„Wer hat den Artikel geschrieben, in dem ein Politiker als rechtsextrem und Nazi bezeichnet wird? Können wir das überhaupt so drucken? Das löst sicher einen Shitstorm aus.“
„Und wenn schon? Das würde Aufmerksamkeit generieren. Aufmerksamkeit bedeutet Geld.“
Julien fuhr sich durch die Haare. Die wöchentlichen Meetings in der Redaktion stellten sich immer wieder als anstrengend heraus. Er nahm einen großen Schluck von seinem Kaffee, dann hob er die Hand. „Ich habe den Artikel geschrieben.“
Sofort drehten sich alle Köpfe am Tisch zu ihm. Er spürte, wie die Blicke seiner Kollegen auf ihm lasteten und plötzlich wollte er sich rechtfertigen: „Ich halte es für richtig, das so zu schreiben. Der besagte Politiker wurde vom Verfassungsgericht offiziell als rechtsextrem eingestuft und seine Beziehungen zur Neo-Nazi-Szene wurden bereits bestätigt–“
Der Redakteur schnitt ihm das Wort ab: „Wenn wir uns das so leisten, dann werden sich eine Menge Leute aufregen. Der Politiker hat einen großen Einfluss und wir können nicht ausschließen, dass sich der Artikel negativ auf unsere Fördergelder auswirkt.“
Eine Frau meldete sich zu Wort: „Ich denke, wir sollten Juliens Text trotzdem veröffentlichen. Das könnte eine Debatte auslösen. Wir wären ein Gesprächsthema und Aufmerksamkeit, egal in welche Richtung, bedeutet Klicks. Und Klicks bedeuten Geld.“
Der Redakteur schüttelte den Kopf. „Das Risiko ist zu groß. Wir denken zu kurzfristig. Wenn wir die Fördergelder in Zukunft nicht mehr bekommen, dann bringt uns auch die Reichweite nichts.“
„Pardon“, mischte sich Julien wieder ein. „Aber ich bin der Meinung, dass wir den Artikel so drucken sollten, weil es hier um Fakten geht. Es sind keine Beschönigungen notwendig. Wir müssen unseren Beitrag für die Gesellschaft leisten und die Probleme beim Namen nennen, sonst normalisieren wir Rechtsextremismus. Das ist eine Gefahr für unsere Demokratie!“
„Das sind sehr ehrenhafte Gedanken, aber so funktioniert die Branche nun einmal nicht. Wie lange arbeiten Sie schon als Journalist?“, antwortete der Redakteur. In seinem Blick lag Wohlwollen, aber auch Ungeduld über Juliens Naivität.
„Ein knappes Jahr“, gab Julien zurück.
„Dann werden Sie es noch lernen.“ Der Redakteur schüttelte den Kopf. „Es ist zu riskant. Wir werden den Artikel so nicht veröffentlichen. Streichen Sie die Passagen, in denen er als Nazi und Extremist bezeichnet wird und ersetze sie durch neutrale Ausdrucke. Dann veröffentlichen wir es.“ Er rückte seine Brille zurecht und ging dann zum nächsten Punkt der Tagesordnung über. „Wie steht es mit den Bildern für die Reportage über die Handwerksbetriebe der Region?“
Julien nahm einen weiteren Schluck Kaffee, um sich zu beruhigen. Er hasste diese Besprechungen. So hatte er sich die Arbeit als Journalist nicht vorgestellt. Doch was konnte er jetzt schon tun?
–
Julien stöhnte genervt, als wieder einer seiner Artikel mit einer Mail an ihn zurückgeschickt wurde. Er arbeitete nun schon mehrere Jahre in der Redaktion, doch das hatte sich nicht geändert. Keine Begrüßung, keine Verabschiedung, nur ein Satz: Zu offensiv, die üblichen Änderungen sind vorzunehmen.
Julien öffnete zähneknirschend das Dokument auf seinem Computer und durchsuchte es nach Wörtern, die sein Redakteur für unangemessen und zu riskant hielt.
„Schreibst du schon wieder zu politisch, Julien?“, fragte Mira, mit der Julien sich sein kleines Büro teilte. Sie war daran gewöhnt, dass seine Artikel immer mit den gleichen Anmerkung versehen wurden, bevor sie in den Druck gingen. Sie war auch an seine schlechte Laune gewöhnt, die unweigerlich darauf folgte.
„Ich verstehe es einfach nicht“, beschwerte sich Julien, während er ein weiteres Mal rechtsextrem durch rechtsgerichtet ersetzte.
Mira sah von ihrem Bildschirm auf. „Warum machst du dir noch die Mühe? Es bringt doch eh nichts. Irgendwann kündigen sie dir noch deswegen. Am Anfang dachte der Chef vielleicht noch, dass du jung bist und sich dein Verhalten noch ändert, aber das geht jetzt schon seit fünf Jahren so. Trotzdem ist noch keiner deiner Artikel angenommen worden, oder? Warum also der ganze Aufwand?“
Juliens Augen blitzten. „Es ist unsere Aufgabe als Presse, die Bevölkerung richtig zu informieren. Der Aufstieg des Rechtsextremismus ist besorgniserregend. Wir dürfen das nicht beschönigen, nur um niemanden auf die Füße zu treten. Wenn wir so etwas nicht einmal benennen dürfen, dann können wir unsere Demokratie dagegen auch nicht verteidigen.“
Mira nickte. „Das ist richtig, aber wenn wir den falschen Leuten auf die Füße treten, dann schreiben wir bald gar nicht mehr.“
Julien warf die Hände in die Luft und stieß dabei fast seinen Stiftehalter vom Tisch. „Und genau das ist einfach nur falsch! Sollte die Presse nicht die vierte, inoffizielle Staatsgewalt sein? Die Gewaltenteilung funktioniert nicht richtig, wenn wir uns so von den Politikern einschüchtern lassen. Unsere Augen sollte auf die Institutionen gerichtet sein und die Politiker sollten sich der Macht des Journalismus bewusst sein. Aber stattdessen haben wir Angst vor ihnen, weil sie uns die Fördergelder streichen könnten. Das ist doch absurd!“
„Und was willst du dagegen tun?“, fragte Mira ruhig. Sie hatte aufmerksam zugehört, als er sich in Rage geredet hatte.
Julien starrte stur auf seinen Bildschirm. „Ich weiß es nicht. Irgendwas.“
Mira legte den Kopf schief. „Falls du es herausgefunden hast, sag mir Bescheid und ich unterstützte dich sofort. Aber solange du es nicht weißt, solltest du dich vielleicht etwas weniger provokant verhalten. Es wäre schade, wenn ich bald mit jemand anderem das Büro teilen müsste, nur weil die Redaktion die Nase voll davon hat, immer die gleichen Korrekturen anzubringen.“ Mira wand sich wieder ihrem Computer zu und einen Augenblick später erfüllte das rhythmische Klicken ihrer Tastatur erneut den kleinen Büroraum.
Julien ließ die Schultern hängen. Miras Worte ließen seinen Tatendrang so naiv wirken. Ein Gefühl von Machtlosigkeit überkam ihn. Er atmete tief durch, dann lenkte er seine Aufmerksamkeit wieder auf seinen Bildschirm und löschte ein weiteres Wort.
–
„Ich schätze Ihre Arbeit wirklich sehr. Allerdings müssen Sie zukünftig die sich wiederholenden Anmerkungen der Redaktion auch selbstständig umsetzen. Und das auch schon vor der ersten Abgabe. Sie sind ein wertvoller Mitarbeiter, aber wenn sich dieses Verhalten in Zukunft nicht ändert, kann ich nicht garantieren, dass die anderen Redakteure meine Meinung noch länger teilen. Das könnte Konsequenzen für Sie haben. Haben Sie mich verstanden?“
Julien hatte gleich ein schlechtes Gefühl gehabt, als der Redakteur ihn nach der Besprechung noch gebeten hatte, etwas länger zu bleiben. Er senkte den Kopf. „Ich verstehe.“
Der Redakteur klopfte ihm anerkennend auf die Schulter. „Ich weiß, es ist schwer, aber wir können eben nicht immer alles schreiben, was wir wollen. Doch Sie haben Potential. Ich bin froh, dass Sie sich nicht dazu entscheiden, es zu verschwenden.“
Julien neigte nur schweigend den Kopf.
„Dann sehen wir uns morgen. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag und bin gespannt auf Ihren nächsten Artikel.“
„Bis morgen“, murmelte Julien und zwängte sich eilig aus der Tür des Besprechungsraums. Auf dem kurzen Weg zu seinem Büro suchte er die Uhr an der Wand, um zu sehen, wann er seinen Arbeitsplatz endlich verlassen konnte. Stattdessen fiel ihm der Kalender mit dem heutigen Datum ins Auge.
Er lachte freudlos auf. Der dritte Mai, der Tag der Pressefreiheit. Welche Ironie.
Mira sah auf, als er die Tür öffnete und sich auf seinen Stuhl fallen ließ.
„Warum solltest du länger dableiben? Du siehst verspannt aus, gibt es schlechte Nachrichten?“
Julien zuckte abweisend mit den Schultern. „Es war wohl überfällig.“
„Oh“, sagte Mira. „Es ist wegen der Wortwahl in deinen Artikeln?“
„Du hast mich gewarnt, dass es passieren wird.“
„Ich hatte es trotzdem nicht gehofft.“
„Ich weiß. Sie haben mir auch nicht gekündigt. Es war mehr eine Verwarnung. Oder eine Drohung.“
Mira nickte mitfühlend.
Die Stille, die darauf folgte, war unangenehm und zu schwer für einen Montagmorgen. Julien klapperte extra laut mit den Tasten, als er sein Passwort eingab und auch Mira wand sich wieder ihrer Arbeit zu.
Julien hatte noch nie einen Text so wenig gemocht wie den Artikel, den er am frühen Nachmittag der Redaktion schickte. Der Text war weichgespült und vermied jegliche Kontroverse. Seelenlos, wie Julien fand.
Nur wenig später erhielt er eine Antwort: Ihr heutiger Artikel war ausgezeichnet. Gute Arbeit und weiter so!
Julien konnte sich nicht darüber freuen.
–
Ein Jahrzehnt verging, bis Juliens Befürchtungen sich bewahrheiteten. Er war fassungslos, als er die Mail wieder und wieder las.
Mit sofortiger Wirkung ist es jeglichen journalistischen Institutionen und Personen verboten, Texte zu veröffentlichen, die Politiker der Regierungspartei verunglimpfen. Dazu gehören insbesondere Verweise auf Extremismus. Dies gilt zum Schutz der Bevölkerung vor Missinformationen.
Julien hatte mit Schrecken beobachtet, wie die rechtsextremistischen Parteien in den letzten Jahren immer mehr an Zuspruch gewonnen hatten und seit der letzten Wahl sogar die Regierung bildeten. Er hatte sich Sorgen um die Demokratie gemacht, doch so richtig hatte er wohl nie daran geglaubt, dass ein solch unverfrorener Angriff auf ihre Rechte möglich wäre.
„Hast du die Mitteilung der Regierung schon gelesen?“, fragte er Mira, die gerade ins Büro kam.
Sie schnaubte. „Sicher.“
„Ich kann das nicht glauben. Wo bleibt der Aufschrei der Bürger? Wo bleibt der Protest?“
Mira schüttelte den Kopf. „Warum sollte es ihn geben? Der einzige Unterschied ist nun, dass es schriftlich festgelegt ist. Oder hast du in den letzten Jahren einen Artikel geschrieben, der Extremismus offen benennt?“
Juliens fiel darauf keine Antwort ein.
Mira klang müde, als sie fortfuhr: „Ich wundere mich ja, dass sich überhaupt die Mühe gemacht wurde, so eine Verordnung zu schreiben.“
„Wozu die Presse zensieren, wenn sie es auch wunderbar selbst schafft?“, bemerkte Julien sarkastisch.
Mira setzte sich an ihren Schreibtisch und blickte nachdenklich an die Decke. „Ich glaube, du hattest damals recht, weißt du?“
„Womit?“
„Als du gesagt hast, dass etwas ganz gewaltig falsch läuft und wir etwas tun müssen.“ Sie stützte den Kopf in ihre Hände. „Ich wünschte, ich hätte damals auf dich gehört. Vielleicht hätten wir etwas ändern können. Vielleicht wären wir dann jetzt nicht hier.“
„In einer Zeit, in der die Demokratie langsam abgeschafft wird?“
Mira nickte. „Ja.“
Vor Juliens Augen verschwammen die Buchstaben der Mail. Er blinzelte. Dann schloss er entschlossen sein digitales Postfach. „Genug ist genug. Dann tun wir eben jetzt etwas.“
„Und was?“
„Wir schreiben. Und diesmal veröffentlichen wir ungefiltert. Wir nennen das Problem beim Namen. Unsere Regierung ist rechtsextrem und anti-demokratisch.“
„Ist es dafür nicht zu spät?“
„Unterschätze niemals die Macht der Informationen und der Sprache. Wenn die Presse so unbedeutend wäre, dann würde sich niemand die Mühe machen, uns einzuschüchtern und zu zensieren. Sie haben diese Verordnung erlassen, weil sie Angst vor uns haben.“
„Glaubst du, das funktioniert? Besonders jetzt, wo du damit etwas Verbotenes tust?“
Julien zuckte mit den Schultern und schaute Mira eindringlich an. „Ich weiß es nicht, aber ich werde es versuchen. Ein Artikel nach dem anderen. Es ist längst überfällig.“ Entschlossen wandte er sich wieder seinem Computer zu. Der Bildschirmschoner zeigte die Uhrzeit und das heutige Datum an.
Julien lächelte.
Der dritte Mai. Der Tag der Pressefreiheit.
Ein gutes Zeichen, dachte er. Dann begann er zu schreiben.