Eine Stimme für die Freiheit 

von Isabelle Marek

Es ist eiskalt, dunkel und einsam. Ich sitze an meinem Arbeitsplatz, schreibe noch einen Artikel fertig und bereue, dass ich nicht doch schon in meine Wohnung bin. Ein Blick nach vorne auf meinen Schreibtisch zeigt mir: Es ist 21:30 Uhr, der 27. Februar 1933.  

Ich drehe meinen Füller in meinen Händen und lasse den Deckel schnipsen. Der Stuhl, auf dem ich sitze, ist hart und der Geruch von kaltem Kaffee vermischt sich mit dem der Druckertinte. Der Text, an dem ich arbeite, ruft bei mir ein Gefühl der Frustration hervor. Ich bin eine Frau und das spüre ich in jedem Satz, den ich schreibe. Es bedeutet, dass ich mich noch stärker anstrengen muss und jeder Fehler hart und sofort bestraft wird.

Schreiben ist alles, was ich habe, ich reihe die Worte aneinander, bilde Sätze und zaubere Geschichten, die Menschen in andere Welten bringen können.  Andere Arbeiten für ein Haus und um ihre Familien zu ernähren. Ich schreibe, nicht weil ich muss. Ich schreibe, um zu überdauern. 

Ich schreibe für die Frankfurter Zeitung und still und heimlich noch für die Parteizeitung Vorwärts der SPD, dort unter einem Pseudonym. Ich will schreiben, aber nicht sterben. Es ist gefährlich geworden, ein Teil von Zeitungen zu sein. Immer wieder bekomme ich mit, wie Kollegen eingeschüchtert und bedroht werden. Jeder Satz, jedes Wort, jeder Buchstabe wird unendliche male überdacht. Sätze verfasst, der Aufbau verändert und am Ende dann voller Sorge und Wut wieder gestrichen, aus Angst die Nazis könnten einen am nächsten Tag erwarten.

Es ist Zeit, um den Artikel für morgen liegen zu lassen und nach Hause zu gehen. Schlafen, um diesen Sorgen zu entkommen.

Mein Wecker klingelt und reißt mich aus meiner Traumwelt. Einer Welt voller Respekt und ohne Gewalt. Bunt und voller Freiheit. Ich werde zurückgerissen in meine Realität. Eigentlich will ich hier nur wieder weg. Ich drehe mich nocheinmal um, aber ich nehme den Lärm war, der von draußen, von den Straßen kommt. Ich stehe auf, die Kälte nehme ich nicht wahr, ich frage mich was passiert ist und erschrecke, als ich aus dem Fenster sehe. Es ist ein Chaos. Menschen. Panische Menschen. Unruhige Menschen. So viele Menschen die herumrennen. Die Kälte, des Bodens, auf dem ich stehe, erreicht mich nun doch und ich ziehe mir einen Morgenmantel über. Alles in mir schreit danach wieder unter die warme Bettdecke zu kriechen. In meine Träume zu fliehen. Stattdessen greife ich hastig nach meinem Türschlüssel und renne die Treppen nach unten. Dort angekommen atme ich tief durch, ziehe meine Schultern zurück und spreche mir selber Mut zu. Als ich aus der Tür trete, werden die Rufe der Menschen noch lauter. Ich sehe mich um, aber kenne hier niemanden. Vor mir auf dem Boden liegt eine Zeitung. Nein, es ist nicht eine Zeitung, es ist Vorwärts. Mein Magen zieht sich zusammen und meine Hände fangen an zu zittern, während ich den Text überfliege. Die Überschrift: Reichstag geht in Flammen auf schreit mich aus dem Papier heraus an. Mein Blick wandert automatisch ans Ende des Artikels und sieht nach, von wem dieser stammt. Meine Hände verkrampfen sich um das Zeitungspapier und zerknittern es. Ein mir bekannter Name, ein enger Freund. Dass wird ein Nachspiel haben, aber wie wird es für ihn ausfallen?

Ich schmeiße die Zeitung in den Regenmatsch neben mir und gehe wieder in meine Wohnung. Türe aufschließen, Hausschuhe ausziehen, ins Schlafzimmer gehen, Morgenmantel aus und Arbeitstaugliche Kleidung an. Gesicht waschen, Zähne putzen, Schuhe und Mantel anziehen. Das Frühstück auslassen, Türe öffnen, über die Schwelle treten, Türe hinter mir zu ziehen und abschließen. Jeden einzelnen Schritt, jede einzelne Bewegung nehme ich zu sehr wahr. Meine Gedanken sind ein pures Chaos und ich muss garnicht erst versuchen dort eine Ordnung hineinzubringen, denn weiß, dass ich kläglich scheitern werde. Angekommen bei dem Gebäude der Frankfurter Zeitung registriere ich langsam was passiert ist. Ich betrete das Haus und gehe hinauf in den Redaktionsraum. Sein Platz ist leer und alle Gegenstände, die gestern noch auf seinem Tisch standen, sind weg. Irgendwie sagt mir mein Gefühl, dass er nicht einfach nur entlassen wurde. Viele meiner anderen Kollegen sitzen an ihren Plätzen, schreiben ihre Texte und reden kein Wort miteinander. So still ist es sonst nie. Man begrüßt sich, man verabschiedet sich. Man tauscht Ideen miteinander aus und hilft sich bei Schreibblockaden. Es ist so, als wäre die Angst, die ich spüre im ganzen Raum greifbar. Sie haben es auch mitbekommen. Sie wissen, dass er den Artikel verfasst hat. Wissen sie dann auch, wer ich bin? Wissen sie, wer E. Licht ist? Das darf nicht sein.

Diesen falschen Namen, trage ich schon lange als Pseudonym bei Artikeln, die mit einem gewissen Risiko geschrieben wurden. Meine Mutter sagte mir immer, dass meine Worte ihr Licht in dunklen Tagen waren. Dieser Satz blieb mir auch noch lange nach ihrem Tod in Erinnerung und inspirierten mich dazu ihn als Pseudonym zu verwenden.

Sie können es nicht wissen, niemand außer meinem verschwundenen Kollegen weiß Bescheid. Ich setze mich an meinen Platz und fange an, den Text von gestern zu beenden, doch es gelingt mir den ganzen Tag über nicht. Ich sitze da, überdenke jeden Satz, jedes Wort, jeden Buchstaben und bin noch vorsichtiger als sonst. Am Ende des Tages bin ich keinen Schritt weiter mit dem Artikel, aber ich habe einen Entschluss gefasst. Ich stehe auf und schließe den Deckel meines Füllers. Wahrscheinlich zum letzten Mal. Ich verlasse diesen Raum, für immer. Ich werde nicht wieder zurückkehren, keine Artikel mehr schreiben, hinter denen ich nicht stehe, werde nicht das Risiko eingehen, dass auch ich plötzlich verschwinde. 

Die Geschichten und Welten, die man mit Worten erschaffen kann, waren einst alles, was mir Freude machte. Alles, was ich den ganzen Tag machen wollte. Ich will schreiben, was ich denke, schreiben was ich fühle! Als Journalistin, als Frau hätte ich die Möglichkeit gehabt, eine Stimme zu sein. Eine Stimme für diejenigen, die sie nicht haben. Meine Stimme wurde mir genommen. Meine Freiheit wurde mir genommen und dass über Wochen hinweg. Ich sollte die Möglichkeit haben, kritisch über Dinge zu schreiben, die in meinem Land, auf dieser Welt passieren, doch ich muss um mein Leben fürchten, wenn ich dies mache. Die Angst, vor den Nazionalsozialisten hat Besitz von mir ergriffen und ich werde das Werk des Schreibens niederlegen.

Ich trete auf die nun leeren Straßen und gehe in die Innenstadt. Ich kann noch nicht in meine Wohnung, ich kann gerade nicht alleine sein. Die Räume würden mich einengen und ich hoffe darauf, dass wenn ich ein wenig in der Innenstadt auf und ab gehe, dieses scheußliche Gefühl abnehmen wird. Dass dieses Chaos zusammen mit der Kälte vergeht. Hätte ich gewusst, was passieren wird, wäre ich nie in die Stadt gegangen. Wäre nie auf dieser Bank gesessen und hätte nie mitbekommen wie Soldaten, das Haus mir gegenüber stürmen. Jedoch bin ich den gepflasterten Weg entlanggelaufen, meine Schritte klingen in meinen Ohren lauter als sie es in Wirklichkeit sind. Meine Hände sind tief vergraben in den Taschen des Mantels, den ich trage. Meine Schultern sind verspannt und schmerzen, meine Hände sind klamm und kalt. Die Augen habe ich auf den Boden gerichtet. Ich habe mich auf eine Bank gesetzt. Das Holz, auf dem ich sitze, ist aufgeweicht vom Regen und ich spüre die Kälte, die von ihr ausgeht, schon jetzt durch den Stoff des Mantels hindurch. Ich bin versunken und verloren in meinen Gedanken, bis das Geräusch einer berstenden Türe, die Luft, den kalten Nebel zerreißt. 

Ich sehe auf und wenige Minuten später haben drei in Uniform gekleidete Männer eine junge Frau gewaltsam aus dem Hauseingang mir gegenüber gezerrt. Ich bleibe sitzen und beobachte was passiert, bemerkt wurde ich noch nicht und ich hoffe verzweifelt, dass das so bleibt. Die Frau, klein, schlank und mit dunklen Haaren versucht sich zu wehren. Sie schlägt wild um sich, schreit um Hilfe. Ihre Stimme bricht und ich höre die Panik, doch niemand eilt ihr zur Hilfe. Hinzusehen schmerzt, aber ich kann mich nicht rühren und sitze erstarrt auf dieser Bank.  

Die Frau schafft es sich loszureißen und ich bin erstaunt darüber. Sie rennt und ich habe noch nie jemanden so rennen gesehen wie sie. Wir beide wissen, dass sie um ihr Leben kämpft. Ich bin verunsichert, was ich machen soll. Ich will aufspringen. Zu ihr. Helfen.  

Ich weiß, dass ich ihr nicht helfen kann. Sie sprintet, ihre Handtasche liegt auf dem Boden und einer der Männer sieht gelangweilt zu, während die anderen beiden hinterherjagen. Sie ist zu langsam, ich weiß es. Ich spüre es in jedem Teil meines Körpers. Ich will schreien. Ich will sie antreiben. Ich will ihr helfen, aber ich habe Angst vor dem, was ihr passieren wird. Wenn sie Glück hat, dann werden sie sie mitnehmen, wenn nicht, dann… Beten wir einfach, dass sie Glück hat. Der größere der beiden Soldaten hat sie eingeholt und am Mantel gepackt. Er reißt sie zu sich herum, doch dabei stürzt sie und schlägt hart mit dem Kopf auf dem Boden auf. Alle die auf diesem Platz sind, alle 5 Personen wissen, es ist vorbei. Die Soldaten gehen weg, einfach so. Sie drehen sich nicht um, entschuldigen sich nicht und werden nicht panisch wegen dem, was gerade passiert ist. Es war ein Unfall und es ist ihnen egal. Als die drei weg sind, kann ich mich endlich wieder rühren, meine Knie zittern und ich renne so schnell ich kann zu ihr hin. 

Ich Knie, mich neben sie entschuldige mich tausendmal, nehme ihre Hand, fühle ihren Puls. Er ist noch da jedoch schwach. Ich sehe, dass sie blutet und bemerke, dass sie mich mit klarem Blick ansieht. Ich rede sie voll, ich erkläre ihr, warum ich nicht gekommen bin, doch ich fühle mich wie ein Verräter. Jeder Satz, jedes Wort fühlt sich falsch und leer an. Warum bin ich nicht zu Ihr? Warum habe ich nicht geholfen? Warum nur? Sie greift meine Hand, gibt mir einen Zettel. Ihre Finger sind noch kälter als meine eigenen und in ihnen steckt kaum noch Kraft. Sie sagt, dass ich ihr nicht hätte helfen können und dass sie sich des Risikos bewusst war. Sie sagt, dass sie nicht bereut, so gehandelt zu haben und ich es auch nicht sollte. Sie sagt, dass sie wusste, wenn sie diesen Artikel veröffentlicht, sie ein extremes Risiko eingehen würde. Ein Artikel? Ich werde wahnsinnig, ich habe mich verhört. Alles vor meinen Augen verschwimmt.  Ist das alles überhaupt Real, oder ein Gespinst meiner eigenen Gedanken, meiner eigenen Sorgen und Ängste. Sie schließt die Augen und ich schüttele ihre Schultern, ich sage ihr, dass sie bei mir bleiben muss. Ich flehe Sie an, nicht zu gehen. Tränen kullern von meinen Wangen und landen auf ihr. Ich erzähle, dass ich auch Journalistin bin und dass ich noch nie eine andere Frau, die es auch ist, getroffen habe. Tränen Rollen mir weiter über das Gesicht und ich spüre deren Wärme auf meinen Wangen. Was ist nur los, mit dieser Welt!? Sie öffnet die Augen, es sieht aus, als würde es sie alles an Kraft Kosten, dass Sie noch hat. Sie sagt, dass es umso besser sei, dass ich jetzt da bin, dass es das Schicksal so wollte. Sie lächelt, während sie das sagt. Wie kann sie jetzt gerade lächeln. Sie flüstert, ich solle zu der Adresse gehen, es geht um Freiheit. Persönliche Freiheit. Politische Freiheit. Unsere Freiheit. Ich verspreche es ihr, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich dieses Versprechen halten werde. Sie lächelt und schließt ihre Augen.

Ich weine so lange bis ich kein bisschen mehr an Flüssigkeit in mir trage. Ich weine so lange, bis mein Kopf dröhnt und meine Brust schmerzt. Ich bleibe bei ihr. Ich sitze da und halte ihre Hand. Irgendwann stehe ich auf, gehe nach Hause und in mein Bett. Ich schlafe nicht, bekomme kein Auge zu und kann nicht aufhören an ihr Gesicht zu denken. Die ganze Zeit frage ich mich, was passiert wäre, wenn ich es gewesen wäre, die verfolgt wurde. Der Schlaf will mich auch die darauffolgende Nacht nicht holen und ich vermisse das Schreiben. Ich bereue nicht, dass ich gegangen bin, aber Geschichten erschaffen und Welten zu kreieren ist für mich etwas so Wunderschönes, dass es sich anfühlt, als wäre es wichtiger als alles andere. Ich habe mir den Notizzettel so oft angesehen, dass ich ihn auswendig kann. Ich kenne jede einzelne Linie auf diesem Blatt. Ich weiß wieviele Adjektive dort stehen, wieviele Nomen, wieviele Zahlen. Es ist eine Adresse und etwas kryptisch geschriebener Text. In Nacht drei, in der ich wachliege und nichts so richtig spüre beschließe ich, mein Versprechen zu halten. Es ist das Einzige, das ich jetzt noch für die junge Frau machen kann. Ich gehe nach draußen. Es ist dunkel, kalt und nebelig. Der Geruch von frischem Regen liegt in der Luft und es ist kein Geräusch zu hören. Dieser Weg dauert keine Viertelstunde, doch er fühlt sich an wie eine Ewigkeit. Ich bin geplagt von Sorgen und Ängsten. Ich weiß nicht, ob ich das richtige mache oder es bereuen werde. 

Es war die Richtige Entscheidung. In dem Keller, in den ich nach einigem Zögern der beiden jungen Männer, die mir öffneten, geführt wurde befand sich eine komplette Redaktion. Der Raum war klein, jedoch mit allem ausgestattet, was man für das Schreiben, verfassen und veröffentlichen einer Zeitung benötigt. Anscheinend vertraute man mir, denn ich wurde aufgenommen in die Runde der Journalist* innen, die hier an einer Ausgabe saßen, die uns allen das Leben und die Freiheit, zumindest dass kleine bisschen, das noch übrig war, kosten könnte. 

Nicht länger als eine Woche saßen wir an dieser Ausgabe. Es ging nicht darum, perfekte Texte zu verfassen, sondern dass zu schrieben, was man sagen will. Diese Gruppe, gab mir meine Stimme zurück und schenkte mir so etwas, für das ich auf ewig dankbar und in ihrer Schuld stehen werde. Am 07.03.1933 veröffentlichten wir die erste Ausgabe dieser Zeitung. Wir gaben ihr den Namen „Das Licht“. Alle, die an dieser Zeitung mitschrieben, waren so berührt von meinem Pseudonym und der Geschichte dahinter, die ich mal an einem späten Abend erzählte, dass sie es als Namen nutzen wollten. Heimlich verteilten wir die Zeitungen, legten Sie überall aus und sorgten dafür, dass sie nicht zu übersehen waren. Genau das wurden wir auch nicht, denn am nächsten Tag, gab es nicht anderes als diese Werke, diese Sammlung von Stimmen, diese Texte. Es hab nichts anderes, über das geredet wurde. Es gab niemanden der nicht davon wusste, niemanden, der die Artikel nicht heimlich gelesen hatte. Es war ein Meisterwerk. 

Nach diesen anstrengenden und nervenaufreibenden Tagen war ich froh, wieder einen ruhigen Moment für mich zu haben. Mein Geist sowie mein Körper sind erschöpft von der vielen Arbeit. Ich habe die vergangenen Tage so gut wie keine Zeit außerhalb dieses engen, stickigen Kellers verbracht und freue mich nun doch, wieder in meinem eigenen Bett und nicht auf einer unbequemen Matte zu liegen. 

Ich habe das Gefühl von Freiheit gespürt. Freiheit, um die wir kämpfen müssen. Freiheit, die wir wertschätzen müssen. Freiheit, die wir schützen müssen. Es muss Menschen geben, die ihre Meinung äußern. Menschen, die sagen, wofür sie einstehen und dazu habe ich mich entschieden. Ich habe Angst. Zu jedem Zeitpunkt, aber ich weiß, dass es die richtige Entscheidung war. 

Ich schlafe ein, verschwinde in das Reich meiner Träume und werde von lautem Klopfen an meiner Tür geweckt. Ich stehe auf, habe keine Ahnung wie viel Uhr es ist. Ich öffne die Türe und weiß tief in mir drin eigentlich schon, was mich erwartet. Nationalsozialisten in Uniform. Groß, blond und mit emotionslosen, harten Gesichtern stehen sie vor mir. Sie sehen mich an. In diesen Blicken liegt zu viel Gewissheit. Zu viel Bewusstsein für die Macht, die sie haben. Sie fragen mich, ob ich E. Licht bin. Ich spüre die Angst tief in meinen Knochen, aber sie beherrscht mich nicht mehr. Ich denke an das Lächeln der jungen Frau. Ich weiß, dass das Licht noch nicht erloschen ist, dass Hoffnung besteht. Ich hole Luft und antworte.