„Meinungsfreiheit“- und schon ist es okay?

von Greta Jakstadt

Meinungsfreiheit. Ein großes Wort. Seit dem ich denken kann, assoziiere ich dieses Wort negativ. Eigentlich ist das sehr schade. Die Meinungsfreiheit ist etwas, über das wir glücklich und dankbar sein sollten. Doch dieses Wort wurde über die Jahre in gewisser Weise durch den Dreck gezogen. Wir verwenden es viel zu schnell und viel zu leichtsinnig. Hinter jede Aussage packen wir dieses Wort. Ziemlich clever oder nicht? Aber auch ziemlich dumm. Wir benutzen dieses Wort in Situationen, in denen wir wissen, dass wir mit der eben getätigten Aussage auf Protest stoßen können, was ja erstmal kein Problem ist. Doch meist benutzen wir es, wenn wir wissen, dass das was wir sagen ethisch oder moralisch fraglich ist. Noch bevor wir unsere Aussage getätigt haben wissen wir also, dass irgendetwas daran falsch ist. Falsch, wie ich dieses Wort hasse. Das irgendetwas daran nicht richtig ist. Ist das besser? Wir stellen dies also fest, und packen hinter unsere Aussage schnell das Wort „Meinungsfreiheit“. Die Umstehenden Menschen haben dann genau zwei Möglichkeiten. Zu schweigen… oder zu widersprechen. Die zweite, ist meist die beliebteste Wahl. Und schon bricht eine Diskussion aus. Und zwar nicht nur über die Ansicht, welche gerade geäußert wurde, sondern über das Wort, welches als Rechtfertigung hinten dran gehangen wurde. Man kann förmlich sehen, wie die Stimmung kippt, spüren wie die Luft heißer wird und hören wie sich die Menschen gegenseitig die Argumente um die Ohren hauen. Alle Blicke richten sich auf die Person, welche das Wort als Rechtfertigung benutzt hat. Und selbst wenn wir es nicht zugeben, warten wir nur auf diesen Moment. Auf einen Moment, in dem sich die ganze Aufmerksamkeit auf diese Aussage und die Person richtet. Solang wir selbst nicht im Zentrum der Argumentation stehen hören wir gern zu und beobachten, wie sich die Argumente, Ansichten und Meinungen der Anderen zugerufen werden. Es ist als würden wir dieses Drama für uns brauchen. Als wäre das eine Möglichkeit die Ansichten der Anderen zu erfahren, ohne sie zu fragen. Aber nicht nur der Anderen. Auch von sich selbst. Eine Diskussion über jegliche Themen hilft herauszufinden, welche Ansichten man selbst vertritt. Dafür muss man an ihr noch nicht einmal aktiv beteiligt sein. Aktiv zuhören trifft es eher. Beim Hören anderer Ansichten merkt man relativ schnell, bei welchen Aussagen man mitgeht und bei welchen man am liebsten einschreiten würde um ein Gegenargument darzulegen. Selbst wenn eine Aussage, und eine dadurch herbeigeführte Diskussion, ausartet kann sie deshalb durchaus produktiv sein. Doch oftmals ist genau das das Problem. Eine, leichtsinnig getätigte, Aussage stößt auf Protest und die Situation artet aus. Wie lässt sich dies verhindern? Eine perfekt ausgetüftelte Lösung gibt es dafür wohl nicht. Zu unterschiedlich sind wir mit diesem Wort, aber auch mit unseren Werten und Normen aufgewachsen. Die wenigsten von uns nehmen sich Zeit, intensiv über die eigenen Ansichten nachzudenken und abzuwägen, hinter welchen Dingen sie vielleicht doch nicht mit einer hundertprozentigen Sicherheit stehen. Unser Elternhaus, unser soziales Umfeld, unsere Kontakte auf Social Media, sie alle beeinflussen unser Denken und Handeln. Nur schwer kommen wir von ihnen los, da es uns viel Kraft und Energie kostet, die Ansichten unserer Nächsten in Frage zu stellen, und so auch unsere Eigenen. Doch vermutlich ist genau das die naheliegende Lösung auf diese Frage. Eigene Ansichten hinterfragen, die Ansichten des engsten Umfeldes hinterfragen. Ist das was ich hier tue richtig? Oder besser, kann ich mein Denken und Handeln mit meinem Gewissen vereinbaren? Allein, wenn man das Gefühl hat, sich vor sich selbst rechtfertigen zu müssen kann das ein Zeichen dafür sein, dass etwas in einem danach schreit gehört zu werden. Das man selbst mit seinen eigenen Ansichten zu kämpfen hat, da man sie vielleicht doch nicht so unterstützt, wie man gedacht hatte. Ich denke das ist das Schwierigste. Sich selbst einzugestehen, dass die eigene Meinung eigentlich eine andere ist. Sich selbst gegen erlernte Werte richten, mit welchen man aufgewachsen ist. Dies ist ein sehr schwieriger Schritt. Doch es ist ein notwendiger, um näher zu sich selbst und seinen Mitmenschen zu finden. Wenn sich jeder von uns für diese Fragen ein wenig Zeit nehmen würde, besteht Hoffnung darauf, dass wir im Reinen mit uns sind. Dass wir offen für andere Meinungen sind. Dass wir andere anhören und die Fähigkeit besitzen, richtig zu diskutieren. Und wenn uns eine andere Meinung mal nicht gefallen sollte, können wir eventuell auf uns selbst vertrauen. Darauf, dass es okay ist eine andere Meinung zu haben, solang man hinter ihr steht und niemandem Schaden zufügt. Und solang wir das von uns selbst behaupten können haben wir einen großen Schritt erreicht.