I
Donnerstag, 01. Februar 1973
Zweizimmerwohnung – Zerbster Straße 38 – Halle/ Neustadt, 6. OG
15:32 Uhr
Schwerfällig ächzt die alte Schreibmaschine wie ein allwissender Zeitzeuge unter der Last seines Wissens. Gedankenverloren stützt er den Kopf auf und lässt die Finger auf den Tasten ruhen, als lausche er einem fremden Atem.
Vor seinem Fenster schläft scheinbar friedlich die Stille eines Landes, welches zu viel weiß, aber zu wenig sagt. Und dennoch hat diese Ruhe nichts mit dem Frieden zu tun, den sie vorgibt, zu haben.
„Das kannst du so nicht drucken“, dringt ihre Stimme aus der Küche. Vorsichtig fügt sie hinzu, so als wolle sie ihre Worte wieder einfangen und damit heimlich neutralisieren: „Jedenfalls nicht in dieser Form.“
Paul antwortet nicht sofort und schreibt den Satz zu Ende. Erst dann dreht er sich zu Anna um.
„Und ob ich das kann“, sagt er. „Ich darf es nur nicht.“
Mit traurigem Blick tritt Anna näher. Ihre Augen bleiben an den geschriebenen Seiten hängen, als wären sie gefährlich.
„Du weißt, dass sie Menschen für viel weniger verschwinden lassen“, flüstert sie Paul fast lautlos zu und blickt ihn eindringlich an.
Paul nickt: „Ganz genau. Und deshalb muss ich es aufschreiben.“
Er steht auf und geht schwerfällig zum Fenster. Irgendwo unten im Hof hallen hohle Schritte die grauen Neubauwände empor. Vielleicht ist es nur ein Passant, vielleicht aber auch der Anfang vom Ende.
„Wenn wir aufhören, Dinge beim Namen zu nennen“, sagt Paul leise, „dann werden SIE irgendwann namenlos und sterben irgendwann endgültig.“
Anna legt ihre schwitzige Hand auf seinen Rücken und fragt: „Wer sind SIE?“
„Du weißt, von wem ich spreche“, antwortet Paul mit zittriger Stimme. „SIE alle, die namenlos hinter Mauern verschwinden, nur weil sie von ihrer freien Meinung Gebrauch gemacht haben. Manche von ihnen tauchen auf der anderen Seite der Mauer urplötzlich wieder auf. So als ob sie auf einmal wieder existieren dürften, wird ihnen ein neues Leben geschenkt. Gefangenenfreikauf. Du weißt schon.“
Pauls Blick verdüstert sich und er fährt fort: „Aber hinter diesem vermeintlichen Utilitarismus verbirgt sich ein perfides Kalkül unseres Staates, der seine Bürger mit hohen Freiheitsstrafen für geringe sozialistische Normabweichungen bestraft. Schnell wurde anfangs ein lukratives Tauschmodell darin gesehen, um dem Mangel an bestimmten Gütern entgegenzuwirken. Gefangene gegen Kaffee, Medikamente und Orangen. Aber schnell wurden horrende Ablösesummen verlangt, die die Staatskasse wieder füllten. Stell dir vor, vor zehn Jahren kostete ein DDR-Häftling der Bundesrepublik in etwa 40.000 DM und heute bereits 60.000 DM. Wo soll das alles noch hinführen, wenn nicht darüber berichtet wird?“
Anna tritt langsam hinter Paul und legt ihre warmen Hände auf seine Schultern. „Heute ist zwar der Schmutzige Donnerstag, aber du musst nicht immer und überall aufräumen wollen.“
„Doch, genau deshalb. Ein Grund mehr, an diesem Tag heute, die schmutzigen Geschäfte unseres Staates zu entlarven. Unsere Leser haben ein Anrecht auf die Wahrheit“, protestiert Paul energisch und schüttelt Annas Hände von seinen Schultern.
„Welche Wahrheit?“, fragt Anna spitz. „Kannst du mit Bestimmtheit sagen, dass alles wahr ist, was du schreibst?“
„Solange ich Augen im Kopf, offene Ohren und einen klaren Verstand besitze, vertraue ich darauf, was ich sehe, höre und mit meinem Gewissen vereinbaren kann.“ Paul widmet sich erneut seiner Schreibmaschine und antwortet fast störrisch: „Und nun lass mich weiterarbeiten. Am Rosenmontag soll der Artikel erscheinen.“
Traurig legt sie ihren Kopf auf sein Haar und atmet tief ein. Es riecht vertraut und ganz nach ihm. Paul benutzt kein Shampoo. Er riecht echt und authentisch. Und genauso schreibt er auch. Paul hat sich voll und ganz seinem Beruf verschrieben und lebt in jedem seiner Atemzüge diese vermeintliche Freiheit. Als freischaffender Berichterstatter übernimmt er täglich mehrere Rollen, um seine eigene Mission auf lange Sicht erfüllen zu können. Er balanciert zwischen notwendiger Loyalität, gekonnter Zeilenläufe, verdeckter Anspielungen und Grenzgänge. Paul weiß, dass er unter Beobachtung steht und seine Artikel mit Argwohn registriert und rapportiert werden.
Wer ist noch Freund und wer ein verdeckter Mitarbeiter? Paul traut niemanden mehr, außer sich selbst und Anna.
Annas heiße Tränen rollen Pauls Wange hinunter und fallen auf ein beschriebenes Blatt Papier. Traurig dreht sie sich um und sagt mit gesenkter Stimme: „Ich habe Angst um dich.“
Kaum hörbar antwortet Paul mit geschlossenen Augen.
„Ich sollte es wohl besser auch haben.“
II
Montag, 05. Februar 1973
Zweizimmerwohnung – Zerbster Straße 4 – Halle/ Neustadt, 6. OG
08:12 Uhr
Sein Artikel erscheint unscheinbar an einem grauen und doch bunten Februartag. Rosenmontag und die Welt scheint fröhlich zu sein, während Paul fassungslos an seinem Küchentisch sitzt. Verzweifelt blättert er die Seiten vor und zurück, als hätte sich der Rest seines Artikels auf der Rückseite versteckt.
Eingepfercht zwischen Schlagzeilen über den Fortschritt des Sozialismus, Vorbereitungen der bevorstehenden Weltfestspiele in Ost-Berlin sowie der Ehrung von Prof. Dr. Hanna Wolf, erscheint sein Artikel stark gekürzt in der Neuen Deutschland.
Pauls Artikel erzählt von fiktiven Gefängnissen ohne Adressen. Über Zellen, die nicht auf Karten zu finden sind, weil sie auf Papier nicht existieren. Über Männer und Frauen, die nachts abgeholt werden und tagsüber plötzlich fehlen. Über einen Handel, der zwar offiziell nicht existiert und dennoch funktioniert wie ein gut geschmiertes Uhrwerk: Geld, Waren, Stillschweigen – Mensch gegen Summe.
Der Artikel wirkt nüchtern, ja fast kalt. Die Zensur hat ihm jeglichen Pathos genommen.
Resigniert schlägt Paul die Zeitung zu und sagt müde zu Anna: „Worte haben ein Gedächtnis. Sie erinnern sich an das, was sie gerne gesagt hätten.“
III
Mittwoch, 07. Februar 1973
Zweizimmerwohnung – Zerbster Straße 4 – Halle/ Neustadt, 6. OG
10:09 Uhr
Der Nachhall seines Artikels klopft an Pauls Tür.
Nicht laut. Nicht hastig. Sondern klar und deutlich.
„Paul Richter?“
„Ja.“
„Kommen Sie bitte mit.“
Anna steht hinter ihm in ihrem langen Morgenrock, barfuß und die Haare flüchtig nach oben gebunden.
„Wohin bringen Sie ihn?“, fragt sie.
Der Mann lächelt höflich. „Machen Sie sich keine Sorgen, werte Frau, es handelt sich lediglich um ein kurzes Gespräch.“
Paul greift nach seinem Mantel und dreht sich noch einmal um.
„Warte nicht“, sagt er kurz.
Sie möchte noch antworten, aber die Tür fällt genauso unaufällig ins Schloss wie der Abtransport von Paul selbst.
IV
Mittwoch, 07. Februar 1973
Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit – Am Kirchtor 20 Halle/ Saale
13:46 Uhr
Das Licht im Verhörraum ist stechend grell, als wolle es sämliche staatsuntreue Gedanken ausleuchten.
„Warum schreiben Sie darüber?“
„Weil es passiert“, antwortet Paul empört.
„Das ist Ihre Interpretation.“
Der dickbäuchige Offizier schlägt die Akte zu.
„Sie glauben, die Wahrheit zu sagen, sei ein Schutz.“
Paul hebt seinen trüben Blick und lässt ihn durch den sterilen Vernehmungsraum wandern: „Nein. Ich verstehe Wegsehen, Schweigen und Erdulden eher als ein Vergehen.“
Ein kurzes Innehalten des Offiziers lässt den Schweiß auf Pauls Stirn für einen Moment lang zu Eis erstarren. In einem plötzlichen Anfall aus Zorn bäumt sich die steingraue Uniform vor Paul auf und seine Waffenfarbe wirkt dadurch umso bedrohlicher.
„Pressefreiheit ist kein Naturgesetz“, donnert es aus dem Offizier hervor.
„Aber auch kein Verbrechen“, erwidert Paul im ruhigen Tonfall und muss unwillkürlich an das Bild eines wütenden, roten Ochsen denken.
Es folgt ein dumpfer Rückschlag.
Aber er kommt erst viel später.
Nicht körperlich, sondern juristisch.
V
Montag, 09. April 1973
Bezirksgericht – Bernburger Straße 15 – Halle/ Saale
11:02 Uhr
Mit trüben Blick studiert der Richter die Anklage und schüttelt beim Lesen den Kopf.
Schwerfällig erhebt er sich, um das Urteil zu verkünden:
„Acht Jahre Haft ohne Bewährung.“
Paul schnürt es innerlich die Kehle zu. „Acht Jahre hinter Gitter, weil ich über Tatsachen berichtet habe, die in unserem Land vor sich gehen und keiner sonst darüber spricht?“, dringt Pauls gedämpfte Stimme nach der Verhandlung durch das dicke Glas im Besucherraum hindurch. „Anna, ich gebe nicht auf. Bitte bring mir meine Schreibmaschine. Bitte. Irgendwie.“
„Ich hätte dich aufhalten sollen“, sagt Anna kraftlos und geht.
„Du hättest mich nur verlieren lassen“, schüttelt Paul den Kopf und ruft Anna hinterher: „Jetzt habe ich wenigstens genug Zeit, um alles ganz in Ruhe aufzuschreiben.“
VI
1973 – 1979
Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit – Am Kirchtor 20 Halle/ Saale
Gefängnisse riechen nach Zeit. Nach zu vielen Tagen der Tristesse, die hoffnungslos aneinander gekettet und manchmal wirr übereinander liegen. Paul lernt, wie Hoffnung am besten aufgeteilt wird, damit sie länger reicht.
Gerüchte kriechen stumm durch dicke Mauern – gleich schreiender Schatten gehäuteter Ratten.
„Er ist weg.“
„Freigekauft.“
„Von wem?“
„Westen.“
Sein Zellennachbar Karl spricht wenig. Wenn, dann rational und präzise.
„Warum bist du hier?“, fragt Karl Paul eines Abends plötzlich.
„Ich habe geschrieben.“
„Dann warst du einmal frei“, antwortet Karl mit einem schiefen Lächeln und fügt ungewöhnlich plaudernd hinzu. „Ich rufe gleich morgen meinen reichen Onkel im Westen an. Bestimmt holt er sein dickes Portemonnaie raus und bezahlt ein halbes Vermögen für dich. Dann wärst du wieder frei, Paul.“
„Nein, das wird wohl nicht passieren. Dafür bin ich zu teuer. Für heute ist meine Portion Hoffnung bereits aufgebraucht. Und nun gute Nacht, Karl.“
Resigniert zieht Paul die kratzige Wolldecke bis über beide Ohren und dreht sich auf die Seite seiner durchgelegenen, muffigen Matratze. Wie so oft gibt er zu schlafen vor, nur um nicht in ein tiefgreifendes Gespräch mit Karl verwickelt zu werden. Sicher ist sicher.
Paul liegt oft des nachts wach und denkt an seine Worte in der Zeitung. Daran, dass er sie einmal gedruckt gesehen hatte. Und nun durchlebt er das, was er einst beschrieben hatte.
Die Jahre nehmen Anna mit sich.
Ihre Briefe werden kürzer, dann seltener.
Schließlich Stille.
Und Paul stellt keine Fragen mehr.
Manche Antworten zerstören das, was sie erklären.
VII
Sonntag, 21. Oktober 1979
Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit – Am Kirchtor 20 Halle/ Saale
10:13 Uhr
Irgendwo in dieser Stadt erblickt ein Kind das Licht der Welt. Sein kräftiges Schreien hämmert schonungslos gegen Pauls Tür. Routiniert schiebt der hünenhafte Wärter den schweren Eisenriegel beiseite und öffnet die Zellentür.
Mit versumpften, stummen Blick mustert er Paul für mehrere Sekunden. Dann befiehlt er im kurzen Brummton: „Packen.“
Verschlafen blickt Paul von seiner Pritsche auf und fragt verwundert: „Warum?“
„Warum du? Keine Ahnung. Befehl ist Befehl. Ich hinterfrage nicht, sondern führe nur aus“, erklärt der Gefängniswärter fast verärgert. „Packen. Und keine weiteren Fragen.“
VIII
Sonntag, 21. Oktober 1979
Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit – Am Kirchtor 20 Halle/ Saale
11:55 Uhr
Transitautobahn Berlin-Helmstedt
Vor dem Gefängnis wartet ein großer Setra-Reisebus mit milchigen Fenstern.
Wieder dieses Schweigen, das schwerer wiegt als jedes Geständnis.
Instinktiv weiß Paul, was das bedeutet, bevor er es tatsächlich verstehen kann.
Die kalte Oktoberluft riecht nach Freiheit und aus jeder Ecke strömt ihm ein anderer Eindruck entgegen.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite verlassen vereinzelte Personen die Kirche nach dem Gottesdienst und aus dem offenen Fenster des Pfarrhauses zieht der Duft von frisch angebratenem Jägerschnitzel mit Pellkartoffeln zu ihm hinüber. In seinem Mund läuft das Wasser zusammen und sein Magen fühlt sich flau an.
„Das ist es nun“, sagt Paul fast wehmütig und steigt in den umgebauten Bus mit den falschen Kennzeichen. Ein letztes Mal sieht er durch die matten Scheiben nach draußen. „Lebe wohl, du alte Heimat hinter schwedischen Gardinen.“
Der Bus fährt stundenlang auf der holprigen Transitautobahn durch das Land. Dicke Nebelschwaden begleiten ihn und der Herbstwind weht stark. Als wollte er dem getarnten Bus Rückenwind geben, um schneller über den Checkpoint zu gelangen.
Nervös blickt er aus dem Fenster und sieht bereits von weitem die langen Warteschlagen am Grenzübergang Helmstedt/ Marienborn. Der Busfahrer fährt auf einen kleinen Rastplatz und drückt gelassen auf einen Knopf. Ein Klacken ist zu hören. „Was machen Sie da?“, fragt Paul ungläubig. Zu surreal ist die ganze Situation.
„Ich tausche die Kennzeichen. Bei uns sehen die doch anders aus. Warst du schon mal hier drüben?“, wirft ihm der unrasierte Busfahrer flapsig entgegen. Paul schüttelt hastig den Kopf und blickt wieder aus dem Fenster. An der Grenze riecht die Luft nach Asphalt und unendlichen Möglichkeiten. Paul rutscht mit pochendem Herzen auf seinem Sitz hin und her. Freundlich grüßt der Busfahrer den Grenzkontrolleur und wirft unauffällig eine zusammengeknüllte Brötchentüte aus dem Fenster in den ungewöhnlich sauberen Papierkorb. Ungläubig sieht Paul, wie der Bus vorbei gewunken wird. Und ganz allmählich werden die wartenden Autos im Rückspiegel des Busses immer kleiner, bis sie schlussendlich hinter der nächsten Kurve gänzlich verschwinden. Alle Anspannung fällt augenblicklich von Pauls Schultern und sein gesamtes Gewicht sackt in den dunklen Ledersitz ein. Erschöpft von der Anstrengung wird Paul vom Schaukeln des Busses in einen tiefen Schlaf befördert.
Nach weiteren sieben Stunden Fahrt hält der Bus plötzlich vor einer Reihe Holzbaracken und entlässt Paul unbarmherzig in eine verregnete und kalte Oktobernacht.
IX
Montag, 22. Oktober 1979
Notaufnahmelager für Flüchtlinge und Vertriebene – Frankfurter Straße (B3) – Gießen
0:05 Uhr
„Paul Richter?“
Erschrocken blickt sich Paul um. Sein Herz scheint augenblicklich stillzustehen. Instinktiv tastet er die Umgebung mit seinen Augen nach Fluchtmöglichkeiten ab. Erneut fragt die Stimme:
„Paul Richter?“
Er nickt und bekommt keinen Ton heraus.
Die Hand, die man ihm gereicht wird, ist fest und fühlt sich sicher an:
„Sie sind frei.“
Augenblicklich fällt alle Last von Pauls Schultern und heiße Tränen schießen in seine Augen. Er sinkt auf die Knie, küsst den Boden und blickt dann in den klaren Himmel: „Warum ich?“
Der Mann zögert und erwidert dann: „Weil jemand Ihren Namen auf die Liste gesetzt hat.“
⸻
X
Samstag, 01. Dezember 1984
Frühstückscafé am Schillerplatz – Frankfurt/ Main
10:00 Uhr
„Ich freue mich, dass Sie nach all Ihren Erlebnissen wieder mit dem Schreiben angefangen haben und sich vorstellen können, bei uns zu arbeiten“, sagt die junge Chefredakteurin freundlich.
Paul beißt ein Stück von seinem Frühstücksbrötchen ab.
„Ich muss“, gibt er nuschelnd zu verstehen. „Mir bleibt doch überhaupt keine andere Wahl.“
Vorsichtig nippt er an seinem heißen Kaffee, um die Krümel in seinem Mund herunterzuspülen. Dabei blickt er wehmütig aus dem Fenster des kleinen Cafés. „Das bin ich ihnen schuldig.“
„Wem?“
„All den Menschen eines Landes, was zu viel weiß und zu wenig sagt. Egal, wie oft ich stürze, ich werde immer wieder aufstehen. Ich habe gelernt, wie wertvoll die Worte zwischen den Zeilen sind und dass sie in besonders dunklen Tagen das womöglich einzige Licht der Hoffnung für mich darstellen. Sie werden niemals verblassen, solange es Menschen gibt, die mutig genug sind, diese Zeilen zu lesen und auszusprechen.“
Aus der Ferne ist das Schreien eines Neugeborenen zu hören. Paul fährt für einen Augenblick zusammen. Die Erinnerungen und das Trauma sitzen tief in ihm begraben.
Am Nachbartisch raschelt eine Zeitung. Das Geräusch klingt wie ein hoffnungsvolles Versprechen.
„Und irgendwann werden diese Menschen den Mut und die Kraft haben, aufzustehen und die Ketten zu sprengen. Daran glaube ich. Bis dahin möchte ich mit meinen Artikeln ein Zeichen gegen das Vergessen setzen. Meine Texte sollen ein Lichtstrahl für jene sein, die noch im Dunkeln leben müssen.“
Lächelnd blickt er seine Begleiterin an. „Hand drauf. Ab Montag in der Redaktion. Dann bringe ich Ihnen meinen ersten Artikel mit.“
„Abgemacht“, streckt ihm die hübsche Redakteurin mit strahlendem Lächeln die Hand entgegen. „Im übrigen heiße ich Sabina.“
Noch am selben Tag fängt Paul mit dem Schreiben an.
Und er schreibt über Mauern.
Über Schweigen.
Über den Preis der Wahrheit.
Und über jene, die noch warten.
XI
Montag, 04. September 1989
Wolfgang Goethe Universität, Theodor-W.-Adorno Platz, Frankfurt/ Main – Oberer Hörsaal
10:00 Uhr
„Würden Sie es wieder tun?“ fragt ein Student nach Pauls Vortrag über politisch Verfolgte.
Paul denkt an Anna, an Karl und an die Zellen.
„Sehen Sie, liebe Studierende,
Sie sind noch jung und in einen Teil der Welt hineingeboren, wo die Freiheit in jeglicher Form von Ihnen als normales Gut angesehen wird. Doch bitte vergessen Sie niemals, dass es gerade – just in diesem Moment unseres Denkens und Seins – viele tausende Menschen in anderen Teilen unserer Erde gibt, die in Unfrieden und Unterdrückung leben. Diese anderen Gebiete müssen nicht weit weg sein und befinden sich nur wenige Kilometer Luftlinie von uns entfernt. Ich wurde in der DDR geboren, bin dort aufgewachsen und habe Freunde gehabt. Dennoch habe ich in meiner Heimat kein Zuhause gefunden. Ich wurde verfolgt und bespitzelt, weil ich die Dinge aufschrieb, die ich wahrnahm. Derzeit leben auch andere Bürger der DDR in Angst und Unterdrückung. Viele Künstler wie Musiker oder Schriftsteller suchen die Freiheit zwischen den Zeilen. Wir haben gelernt, die Untertöne und Nuancen des geschriebenen oder gesungenen Wortes wahrzunehmen. Und das lässt uns überleben. Es geht um Hoffnung und das Weitermachen, denn irgendwann gibt es einen Umbruch. Daran glaube ich.“
Paul räuspert sich. Er fährt mit festem Blick und starker Stimme fort:
„Aber nun zu Ihrer Frage, junger Mann. Ich habe es zwar bereits in meinen Ausführungen indirekt beantwortet, aber um es noch einmal klar und deutlich zu sagen. „Ich kann nicht einfach schweigen und die stummen Hilferufe meiner Freunde überhören. Ich denke an die vielen politisch Verfolgten und Gefangenen, die täglich gegen die Schatten ankämpfen. Ich kann mich nicht selbst negieren. Natürlich würde ich es wieder tun. Immer wieder. Ich würde sogar jeden Einzelnen von Ihnen dazu anstiften es mir nachzumachen, wenn Sie irgendwann in einer ähnlichen Situation stecken sollten. Hören Sie niemals auf, auf Ihr Herz und Ihren gesunden Menschenverstand zu vertrauen. Hören Sie niemals auf, Ihre Meinung zu äußern. Und bitte, bitte kämpfen Sie stets friedlich. Stehen Sie auf für die Freiheit Ihrer Worte und Gedanken. Gehen Sie auf die Straßen – egal wann und wo – für ein demokratisches Miteinander und insbesondere für die Pressefreiheit. Denn unterliegt sie erst einmal einer Zensur, gibt es keine Demokratie mehr. Worte können zwar eingesperrt oder zensiert werden. Damit werden sie aber nicht ausgelöscht. Denn authentische Texte bleiben erhalten in den Köpfen und Herzen der Schaffenden und Zuhörer. Sie können gefährlicher sein als Parolen. Parolen wollen demokratische Strukturen schwächen und die Kraft des gemeinschaftlichen Zusammenhalts zersplittern. Sie sind laut, vorhersehbar und leicht zu entkräften. Kritische Texte, die Missstände ansprechen – ohne Menschen zu diffamieren – bleiben hingegen. Sie bleiben in Erinnerung und lassen sich immer wieder lesen.“
Langsam fügt Paul hinzu: „Worte sind zwar zerbrechlich wie Glas, aber sie erinnern sich und können die Zukunft verändern.“
Lauter Applaus ertönt.
Aber Paul bittet den Hörsaal um Ruhe und beendet seinen Vortrag: „Und somit werde ich bis zur letzten Seite meines Lebens weiter schreiben. Des Erinnerns wegen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Meine Worte sind ein Ruf zur Freiheit. Ein Ruf zur Freiheit, für all diejenigen, die gerade nicht sprechen können. Für all diejenigen, die täglich die Geister der Vergessenheit zu besiegen versuchen.“
Ein ehrfürchtiges Raunen geht durch die Reihen und lässt den Hörsaal vollends verstummen. Paul scheint die Studierenden im Hier und Jetzt und in ihren Gedanken eingefroren zu haben. Kein Ton, kein Summen, kein Atmen ist mehr zu hören. Zum ersten Mal in all den Jahren scheint er wirklich JEDEN im Hörsaal erreicht zu haben. Bis in der hintersten Reihe ein Schlüsselbund zu Boden fällt und das Stillleben wie aus einem Dornröschenschlaf wieder zum Leben erweckt wird.
Zögernd erhebt sich die erste Studentin und klemmt sich ihre Ledertasche unter den Arm, um den Saal zu verlassen. Wie eine Kettenreaktion folgen ihr weitere junge Menschen; bis der Hörsaal leer ist.
Paul stützt sich mit beiden Armen und hängendem Kopf gegen das Rednerpult. Ein tiefer Seufzer lässt die Anspannung aus seinen Gliedern fließen. Doch im nächsten Augenblick durchfährt ihn ein kalter Schauder. Grelle Blitze schießen wie ein Feuerwerk in seinen Kopf und vernebeln den Verstand.
„Ist das nun der jahrelang gefürchtete Moment?“, murmelt Paul geistesabwesend vor sich her. „Jener grauenhafte Moment des Erinnerns, der mir immer dichter auf die Spur kam? Bisher konnte er mich nicht fangen. Nie habe ich mich umgeblickt, um ihm ins Gesicht zu blicken.“
Kalter Schweiß benetzt Pauls Stirn.
Erschrocken dreht er sich um.
Hinter ihm ertönt ein ihm wohlbekanntes Geräusch.
Das Klacken der Gefängnisschlüssel.
Es hallt in seinem Kopf wider.
Und Pauls Welt fängt an, sich zu drehen – während die Schlüssel unerlässlich gegen seine innere Schädeldecke pochen als seien es Gefängnisrohre aus Blech.
„Da stehst du nun, du Bestie meiner Vergangenheit, mit deinen leuchtenden Augen. Du hast mich über Jahre hinweg beobachtet und mir stets deine Spitzel zur Seite gestellt. Hinter jeder Mauer haben sie gelauert.“
Augenblicklich hält er beide Arme schützend über sich.
Paul duckt sich instinktiv hinter dem Rednerpult ab.
Die Welt fängt an, sich um ihn herum zu drehen.
Unzählig Schreibmaschinen kreisen um seinen Kopf.
Informelle Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes beugen sich mit neugierigen Blicken in Scharen über ihn und reden unverblümt auf ihn ein.
Dabei produzieren sie Texte, die in meterlangen Schleifen aus ihnen herausquellen und durch die Luft wirbeln. Schlagzeile um Schlagzeile scheint sich gegenseitig übertrumpfen zu wollen.
Wie hypnotisiert sieht er die Texte, die seinen Namen tragen, an ihm vorbeiziehen. „Nein!“, schreit er erschrocken auf. „Das sind nicht meine Worte. Nicht meine Texte.“
Panisch wälzt er sich orientierungslos auf dem Boden des Hörsaals umher.
Mehrere Studierende versuchen ihn zu beruhigen, aber Paul ist bereits zu tief in seiner Panik gefangen.
XII
Dienstag, 05. September 1989
Dreiraumwohnung, Gerhardt-Hauptmann-Ring 7, Frankfurt/ Main – 2. OG
07:27 Uhr
Als die ersten Sonnenstrahlen durch das Fenster dringen, wird Paul aus einem unruhigen Schlaf geweckt. Er blinzelt und sieht seine Frau neben sich, wie sie leise lächelnd an einem Tisch sitzt und ihm einen warmen Tee reicht. „Guten Morgen“, flüstert sie sanft und streichelt vorsichtig über seinen Arm, als wolle sie ihn aus dem Schatten der Nacht herausholen.
Ein Gefühl der Verwirrung überkommt ihn; er setzt sich auf und fragt mit einer krächzenden Stimme: „Habe ich meine Freiheit wiedergefunden, Sabina?“
Sie sieht ihn an und ihre Augen leuchten. „Ja, Paul. Schau dir die Nachrichten im Fernsehen an, was gestern überall bei euch da drüben los war. Die Menschen stehen auf und gehen für ihre Freiheit auf die Straße. Sie beginnen, an der Mauer zu rütteln, die sie so viele Jahre eingesperrt hat.“
„Redest du von der innerdeutschen Mauer, die so viele Existenzen auf dem Leben hat?“ Paul braucht einen Moment, um die Worte zu verarbeiten.
Sie nickt. „Ja. Es haben sich so viele Menschen zusammengefunden, die den Mut aufbringen, für das zu kämpfen, was sie für richtig halten. Sie haben ihre Stimmen erhoben. Das Echo ihrer Entschlossenheit ist so laut, dass es dicke Mauern zum Wanken bringen kann. Die Menschen scheinen endlich keine Angst mehr zu haben.“
Paul sieht sie an und spürt, wie die Schwere der vergangenen Jahre von ihm abfällt. „Und was wollen wir jetzt machen?“
„Wir werden darüber berichten, was gerade in der DDR passiert. Es gibt noch so viel zu tun, so viele Geschichten zu erzählen“, sagt Sabina.
„Und darüber müssen wir schreiben. Denn die Freiheit, die ich meine, kann nicht als selbstverständlich angesehen werden. Wir müssen sie bewahren und verteidigen. Auch für unsere Kinder“, fährt sie lächelnd mit ihrer Hand über die kleine Vorwölbung unter ihrem weiten Pullover. Sabina beugt sich zu Paul und küsst ihn sanft auf die Stirn. „Du bist nicht allein, nie gewesen. Wir sind hier und bald zu dritt, um füreinander zu kämpfen. Und auch für all die Stimmen, die noch geboren werden müssen.“
„Dann lass uns schreiben“, sagt Paul entschlossen, während er aufsteht und Sabina freudestrahlend an sich heranzieht. „Lass uns die Worte finden, die die Freiheit verteidigen.“
Sie nickt.
„Ja, lass uns beginnen. Denn jede Freiheit beginnt mit einem Wort.“