„Sie wissen, warum Sie hier sind?“
Das ist keine Frage. Das ist eine Schlinge. Mir gegenüber wippt ein uniformiertes Vollzugsorgan auf einem Drehstuhl mit Kopfstütze. Meinem Gesicht nähern sich schmale, langgezogene Lippen mit Blockbart. Ich weiche zurück.
„Ich weiß es nicht.“ Meine Stimme klingt unsicherer, als ich es möchte. Der Beamte wartet. Er beobachtet, wie die Zeit mich fertig macht. Minute für Minute. Mein Körper fängt an, sich zu verraten. Klirrende Angst kämpft gegen Schweigen.
Das Verhörzimmer im Gebäude für gesellschaftstragende Angelegenheiten hat keine Fenster. Decke und Wände sind farbverlassen. Pigmente der Hoffnung und kleinste Kleckse der Phantasie haben den Einsatz des Vakuumsaugers nicht überstanden. Wie eine eingesperrte, angriffslustige Wespe surrt das Röhrenlicht.
„Hier ist der Stapel der Wahrheit.“ Der Typ grinst süffisant und bettet einen Aktenordner auf das abgewetzte Schreibtischfurnier. Er ist mittelalt, klein und hat streichholzkurze, braune Haare. Nun schiebt er den Ordner langsam in meine Richtung und wieder zurück. Noch immer öffnet er die Belastungsakte nicht. Er wartet und genießt. Zufriedene Blicke fallen auf seine sauberen Hände. Unter den Nägeln kein Krümelchen, nicht ein dunkler Punkt. Korrektheit endet in den Fingerspitzen. Charakterschmutz ist tiefer angesiedelt.
Ich habe Durst. Der Beamte trinkt Kaffee, öffnet eine Keksdose und bedient sich. Gewalt des stummen Verhörs. Endlich zieht er ein Blatt aus der Akte und legt es zwischen uns. Es ist einer der Leserbriefe, über die ich mich so gefreut habe: „Wenn jeder so schreiben würde, wäre die Welt für alle verständlicher. Vielen Dank.“
Solches Lob spornt an. Der Staatsbedienstete für gesellschaftstragende Anliegen ist offensichtlich weniger beeindruckt. Er wartet und wartet. Ich spüre fieses Drücken in der Brust. Höre ein Räuspern.
„Meine Frage! Sie wissen, warum Sie hier sind? Kommt da noch was?“
*
Natürlich weiß ich, warum ich vorgeladen wurde. Ich bin – war – Lokaljournalist. Eigentlich nichts Gefährliches. Ich schreibe – schrieb – über Dinge, die vor der Haustür passieren. Von Menschen, die dort leben. Am Anfang eine Kaninchenausstellung hier, ein Bürgermeister, der in der Grundschule vorliest, da, das Geheimnis einer glücklichen, eisernen Hochzeit dort. Weil ich fleißig und aufmerksam bin, bekam ich schnell interessantere und besser bezahlte Aufträge: Bauverzögerungen, Lieferengpässe, Reportagen über große, gemeinschaftseigene Betriebe. Ich steckte noch mehr Arbeit und Zeit in meine Recherchen. Ich wollte jede Frage beantworten können, und zwar so, dass es alle verstehen.
Der Chef vom Dienst teilte mich für das Thema „prophylaktische Antibiotikagabe in der Nutztierhaltung“ ein. Ich fragte nach, ob ich mich auch um einen möglichen Zusammenhang mit der aktuellen Häufung rätselhafter Salmonellen-Fälle kümmern sollte. „Sonst hätte ich unsere Schlafhörnchen fragen können“, lachte er. „Aber keine Panikmache, bitte. Ich vertraue dir. Du triffst den richtigen Ton.“ Er leitete mir E-Mails und Leserbriefe weiter. Sie beschrieben eigenartige Symptome und fragten, warum die Presse nicht berichtet.
Als erstes besorgte ich mir die gerade erlassene, neue Tierhygiene-Verordnung. Ihr Zweck, so die Präambel, sei die Sicherung der Produktion in sämtlichen genossenschaftlichen Agrarbetrieben. Eine notwendig gewordene Maßnahme aufgrund einer besonderen Lage. Die Sicherstellung der Volksernährung mache eine schnelle Reaktion erforderlich. Deshalb dürften ab sofort Antibiotika zur Wachstumssteigerung bei Hühnern, Kühen und Schweinen eingesetzt werden. Auch Medikamente, die vorher als problematisch galten, seien bis auf weiteres erlaubt. Ich habe alle Fußnoten gelesen und auch die Aufsätze von Experten, auf die darin verwiesen wird. Dann habe ich Tierärzte für Interviews gesucht. Und plötzlich wurde es schwierig. Man sei noch in der Versuchsphase, die zuständigen Behörden hätten um vorsichtigen Umgang mit Informationen gebeten.
Ich telefonierte stundenlang, besuchte Betriebe, machte Fotos von Jungtieren und von Maschinen zur automatischen Injektion hochdosierter Antibiotika.
Dann traf ich einen Staatsanwalt. Er sprach von einer Spur, die für mich höchst interessant werden könnte. Aber offiziell dürfe er nichts sagen. Er nannte mir den Namen einer Tierärztin. Ich sollte für mich behalten, von wem der Tipp ist. Ich sagte der Ärztin, ihre Praxis sei mir von einem Freund empfohlen worden. Er hätte eine orangefarbene Katze mit Husten. „Oh, grüßen Sie ihn von mir.“
Ich musste der Tierärztin zusichern, dass ich sie nicht namentlich nenne. Sie erzählte mir, dass Rinder, Schweine und Schafe sehr viel schneller an Gewicht zulegten, seit sie großzügig mit Antibiotika versorgt wurden. Aber sie wusste auch von den Risiken. Nicht nur für die Nutztiere.
*
Der Beamte mit den streichholzkurzen Haaren entschließt sich, eine weitere Frage zu stellen. „Warum haben Sie diesen Artikel geschrieben?“
„Ich habe viele Artikel geschrieben. Welchen meinen Sie?“
„Stellen Sie sich nicht dumm.“ Er zieht ein Blatt aus der Akte. kratzt mit einem Fingernagel darauf herum. „Hier. Ärzte sprechen von … blablabla … Salmonelleninfektionen … Antibiotikaresistenzen … und so weiter…“
Er schiebt den Artikel von sich weg wie einen leer gefrühstückten Teller. „Warum diese Bezeichnung?“
„Welche Bezeichnung?“
„Salmonelleninfektionen.“
„Darum geht es.“ „Sie hätten auch schreiben können: „saisonale, gesundheitliche Auffälligkeiten“.
„Das wäre zu ungenau.“
„Es wäre einfacher gewesen.“
„Für wen?“
Er antwortet nicht auf die Frage. „Sie produzieren einen Zusammenhang, als wäre es eine begründete Vermutung.“
„Ich produziere keinen Zusammenhang. Es gibt ihn.“
*
Nach der Tierärztin besuchte ich die Intensivstation im Städtischen Klinikum. Ich setzte mich auf einen Plastikstuhl vor der Schleuse. Licht ohne Trost ließ Tag und Nacht gleich aussehen. Ein Hauch von Hoffnung, nicht größer als das Samenschirmchen einer Pusteblume, stemmte sich von den Seilen. In den Gesichtern der Wartenden sah ich Erschöpfung, Angst, Schmerz und Verlassenheit. Sterile Betten wurden vorbei geschoben, verloren sich im Raum. Zu wenig Personal, zu viele Patienten. Pflegerinnen allein mit Kurven, Schläuchen, Infusionslösungen. Mein Hintern schmerzte von der harten Sitzfläche. Ich starrte die Wände an. Sie schwiegen zurück. Ich zählte Schritte und Fliesen. Meine letzte Recherche im klinischen Alltag hatte noch in einer anderen Wirklichkeit stattgefunden. Damals waren die Zimmer groß genug gewesen für die benötigten Betten. Niemand musste sich auf den Gängen zwischen Leben und Tod gedulden. Das medizinische Personal war noch nicht vom Dauerwachsein zermürbt und durfte darauf vertrauen, dass genug für alle da war. Zeit, Medikamente und Platz. Damals hatten Ärzte und Pfleger mit mir gesprochen. Jetzt bekam ich nach vier Stunden Warterei nur einen mürrischen Pressesprecher zu Gesicht. Ich fragte ihn, ob es eine Auswahl gebe, eine Triage. Er knurrte, dass er sich nichts in den Mund legen lasse. Fragen nach Zusammenhängen seien Vermutungen. Es gebe keinen Anlass, die Bevölkerung zu beunruhigen. Ich könnte ja schreiben, dass Händewaschen immer gut sei als Vorsorge und dass man Fleisch nur durchgegart essen sollte.
Auf dem Klinikparkplatz traf ich einen Arzt aus der Notaufnahme, den ich von früher kannte.
Er winkte mich auf den Beifahrersitz in seinem Auto. „Schließen Sie die Tür.“
Mit Sorgenfalten auf der Stirn und über der Lippe sah er mich an. „Diese Vielzahl schwerer Magen-Darm-Infektionen ist alles andere als normal. Und die Erreger sprechen auf keines unserer Medikamente an. Das wissen Sie aber nicht von mir.“
Ich nickte und stieg aus.
Ich wollte den Zusammenhang erfahren und erklären. Ich erstellte Listen mit Daten, Quellen, Erkrankungen, Todesfällen. Ich überarbeite meinen Text, schrieb keine Zeile, die ich nicht belegen konnte.
Ich wollte sichtbar machen, was sonst verborgen geblieben wäre. Fragen können doch nicht gefährlich sein. Falschinformationen schon. Wieviel kannte der Staat bereits von dem, was ich aus meinen Recherchen wusste? Wollten seine Diener überhaupt erfahren, was ich herausgefunden hatte? Oder waren sie wie das Affen-Dreigestirn? Hände fest auf den Augen, den Ohren und dem Mund?
*
Der Verhörbeamte in Raum 106 schreibt irgendetwas auf. „Sie säen Zweifel und Unsicherheit“, sagt er.
„Nein. Ich erkläre, was gemacht wird. Im Ministerium, auf den Höfen, in den Krankenhäusern. Ich habe geschrieben, was geschieht. In den Ställen, auf den Transportwegen, in den Kühlhäusern, auf unseren Tellern.“
Ich hole kurz Luft. Der Mann schaut auf die Uhr und stellt dieselben Fragen immer wieder. „Würden Sie den Artikel noch einmal genau so schreiben? Würden Sie das Wort Salmonellen verwenden? Das Wort ‚Antibiotikaresistenzen‘? Wem nützt es, verunsichert zu werden?“ Jetzt wartet er wieder und schweigt.
*
Mein Artikel wurde nicht zensiert und nicht verboten. Er erschien einfach nicht. Nicht am ersten Tag nach der Abgabe, auch nicht am zweiten. Es hieß: „Leider kein Platz, hab Geduld.“
Dann, auf meine Nachfrage: „Der Text ist zu konspirativ. Die Leute haben genug Sorgen.“ Meine Nägel bereits blutig gekaut. Schweigen und Abwarten wurden von mir gefordert. Professionelle Geduld.
Ich arbeitete verbissen weiter und erfuhr von einer Reihe ungeklärter Todesfälle. Wieder Magen-Darm-Erkrankungen. Wieder nicht behandelbar. Ich schrieb einen neuen Artikel, bemüht sachlich. Nur was mehrfach bestätigt und abgesichert war, kam in den Text. Der Bericht klang schon fast wie eine amtliche Pressemitteilung. Ich kürzte ihn auf das Notwendigste: nur Informationen, keine Spekulationen. Nur gesicherte Fakten, keine Hypothesen. Doch der Artikel verschwand gleich nach dem Hochladen aus dem System. Keine Fehlermeldung. Er war einfach weg. Ich bat um einen Termin bei der Redaktionsleitung und bekam acht Minuten. Man schloss die Tür und wirkte zuhörend. Nickte mit ernstem Blick. „Die Lage ist schwierig. Wir müssen jetzt alle sensibel arbeiten. Alle Antennen ausfahren. Keine Panik verbreiten.“
„Aha.“
Am Abend fand ich einen Text unter meinem Namen im Newsroomsystem. Er sah fast aus, wie der, den ich hochgeladen hatte. Aber es war nicht mehr mein Text. Alle Zahlen fehlten. Die Zusammenhänge waren aufgelöst. Nur noch nichtssagende, abgegriffene Nebelwörter. „Aktuelle Einschätzung … die zuständigen Behörden informieren … es besteht kein Anlass zur Sorge … die beobachteten Krankheitsverläufe bewegen sich im jahreszeitlich normalen Rahmen … Zusammenhang mit Nahrungsmitteln … überprüft … Hinweise auf konkrete Ursachen liegen nicht vor. Gerüchte und Spekulationen entbehren jeder Grundlage … medizinische Versorgung … jederzeit gesichert …“
*
Das Verhör zermürbt mich. Ich werde langsamer, müder. Jemand kommt und fragt, was ich dabei habe.
„Nur meinen Rucksack.“
Ich muss ihn hergeben.
Mein Gegenüber gönnt sich eine weitere Tasse Kaffee.
„Salmonellen sind kein politisches Argument“, erklärt er.
„Es trifft Menschen“, sage ich.
„Der Staat sorgt für die Menschen.“
„Der Staat entscheidet über die Menschen. Genau deshalb brauchen wir die Pressefreiheit. Sie gehört zum Fundament der Demokratie.“
Der Beamte lehnt sich zurück, ballt die rechte Hand zur Faust und lässt sie auf den Tisch sinken. „Soweit die Theorie. Wenn Fakten sich ändern, müssen Entscheidungen getroffen werden. Pressefreiheit ist zwar nach allgemeiner Benennung ein Grundrecht. Aber sie ist kein Recht gegen den Staat. Sie sollte ihm dienen.“
„Nein.“ Noch einmal Aufwallen. „Und ob die Pressefreiheit sich gegen den Staat richtet. Gegen wen denn sonst?“
„Keine künstliche Aufregung. Dafür ist jetzt der falsche Moment. Sie hätten Ihren Text doch einfach entschärfen können. Weniger Zusammenhänge. Mehr Zuversicht.“
Er gibt mir ein Papier. Meine Augen werden feucht. Ich kann nicht jedes Wort lesen, sehe: „politisch nicht zuverlässig“.
„Warum? Was heißt das?“
„Fakten belegen, dass Sie ihre journalistische Arbeit nicht dem staatlichen Bedarf unterordnen.“
„Bekomme ich ein Berufsverbot?“
„Nein. Wir sind ja keine Unmenschen. Sie können das alles wieder in Ordnung bringen.“
„Wie?“
„Einfach den Text richtig stellen. Klar sagen, dass Einzelfälle unzulässig aufgeblasen wurden, die behaupteten Zusammenhänge nicht existieren. Geben Sie zu, dass Sie bei der Recherche bedauerlicherweise dilettantisch gearbeitet haben, Sie sind ja noch jung, ein Anfänger. Sie haben falsche Informationen geliefert und die falschen Zusammenhänge hergestellt. Dafür entschuldigen Sie sich ausdrücklich bei den Lesern, den Informanten und der Redaktion. Nur ein kleiner Text, eine Richtigstellung. Danach können Sie wieder ganz normal arbeiten.“
Ich frage, was passiert, wenn ich diesen Lügentext nicht schreibe.
„Nun, das würde rechtliche Konsequenzen haben. Das wäre doch schade.“ Das Wort Gefängnis wird nicht gesagt. Jemand bringt meinen Rucksack. Er ist leer. Mein Notizblock und mein tragbarer Rechner sind weg. Ich möchte schreien. „Keine Sorge, es ist nur zu Ihrer Sicherheit. Alles ist archiviert. Sagen Sie uns, wie Sie sich entschieden haben. Wann immer Sie so weit sind“. Mir wird schlecht bei so viel Großzügigkeit.
*
Ich hatte den Mann vorher nie gesehen. Er saß plötzlich neben mir auf dem Klinikstuhl. Mein dritter Besuch im Wartebereich der Intensivstation. Kein „Guten Abend“. Seine Augen hatten keine Tränen mehr. Er hauchte: „Meine Tochter ist gerade gestorben. Alle Medikamente waren wirkungslos.“ Sein Blick war zu müde, um vorwurfsvoll zu sein. „Warum hat niemand etwas gesagt? Warum stand nichts in der Zeitung?“
„Ich bin von der Zeitung“, sagte ich. „Sie drucken es nicht.“
Er zeigte mir die Todesbescheinigung. Ich las: „Exitus nach Sepsis bei antibiotikaresistenter Infektion.“
„Die drucken es nicht? Heißt das, da wird etwas vertuscht? Bewusst unter der Decke gehalten?“ Der Mann wirkte alarmiert. Ich reagierte vorsichtig. „Das scheint zumindest möglich …“
„Vielleicht war Mias Tod nicht völlig umsonst“, unterbrach er mich. „Ich fahre nach Hause zu meiner Frau. Wir haben das Liebste verloren. Besuchen Sie uns. Machen Sie den Skandal bekannt.“
Ich hatte bis dahin trotz allem dementiert, in einem Unrechtsstaat zu leben. Bestritten, dass das System die alleinige Wahrheit beansprucht und sich über die Menschen stellt. Schließlich gab es doch keine Zensur. Keine amtliche Kontrolle. Aber meine Artikel erschienen nicht. Und auch die Geschichte des Mannes, der seine Tochter verloren hatte, würde nicht herausgebracht werden. Mein Chef vom Dienst ließ sich am Telefon verleugnen. E-Mails blieben ohne Antwort.
Ich schrieb die Story in meinen privaten Laptop. Fügte alles hinzu, was ich bis dahin herausgefunden hatte. Das Gespräch mit dem Arzt. Die Andeutungen des Staatsanwalts. Die Statistiken mit den Todesfällen. Ich ließ nichts aus. Dann versuchte ich, mich ins Redaktionsnetzwerk einzuwählen, und stellte fest, dass mein Zugang gesperrt war.
*
Eine weitere Person betritt Raum 106. Ein großer Mann mit Glatze. Er trägt Zivil, keine Uniform. „Sie machen es sich schwerer als nötig“, sagt er.
„Ich habe nur meinen Job gemacht. Es gibt nichts richtigzustellen.“
„Ihre Arbeit verursacht Schäden. Das ist schlecht für unsere Gesellschaft. Man kann nicht einfach Menschen mit Vorschriften verbinden, oder Entscheidungen mit Folgen, oder Heute mit Morgen.“
„Ihre Worte sind hohl und leer.“ Ich weiß nicht, woher ich den Mut nehme, das zu sagen.
„Hüten Sie Ihre Zunge.“ Der Glatzkopf baut sich neben dem Braunhaarigen auf. „Wir können auch anders.“
„Was ist daran falsch, nach Antworten zu suchen? Ich möchte doch nur mit daran arbeiten, dass niemand sagen kann, wir haben von nichts gewusst.“
*
Mias Vater gab mir die Handynummer einer Ärztin. Ich rief sie noch am selben Abend an. Sie klang müde. „Es ist bei allen Patienten das Gleiche. Die Medikamente schlagen nicht an.“ Ich fragte, ob ich Laborberichte sehen darf. Sie verneinte, fasste mir allerdings die schweren Krankheitsverläufe bei dem aktuellen, multiresistenten Erreger zusammen. Länger als eine Woche wässriger Durchfall, Schüttelfrost, Bauchkrämpfe, hoher Flüssigkeitsverlust, Fieber über neununddreißig Grad, Blut im Stuhl, septische Streuung, Durchdringung der Darmwand, Herzklappenentzündung, Verwirrtheit, Austrocknung, Tod. Ich ergänzte meinen Artikel um die neuen Fakten und startete noch einmal den Login im Pressehaus. Wieder ohne Erfolg. Ich sprach Nachrichten auf Mailboxen. Jemand, den ich nicht kenne, schrieb: „Nur eine technische Überprüfung. Eine Routineangelegenheit. Ein wenig Geduld. Ihr Serviceteam.“
Diese Lüge gab mir den Rest. Ich beschloss, dass es genug war mit dem Geduldig-Sein.
Ein Freund von mir ist Computerfreak. Er wollte nicht gleich mitmachen. Ich erinnerte ihn an unser Kindergartenversprechen. Wir halten zusammen, egal, wer von uns gegen welche Regeln verstoßen haben mochte. Egal, wenn wir etwas gemacht hatten, das die Erzieherin nicht wollte. Egal, ob wir im Recht waren.
„Ja, aber das ist lange her. Die Zeiten haben sich …“
Ich fiel ihm ins Wort, erzählte von allem, was ich noch herausgefunden hatte. Und von Mias Vater. Ich spürte, wie sein Herz taut.
„Okay.“ Er warf den Rechner an. Keine fünf Minuten, und wir waren im Netzwerk der Redaktion. Schön, dass es immer noch Menschen gibt, die „123456“ als Passwort benutzen.
Alle meine Notizen waren noch da. Alle niemals gedruckten Artikel. Wir luden eine neue Fassung des Artikels hoch. Mein Freund fand den direkten Zugang zum Druckserver. „Mit etwas Glück schaut da keiner mehr drüber“, brummte er und grinste. Dann gestalteten wir die Seite Drei der Morgenausgabe um. Die Zeit war knapp. Ich schrieb nur das Wichtigste. Fügte Fotos ein. Das Interview mit Mias Vater, Links zu weiteren Artikeln. Ich schlief bei meinem Freund. Wir hatten uns viel zu erzählen.
*
Ich werde aus Zimmer 106 geführt und in einen anderen Raum gebracht. Hier gibt es keinen Tisch. Die Decke ist deutlicher niedriger, die Heizung aus. Wieder kein Fenster. Die Luft riecht abgestanden. Ein Spot zeigt mir, wo ich stehen soll. Nur ein Punkt, in den meine Füße gerade so hinein passen. Der Glatzkopf betrachtet mich von allen Seiten, kommt mir unangenehm nah. „Keine Bewegung.“
Stehen ist Folter. Alles tut weh. Gelenke, Füße, Hüfte. Der Boden ist hart. Der Mann kommt und geht. Stellt immer wieder die gleichen Fragen: „Diesen Artikel, würden Sie ihn wieder schreiben? Würden Sie wieder einen Zusammenhang zwischen Tierhaltung und Antibiotikaresistenz erfinden? Und wie haben Sie Ihre Redaktion überzeugt, solche haltlosen Spekulationen zu drucken?“
Mein Körper verlangt nach Ruhe. Die Gedanken in meinem Kopf tanzen. Erst durcheinander, aber dann Paso Doble: Stolz, Mut, Angriff, Haltung. Das ist für mich Pressefreiheit. Und das heißt, Fragen zu stellen, bevor Entscheidungen durchgeboxt und amtlich sind. Fragen und unbequem sein, solange man Schäden vermeiden kann, solange man Menschen, Tiere und die Welt noch schützen kann. Nicht vertrösten lassen von: „Erstmal abwarten“ oder: „Manche Fragen stören die Ordnung, stören das System“.
Ich wundere mich bis heute darüber, dass die Chefredaktion nicht zugegeben hat, wie mein Artikel in die Zeitung gelangt ist. Offenbar wollten sie nicht eingestehen, wie leicht es war, den Druckserver zu hacken und an allen Kontrollen vorbei einen Bericht zu veröffentlichen, der eigentlich nicht erscheinen sollte. Sie haben nur von „internen Versäumnissen“ gesprochen. Vielleicht, weil es ihnen peinlich war. Vielleicht aus Angst vor Nachahmern. Vielleicht ja aber auch, weil so viele Leserbriefe mir Recht gegeben haben.
Nach zwei Stunden auf dem Lichtpunkt lässt man mich gehen. Man teilt mir aber noch mit, dass der Vorgang nicht abgeschlossen sei. Ich solle mich bereithalten.
Also bleibe ich erreichbar. Ich gehe täglich spazieren. In dieser Zeit wird offenbar meine Wohnung durchsucht. Mir fallen hinterher immer kleine Veränderungen auf. Ein Buch liegt anders. Der Gefrierschrank steht offen. Die Gardinen sind verzogen. Verwischter Staub unter meinem Bett. Aber es ist alles noch da. Nichts fehlt. Ich habe nicht gedacht, dass ich meine Arbeit so schmerzlich vermissen würde. Ich rufe in der Redaktion an. Niemand erkennt mich. Keiner will sich an meinen Namen erinnern. Es ist als würde es mich nicht mehr geben.
Ich werde noch einmal vorgeladen und gehe freiwillig hin. Diesmal erwartet mich eine Frau in Zimmer 106. Ist sie echt oder ein KI-Avatar? Mimik und Stimme wirken so menschlich unmenschlich. Sie teilt mir mit, dass ich für meine Situation die alleinige Verantwortung trage. Ich hätte meine Eignung in Frage gestellt und solle meinen Führerschein abgeben. Zudem müsse ich mit weiteren Einschränkungen rechnen. Ich frage nicht, ich widerspreche nicht, ich nicke und gehe zur Tür. Bevor ich Raum 106 verlasse, drehe ich mich noch einmal um. „Wird meine Akte jetzt geschlossen?“
Die Dame lächelt. „Akten werden doch nicht geschlossen. Akten ruhen.“
*
Jahre später darf ich die Akte einsehen. Ein Raum. Ein Tisch. Ein dicker Ordner. Kein Mensch.
Ich erfahre niemals genau, wann ich zum Feind des Systems wurde. Es war kein einzelnes Gespräch, kein klar heraus kristallisiertes Geschehen. Es waren Sätze, die nicht erwünscht waren, dann ein Absatz, ein ganzer Artikel, Interviews, Diagramme, Fotos. Und irgendwann meine komplette Persönlichkeit.
Ich wurde nicht wieder zurückgeholt. Mein Name blieb beschwert, solange das System existierte.
Aber immerhin habe ich in einer Gesellschaft, die Schweigen verlangt, mehr getan, als Klappe und Stift zu halten. Und ich habe mich in einem Staat, der Lügen verlangt, geweigert, auch selbst zum Lügner zu werden. Alles andere wäre falsch gewesen. Das verlogene System ist untergegangen. Ich bin noch da.