Die Stille vor dem Lärm 

von Andreas Kaschwig

I.

Es regnet seit drei Tagen. Draußen, vor den hohen Fenstern des Verlagshauses, grau in grau, läuft das Wasser an den Scheiben herab.

Im dreiundzwanzigsten Stockwerk ist der Lärm der Straße nicht mehr zu hören. Hier oben herrscht eine künstliche Stille, gefiltert durch dreifache Verglasung und dicke Teppiche. Der Raum ist groß und sparsam möbliert, wie es der protestantischen Tradition der Verlegerfamilie entspricht. An der Längswand hängt ein großformatiges Bild eines modernen Künstlers. Es zeigt nichts und alles.

In der Mitte stehen zwei Sessel aus dunklem Leder. Dazwischen ein niedriger Tisch, darauf eine Karaffe mit Wasser und zwei unberührte, schlichte Kristallgläser.

In den Sesseln sitzen zwei Menschen und taxieren einander.

Der Mann ist Mitte fünfzig, das Gesicht zerfurcht von Jahrzehnten der Verantwortung als Verleger für über dreihundert Männer und Frauen und eine Zeitung, die seit mehr als siebzig Jahren existiert. Er hat den Verlag von seinem Vater übernommen, wie dieser von seinem Vater. Er verwaltet ein Erbe, das in Auflagen und Druckerschwärze gemessen wird, aber dessen eigentlicher Wert in etwas Immateriellem besteht: Vertrauen.

Die Frau ist jünger, etwa Anfang vierzig, das Kostüm maßgeschneidert, ein dezentes Makeup, das ihr Alter verschleiern soll, dazu ein einstudiertes Lächeln auf dem geglätteten Gesicht. Als Wahlkampfmanagerin vertritt sie den aussichtsreichen Kandidaten, für den sie in drei Wochen die Wahl gewinnen soll. 

Sie sitzt bewusst entspannt, ein Bein über das andere geschlagen. Aber ihre Augen sind wach. Es sind Augen, die nichts übersehen, die permanent scannen, bewerten, berechnen. 

Die beiden sitzen sich seit zehn Minuten gegenüber. Sie haben sich begrüßt, höflich, distanziert, ohne Handschlag. Der Verleger hat Wasser angeboten. Die Managerin hat abgelehnt.

„Sie haben Fragen“, sagt sie. Ihre Stimme ist leise, angenehm moduliert.

„Wir haben Antworten“, korrigiert der Verleger.

„Antworten auf Fragen, die niemand gestellt hat.“

„Antworten auf Fragen, die sich die Öffentlichkeit stellen sollte.“

Die Managerin nickt langsam. Sie betrachtet ihre gepflegten Fingernägel.

„Mein Klient“, sagt sie dann, „ist ein Mann, der auch einmal Fehler macht. Wie jeder Mensch. Er ist in der Politik, aber er ist kein Heiliger. Niemand wählt Heilige. Heilige sind langweilig. Und Heilige treffen keine harten, notwendigen Entscheidungen.“

„Es geht nicht um Heiligkeit“, erwidert der Verleger. „Es geht um fehlende Ehrlichkeit. Es geht um Bestechlichkeit.“

Die Managerin lächelt. Es ist ein Lächeln, das die Augen nicht erreicht.

„Bestechlichkeit. Ein juristisch schwieriger Begriff. In der Politik ist es oft eine Frage der Perspektive. Eine Spende, eine Gefälligkeit, ein Netzwerk. Wo beginnt das eine, wo endet das andere?“

„Es endet dort, wo Entscheidungen gekauft werden. Wo Genehmigungen gegen Geldkoffer getauscht werden. Wo politische Weichenstellungen von privaten Konten in Panama abhängen.“

Der Verleger beobachtet die Frau jetzt genau. Er sucht nach einer Reaktion, einem Zucken, einer Nervosität. Aber die Managerin bleibt ungerührt.

Sie ist ein Profi. Sie hat um das Gespräch gebeten, weil sie herausfinden will, wieviel die Zeitung wirklich weiß: Nur von der Baugenehmigung? Oder wissen sie auch von der Stiftung? Wissen sie von den verdeckten Geldern der ausländischen Investoren?

„Sie sprechen von Panama“, entgegnet die Managerin und klingt dabei beabsichtigt gelangweilt.

„Das ist doch Schnee von gestern. Niemand nutzt mehr Panama. Das ist etwas für Amateure oder für Filme aus den neunziger Jahren.“

„Die Orte ändern sich vielleicht, aber das Prinzip bleibt“, sagt der Verleger. „Wir haben Belege für Transaktionen. Dazu haben wir E-Mails als Beweise.“ Er kennt alle Dokumente seiner Journalisten. Er kennt aber auch die Lücken darin. So etwas bleibt nicht aus bei komplexen Nachforschungen.

„E-Mails“, wiederholt die Managerin gedehnt. „Kontextlose Schnipsel irgendeiner digitalen Kommunikation. Leicht zu fälschen, leicht misszuverstehen. Kaum belastbar.“

„Wir haben auch Zeugen.“

Damit landet er einen Treffer. Der Verleger sieht, wie sich die Managerin kurz anspannt. Nur für den Bruchteil einer Sekunde.

„Zeugen?“, die Managerin sammelt sich sofort wieder und fährt scheinbar unbeeindruckt fort. „Vielleicht enttäuschte Mitarbeiter? Gefeuerte Sekretärinnen? Menschen mit Rachegelüsten? Glaubwürdigkeit ist eine fragile Ressource. So ein Kartenhaus kann schnell bei der leichtesten Brise einstürzen.“

„Wir prüfen unsere Quellen gründlich“, sagt der Verleger bewusst streng. Er weiß, dass Menschen immer wieder umfallen oder sich doch als geschickte Lügner erweisen können. Das Risiko besteht dauernd.

Absichtlich souverän fährt er fort. „Wir wissen, was wir tun. Das ist unser Handwerk. Wir drucken keine Gerüchte. Wir drucken sorgfältig recherchierte Fakten.“

II.

Die Managerin steht auf. Sie geht langsam zum Fenster, blickt hinaus in den Regen und dreht dem Verleger den Rücken zu.

„Ihr Handwerk“, sagt sie zur Fensterscheibe. „Ich bewundere das. Wirklich. Diese Akribie. Dieser Glaube an eine objektive Wahrheit. Es hat etwas Museales, irgendwie Nostalgisches.“

Sie dreht sich um.

„Wir leben in komplexen Zeiten. Mein Klient steht für Stabilität. Er steht für Wirtschaftswachstum. Die Umfragen geben ihm recht. Die Wirtschaft vertraut ihm und die Menschen wollen Sicherheit. Sie wollen nicht wissen, wie die Wurst gemacht wird, solange sie schmeckt und ausreichend da ist.“ Sie ist im Wahlkampfredenmodus.

„Die Menschen haben ein Recht auf Wahrheit und den unverstellten Blick auf den echten Charakter Ihres Mandanten, den Blick hinter die Fassade des Machers“, knurrt der Verleger.

„Wahrheit“, wiederholt die Managerin, als koste sie das Wort wie ein exotisches Gewürz, dessen Geschmack sie nicht einordnen kann.

Sie kommt zurück zum Tisch, setzt sich aber nicht, sondern stützt die Hände auf die Lehne des leeren Sessels.

„Ein großes Wort. Früher war Wahrheit das, was am Sonntag von der Kanzel gepredigt wurde. Später das, was in der Tagesschau lief. Heute ist es das, was bei Google oben steht. Aber wir beide wissen, dass die Realität nicht aus Fakten besteht, sondern aus Geschichten.“

„Fakten existieren unabhängig von Geschichten“, erwidert der Verleger kühl. „Wenn Geld geflossen ist, ist Geld geflossen. Das ist Physik, nicht Philosophie.“

„Sie wollen meinen Klienten zerstören“, stellt die Managerin fest.

„Wir wollen Fakten berichten, nicht mehr, nicht weniger,“ wiederholt der Verleger.

„Das Ergebnis ist dasselbe. Wenn Sie heute – drei Wochen vor der Wahl – das drucken, was ich vermute, greifen Sie bewusst in den Wahlkampf, in den Lauf der Geschichte ein. Sie machen sich zum Akteur. Wollen Sie das? Wollen Sie die Verantwortung dafür tragen, dass vielleicht die Opposition gewinnt? Eine Partei, die die Wirtschaft ruinieren wird? Und damit auch die Grundlage für Ihr Unternehmen gefährden kann? Denken Sie doch langfristig.“

Der Verleger lehnt sich zurück. „Sie drohen mir wirklich mit den Auswirkungen demokratischer Wahlen? Ihr Ernst?“

„Ich biete Ihnen Perspektiven.“ Die Managerin setzt sich wieder. Ihre Stimme wird vertraulich.

„Lassen Sie uns vernünftig sein. Mein Klient weiß, dass Sie Material haben. Vielleicht ist manches davon unangenehm. Aber muss es gerade jetzt veröffentlicht werden?“

Sie macht eine offene Handbewegung.

„Wir können kooperieren. Mein Klient schätzt Ihr Blatt, er liest öfter Ihre Leitartikel.“

Sie macht eine kleine Pause.

„Und daher würde er Ihnen gerne… Einblicke gewähren. Exklusive Einblicke.“

Der Verleger schweigt. Er kennt dieses Spiel.

„Wir geben Ihrem Haus das große Interview“, fährt die Wahlkampfstrategin fort. 

„Homestory. Nächsten Samstag. Er und seine Frau. In der Küche. Er kocht etwas und wir zeigen den Menschen hinter dem Politiker. Seine Sorgen, seine Zweifel. Nahbar. Das ist es doch, was Ihre Leser wollen. Gefühle. Keine trockenen Zahlen oder Kontobewegungen. Wir liefern Ihnen emotionales Gold für Ihre Sonntagsausgabe. Und Ihr Verlag baut sich eine wichtige Brücke zur Zukunft, wenn mein Klient die Wahl erst einmal gewonnen hat.“

„Das wäre nur plumpe Propaganda“, kontert der Verleger mit härter werdender Stimme.

„Billige Werbung für Ihren Mann. Wir würden uns zu Komplizen machen, sein Image aufpolieren, während wir Beweise für sein Fehlverhalten in unserem Tresor verschimmeln lassen. Das ist völlig ausgeschlossen.“

Die Managerin seufzt, als bedauere sie die Sturheit eines begriffsstutzigen Kindes.

„Natürlich sind Sie ein Idealist, aber das ist teuer. Ich kenne Ihre Bilanzen und jeder weiß, wie es um die Printbranche steht. Die Auflagen sinken, Anzeigen brechen weg. Google und Facebook saugen den Markt leer.“

Sie beugt sich vor.

„Mein Klient hat Freunde. Mächtige Freunde in der Wirtschaft, die auf ihn bauen. Sie alle sind ihm dankbar für seine Politik. Ein Wort von ihm reicht, ein diskreter Hinweis beim nächsten Kamingespräch, und die Werbebudgets für das nächste Jahr werden neu verteilt. Wir sprechen von großformatigen Anzeigen. Serienbuchungen. Beilagen. Wir sprechen von finanzieller Sicherheit für Ihren Verlag für die nächsten vier, fünf Jahre. Garantiert.“

Der Verleger spürt Zorn aufsteigen, kalt und scharf. Er weiß, dass die Frau Recht hat.

Die Zahlen sind in den letzten Jahren immer kritischer geworden. Aber er wird nicht zulassen, dass sie diese Entwicklung als Waffe gegen ihn richtet.

„Sie versuchen, mich zu kaufen.“

„Ich versuche, eine Win-Win-Situation zu schaffen. Sie verzichten auf eine schmutzige Schlammschlacht, die uns und letztlich dem Land schadet, und erhalten dafür die Mittel, um weiterhin Qualitätsjournalismus zu betreiben.“

Sie lächelt schief.

„Pressefreiheit ist nicht käuflich.“ Der Verleger schüttelt heftig den Kopf.

„Alles ist käuflich“, entgegnet die Managerin gelassen. „Es ist nur eine Frage der Währung. Manchmal ist es Geld. Manchmal ist es Eitelkeit. Und manchmal ist es Angst.“

„Nochmal: wir sind nicht käuflich. Weder durch Homestorys noch durch Anzeigenverträge. Nehmen Sie Ihr Geld und verschwinden Sie.“

Die Stimme des Verlegers ist fest, aber er glaubt zu spüren, wie dünn sie jetzt klingt, angesichts der kühlen Strategie der Managerin.

III.

Die Frau bleibt ungerührt sitzen. Ihr Gesichtsausdruck verändert sich. Die Höflichkeit fällt ab wie eine lästige Schale und ihr Gesicht wird glatt und hart.

„Schade,“ sagt sie. „Ich hatte gehofft, Sie seien ein Geschäftsmann. Aber Sie sind ein Fanatiker.“

Sie greift nach dem Wasserglas vor sich, dreht es langsam in den Händen, betrachtet die Lichtbrechungen im geschliffenen Glas.

„Dann lassen Sie uns über diese Pressefreiheit sprechen, die Sie wie eine Monstranz vor sich hertragen.“

Sie stellt das Glas hart auf den Tisch zurück. 

„Sie verstehen nicht, wie das Spiel heute funktioniert“, sagt sie leise.

„Sie denken immer noch in den Kategorien des 20. Jahrhunderts. Sie denken: Ich habe die Information, also habe ich die Macht. Aber Sie irren sich. Sie haben nur Papier.“

„Wir haben das Vertrauen der Öffentlichkeit“, hält der Verleger dagegen, fragt sich aber unwillkürlich, ob das wohl immer noch stimmt.

„Die Öffentlichkeit“, lacht die Managerin leise und freudlos. „Die Öffentlichkeit sucht keine Wahrheit, mein Lieber. Sie sucht Bestätigung. Und vor allem: Sie sucht Unterhaltung. Wenn Sie morgen diesen Artikel bringen, werden Sie nicht erleben, wie ein Skandal meinen Klienten stürzt. Sie werden erfahren, was moderne Kommunikation und Öffentlichkeit heute wirklich bedeuten.“

„Natürlich, Sie und Ihr Kandidat werden alles dementieren. Das erwarten wir.“

„Dementieren? Gott bewahre, nein. Das ist so neunziger Jahre.“ Die Managerin macht eine wegwerfende Handbewegung.

„Wer dementiert, wirkt schuldig. Nein. Wir werden den Fokus verschieben. Wir werden das Narrativ ändern. Wir sprechen dann nicht mehr über meinen Klienten. Wir werden über Sie sprechen. Über Ihre Agenda. Über Ihre Motive.“

Die Managerin lehnt sich weit zurück, verschränkt die Arme.

„Ihre Frau, Claudia. Sie engagiert sich doch im Vorstand eines Vereins für Flüchtlinge. Sehr lobenswert. Aber es gibt da Gerüchte. Man erzählt sich, dass Gelder in dem Verein nicht ganz sauber verbucht sein könnten.“

Der Verleger spannt sich an. „Lassen Sie meine Frau aus dem Spiel.“

„Natürlich ist da nichts“, beruhigt ihn die Managerin sanft, als spräche sie mit einem Kind.

„Das wissen Sie. Das weiß ich. Aber spielt das eine Rolle? Wir stellen nur Fragen. Das ist doch Journalismus, oder? Fragen stellen. Wir platzieren diese Fragen dort, wo sie wachsen. Auf Telegram, in Kommentarspalten, via Bots, die aussehen wie besorgte Bürger. Wir liefern kein Urteil. Wir liefern Zweifel.“

„Das ist Verleumdung. Ich werde Sie verklagen.“

„Tun Sie das. Bitte. Ein Prozess ist wunderbar. Er hält das Thema über Jahre warm.“

Die Managerin beugt sich wieder vor, ihre Stimme wird fast flüsternd.

„Hören Sie mir gut zu. Es geht nicht darum, ob wir einen Prozess gewinnen. Es geht um Geruch.“ 

Leise holt sie Atem.

„Kennen Sie das Prinzip der sozialen Kontamination?“

Sie wartet keine Antwort ab.

„Stellen Sie sich einen Ventilator vor. Riesig, laut. Und davor eine Jauchegrube.“

Sie macht eine kleine, fast entschuldigende Geste. „Wir werfen alles hinein, was wir finden. Wahr, halbwahr, erfunden. Es spielt keine Rolle. Der Ventilator übernimmt den Rest und bläst alles in Ihre Richtung.“

Ihre Augen blitzen vor Erregung.

„Der Dreck fliegt. Sie können sich ducken. Sie können einen Regenschirm aufspannen. Aber der Dreck wird überall sein. Er legt sich auf Ihre Kleidung, auf Ihre Haut, in Ihre Haare. Er trifft Sie, Ihre Frau, Ihren Sohn. Ihren alten Vater. Er trifft diesen Verlag. Und wissen Sie, was passiert?“

Sie deutet mit dem Zeigefinger auf die Brust des Verlegers, ohne ihn zu berühren.

„Das Zeug klebt. Es ist zäh. Und es stinkt. Die Leute werden nicht analysieren, woher der Gestank kommt. Sie werden nur riechen, dass Sie es sind, der stinkt. Und sie werden auf Abstand gehen. Ihre Freunde im Golfclub? Haben keine Zeit mehr für Sie. Einladungen bleiben aus. Ihre Frau wird im Supermarkt Blicke spüren, die sie nicht zuordnen kann. Ihr Sohn wird an der Uni gemieden, weil niemand mit dem Sohn des ‚korrupten Pädophilen‘ gesehen werden will. Ja, auch diese Worte werden fallen. Das Internet kennt keine Schamgrenze und Bots erst recht nicht.“

Der Verleger starrt die Frau an. Er sucht nach einem Anzeichen von Skrupel, findet aber nur kalte Effizienz.

„Wir werden uns wehren.“ Seine Stimme wird lauter. „Wir werden Interviews geben. Wir werden die Wahrheit belegen und alle Ihre Lügen aufdecken. Wir haben Fakten.“

„Fakten sind leise“, entgegnet die Managerin. „Lärm überdeckt alles. Und wir haben die Verstärker. Je mehr Sie sich wehren, desto mehr wirbeln Sie den Staub auf. Jedes Ihrer Dementis wiederholt nur unsere Geschichten. Am Ende bleiben Sie der Mann, der ständig abstreiten muss, seine Frau betrogen oder Geld unterschlagen zu haben. Sie können nicht gewinnen. Nicht gegen den Schwarm und den Algorithmus.“

Sie steht auf, greift nach ihrer Aktentasche. Ihre Bewegungen sind ruhig, ökonomisch.

IV.

„Wie können Sie so etwas tun? Wie können Sie für so jemanden eine solche Drecksarbeit übernehmen? Sie zerstören Vertrauen, treten die Demokratie in den Dreck“, sagt der Verleger leise.

„Wir modernisieren sie“, antwortet die Frau gelassen. Fast entschuldigend ergänzt sie schnell: „Das ist nun einmal meine Aufgabe, dafür werde ich bezahlt“.

„Soll das Ihre ganze Rechtfertigung sein?“ schnaubt der Verleger.

Die Managerin schüttelt sich langsam und fixiert den Mann vor sich.

„Sehen Sie, früher war das alles so einfach. Es gab Sie und Ihresgleichen. Ein halbes Dutzend Zeitungen, zwei, drei Fernsehsender. Und Sie waren die Meinungselite im Land und haben gemeinsam entschieden, was wahr und was wichtig ist. Sie teilten sich das Monopol auf die Realität und sonnten sich in Ihrer Meinungshoheit. Aber das Internet hat diese Alleinherrschaft längst gebrochen.“

„Die Wahrheit setzt sich am Ende immer durch“, beharrt der Verleger, aber es klingt wie ein Gebet, nicht wie eine Überzeugung.

„Die Wahrheit?“ Die Managerin lacht. „George Orwell erzählt in `1984´ vom Wahrheitsministerium, an dessen Gebäude mein Lieblingsmotto zu lesen ist: Unwissenheit ist Stärke. Orwell hat schon damals erkannt: Eine Lüge wird geglaubt, wenn sie nur oft genug wiederholt wird. Wahrheit kann man einfach unter Massen von „alternativen Wahrheiten“ auf Nimmerwiedersehen verschütten.“

Sie wendet sich noch einmal zum Tisch.

„Die Pressefreiheit stirbt heutzutage nicht durch Zensur. Sie stirbt durch Reizüberflutung. Sie stirbt, weil niemand mehr zuhört.“

Die Managerin macht eine letzte Pause.

„Das ist unser Angebot. Kooperation. Stille. Wohlstand. Oder wir werfen den Ventilator an. Der totale Krieg. Die Vernichtung Ihrer sozialen Existenz und die Ihres Verlages. Entscheiden Sie.“

Der Verleger drückt einen Knopf an seinem Telefon.

„Ich lasse Sie hinausbringen.“

Die Managerin zuckt mit den Schultern. „Wie Sie wünschen.“

Sie geht zur Tür. Ihre Schritte sind leise auf dem teuren Teppich.

An der Tür hält sie inne, die Hand auf der Klinke. Sie dreht sich noch einmal um.

Ihr Gesicht ist jetzt vollkommen ausdruckslos.

„Sie glauben, Sie tun das Richtige. Das Moralische. Aber fragen Sie sich: Ist es das wert? Ist es wert, dass Ihre Frau zerbricht? Dass Ihr Personal auf der Straße landet, weil niemand mehr eine Zeitung kauft, deren Verleger als pädophil oder korrupt gilt? Denn das werden wir behaupten, wenn es sein muss. Wir haben keine Grenzen. Sie schon. Das ist Ihr Nachteil.“

Sie öffnet die Tür.

„Wir leben in einem neuen Zeitalter, mein Lieber. Die Wahrheit ist tot. Es lebe der Lärm.“

Dann ist sie weg. Die Tür schließt mit einem satten Klicken.

V.

Der Verleger bleibt zurück.

Die alte Stille liegt wieder im Raum, aber sie fühlt sich jetzt anders an. Bedrohlich. Kontaminiert.

Der Mann sitzt regungslos da. Er starrt auf das Kunstwerk an der Wand. Die Farben scheinen sich zu bewegen, zu wirbeln.

War das eben nur ein Bluff?

Er kennt den Politiker. Er weiß, dass das Team um ihn herum skrupellos ist.

Er hatte beobachten müssen, wie sie im letzten Jahr eiskalt einen Gegenkandidaten Stück für Stück demontierten. Gerüchte wurden lanciert über anonyme Quellen und dem Mann wurde keine Chance gelassen, bis sein Ruf ruiniert war und er zurücktreten musste.

Die Drohungen sind nicht nur Gerede. Er ist sich sicher, sie haben die Mittel.

Er denkt an Claudia. Sie ist sensibel. Ein solcher Shitstorm, eine solche Kampagne: würde sie das ertragen? Und würde ihre Ehe das aushalten?

Der Verleger steht auf und geht zum Fenster. Er legt die Stirn gegen das kühle Glas.

Draußen liegt die Stadt, grau und nass. Irgendwo dort unten leben die Menschen, die seine Zeitung lesen. Oder auch schon länger nicht mehr und stattdessen lieber ins Handy starren, wenn man den sinkenden Auflagen glaubt.

Hat die Managerin recht? Ist der Kampf von Anfang an verloren, weil die Waffen ungleich verteilt sind? Sind er und sein Verlag aus der Zeit gefallene Ritter in maroder Rüstung, ohne Chance gegen eine Armee aus unsichtbaren Drohnen und Bots?

Vielleicht sollte er nachgeben. Nur dieses eine Mal. Den Bericht abschwächen, die schonungslosen Details weglassen. Den Politiker schonen. Zumindest im Moment.

Und es stimmt leider: Der Verlag braucht dringend frisches Geld. Neue Anzeigen wären die Rettung für die nächste Zeit. Er hat auch die Verantwortung für dreihundert Familien. Setzt er deren Jobs aufs Spiel für sein Ideal von Wahrheit, das vielleicht niemanden mehr interessiert? Und könnte sich der Verlag überhaupt einen teuren Rechtsstreit leisten, wenn es hart auf hart kommt?

Aber wenn er jetzt nachgibt… was bleibt dann?

Dann ist er kein Verleger mehr. Dann ist er nur noch ein Händler von bedrucktem Papier. Ein Verkäufer von Belanglosigkeiten.

Sein Vater hat immer gesagt: „Eine Zeitung kann alles verlieren, ihr Geld, ihr Haus, ihre Maschinen. Aber erst wenn sie ihre Haltung verliert, ist sie wertlos.“

Doch sein Vater hatte Gegner, denen man in die Augen sehen konnte. Heute kämpft man gegen Geister, gesichtslose Söldner aus dem Datennebel.

Der Zweifel frisst an ihm. Vielleicht ist an den Vorwürfen gegen den Politiker auch weniger dran, als es scheint? Vielleicht haben sie sich verrannt? Was, wenn er die Existenz seiner Familie und des Verlages zerstört für eine Geschichte, die am Ende doch nicht wasserdicht ist?

Die Angst kriecht ihm den Nacken hoch. Die Angst vor dem Gestank. Die Angst vor der Isolation.

Plötzlich zerreißt ein Geräusch die Stille.

Das Telefon auf seinem Schreibtisch.

Es ist ein altes Modell, schwer, schwarz. Er hat es von seinem Vater geerbt und all die Jahre nicht austauschen lassen gegen die moderneren Geräte.

Das Klingeln ist mechanisch, fordernd.

Der Verleger dreht sich um und starrt das Gerät an.

In der Mitte der zwei Reihen mit Durchwahlknöpfen blinkt das Licht für die Chefredaktion im Rhythmus des Klingeltons.

Er weiß genau, warum der Anruf kommt. Es ist 20:30 Uhr.

Die Deadline.

In der Druckerei im Keller stehen die Maschinen bereit. Die riesigen Rollen Papier sind eingelegt und die Plattenbelichter warten auf die Daten.

Der Chefredakteur braucht das Go. Er braucht seine Entscheidung.

Drucken wir die Geschichte? Den Aufmacher? Die Enthüllung?

Oder drucken wir die Alternative? Den harmlosen Bericht über die Steuerreform?

Wenn er abnimmt, muss er Ja oder Nein sagen.

Ja bedeutet Krieg. Es bedeutet den Ventilator. Den Schmutz. Die Gefahr für seine Familie.

Nein bedeutet Frieden. Es bedeutet Geld. Sicherheit. Und den moralischen Bankrott.

Das Telefon klingelt weiter.

Zweimal.

Dreimal.

Es ist das lauteste Geräusch der Welt.

Der Verleger geht langsam zum Schreibtisch. Er spürt jeden Schritt in seinen Knochen. Er fühlt sich unendlich schwer.

Er steht vor dem Telefon. Das rote Licht blinkt unbeeindruckt. Wie ein Warnsignal.

Vier Mal.

Er streckt die Hand aus, sieht auf seine Finger, als gehören sie einem Fremden.

Fünf Mal.

Er denkt an die Managerin. An das reptilienhafte Lächeln. An ihren Satz: Die Wahrheit ist tot.

Er denkt an Claudia, seinen Sohn, seinen Vater. Den Verlag.

Der Verleger atmet tief ein. Seine Hand umschließt den Hörer. Das Plastik ist glatt und kalt. Er zögert den Bruchteil einer Sekunde.

„Drucken“, will er sagen. Oder „Stopp“.

Er hebt ab.