt wurde. Der Schlaf will mich auch die darauffolgende Nacht nicht holen und ich vermisse das Schreiben. Ich bereue nicht, dass ich gegangen bin, aber Geschichten erschaffen und Welten zu kreieren ist für mich etwas so Wunderschönes, dass es sich anfühlt, als wäre es wichtiger als alles andere. Ich habe mir den Notizzettel so oft angesehen, dass ich ihn auswendig kann. Ich kenne jede einzelne Linie auf diesem Blatt. Ich weiß wieviele Adjektive dort stehen, wieviele Nomen, wieviele Zahlen. Es ist eine Adresse und etwas kryptisch geschriebener Text. In Nacht drei, in der ich wachliege und nichts so richtig spüre beschließe ich, mein Versprechen zu halten. Es ist das Einzige, das ich jetzt noch für die junge Frau machen kann. Ich gehe nach draußen. Es ist dunkel, kalt und nebelig. Der Geruch von frischem Regen liegt in der Luft und es ist kein Geräusch zu hören. Dieser Weg dauert keine Viertelstunde, doch er fühlt sich an wie eine Ewigkeit. Ich bin geplagt von Sorgen und Ängsten. Ich weiß nicht, ob ich das richtige mache oder es bereuen werde.
Es war die Richtige Entscheidung. In dem Keller, in den ich nach einigem Zögern der beiden jungen Männer, die mir öffneten, geführt wurde befand sich eine komplette Redaktion. Der Raum war klein, jedoch mit allem ausgestattet, was man für das Schreiben, verfassen und veröffentlichen einer Zeitung benötigt. Anscheinend vertraute man mir, denn ich wurde aufgenommen in die Runde der Journalist* innen, die hier an einer Ausgabe saßen, die uns allen das Leben und die Freiheit, zumindest dass kleine bisschen, das noch übrig war, kosten könnte.
Nicht länger als eine Woche saßen wir an dieser Ausgabe. Es ging nicht darum, perfekte Texte zu verfassen, sondern dass zu schrieben, was man sagen will. Diese Gruppe, gab mir meine Stimme zurück und schenkte mir so etwas, für das ich auf ewig dankbar und in ihrer Schuld stehen werde. Am 07.03.1933 veröffentlichten wir die erste Ausgabe dieser Zeitung. Wir gaben ihr den Namen „Das Licht“. Alle, die an dieser Zeitung mitschrieben, waren so berührt von meinem Pseudonym und der Geschichte dahinter, die ich mal an einem späten Abend erzählte, dass sie es als Namen nutzen wollten. Heimlich verteilten wir die Zeitungen, legten Sie überall aus und sorgten dafür, dass sie nicht zu übersehen waren. Genau das wurden wir auch nicht, denn am nächsten Tag, gab es nicht anderes als diese Werke, diese Sammlung von Stimmen, diese Texte. Es hab nichts anderes, über das geredet wurde. Es gab niemanden der nicht davon wusste, niemanden, der die Artikel nicht heimlich gelesen hatte. Es war ein Meisterwerk.
Nach diesen anstrengenden und nervenaufreibenden Tagen war ich froh, wieder einen ruhigen Moment für mich zu haben. Mein Geist sowie mein Körper sind erschöpft von der vielen Arbeit. Ich habe die vergangenen Tage so gut wie keine Zeit außerhalb dieses engen, stickigen Kellers verbracht und freue mich nun doch, wieder in meinem eigenen Bett und nicht auf einer unbequemen Matte zu liegen.
Ich habe das Gefühl von Freiheit gespürt. Freiheit, um die wir kämpfen müssen. Freiheit, die wir wertschätzen müssen. Freiheit, die wir schützen müssen. Es muss Menschen geben, die ihre Meinung äußern. Menschen, die sagen, wofür sie einstehen und dazu habe ich mich entschieden. Ich habe Angst. Zu jedem Zeitpunkt, aber ich weiß, dass es die richtige Entscheidung war.
Ich schlafe ein, verschwinde in das Reich meiner Träume und werde von lautem Klopfen an meiner Tür geweckt. Ich stehe auf, habe keine Ahnung wie viel Uhr es ist. Ich öffne die Türe und weiß tief in mir drin eigentlich schon, was mich erwartet. Nationalsozialisten in Uniform. Groß, blond und mit emotionslosen, harten Gesichtern stehen sie vor mir. Sie sehen mich an. In diesen Blicken liegt zu viel Gewissheit. Zu viel Bewusstsein für die Macht, die sie haben. Sie fragen mich, ob ich E. Licht bin. Ich spüre die Angst tief in meinen Knochen, aber sie beherrscht mich nicht mehr. Ich denke an das Lächeln der jungen Frau. Ich weiß, dass das Licht noch nicht erloschen ist, dass Hoffnung besteht. Ich hole Luft und antworte.
Diese Anmeldung ist zunächst ein Ausdruck deiner/eurer Bereitschaft ein Offenen Singen bei dir vor Ort zu planen oder eine bereits angemeldeten Gruppe zu unterstützen. Es besteht jederzeit die Möglichkeit abzusagen. Nach der Anmeldung erhältst du von uns alle Infos zum weiteren Vorgehen per Email.
Dieses Formular ist durch reCAPTCHA geschützt und es gelten die Datenschutzerklärung und Nutzungsbedingungen von Google.
Dieses Formular ist durch reCAPTCHA geschützt und es gelten die Datenschutzerklärung und Nutzungsbedingungen von Google.
Der Kriegsdienstverweigerer
Krieg, Kampf und Zerstörung tobt
in deinem eig’nen Land.
Sag, willst du gar nicht mit uns kommen,
um zu schützen, um zu retten,
wo auch du dazu gehörst,
was du deine Heimat nennst
und dafür auch Treue trägst?
Ich lass Krieg, Kampf und Zerstörung toben,
denn es ist nicht meine Schuld
und ist es niemals gewesen,
dass nichts mehr friedvoll und gesittet ist.
Warum soll ich dann mich selbst riskieren,
nur um Erwartungen gerecht zu werden?
Seht her, seht her,
er ist der Kriegsdienstverweigerer,
versucht heimlich, unbemerkt zu fliehen,
vor den Pflichten, die sich über ihn ziehen,
er kann ihnen niemals entkommen,
bis die Verantwortung er übernommen,
die zwar nirgends im Gesetz drinsteht
und doch in vielen Köpfen schwebt.
Du ziehst dich einfach ganz zurück,
gibst keine Acht aufs Vaterland.
Sag, wenn alle sind wie du
und vergessen, was die Pflichten sind,
wer ist dann da zu schützen,
was auch ihr als euer Zuhause kennt?
Das, was ich als Zuhause kenn,
ist dann nicht mehr, wie es war,
will nicht Familie, Kinder, alles, was ich liebe
zurücklassen ohne irgendein Gewissen
darüber wo ich bin und was ich tu,
sodass sie bald vergessen, wer ich war.
Hört her, hört her,
er ist der Kriegsdienstverweigerer,
versucht heimlich, unbemerkt zu fliehen
vor den Pflichten, die sich über ihn ziehen,
er kann ihnen niemals entkommen
bis die Verantwortung er übernommen,
die zwar nirgends im Gesetz drinsteht
und doch in vielen Köpfen schwebt.
Warum seist nur du verschont,
von dem, was alle hier bedroht?
Sag, will denn irgendjemand freiwillig
in sein Verderben ziehen?
Du bist da ganz gewiss nicht allein,
und doch gehen wir alle zusammen für die Sicherheit.
Ich denke auch an meine Sicherheit,
die ich gerne um mich hab,
die ich mir hoch und heilig schätz
und nicht abgeben mag für etwas,
dem ich mich eigentlich widersetz.
Schaut her, schaut her,
er ist der Kriegsdienstverweigerer,
versucht heimlich, unbemerkt zu fliehen
vor den Pflichten, die sich über ihn ziehen,
er kann ihnen niemals entkommen
bis die Verantwortung er übernommen,
die zwar nirgends im Gesetz drinsteht
und doch in vielen Köpfen schwebt.
Wenn alle sind wie du,
und sich gegen all die Pflichten dieses Landes stellen,
sag, wo sollen wir nur Menschen herbekommen,
die bis auf die Knochen diesen Boden verteidigen
und eine Heimat, die in Trümmern liegt,
von diesen jemals zu befreien
Befreiung folgt auf Zerstörung,
die mir liegt so fremd,
vielleicht will ich gar nicht kämpfen,
weil der Kampf mir fern liegt,
wenn keiner kämpft, nur alle schweigen,
kann keine Zerstörung sich verbreiten.
Seht ihr nun den Pazifisten,
den wir in unseren Reihen listen,
der heimlich unbemerkt versucht zu fliehen
vor den Pflichten, die sich über ihn ziehen,
er kann ihnen niemals entkommen
bis die Verantwortung er übernommen,
die zwar nirgends im Gesetz drinsteht
und doch in vielen Köpfen schwebt.
Nennt mich Pazifist, sucht euch die übelsten aller Worte aus,
doch niemals treibt ihr mich aufs Feld zur Schlacht hinaus,
ich kenne meine Freiheit und lobe sie mir sehr,
mein Bedürfnis zu begreifen fällt euch ziemlich schwer,
ich will Krieg, Kampf und Zerstörung nicht steigern,
stattdessen lieber weiter verweigern.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Vimeo. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie müssen den Inhalt von reCAPTCHA laden, um das Formular abzuschicken. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten mit Drittanbietern ausgetauscht werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Facebook. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenUm unser Formular nutzen zu können, ist eine Einwilligung zur Nutzung von Google reCaptcha erforderlich. ReCaptcha wird von uns zur Verhinderung von SPAM eingesetzt.
Mehr InformationenUm unser Formular nutzen zu können, ist eine Einwilligung zur Nutzung von Google reCaptcha erforderlich. ReCaptcha wird von uns zur Verhinderung von SPAM eingesetzt.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Instagram. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Google Maps. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Google Maps. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Mapbox. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von OpenStreetMap. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Google Maps. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von X. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr Informationen