Staub

von Julia Nausner

Staub rieselt von den Regalen über ihr. Die wenigen Sonnenstrahlen, welche sich hierhin verirrt haben, lassen die Staubflusen erleuchten. Wie kleine Schneeflocken, die sich der Schwerkraft entziehen, tänzeln sie durch die Luft, drehen sich umeinander, als führen sie einen längst vergessenen Volkstanz auf. Einen, bei dem man sich Arm in Arm im Kreis dreht, immer wieder die Partnerin wechselt, Blasmusik und Streicher im Hintergrund. Tia hat schon lange keine solchen Instrumente mehr gehört. Instrumente sind was für die Menschen hinter der Mauer, wurde ihr immer gesagt. Für die Menschen ohne Sorgen, ohne Schmerzen, ohne Moral. Sie hier brauchen das Holz für die Wärme, für ihre Hütten und für das Werkzeug. Vor allem das Wissen über das Handwerk der Instrumente ist lange verloren und der Internetzugang nicht stetig genug, um ihn für so etwas zu verbrauchen. Also singen sie. Denn die Musik ist ihnen geblieben. Und so summt Tia in ihrem Kopf eine kleine Melodie, während sie den tanzenden Staub beim sich Nähern der Erde beobachtet. Irgendwann ist auch er dem Boden nahe und muss sich den Gesetzen der Physik ergeben.

Die Regale sind mehr als doppelt so hoch wie Tia und nur halb gefüllt. Doch selbst das fasziniert die junge Frau, für welche Bücher etwas ganz Besonderes sind. Am liebsten würde sie durch die Gänge streifen, die Finger über die Buchrücken fahren und jedes Einzelne herausholen, durchblättern, inhalieren. Sie möchte den Geruch aufnehmen. Der blättrige Geruch mit einem Hauch von Tinte. Und ein modriger Geruch, der sich nach all den Jahren ohne Berührung nicht verhindern lässt. Doch Tia kann ihren Gelüsten nicht nachgehen, muss ihren Blick lösen und sich ihrer Mission widmen. Wobei Mission zu viel gesagt wäre. Eigentlich weiß Tia gar nicht, was auf sie zukommen wird. Eine Einladung war vor zwei Wochen bei ihr eingeflattert. Buchstäblich. Eine Drohne im Aussehen einer Brieftaube landete im Innenhof ihrer Kommune. Es war ein Freund von ihr, welcher das Gerät als erstes entdeckte und sofort versuchte zu entschärfen. Es hätte alles dahinterstecken können. Auch Sprengstoff wäre keine Überraschung gewesen. Doch nach vorsichtigem Nähern warf die Drohne einen handgeschriebenen Brief ab und entfernte sich wieder, stieg mit surrenden Klängen auf und flog wieder Richtung Hauptstadt. 

Der Brief war an Tia adressiert. Es war ihr unangenehm. Sie merkte, wie die Leute anfingen, hinter ihrem Rücken darüber zu reden, über sie zu reden. Und doch konnte Tia das Geheimnis nicht lüften, musste schweigen und lügen und den Menschen aus dem Weg gehen, welche ihr sowieso noch nie vertraut hatten. Doch der Brief bedeutete ihr viel. Denn er war von einer Person, die ihr trotz der unterschiedlichen Meinungen, so viel bedeutet.

Tias Schritte hallen duch den Korridor. Der Gang ist dunkel, die Fenster mit Brettern zugenagelt. Nur durch die Schlitze dringt Licht. Der Boden, durchdrungen von wildem Unkraut und mit Fließen verlegt, zieht ihr all die Wärme aus den Füßen, die nur durch dünne Schuhe bedeckt sind. Stiefel wären zu dieser Jahreszeit angebracht, doch Tias Stiefel sind schon letzten Winter auseinander gefallen und seitdem hat sie keine Neuen gefunden. Also friert sie, wenn sie ihre Füße nicht am Feuer wärmen kann. Doch hier ein Feuer zu entzünden, wäre viel zu riskant. Aufgrund zweier Punkte: Sie würde der Schutzpatrouille ein direktes Zeichen geben, fast schon schreien „Hier bin ich, holt mich!“. Und sie würde den Schatz an Büchern gefährden, die den ersten Verbrennungen entgangen waren. Tia hat das nicht mitbekommen. Damals war sie noch nicht auf der Welt gewesen und zur heutigen Zeit werden keine Bücher mehr verbrannt. Es gibt keinen Nutzen mehr dafür. Die Bibliotheken sind längst verriegelt und verschlossen, die Macht längst gesichert. Es war aufwändig für Tia, hier hineinzukommen. Ein Fenster musste zerstört und der Weg dorthin auf wackeligen Tischen erklommen werden. Die Damentoilette im 2. Stock war somit das Erste, was Tia in der ersten Bibliothek ihres Lebens erblickte. Unspektakulär für die einen, faszinierend jedoch für Tia, die es nur gewöhnt war, ihre Hinterlassenschaften mit Spähnen zu überdecken. Trotzdem verbrachte sie keine Sekunde länger als nötig dort, denn direkt am Fenster lebt man gefährlich. Vor allem in diesem Teil des Rings. Im Norden der Hauptstadt, im sogenannten verlorenen Teil, dort wo Tia aufgewachsen ist, leben sie vergleichsweise sicher. Die Schutzpatrouillen trauen sich dort meistens nicht hin. Hier im Süden jedoch trifft man ständig auf sie. Und Kontrollen stehen an der Tagesordnung. Nicht, dass Tia etwas Illegales mit sich herumtragen würde. Es ist ihr Gesicht, welches sie nicht zeigen darf, welches nicht erkannt werden darf. Vermutlich wählte Sie diesen Teil des Rings, weil er für Sie der sicherere Ort ist. Einfache Anfahrt mit der einzigen Bahn, welche Hauptstadt mit Ring verbindet, guter Empfang für ihre Ausrüstungen und schnelle Rettung, falls sich doch Gefahr auftun würde. Dabei ist es eigentlich Tia, die sich in Gefahr begibt.

Am Ende des Korridors ragt eine große Doppeltür aus massivem Holz in die Höhe. Der Flur teilt sich in zwei weitere Gänge auf, doch Tia interessierrt sich nur für die metallenen Buchstaben, die über der Tür im Bogen geschrieben stehen und das Wort Planetarium buchstabieren. Es sind alte Buchstaben. Tia braucht einen Moment, um sie zu entziffern. Sie ist gut im Lesen. Trotzdem fehlt ihr die Übung. 

Ein Geräusch hallt über den Flur und lässt Tia zusammenzucken. Sie dreht sich im Kreis, versucht die Töne zu orten, einzuordnen. Beides gelingt ihr nicht. Sie zieht ihre Kapuze noch weiter über ihren Kopf und das Halstuch noch tiefer in ihr Gesicht. Einige Momente bleibt sie regungslos, macht keinen Laut. Als sie die Situation als nicht gefährlich einstuft, wendet sie sich wieder der Tür zu. Mit aller Kraft stemmt sie sich dagegen und bringt das Holz in Bewegung. Die Scharniere scheinen gerostet zu sein. Der Raum dahinter ist gigantisch. Tia versucht, alles gleichzeitig in sich aufzunehmen. Die Kuppel, die Reihen gepolsteter Stühle, der mit Teppich verlegte Boden, die Anlage in der Mitte. Noch nie hat Tia ein Planetarium betreten. Den Sinn dahinter hatte sie bis jetzt nicht verstanden. Man sieht den Sternenhimmel nachts doch mit bloßem Auge wunderbar. Nur die Lichtverschmutzung der Hauptstadt macht es manchmal schwierig. Am liebsten würde Tia das Gerät in der Mitte anwerfen, doch sie bezweifelt, dass das Gebäude noch mit Strom versorgt wird. Dem gesamten Ring wurde vor einigen Jahren der Strom abgestellt, als die Aufstände zu groß geworden waren. Es war Tia, welche damals die Berichte geschrieben, die Fotos geschossen und die Flyer verteilt hatte. Und es war Sie, die ihr dabei geholfen hatte. 

Sie ist es auch, die jetzt kommen sollte. Jeden Moment. Tias Puls steigt, obwohl sie ihn eigentlich gut unter Kontrolle hat. Nicht bei ihrer ersten Festnahme und auch nicht bei den etlichen Malen danach, stieg ihr Puls auf die Höhe, auf die er jetzt steigt. Tief atmet sie durch ihre Nase ein und durch den Mund wieder aus. Ihre Hand auf der Brust und die Augen geschlossen verweilt sie einige Sekunden, bis sich ihr Körper der Situation angepasst hat. Und sie setzt sich. In die erste Reihe, lässt sich umarmen von dem tiefblauen Stoff. Nicht müde werden, sagt sie sich selbst. Doch der Tag war schon viel zu lang. Vier Stunden Fußmarsch und eine Fahrt mit einem verdächtig aussehenden Auto liegen hinter ihr. Doch ihre Zweifel gegenüber dem älteren Mann in dem vierrädrigen Klappergestell stellten sich als unnötig heraus. Er brachte sie sicher durch die rote Zone, einem Bereich mit besonders strenger Überwachung, da die Haupstädtler dort einen Großteil ihrer Ressourcen herbekommen. Die Kontrolle war auch nur oberflächlich, da das Auto nur eine Durchfahrtsgenehmigung, keine Bleibeerlaubnis hatte. Deswegen schaute niemand in den Kofferraum, in welchen Tia sich zusammengekauert hatte. Es war gut, dass sie sich für diese Route entschieden hatte und nicht die Überquerung des Flusses in Betracht gezogen hatte. 65 Meter schwimmen wäre nicht das Problem gewesen. Die Strömung, die Wachtürme, die Boote. Die hatten sie eingeschüchtert.

Und jetzt ist Tia hier. Im Süden des Rings, wo sich nur Menschen aufhalten, die noch darauf hoffen, irgendwann in die Hauptstadt aufgenommen zu werden. Tia weiß, dass es Möglichkeiten gibt. Sie hat es schließlich geschafft. Trotzdem weiß sie auch, dass die Menschen im Süden vergeblich warten. Ihr Aussehen, ihre Bildung, ihre Sprache. All das wird die Hauptstädtler niemals davon überzeugen, ihnen die Tore zu öffnen. Die Mauern werden geschlossen bleiben und wenn der nächste Orkan den Ring zerstören wird, werden sie dahinter genüsslich lachen und ihr sauberes Wasser schlürfen.

Schon wieder brodelt die Wut in Tia hervor. Die Wut, die sie schon ihr Leben lang begleitet. Die Wut, die dafür sorgte, dass sie anfing zu schreiben und zu posten. Immer wenn sie eine freie Verbindung ins Internet hatte, lud sie ihre Texte hoch und hoffte, dass irgendjemand da draußen sie lesen würde. Und dann kamen die Videoaufnahmen und Fotos dazu. Und ohne Vorwarnung wurde Tia eine der meist gesuchten Widerständlerinnen. Sie war es auch. Sie war auch aufmüpfig, rebellisch, antifaschistisch. Bis Sie ein Angebot bekam und sich die Tore ihr öffneten. Seitdem hatte Tia nichtsmehr von Ihr gehört. Bis diese Drohne bei ihr gelandet war.

Wird es eine Falle sein? Wird sie bald festgenommen? War alles nur ein großer Streich, um sie in die Hände der Schutzpatrouille zu bringen? Tia hatte im Vorhinein alle möglichen Szenarien durchgespielt und war immer zu dem Schluss gekommen, dass es keine gute Idee war, der Bitte zu folgen. Und trotzdem ist sie nun hier. Und wartet. Wartet auf Sie. Auf ihre Schwester.

Schritte ertönen im Korridor. Ihre Schwester war noch nie gut im Anschleichen. Tias Vorteil. Sie huscht hinter einen Vorhang, welcher die gesamte Wand bedeckt und den Raum sowohl vom Schall, als auch von der Kälte draußen isoliert. Ihre Füße scheinen dabei über den Boden zu fliegen und hinterlassen kein Geräusch. Weitere Schritte. Nun dumpf, auf Teppichboden. Sie sind schwer. Die Stiefel müssen warm halten. 

„Tia?“

Die Stimme ist leise und wird fast vom vielen Stoff des Raumes komplett geschluckt. Doch Tia erkennt sie sofort. Erkennt sofort die Stimmlage, den Ton, das Krächzen, das alle Menschen haben, die ihre Kindheit im Staub und Rauch des Rings verbracht haben. Doch Tia bleibt noch still, hält ihren Atem an. Ein Surren ertönt darauf, kreist einmal durch den Raum. Bling. Das Gerät hat sie erkannt. Muss ihre Wärme aufgespürt haben. Natürlich hat sie so ein Gerät dabei. Wie könnte sie ohne aus der Hauptstadt gehen?

„Ich weiß, dass du hier bist, also komm hinter dem Vorhang hervor.“

Ihre Stimme ist befehlerisch, streng. So wie Tia sie von früher kennt. Sie wusste immer alles besser, auch wenn sie es nicht tat. Sie bestimmte immer, wo es lang ging, war immer vorne und Tia verstand warum. Sie war die ältere Schwester. Sie hatte Verantwortung. Und doch macht es Tia jetzt wieder wütend. So wütend, dass sie unvorsichtig wird, hinter dem Vorhang hervortritt und ihr direkt in die Augen schaut. In diese träumerischen Augen. Sofort kann sie ihr nicht mehr böse sein. Sofort will sie ihr vergeben, doch ihr Kopf hält dagegen. Zählt all die Dinge auf, die sie getan hat. Den Verrat, den Betrug, das Verlassen der Kommune, das Verlassen der Schwester. 

Für einige Augenblicke bleibt es still. Niemand sagt irgendetwas. Beide bleiben starr und stur. Bis sich das Gesicht von Tias Schwester aufweicht. Der verspannte Keifer löst sich und der Punkt zwischen ihren Augenbauen entspannt sich. 

„Tia. Ich bin hier, um mich zu entschuldigen.“

„Nach all den Jahren glaubst du, dass eine einfache Entschuldigung reicht? Ein Tut-mir-leid und alles ist wieder gut? Die Stadt hat dich verändert, Luci.“

Luci ist nicht überrascht von Tias Antwort. Sie hat diese Reaktion erwartet. Deswegen redet sie weiter. Macht Tia ein Angebot. Ein Angebot, von dem sie glaubt, Tia könne es nicht ablehnen. Es ist ein Freifahrtschein. Ein freies Leben. Ob nun im Ring oder in der Hauptstadt. Keine Verfolgung mehr. Kein Haftbefehl. 

Doch Tia lehnt ab. Sie lehnt ab, weil sie etwas dafür aufgeben müsste. Ihre Würde. Nicht mehr schreiben, das ist die Bedingung, welche Luci ihrer Schwester stellt. Keine Berichterstattung mehr und alle Anklagepunkte werden fallen gelassen. Keine Videos von Protesten, keine kritischen Texte, keine Fotos von Festnahmen. Und Tia weiß sofort: niemals. Niemals wird sie sich den Mund verbieten lassen. Sie ist schockiert von der Dreistigkeit ihrer Schwester. Die Jahre in der Hauptstadt haben jeglichen Gerechtigkeitssinn aus ihr hinaus geprügelt. Jeden Funken an kritischem Denken. Jeden Tropfen Mitgefühl. Und Tia verachtet sich selbst für ihre Hoffnung. Sie hatte wirklich gedacht, dass etwas Gutes bei diesem Treffen herauskommen könnte. Sie weiß, dass es naiv war zu denken, dass sich ihre Schwester wieder umentscheiden würde, dass sie wieder Teil der Rebellion wird, dass sie die Hauptstadt entweder verlassen oder von innen manipulieren würde. Und trotzdem war diese Hoffnung da, denn was wäre das Leben ohne Hoffnung? Ohne diesen Funken, dass irgendwann alles besser wird? Dass Familien wieder vereint, Freunde wieder Freunde und keine Feinde mehr sind und dass Bäume wieder wachsen? Dass Bibliotheken wieder offen, Bücher keine Schmugglerware und Essen keine Rarität mehr sind? 

Nein. Tia wird sich ihre Würde nicht nehmen lassen und auch nicht ihre Hoffnung. Sie wird verschwinden aus der Bibliothek, ihre Schweste mit mulmigem Gefühl im Bauch zurücklassen und weiterhin ihre Texte schreiben. Denn sie weiß, wenn sie weitermacht, dann fühlt sie sich lebendig. Wenn sie kämpft, weiß sie, dass sie noch am Leben ist.