Grußwort von Bundespräsident Dr. Wolfgang Schäuble im diesjährigen Liederheft

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
liebe Mitsingende und Mitmusizierende,

„Wenn einer aus seiner Seele singt, heilt er zugleich seine innere Welt. Wenn alle
aus ihrer Seele singen und eins sind in der Musik, heilen sie zugleich auch die äußere
Welt.“

In diesen Worten von Yehudi Menuhin klingt an, was Menschen bewirken können, wenn sie gemeinsam ihre Stimme erheben.

So wie es 1989 die Menschen der DDR taten. Mit ihren Rufen nach Freiheit und Recht formten sie einen unüberhörbaren Chor, der den maroden Staat ins Wanken brachte. Ihnen verdanken wir den Fall der Mauer, die fast vier Jahrzehnte lang Deutsche von Deutschen getrennt hatte. Seit dem 3. Oktober 1990 können wir Jahr für Jahr die wiedergewonnene staatliche Einheit unseres Landes feiern – ein großer historischer Glücksfall.

Seither ist Deutschland – trotz gelegentlicher Missklänge – beständig zusammengewachsen, bringt sich als verlässlicher, demokratischer Partner im europäischen und weltweiten Konzert der Staaten ein. Denn die gewaltigen Herausforderungen unserer Gegenwart sind nur im Zusammenspiel mit anderen zu bewältigen. Das gilt für die anhaltende Modernisierung unserer zunehmend digitalen Lebens- und Arbeitswelt. Das gilt ebenso für den Klimawandel und andere Folgeschäden einer aus dem Ruder gelaufenen Globalisierung. Sie beschäftigen uns keineswegs erst seit dem Auftakt der Corona-Pandemie.

Seit über einem Jahr begleitet uns das Virus, seine Bekämpfung hat das Tempo unseres Lebens gebremst, aus dem Takt gebracht und in vielen Teilen der Gesellschaft schwere Disharmonien erzeugt. Der Zwang zu mehr Distanz im täglichen Umgang hat uns unfreiwillig zu Solisten gemacht und stellt eine anhaltende Bewährungsprobe für unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt dar.

Die Einschränkungen der Pandemie haben viele hart getroffen – für das Vereins- und Kulturleben unseres Landes gilt das in besonderem Maße. Umso wertvoller sind Gelegenheiten, aus der heilenden Kraft von Musik und Gesang gemeinsam Kraft und Hoffnung zu schöpfen.

In der Demokratie wie in der Musik gilt es immer wieder von Neuem, Vielfalt in Harmonie zusammenzuführen. Das erfordert die Bereitschaft, innere Grenzen zu überwinden, Trennendes hinter sich zu lassen, sich für Verbindendes zu öffnen. So, wie Sie es als Mitwirkende bei „Deutschland singt“ vorleben und hörbar machen. Weltoffen, vielfältig und vielstimmig – mit Liedern aus verschiedenen Ländern, Zeiten und Kulturen.

Ich danke Ihnen für Ihren Einsatz bei der Initiative „3. Oktober – Deutschland singt“ und freue mich, wenn Sie am Tag unserer Deutschen Einheit mit einstimmen!

Ihr

Dr. Wolfgang Schäuble

Dr. Wolfgang Schäuble

Bundespräsident