Zurück in die Gegenwart

von Magdalena Mair

Genervt wische ich über meinen Handybildschirm. Langweilig, noch langweiliger. Oh, was ist das? Ach so, doch nur ein Bericht über die beliebtesten Kindernamen 2025, als ob es mich interessiert, ob Eltern ihre Kinder Sophia, Matteo, Emma oder Felix nennen. Frustriert lege ich mein Handy zur Seite. Wie soll ich bei all den öden Schlagzeilen nur ein gutes Referat über Pressefreiheit zustande bringen? Immerhin überleben wir Menschen auch ohne zu wissen welche Babynamen im Trend liegen, ein Sudokurätsel zu lösen oder zu erfahren wie die Preissprünge bei Lebensmitteln im vergangenen Jahr waren. Kaufen muss man sie, wenn man nicht verhungern will, so oder so. Aber ich beschließe mir darüber morgen weiter den Kopf zu zerbrechen und knipse das Licht aus. Und ehe ich mich versehe, befindet mein müdes Gehirn sich auch schon tief im Land der Träume. Doch plötzlich durchzuckt ein greller Blitz mein inneres Auge. Mein Zimmer erleuchtet. Erschrocken zucke ich zusammen und schlage die Augen auf. Zu meiner Überraschung ist um mich herum jedoch alles Zappen duster. Wo bin ich? Immernoch völlig orientierungslos taste ich nach meiner Nachtischlampe, aber dort wo sich normalerweise der Lichtschalter befindet, ist keiner. Verdammt, wo ist er bloß? Stattdessen klatscht meine Hand immer wieder gegen etwas hartes raues. Auch der 

Untergrund, auf dem ich liege, fühlt sich so gar nicht nach meiner weichen 

Federkernmatratze an. Ganz zu schweigen von der Decke, die an meinen nackten Beinen kratz. Entschlossen schwinge ich mich aus dem Bett, um nach einer Lichtquelle zu suchen. Vorsichtig tappe ich über den kalten Boden. Schließlich werde ich neben der Tür fündig und drücke auf den Schalter. Nur wenige Sekunden später wird der Raum in ein schummriges Licht getaucht. Zu meiner Überraschung kommt mir das Zimmer überraschend bekannt vor. Es sieht sogar aus wie mein eigenes, nur in einer anderen Zeit. Mein Sitzsack ist verschwunden, genau wie einige meiner Bücher. Stattdessen stehen im Regal Werke wie “Mein Kampf“. Warte was? Wieso besaß ich ein Buch des deutschen Diktators Adolf Hitler? Schockiert blicke ich an mir herunter. Doch was ich nun sehe, überrascht mich nur noch viel mehr. Anstelle meines Schlafanzugs trage ich eine kurze schwarze Hose, Lackschuhe, Krawatte und ein hellgelbes Hemd. Eilig haste ich ins Badezimmer, um mich genauer zu betrachten. Auch der Rest vom Haus kommt mir erstaunlich bekannt vor. Es wirkt nur etwas aus der Zeit gefallen. Gebannt starre ich in den Spiegel. Meine Harre sind plötzlich blond statt braun und ich trage sie zu einem Seitenscheitel frisiert. Dennoch gibt es keinen Zweifel, der Junge im Spiegel bin ich. „Horst, Adolf, kommt ihr bitte zum Frühstück.“, ertönt plötzlich die Stimme meiner Mutter durchs Haus. Erschrocken drehte ich mich um. Wer sind bitte Adolf und Horst? Schnell werfe ich einen Blick aufs Waschbecken. Dort stehen nach wie vor jedoch nur fünf Zahnbürsten. Eine für mich, eine für meinen Bruder, eine für meinen Opa und zwei für meine Eltern. Sind mit Horst und Adolf etwa mein Bruder und ich gemeint? Entschlossen es herauszufinden, mache ich mich auf den Weg in die Küche. Dort treffe ich auf meinen Opa, meine Eltern, sowie meinen kleinen Bruder. Auch sie tragen Klamotten wie aus einem Geschichtsbuch. „Schön, dass du uns auch endlich mit deiner Anwesenheit beehrst, Horst.“, begrüßt mich meine Mutter. Meine Befürchtung ist also wahr, ich bin Horst. Nicht das ich meinen alten Namen besonders mochte, vor allem mein Zweitname Karl gefiel mir nie, doch Horst treibt das Ganze eindeutig auf die Spitze. Doch viel Zeit zum Nachdenken bleibt mir nicht, da drückt meine Mama mir schon zwei Scheiben Brot in die Hand und ich nehme an dem stillen Frühstückstisch Platz. Irritiert lasse ich meinen Blick zwischen Opa und Papa schweifen. Normalerweise liefern die Beiden sich bereits früh morgens eine heftige Debatte über die aktuellen politischen Ereignisse. Sie bestellen sich sogar unterschiedliche Zeitungen, obwohl sie im selben Haus leben. Doch heute scheint Opa still in seine Zeitung vertieft zu sein und Papa beschmiert sich sein Brot mit einer dicken Schicht Erdbeermarmelade. „Dieser Hitler ist wirklich ein guter Mann.“, bricht mein Opa schließlich das Schweigen. Endlich, so langsam wurde die Stille unangenehm. „Echt, zeig mal her.“, entgegne ich und lasse mir von ihm die Zeitung über den Tisch reichen. Eigentlich nur um mich zu versichern, dass wir noch im Jahr 2026 leben. Mein Blick fällt auf das Veröffentlichungsdatum, dort steht in dicken Buchstaben geschrieben 05. Jan. 1934. Erschrocken zucke ich zusammen. Verdammt, ich befinde mich im Jahr 1934. Das ist eine Sensation, ich bin der erste Mensch, dem eine Zeitreise gelungen ist. Gewiss wäre 1934 nicht meine erste Wahl gewesen, aber es ist immerhin besser als nichts. Ich würde eine Berühmtheit werden und in die Geschichtsbücher eingehen. Schließlich gelingt es mir meinen Blick von der Jahreszahl loszureißen und nach unten wandern zu lassen. Dort prangt in großen Buchstaben die Headline: Hitler, ein Held, der den Juden den Kampf ansagt. „Ja, Adolf ist wirklich ein ausgezeichneter Führer, der uns vor all den Juden und 

Linksextremen schützt.“, pflichtet mein Papa bei. Beinahe hätte ich mich an meinem 

Brot verschluckt. Hatte er das gerade wirklich gesagt, mein Papa, der immer so für Gleichberechtigung war und etliche jüdische und ausländische Freunde besahs? Ich blättere weiter durch das Pressewesen und konnte auf fast jeder Seite ausschließlich 

Artikel über Adolf Hitler, sowie sein bezauberndes Handeln finden. Wussten die 

Journalisten etwa nicht, was Hitler alles angerichtet hat? Wie er Juden verfolgte, Menschen grundlos wegsperrte, ihnen die Meinungsfreiheit raubte oder später den zweiten Weltkrieg anzettelte.  Auch meine Eltern scheinen nahezu entzückt von ihm. „Adolf, Horst macht ihr euch bitte auf zur Schule. Ach, heute Mittag gibt es Eintopf.“, teilt meine Mutter uns mit. Überrascht schaue ich sie an: „Arbeitest du den heute gar nicht?“. So weit ich mich erinnern konnte, verbrachte meine Mutter bisher jeden Dienstag in der Praxis. „Schätzchen mach dich doch nicht lächerlich. Du weißt doch, dass dein Vater und ich uns für das Ehestandsdarlehen entschieden haben. Immerhin erhielten wir 1.000 Reichsmark dafür, dass ich nach meiner Eheschließung meinen Beruf aufgebe. Wahrscheinlich ist es auch besser so, Frauen gehören nun Mal hinter einen Herd“. „Sagt wer?“, frage ich bestürzt. „Na die Regierung und die Medien.“, entgegnet sie.  Jetzt bin ich endgültig verwirrt. Ausgerechnet meine Mama, die ihren Job als Ärztin so geliebt hat, verpflichtet sich nach ihrer Hochzeit all das aufzugeben nur, weil die Zeitung und das Regime, das von ihr verlangen. Denn dass es meiner Mutter nicht ums Geld geht, ist mir klar. Soweit ich mich erinnern kann, hatte meine Familie nie finanzielle Nöte. Auch Reichtümer waren meinen Eltern bisher gänzlich egal, solange es uns allen gesundheitlich gut geht.  Das wollte mir nicht in den Sinn gehen.  

Völlig abgehetzt treffe ich in der Schule ein. Offenbar scheinen auch Schulbusse ein knappes Gut 1934 zu sein, weshalb mein Bruder, der tatsächlich auf den Namen Adolf getauft wurde, und ich ganze 30 Minuten zu Fuß unterwegs waren. Gleich auf dem Gang kommt mir meine Freundin Emilia entgegengelaufen. Doch anstatt ihrer Jeans und einem T-Shirt trägt sie einen langen schwarzen Rock, eine weiße Bluse und eine Krawatte. Etwas, dass sie im Jahr 2026 niemals freiwellig angerührt hätte. Ich schenke ihr ein freundliches Lächeln und bemerke erst jetzt, dass ihre Augen stark gerötet sind. Offensichtlich hatte Emilia geweint. „Alles gut?“, möchte ich sofort wissen und schließe sie in meine Arme. „Nein, aber ich kann darüber nicht reden. Nicht jetzt, nicht hier.“. Sie zieht eine ängstliche Miene und schluchzt laut auf.  Was auch immer vorgefallen war, es scheint ihr große Sorgen zu bereiten.  „Dann lass uns in den Kunstsaal gehen.“, sage ich 

mit betont weicher Stimme. Der Kunstsaal ist unser gemeinsamer Safe Space in der Schule. Da ich mich mit unserem Kunstlehrer sehr gut verstehe, erlaubt er mir und Emilia ihn in den Pausen und vor der Schule als Rückzugsort zu benutzen, wenn uns alles zu viel wird oder wir einfach unsere Ruhe wollen.  Leise schließe ich die Tür hinter mir. Mit einer leichten Handbewegung deute ich auf eine der Bänke. Sie sehen aus wie ich sie in Erinnerung habe, mit unzähligen kleinen Farbspritzern verziert, jedoch fehlt ihre Höhenverstellbarkeit. Wir setzten uns nebeneinander. Eine Weile sagt keiner von uns etwas. Wir genießen einfach nur die Ruhe und hängen unseren eigenen Gedanken nach. Emilia ist eine der wenigen Menschen, mit denen ich mich über nichts unterhalten muss, ohne dass sich ein unangenehmes Gefühl in mir breit macht. Bei meinem Bruder und mir war es auch immer so, doch seit meiner Zeitreise scheint er wie ausgewechselt zu sein. Es ist nicht nur sein neuer Name, an den ich mich wohl erst noch gewöhnen muss, sondern auch seine Art. Ohne genau sagen zu können was es ist. Was ich jedoch weis ist, dass ich mir den alten Tim um jeden Preis zurückwünsche. „Was ist denn passiert?“, breche ich schließlich das Schweigen. „Ich bin aus der Schülerzeitung geflogen und mein Vater ist seit gestern weg.“, erzählt mir Emilia unter Tränen. Die Worte scheinen ihr nur schwer über die Lippen zu kommen. „Das ist schrecklich! Aber wieso bist du aus der Zeitung geflogen und was ist mit deinem Papa geschehen? Er ist doch nicht etwa gestorben?“, frage ich bestürzt. „Nein, dass nicht. Er ist ins Exil in die Schweiz geflohen. Er konnte es nicht länger ertragen, dass das NS-Regime die Juden für die Niederlage des ersten Weltkriegs, sowie Arbeitslosigkeit, Wirtschaftskrisen oder Inflation verantwortlich machen. Aus diesem Grund hat er einen Artikel verfasst, in dem er aufzeigte, dass die wahre Ursache komplexe politische sowie wirtschaftliche Entscheidungen sind und die Juden gerade mal eine Minderheit ohne besondere Macht sind. Das gefällt Hitler und seiner Regierung natürlich nicht. Aus lauter Angst davor, dass die NSDAP herausfindet, dass seine Tochter in der Schülerzeitung tätig ist und sie verboten wird, hat mein Lehrer beschlossen mich aus dem Journalistenteam zu schmeißen.“, berichtete sie. Eine dicke Träne rollt über ihre Wange. Behutsam wische ich sie mit dem Ärmel meines Hemdes weg. „Herrscht in Deutschland keine Pressefreiheit?“, muss ich an der Stelle nachhacken. „Schon seit der Machtübernahme der Nazis nicht mehr. Gleich zu Beginn der Amtszeit verkündete Propagandaminister Joseph Goebbels, dass man sich zur nationalsozialistischen Partei ohne Wenn und Aber mit einem klaren Ja oder Nein positionieren muss. Ausschließlich Befürworter der Regierung durften ihren Beruf weiter ausüben. Damals hatte mein Vater noch Glück, da er weder für eine sozialdemokratische noch eine links orientierte Zeitung der SPD oder KPD schrieb. Übrig blieb die Presse der NSDAP, sowie die bürgerlichen Medien, um die sich dann das Schriftleitergesetz kümmerte. Mit Hilfe des Gesetzes änderten sie nicht nur die Namen der Journalisten von Redakteur in Schriftleiter, sowie den Titel Chefredakteur in Hauptschriftleiter, sondern legten auch Rahmenbedingungen fest, die 

Medienschafende zu erfüllen hatten. Eine Regel besagt beispielsweise, dass nur Menschen mit deutscher Reichsangehörigkeit und einem “Ariennachweis“ als 

Journalisten tätig sein dürfen. Das bedeutet alle die aus dem Ausland stammen, Deutsche mit jüdischem Glauben, sowie Menschen, die mit einer nicht arischen Person verheiratet sind, haben keine Möglichkeit den Weg in die Medien einzuschlagen. Durch diese Regel wird sämtliche persönliche Vielfalt an Reportern ausgelöscht. Natürlich betrachtet eine jüdische Person oder ein Mensch mit afrikanischen Wurzeln das Geschehen im Lande anders und würde eher auf Missstände, sowie falsche politische Entscheidungen aufmerksam machen. Etwas, das Hitlers Macht gefährlich werden könnte, daher dürfen ab sofort nur noch Journalisten für Zeitungen schreiben, die zumindest aus kultureller Sicht seinen Anforderungen entsprechen und wahrscheinlich eher dazu neigen das zu berichten, was er gerne hören möchte, auch wenn es nicht die Wahrheit ist.  Jedenfalls konnte mein Papa diese Anforderung erfüllen, genau wie die Erhaltung der Pflichtmitgliedschaft in der Reichspressekammer, die einem ohne konkrete Begründung nicht gestatten werden, kann. Wer sich politisch nicht fügsam zeigt, ist also auch weg vom Fenster. Doch mit dem Artikel über Juden, brach er die wohl wichtigste Regel, die Verpflichtung zur Loyalität gegenüber der NS-Diktatur.  Außerdem hat er über für Hitlers Regierung schädliche Themen berichtet. So gelingt es der NSDAP Tag für Tag unerwünschte Journalisten aus ihrem Job zu entfernen. Dazu kommt, dass viele Presseleute nicht nur ihren Job verlieren, sondern häufig auch Gerichtverfahren gegen jüdische oder klassenlose Medienschaffende eingeleitet werden.“, erklärt mir Emilia und atmet einmal tief durch. Erschrocken zucke ist zusammen. Dass es 1934 so kritisch, um 

die Sicherheit von Journalisten steht und die Regierung dermaßen in die 

Berichterstattung eingreift, wusste ich nicht. Dabei ist ein wichtiger Teil der 

Pressefreiheit, dass Medien unabhängig von Regierung und Firmen berichten. „Richtig! Probleme wie steigende Preise, Umweltverschmutzung, Schulmissstände oder andere Themen, die für Hitlers Partei gefährlich werden könnten, werden zensiert. Dazu kommt, dass Menschen einseitige Informationen vermittelt bekommen, was zur Bildung einer Einheitsmeinung führt. Die NSDAP unterdrückt also die freie Pressearbeit und erhält dadurch Kontrolle über das gesellschaftliche Leben und schafft es die Medien unter Kontrolle zu halten.“, fuhr meine Freundin fort und wischt sich die letzten Tränen aus den Augenwinkeln. Wie gerne würde ich ihr jetzt all den Schmerz und ihre Sorgen nehmen. Das alles nur, weil ein Größenwahnsinniger an der Regierung beschlossen hatte, Pressefreiheit sei unnötig.  

Den ganzen Schultag denke ich über Emilias Worte nach. Egal wie oft ich versuchte mich auf mathematische Formeln oder chemische Gleichungen zu konzentrieren, ihre Worte wollten mir nicht aus dem Kopf gehen. Aus dieser Perspektive habe ich die Journalismusarbeit noch nie betrachtet. Es scheint offenbar mehr hinter Medienfreiheit zustecken, als ich bisher angenommen habe. Berichte, wie die von Emilias Vater, sorgen für eine Kontrolle der Macht im Interesse der Gesellschaft, verschafft der Bevölkerung das Recht auf seriöse Informationen, gibt Minderheiten eine Stimme und stärkt die Demokratie. Auch in meiner Familie zeigt die mangelnde Medienfreiheit Folgen. Die morgendlichen Politikdiskussionen am Frühstückstisch sind von einem auf den anderen Tag verschwunden. Grund dafür ist, dass in Zeitungen keine seriösen Fakten oder für und wider Punkte mehr stehen, sondern eine vorgegebene Meinung.  Plötzlich wünsche ich mir nichts mehr sehnlicher zurück als, dass mein Opa und mein Papa sich mal wieder darüber in die Haare kriegen, ob ein veganes Produkt Wurst heißen darf oder nicht. Endlich ertönte der Gong. Ich glaube das waren die längsten sechs Stunden meines Lebens. Hastig erhebe ich mich von meinem Stuhl, stopfe meine Hefte in den Ranzen und verschwinde aus der Tür. Auf dem Gang strömen mir bereits etliche Schüler entgegen. Ein lautes Gekreische halt durch den Raum und in der Luft hing bereits der Duft nach dem Mittagessen für die Nachmittagsschule. Ich schlendere zu meinem Spind hinüber. Der Schrank quietscht, als ich ihn öffne. Dabei fällt auf einmal ein kleines Papierstück herunter. Verwundert hebe ich den Zettel auf. Darauf ist eine 

durchgestrichene Zeichnung von Adolf Hitler zu sehen. Darunter prangen in krakeliger 

Schrift die Worte: Pressefreiheit ist kein “Extra“, sondern eine Voraussetzung für 

Demokratie. Gebannt starre ich auf den Zettel, bei dem es sich zweifellos um ein Flugblatt handelt. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass diese Worte in mir nichts auslösen. Denn plötzlich fühle ich mich verdammt schuldig und dumm. Ich hatte in den Medien bis vorkurzem bloß unnötige und langweile Artikel gesehen, nicht aber die Verantwortung, die Journalisten Tag für Tag in einer Demokratie tragen. Doch ein Schüler hat nicht nur seinen ganzen Mut zusammengenommen und das erkannt wofür ich ganze 17 Jahre gebraucht habe, sondern auch gehandelt. Zu oft jammern wir Bürger nur, anstatt uns wirklich dafür einzusetzen. Freiheiten, wie die der Presse oder auch das Recht seine ehrliche Meinung äußern zu dürfen, sollte keiner als Selbstverständlichkeit sehen, sondern als Privileg, das es zu nutzen gilt. Freiheit für Medien betrifft nämlich nicht nur Journalisten, sondern uns alle. Sie schützt uns vor falschen Nachrichten und liefert zuverlässige Fakten, sowie Hintergrundinformationen, wodurch uns echte Wahlen ermöglicht werden, wir politisch mitreden können und uns gesellschaftlich aktiv beteiligen können. Sie ist also Grundvoraussetzung für eine vom Volk mitbestimmte Politik. Dazu kommt mir auch ein Zitat von Olaf Scholz in den Sinn, Demokratie stirbt dort, wo die freie Presse unterdrückt wird. Ein Zitat, das ich zuerst nicht verstand, für mich jetzt aber einen klaren Sinn ergib. Ebenfalls kommt mir eine Studie von Reportern ohne Grenzen aus dem Jahr 2025 wieder in den Kopf, die ich zur Vorbereitung auf mein Referat gelesen hatte. Darin steht, dass in gerade mal sieben Ländern weltweit eine gute 

Lange für den Journalismus herrscht, in 35 Staaten stuft die Organisation die Lage als zufriedenstellend ein und in 42 Ländern sogar als sehr ernst. Zu den Spitzenreitern gehören die Niederlande, Estland, Norwegen oder Finnland, kritisch wird die Medienfreiheit hingegen in Ländern wie Russland, China, Saudi-Arabien oder Ägypten gesehen. Die letzten Kinder strömen aus dem Schulgebäude. Entschlossen stopfe ich das Flugblatt in meinen Schulranzen. Sobald ich Zuhause bin, werde ich mich weiter damit beschäftigen und versuchen die oder den Verfasser/in ausfindig zu machen. Gerade als ich die Treppenstufen vor der Eingangstür nach unten steige, spüre ich plötzlich einen starken Stoß in den Rücken. Erschrocken stolpere ich nach vorne. Ein tiefer Schmerz durchfährt meinen Körper, als ich auf den harten Asphaltboden knalle. Meine Beine, meine Arme, mein ganzer Körper fühlt sich auf einmal unfassbar schwer und gelähmt an. Plötzlich beginnt sich alles um mich herum zu drehen. Was ist jetzt los? Doch mein Gehirn ist zu schwach, um sich ernsthafte Gedanken zu machen. Das letzte was ich denke, ist nein, ich will nicht. Dann ist plötzlich alles dunkel. Da sind nur noch ich und unfassbar viele kleine schwarze Vierecke, die irgendwie auf mich zukommen zu scheinen. Angst durchflutet meinen Körper. Ein heller Blitz erscheint, dann ist alles schlagartig wieder düster. Erschrocken schlage ich die Augen auf. War das ganze etwa nur ein Traum und ich bin gar nicht in der Zeit gereist? Mit schmerzverzogenem Gesicht greife ich mir an den Kopf. Verdammt, wo kommen diese Kopfschmerzen auf einmal her. Um mich herum herrscht Dunkelheit. Das einzige Licht sind die blau leuchtenden 

Zahlen meines Weckers. Meines Weckers, bedeutet das etwa, dass ich mich in meinem Zimmer befinde? Im Jahr 2026? Hastig taste ich nach dem Lichtschalter. Tatsächlich werde ich auch fündig. Innerhalb weniger Sekunden ist mein Zimmer in ein schummriges Licht getaucht. Mein Blick wandert hinüber zu meinem Bücherregal. Alle meine Geschichten stehen feinsäuberlich sortiert da. Von “Mein Kampf“ fehlt zum Glück jede Spur. Auch mein Sitzsack liegt wieder an Ort und Stelle. Ich sehe erneut auf die Uhr. Es ist jetzt 5:30 Uhr. Entschlossen schwinge ich mich aus dem Bett. In einer halben Stunde hätte ich sowieso aufstehen müssen und nach diesem Traum wusste ich genau was ich in meinem Referat sagen möchte. Nämlich nicht die langweiligen Standartfakten von Wikipedia, sondern was Pressefreiheit für einen ganz normalen Menschen im Alltag wirklich bedeutet, und was passiert, wenn sie auf einmal nicht mehr vorhanden ist. Das Trügerische daran ist nämlich, dass der Verlust meinst schleichend kommt. Zeitungen gibt es ja noch. Erst mit der Zeit merken die Menschen, dass immer mehr wichtige Themen in den Medien nicht mehr thematisiert werden, Kritik schwindet und alternative Meinungen kaum noch aufgezeigt werden. Durch den Mangel an Alternativen können Menschen sich nicht über anderweitige Parteien informieren und so die Chance bekommen die Fraktion zu wählen, die ihre Zukunftsvisionen und Werte teilen. Demokratie wird mehr zu einer Formalität als einer echten Möglichkeit mitzuentscheiden. Wichtig ist aber auch zu wissen, dass wir etwas für die Unterstützung der Pressefreiheit tun können. Beispielsweise indem wir Petitionen, sowie Initiativen rund um Medienrechte unterstützen, Zeitungen abonnieren oder seriöse Pressearbeit anderweitig finanziell stärken, uns über Entscheidungen rund um Medienfreiheit informieren oder Parteien wählen, die sich für Pressefreiheit einsetzen. Durch meinen Traum ist mir auch bewusst geworden, dass wir Menschen besonders in Zeiten von Krisen dazu neigen konservativer zu denken. Probleme gab es 1934, aber auch heute sind Zeitungen geprägt von negativen Berichten. Trotzdem müssen wir aufpassen, dass unser Denken nicht in eine extreme Richtung abdriftet.  

Quelle vom Zitat: Bundeskanzler a.D. Olaf Scholz auf X: „Die Demokratie stirbt dort, wo die freie #Presse unterdrückt wird. Das beobachten wir überall in der Welt – auch in Russland. Mit Zensur, Desinformation, Drohungen und roher Gewalt wird versucht, eine freie und unabhängige Berichterstattung zu verhindern. 1/2“ / X