Die Glocken der Nikolaikirche erinnerten Ingrid daran, dass der Montag sich dem Abend zuneigte. Jetzt, nach dem Friedensgebet, würden sich die Tore der Kirche öffnen und die Menschen würden herausströmen in die spätsommerliche Luft der letzten Septembertage. Ingrid schloss das Fenster ihres Büros, auch wenn sie wusste, dass das wogende Gemurmel, das sich langsam, aber stetig über den Ring bis zum Karl-Marx-Platz schieben würde, damit nicht auszusperren war. Sie spähte durch das Fenster und beobachtete die Menschen, die sich vor der Kirche sammelten. Mit jeder Woche wurden es mehr, flüsterten sie lauter. Wie hatte es so weit kommen können? Sie ertappte sich bei dem Wunsch, sich unter die Menschen zu mischen, sich den Rufen nach Freiheit, nach Schreiben-Dürfen anzuschließen. War nicht das der Grund gewesen, warum sie geschworen hatte, gegen diese schreiende Ungleichheit anzuschreiben, gegen die Ausbeutung? Damals auf der Flucht aus Ostpreußen, kaum 15 Jahre alt.
Die Euphorie der frühen DDR-Jahre war der Ernüchterung gewichen, dass der kleine Mann von früher vielleicht der große Mann von heute war, seinem Vorgänger aber zum Verwechseln ähnlich sah.
Das Quietschen der Türklinke riss sie aus ihren Gedanken.
Ich geh dann jetzt!
Hedi, die Sekretärin, steckte ihren Kopf hinein und winkte.
Ja, ich mache jetzt auch Feierabend, erwiderte Ingrid und klappte die Kladde vor sich auf dem Tisch zu. Johanna wartet sicher schon, fügte sie in Gedanken hinzu.
***
Blauer Anzug, weißes Hemd, rote Krawatte. Wie immer sah er tadellos aus, als er dem anderen Mann, dem im ausgewaschenen Blaumann, den Koffer reichte. Der sah müde aus, das Lächeln gebückt. Im Austausch für den Koffer erhielt er einen Stapel Papiere. Der Mann im Anzug nickte, ein Wort formte sich auf seinen Lippen. Sarah konnte von ihrem Platz hinter der gläsernen Wand die Lippen des Mannes lesen: MEHR! Sie fühlten sich unbeobachtet. Doch wenn der Wind Lücken in die Blätter der Büsche riss, die die Männer als Deckung nutzten, konnte Sarah sie sehen.
Der Blaumann kommt zu ihr, öffnet ihre Tür, ohne dass sie darum gebeten hatte. Er bringt ihr einen Karton voller Dinge, einen Zettel. Sagt, ihr Mann habe viel geleistet, verdiene diesen Monat mehr, also bekommt sie nun einen Karton neuer Dinge. Sarah weiß, was in dem Karton ist, ohne ihn zu öffnen. Es sind jede Woche dieselben Dinge. Sie brauche diese neuen Dinge in dem Karton nicht, erwidert sie. Aber sie brauche dringend Vorhänge; sie schlafe schlecht, weil das Licht der Laternen ins Glashaus scheint, sie komme nicht zur Ruhe. Der Mann legt den Arm um sie.
Aber aber, säuselt er. Sie wisse doch, dass die Beleuchtung und das Glas einzig ihrem Schutz dienen. Ordnung und Sicherheit durch Transparenz, das Prinzip sei doch jedem Kind klar. Sie haben doch sicher gesehen, Frau Hellmann aus der Wohnung nebenan musste ins Krankenhaus, nachdem sie die Nächte im Dunkeln verbracht hat. Das bekommt den Menschen nicht.
Wollen sie nicht eines Tages in ein oberes Stockwerk ziehen? In eine der großen Wohnungen?
Die großen Wohnungen bekam man erst, wenn die kleinen weiter unten zu klein wurden. Also musste man viel arbeiten, damit man viele Dinge bekam. Dann würde die Wohnung zu klein und man bekam eine größere.
Sie würde doch sicher bald Kinder haben wollen und die brauchten doch eine große Wohnung, denen wolle sie doch etwas bieten.
Der Blaumann schüttete den Karton aus, füllte ihn mit anderen, älteren Dingen. Er holte seine Papiere hervor, machte Notizen, fragte, notierte und verließ die Wohnung. Nächste Woche würde er wiederkommen.
Und in der danach. Und in der darauffolgenden auch.
Von Geld hatte Sarah nur gehört. Es wird immer direkt in Waren bezahlt, man muss kaufen, um in den nächsten Stock zu ziehen.
Doch ganz oben, da wohnen die Männer, ohne Kinder, ohne Frauen. Die Frauen allein wohnen ganz unten. Sie könnten arbeiten, sollen aber Kinder bekommen, das Geld verdienen den Männern überlassen.
Die Männer gehen tagsüber zum Arbeiten in das Gebäude nebenan. Doch nie darf die Schranke passieren. Niemand, außer dem Mann im Anzug. Sein Haus hat keine Wände aus Glas. Man kann nicht hineinsehen. Nicht in sein Haus, nicht in ihn. Nicht so, wie er in andere hineinsehen kann.
Die Tür wurde aufgestoßen. Johanna schreckte hoch, klappte instinktiv ihr Notizbuch zu und schob es unter einen Stapel Papier, der allein zu diesem Zweck auf ihrem Küchentisch lag. Ingrid trat ein und legte den Finger an die Lippen. Ohne ein Wort ging sie ins Bad und drehte den Wasserhahn auf. Das Rauschen des Wassers würde ihre Worte verwaschen, bevor sie an die feine Membran der Abhörwanzen gelangten. Johanna folgte ihr, das Notizbuch in der Hand.
Die beiden Frauen umarmten sich.
Was macht „Das Glashaus“?, fragte Ingrid. Johanna reichte ihr das Notizbuch und sie setzten sich auf dem Linoleumboden nebeneinander, den Rücken gegen die Wanne gelehnt. Ingrid überflog den Text.
Das ist gut, flüsterte sie. Kritik an der Bundesrepublik, auf jeden Fall. Das mit Frau Hellmann werden sie streichen und sicher auch den Koffertausch. Aber vielleicht reicht das schon, damit der Rest durchkommt.
Dann fügte sie grinsend hinzu: Lass Sarah den Wasserhahn ihrer Badewanne aufdrehen, wenn sie das Gefühl haben will, allein zu sein.
Johanna kicherte leise. Sie liebte diese geheimen Treffen mit Ingrid, die für sie mehr eine Freundin war als eine Vorgesetzte. Wie Ingrid war Johanna eine glühende Verfechterin des Sozialismus gewesen und umso ernüchterter, wenn sie sah, wozu die Elite der SED ihn missbrauchte. So mussten sie dem Zensor genügend offensichtliche Provokationen geben, damit er etwas streichen konnte, das Gefühl hatte, seine Arbeit gemacht zu haben. Um dann die tatsächliche Botschaft in Metaphern zu kleiden: Das Glashaus, in dem sie lebten. Der Mann in blau, rot und weiß – die Farben der Amerikaner ebenso wie die panslawischen Farben von 1848, die Farben Russlands. Russland, das den Mann im Blaumann, den Arbeiterstaat, am Leben hielt, genau wie die Amerikaner die BRD. Die BRD, deren Überfluss an Gütern die Menschen zerquetschte, so wie der Mangel am Notwendigen in der DDR dasselbe tat.
Die Sklavenhaltung der Frauen in der BRD, die sich vom Osten nur dadurch unterschied, dass sie auch in Paragrafen geschrieben war. Die Männer, denen es in beiden Systemen als einzigen vorbehalten war, in die höchsten Stockwerke der Gesellschaft aufzusteigen.
Doch nie hätte sie jemand so reden hören dürfen. Dass sowohl Ingrid als auch Johanna als getreue Genossinnen galten, verschaffte ihnen einen gewissen Handlungsspielraum.
Ingrid markierte die Stellen im Text, die der Zensor streichen würde. So gingen sie immer vor. Johanna entwarf ihre Geschichte, dann frisierte sie den Text für die Zensur. Sie schrieb Stellen um, damit sie provozierten, schrieb etwas hinzu, das dem Zensor fette Beute bescherte. Später würde sie mit schuldbewusstem Nicken und eiligem Gehorsam alle Anpassungen einarbeiten. Ihre Botschaft musste unter genügend opferbaren Sätzen versteckt sein.
Nein, das war nicht der gerechte Sozialismus, von dem Ingrid nach der Nazi-Diktatur geträumt hatte und für den sie Johanna begeistert hatte. Es war ein schmaler Grat der Worte, auf dem sie balancieren gelernt hatten. Die Angst schrieb immer mit.
***
Der 7. Oktober war mild, die Stadt vor Ingrids Fenster trotz oder vielleicht gerade wegen des 40-jährigen Staatsjubiläums ungewohnt still.
Der hagere Mann im grauen Anzug hatte blass gewirkt, als er die Tür zu Ingrids Büro geräuschlos geöffnet hatte. Natürlich hatte er sich angekündigt. Natürlich hatte Ingrid dem Termin zugestimmt. Ja war das erste Wort, das eine Genossin lernte. Und schon an der Farbe seiner Stimme hatte Ingrid erkannt, dass etwas anders war als sonst. Doch davon hatte sie Johanna nichts gesagt, die im Büro nebenan saß, an einem Artikel für die Zeitschrift „Für Dich“ schrieb und nervös auf das Urteil des Zensors wartete.
Anders. Dieses Gefühl zog durch die Straßen Leipzigs wie ein Geruch. Der Gestank der Angst, die größer wurde; der feine Duft von Hoffnung, die sich von Angst ernährt.
Den angebotenen Stuhl hatte der Hagere abgelehnt, er müsse auch gleich weiter. Hatte den mausgrauen Hut vom sorgfältig gelegten Haar genommen und ihr gedankt, dass sie ihn empfange. Was hätte sie auch sonst tun sollen, war die Frage, die sie nicht zu stellen wagte.
Die Tasche auf den Knien hatte er den angebotenen Stuhl schließlich doch angenommen.
Ich habe das Manuskript ihrer Autorin gelesen.
Er schaute über den Text in seiner Hand, als ob sich die Worte ihm plötzlich widersetzen und fliehen könnten.
Ganz.
Keine Einleitung, keine Wertung, keine Eile. Stattdessen: Zähe Unnahbarkeit. Und Vorsicht. Die war neu, aber nicht weniger bedrohlich. Dass er betonte, es ganz gelesen zu haben, war eine Drohung.
Eine junge Autorin.
Er blickte über den Rand des Manuskriptes.
Sehr geschlossen. Konsequent.
Er blätterte um, als gäbe es im Text etwas zu entdecken, das ihm bisher entgangen war.
Literarisch ambitioniert. Das macht es schwierig.
Er weiß, dass sie wartet. Er genießt, dass sie wartet.
Geradezu kompromisslos.
Ingrid versuchte ein Lächeln. Kompromisslosigkeit ist doch aber keine Kategorie im Genehmigungsverfahren, oder?
Der Hagere erwiderte ihr Lächeln nicht.
Und dennoch ist es doch der Kompromiss, den wir alle in diesen Zeiten suchen sollten, nicht wahr?
Pause.
Frau Werner, sie wissen, es ist nicht meine Aufgabe Bücher zu mögen.
Pause.
Ich habe die Arbeit mit ihnen immer geschätzt, aber dieses Buch…
Er zögerte, als ob die Worte ihm von den Lippen gerutscht wären. Dann legte er das Manuskript auf ihren Schreibtisch. „Verboten“ stand dort. Der Hagere seufzte.
Sie sehen doch, was da auf den Straßen los ist, unsere Leute sind doch schon aufgebracht genug. Da muss man doch nicht noch Öl ins Feuer gießen. Er wirkte plötzlich beinahe versöhnlich, ja gar menschlich.
Er schaute aus dem Fenster, dann auf die Uhr an seinem Handgelenk.
Ich habe die problematischen Stellen markiert, versucht umzuformulieren. Aber es sind einfach zu viele. Zu viele tragende Textstellen.
Ingrid schwieg. Es dämmerte bereits, nicht mehr lang, dann würde die Menschen zum Friedensgebet in die Nikolaikirche ziehen. Ingrid hatte sich nie an den Montagsdemonstrationen beteiligt. Zu wichtig war die Linientreue. Bis heute.
Durchsichtigkeit, fehlende Rückzugsräume, Transparenz als Repression. Die durchgehende Negation von Ordnung als Voraussetzung für gesellschaftliches Zusammenleben. Die Leute werden das Lesen. Aber nicht so, wie sie es meinen, Frau Werner.
Linientreue. Die Schlinge um den Hals. Sie zog sich zu. Es hatte keinen Sinn so zu tun, als wäre es Kritik nur an der BRD. Sie waren zu weit gegangen, in einer Zeit, in der die Zensur fester nach ihren Stiften griff.
Vielleicht wird es so gelesen, wie es gemeint war? I
Ingrid sah ihn direkt an. So musste sich Mut anfühlen. Für einige Sekunden erfüllte das Glucksen der Heizung den Raum vollkommen. Er hielt ihrem Blick stand. Dann sagte er schließlich: Ich halte den Text für nicht genehmigungsfähig.
„Verboten“ war ein Wort, dass sie nie aussprachen.
Er schob das Manuskript über den Tisch und sah erneut auf seine Uhr. Ingrid rührte die Seiten nicht an.
Sie wissen, ich meine das nicht persönlich.
Wieso sah er ständig auf die Uhr?
Ingrid zwang sich ein Lächeln auf die Lippen.
Natürlich.
Der Hagere stand auf, setze den Hut auf den Kopf und ging zur Tür. Er zögerte, blieb stehen, drehte sich noch einmal um, als ob er etwas sagen wollte. Dann schloss er die Tür hinter sich.
Die Friedensgebete gingen zu Ende, als Ingrid und Johanna das Büro verließen, um gemeinsam durch die Innenstadt nach Hause zu radeln. Sie schwiegen. Es blieb nichts mehr zu sagen.
Auf Höhe der Nikolaikirche hielten sie an und staunten. Waren das schon immer so viele Menschen gewesen, die aus dem Inneren der Kirche auf die Straße traten? Die dort warteten, unsicher, aber unübersehbar? Ingrid stutzte, als sie den Hageren unter ihnen erblickte. Zuerst bemerkte er sie nicht; dann tat er so, als hätte er sie nicht bemerkt.
Sie sah ihn erst im Pferdestall wieder. Die Zeit dazwischen war luftleer.
Stille. Wie konnten so viele Menschen, tausende so still sein? Es war die Angst, die sie lähmte. Das Flüstern wurde nur allmählich lauter. Es war keine Demonstration geplant. Die Staatsführung feierte sich selbst in Berlin. Zum 40. Jahrestag der Republik waren unbequeme Gäste unpässlich zu machen.
Zuerst waren es nur die Knüppel im Rücken, die Waffen an den Gürteln der Staatsschergen; dann sahen sie, wie Menschen an den Füßen über das Kopfsteinpflaster zu LKWs gezogen und rüde hinaufgeworfen wurden. Ingrids Fahrrad wurde umgestoßen und plötzlich fand sie sich selbst auf der Ladefläche eines Lasters, den Kopf in einer Blase des Unglaubens. War das Johanna neben ihr? Ihr Blick flackerte.
Das Nächste, was sie wahrnahm, war die junge Frau, die in der Box nebenan auf und ab lief, zitternd, flehend, dann schreiend.
Bitte, ich muss nach Hause! Ich habe Kinder. Ich habe doch damit nichts zu tun. Ich war auf dem Weg nach Hause, zu meinen Kindern.
Ruhe!, brüllte der Volkspolizist vom anderen Ende der Stallgasse, die Waffe im Holster.
Immer zu zehnt je Pferdebox hatten Polizei, Stasi, Betriebskampfgruppen und NVA das „Zeug“, wie der Staatsschutz die Menschen nannte, in einem Pferdestall der Agra Markkleeberg „zugeführt“. Wütende Bürger passten nicht in glückliche Bilder der Jubiläumsfeier. Ingrid fühlte Blut an ihrer Stirn. War das ihres? Wo war Johanna?
Bitte, ich muss nach Hause, ich muss zu meinen Kindern, jammerte die Frau.
Der Polizist ignorierte sie. Ihre Schreie wurden schon zu leise, als dass es ihn noch interessiert hätte. Ingrids Blick klarte langsam auf, da entdeckte sie Johanna, die an der Wand der Pferdebox lehnte und sich den Arm hielt. Langsam wankte sie zu ihr hinüber, Ingrids Kopf schien sich zu drehen.
Geht es dir gut?, fragte sie kaum hörbar. Johanna stöhnte leise. Mein Arm, ich glaube sie haben mir den Arm gebrochen.
In diesem Moment begann die Frau in der Box nebenan hysterisch zu schreien.
Bitte, meine Kinder, ich muss zu meinen Kindern, sie sind ganz allein zu hause!
Der Volkspolizist stapfte mit wütenden Schritten durch die Stallgasse.
Johanna lehnte ihr Gesicht gegen die Gitter, die die Boxen voneinander trennten.
Schhhhh, beruhige dich! Je mehr du schreist, desto länger werden sie dich hierbehalten! Alles wird gut, raunte sie der Frau zu, nimm meine Hand.
Sie unterdrückte den Schmerz, als sie ihre gebrochene Linke losließ, um die rechte Hand durch das Gitter zu strecken. Alles wird gut!, murmelte sie.
Die junge Frau griff nach Johannas Hand, sie zitterte am ganzen Körper. Der Polizist zog die Tür der Box auf und starrte die beiden Frauen an.
Ruhe jetzt!, schrie er.
In Ordnung Herr Wachtmeister, wir werden jetzt ruhig sein, nicht wahr? Johanna sah die Frau an, die am ganzen Leib zitternd nickte. Wortlos drehte sich der Polizist um, zog die Boxentür hinter sich zu und hielt auf den Ausgang des Stalls zu.
Ich bin Johanna, stellte sich Johanna vor und strich der jungen Frau über das Gesicht.
Sarah, erwiderte sie. Johanna lächelte. Alles wird gut Sarah. Ich bin bei dir.
Stille senkte sich über den Stall wie ein Leichentuch. Die Zeit stand still. Johanna wisperte, wenn Sarah wimmerte.
Ingrid bemerkte, wie sich Johannas Stimme von ihr entfernte, dabei stand sie doch direkt neben ihr. Sie schloss die Augen. Der Herbst war mild, aber die Kälte des nackten Betons unter ihren Füßen fraß sich durch die Sohlen ihrer Schuhe, in ihre Zehen, ihren Körper hinauf. Frieren, Zähne klappern. Angst. Den Tod im Rücken. Als sie die Augen wieder öffnete, war sie 15, auf dem Fuhrwerk, klappernd vor Kälte trotz der Federbetten, in die ihre Mutter sie gewickelt hatte.
Sie kommen, dachte sie, und dann nehmen sie auch dich!
Sie spürte, wie die Angst sie packte. Die Luft wich aus ihren Lungen, ihr Körper zog sich zusammen, zitterte, wollte verschwinden. Panik lähmte sie. Noch einen Moment, dann würde alles schwarz werden, dann würde sie erstickt sein.
Ingrid schreckte hoch, als die Pferdebox aufgestoßen wurde. Der Hagere stand in der Tür. Er nickte dem Volkspolzisten zu und deutete auf Ingrid, die kurz darauf aus der Box geführt wurde.
Halt, warten sie, ich muss nach Hause, ich muss zu meinen Kindern!, fing Sarah an zu schreien. Auch Johanna war mit einem Schlag hellwach. Was tun sie, wohin bringen sie sie?, rief sie, doch der Polizist ignorierte sie.
Der Hagere nahm Ingrid beim Arm und zog sie mit sich.
Bitte, diese Frau, sie hat Kinder zu Hause, bettelte Ingrid. Der Hagere zog sie weiter.
Das haben die meisten hier. Aber nur für sie konnte ich etwas tun, Frau Werner.
Er zögerte.
Wissen Sie, es ist ein gutes Buch, sagte er.
Ingrid sah ihn an, ausdruckslos.
Das ist das Problem.
***
Johanna war nach Bockenheim gezogen, weil es hier die „Leipziger Straße“ gab, ein wenig Heimat in blau-foliertem Aluminiumblech. Als sie ihr Rad durch den Hausflur in den Hinterhof schob, blieb ihr Blick am Briefkasten hängen. Sie hatte Post.
Sie betrat ihre winzige Einzimmerwohnung, legte die beiden Briefe auf dem Küchentischchen ab und setzte Teewasser auf. Was der Brief der Journalistenschule enthielt, ahnte sie. Sie öffnete ihn und überflog die Zeilen: …Dank für Ihr Interesse… leider können wir Ihnen keinen positiven Bescheid geben…
Sie war nicht überrascht. Nachdem der Leiter der Schule persönlich gefragt hatte, wie sie denn darauf komme zu behaupten, sie hätte schon immer Journalistin werden wollen, wo es im Osten doch gar keinen echten Journalismus gab und sie daher doch gar nicht wissen konnte, wovon sie da redete. Sie war in Tränen ausgebrochen. Natürlich hatten sie sie abgelehnt.
Ihr Herz zog sich zusammen, als sie den zweiten Brief sah. Ingrid. Seit Johanna vor drei Jahren von Leipzig nach Frankfurt gezogen war, hatten sie sich nur selten gesehen. Doch sie schrieben sich dann und wann. Etwas zwischen ihnen war zerrissen, damals, am 7. Oktober 1989, in einem Pferdestall in Markkleeberg. Danach war nichts mehr wie zuvor; nicht in der DDR und nicht mehr zwischen Ingrid und ihr. Warum hatte Ingrid nicht gekämpft, sich nicht widersetzt? Johanna und Sarah zurückgelassen?
Nachdem klar war, dass die DDR binnen Stunden Geschichte geworden war und die Verlage, für die Johanna geschrieben hatte, reihenweise übernommen und dichtgemacht wurden, war sie nach Frankfurt gezogen – Herzkammer der westdeutschen Verlagsindustrie. Irgendwo würde sie schon unterkommen, sich hocharbeiten und endlich die Freiheit schreiben, die ihr in der DDR gefehlt hatte. Doch der einzige Ort, an dem sie untergekommen war, war die Theke einer Kneipe im Studentenviertel. Tagsüber schrieb sie. Artikel, Reportagen, Porträts. Versuchte sich gar an einem Roman, doch immer mit dem gleichen Ergebnis: Keine Zeitung, kein Verlag, kein Magazin fand ihre Texte „marktfähig“. Auch nach drei Jahren hatte sie hier kaum Freunde gefunden. Alles wirkte auf sie kalt, geschlossen, unnahbar.
Ungeduldig riss sie den Umschlag auf und las.
Liebe Johanna,
ich sitze am Küchentisch, wie vor Jahren, als wir versuchten, „Das Glashaus“ so umzuschreiben, dass es mit einem anderen Titel, einem anderen Zensor, vielleicht doch noch veröffentlicht würde. Ich war so in den Text vertieft, dass ich die Aktuelle Kamera erst bemerkte, als du „sofort, unverzüglich“ auf volle Lautstärke gedreht hast.
Leipzig, du große Schwester Berlins – schön, aber zurückhaltend. Verantwortungsvoll und mutig, aber bieder. Berlin war die schillernde junge, die exzentrische, die wilde; die, die jeder kannte, weil sie verführerisch war, so zum Greifen nah schien dort der Westen, das Glück. Natürlich hatte nur Berlin eine Mauer, die sie fallen lassen konnte, wie einen Rock. Was hätten wir in Leipzig schon machen sollen, als der Schabowski plötzlich von Reisefreiheit sprach? In Berlin sind sie einmal ums Karree zum nächsten Grenzübergang, in Leipzig hätten wir 3, 4 Stunden nach Helmstedt fahren müssen, selbst wenn wir ein Auto gehabt hätten. Das konnte doch keiner Glauben. Und doch sind wir auf die Straße, erinnerst du dich, Johanna? Wie die Menschen wisperten, aber jetzt unüberhörbar? Immer und immer wieder „Wenn das wahr ist…“. Wir gingen zur Nikolaikirche, zum ersten Mal trauten wir uns dort hin, denn es hätte ja ein ganz normaler Spaziergang sein können, an einem ganz normalen Abend.
Mein Herz schlug anders an diesem Abend vor drei Jahren, ich erinnere mich genau. Zum ersten Mal wuchs die Hoffnung in mir höher als die Angst, war da mehr morgen als gestern. Was würde nur alles möglich sein, in diesem Morgen, für mich und noch mehr so für dich!
Heute kam die 19. Absage. „Marktunfähig“, wie sehr ich dieses Wort verachte! Sie wollen nicht mehr zwischen den Zeilen lesen müssen, nicht mehr suchen müssen nach Zweideutigkeit. Sie wollen alles, gleich, jetzt. Nackt und vulgär in einer Hand voll Zeichen, ohne Leerzeichen und ohne Leerstellen.
Sie trauen sich noch nicht einmal zu schreiben, dass nur das es wert ist geschrieben zu werden, was etwas in die Kassen spült. Ich habe das Glashaus immer und immer und immer wieder umgeschrieben, nach jeder einzelnen Absage; nackter Staat, offene Kritik – doch es interessiert keinen mehr. Niemand will mehr von der Angst der vielen wissen, vom Mut der wenigen und wie sie unsichtbar werden. Niemand will von dem lesen, das wir fürchteten, verachteten und was wir davon heute wiedererkennen; alte Macht in neuem Gewand.
Meine Tage werden mir lang, mit zu vielen Gedanken und zu wenigen, für die ich schreiben kann. Das ist sie nicht, die Freiheit, die ich meinte.
In der DDR wohnte die Zensur in der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel; heute in den Brieftaschen der Verleger. Wie viele gute Texte, Texte, die stechen, hoffen, Wunden aufreißen, sind in der HV Verlage unsichtbar geworden? Wie viele werden heute zermalmt in den Mühlen des Kapitals? Mit jedem Tag wächst die Ohnmacht in mir, die Resignation. Ich sollte doch froh sein, dass ich Rentnerin bin, sagte mir die Sachbearbeiterin auf dem Amt. Wie viel schwerer hätten es andere! Ich tröste mich damit, dass ich vielleicht den ein oder anderen Text durch die Zensur gebracht habe, ein paar Worte, die womöglich einer Seele Trost gespendet haben oder Hoffnung. War das genug für ein Menschenleben? Ich vermag es nicht zu sagen. Ich hatte auf mehr gehofft.
Johanna legte den Brief zur Seite. Seit einiger Zeit schrieb Ingrid so und Johanna wurde müde, ihr zu antworten. Sie würde nicht mehr antworten.
Nein, das war nicht die Freiheit, die sie gemeint hatten. Das hatte auch Johanna gelernt.
Aber zumindest sperrte sie niemand mehr in einen Pferdestall, trennte Frauen von ihren Kindern, schlug sie nieder. Sie waren naiv gewesen zu glauben, dass da jemand kommt und eine Utopie verschenkt. Es tat nicht weniger weh. Der Schmerz war nur anders.
Doch ohne Schmerz wäre das Schreiben nur Beschreibung. Kein Wagnis. Es würde nichts kosten. Es wäre umsonst.