Der Gefangene Nummer eins war verschwunden. Er hatte noch andere Namen – „Staatsfeind Nummer eins“ oder „dieser Mensch“, wie der Präsident ihn nannte. Selbst nachdem er ihn endlich in den Mühlen seines Systems gefangen hatte, verweigerte er ihm seinen Namen. Als wüsste er nicht, wie er heißt, als wäre es ihm entfallen, wessen Mord er in Auftrag gegeben hatte, einen Anschlag, der misslungen war und jetzt durch diese Haftstrafe ersetzt wurde.
Seit Tagen las Sascha unter ihrer Bettdecke die Nachrichten in ihrem Thread. Wahrscheinlich war das VPN, das sie nutzte, um ihre IP-Adresse zu verschleiern und Nachrichten aus dem Ausland zu lesen, nur halblegal. Es hieß, die Duma arbeite an einem Gesetzesentwurf.
Die Nachrichten aus dem Ausland kamen von Exilmedien, die ihre Redaktionen über Nacht außer Landes bringen mussten, nachdem es verboten wurde, den Krieg im Nachbarland als Krieg zu bezeichnen. Dort las sie nun täglich: „Wir wissen nicht, wo er ist“, „Seine Anwälte haben keinen Zugang zu ihm“.
Bis ihre Mutter eines Morgens zu ihrem Vater sagte, während sie den pfeifenden Wasserkocher vom Gasherd nahm:
Tante Flosja schaute kurz von ihrer Strickerei hoch und murmelte zufrieden:
Sie tauschte einen Blick mit Sascha. Nun war klar, wohin der Gefangene Nummer eins verschwunden war – er wurde etappiert, also von einer Haftanstalt in eine andere gebracht. Diese Verlegungen konnten Wochen dauern und lebensgefährlich sein – unter schlechten hygienischen Bedingungen, ohne ärztliche Versorgung, ohne Kontakt zur Außenwelt.
Für Sascha klang „Nekroraum“ wie die Ausgeburt des Bösen, wie der düstere Nekromant in „Der Herr der Ringe“, der die Toten befehligte.
Aber das fiel Sascha zunehmend schwer. Jetzt war der Gefangene Nummer eins also in einem neuen Nekroraum aufgetaucht – im Betrieb.
Der Betrieb war länger da, als ihre kleine Stadt. Die Stadt war nur dank Betrieb entstanden. Er lag hinter bewaldeten Hügeln, unsichtbar und doch immer gegenwärtig. Mindestens ein Viertel der Einwohner arbeitete dort, im „FKU IK-3 FSIN“, so der offizielle Name, dem größten Gefängnis im Norden, wo es immer kalt war.
Tante Flosja wusste, wovon sie sprach. Als junge Frau verlor sie ihren Mann ans System. Ende der fünfziger Jahre wurde er nachts abgeholt, als das Monster schon tot und entthront war. Eigentlich war das Leben schön damals – aber eben nicht für alle. Sie hat nie erfahren, was mit ihm passiert war.
Irgendwann war sie zu Saschas Oma gezogen, jetzt wohnte sie bei ihren Eltern auf der Bank in der Küche. Sie war klein und fast durchsichtig, als würde sie von unsichtbaren Fäden zusammengehalten. Und von ihrem messerscharfen Verstand, den sie dazu nutzte, Sascha auf ein ungewisses Leben vorzubereiten.
Sie war es, die Sascha mit nur einem Blick klargemacht hatte, dass es keine gute Idee war, die gefährlichen Nachrichten im Bus zu lesen. Leute seien schon für ein Like verhaftet worden, da sollte sie sich nicht aufs Handy schauen lassen, hatte sie gesagt. Sie war es auch, die Sascha aufbaute, wenn sie frustriert aus der Redaktion kam. Wenn sie wieder über die Eröffnung neuer Denkmäler oder das Dienstjubiläum des Oberbürgermeisters schreiben durfte und nicht über die steigende Zahl der Gefallenen aus ihrer Stadt.
Deswegen atmete Sascha durch und schrieb wieder über den Schulausflug zum Grabmal des unbekannten Soldaten. Nur manchmal bekam sie schwer Luft und Schweißausbrüche, aber das versuchte sie zu ignorieren.
Wenn sie von der Arbeit kam, traf sie im Hof meistens ihre alten Nachbarn Onkel Zhenja und Onkel Wasja an. Sie saßen auf halbzerfallenen Bänken neben den Resten eines vor dreißig Jahren errichteten Spielplatzes, tranken Vodka und spielten Domino. Seit der Gefangene Nummer eins in den Betrieb verlegt worden war, strahlte Onkel Zhenja, der dort als Wärter arbeitete. Seine Arbeit, monoton und voller Elend, hatte plötzlich einen neuen Sinn bekommen. Er bewachte einen Mann, der selbst dem Präsidenten bekannt war! Es fühlte sich an wie eine Beförderung.
Onkel Wasja, der sonst über die plumpen Witze seines Kumpels lachte, sah in den letzten Wochen irgendwie betrübt aus. Er trank und schwieg, vergaß oft, dass er am Zug war. Immer öfter blieben die Dominosteine in den ausgebeulten Taschen von Onkel Zhenjas Hose und die beiden saßen nur stumm nebeneinander.
Sascha schenkte dem neuen Stillleben in ihrem Hof wenig Beachtung, bis ihre Mutter, immer besser informiert als jeder Radiosender, die Familie eines Abends auf den neuesten Stand brachte. Sie hantierte am Gasherd mit einer Pfanne und wendete die brutzelnden Bouletten. Es war Fleischtag. Solche Tage gab es immer seltener, denn Fleisch war teuer geworden.
Das galt ihrem Vater, der sich sofort daran machte, in der Schublade nach Gabeln zu wühlen.
Dreißig Jahre Ehe hatten Saschas Vater gelehrt, nicht zu widersprechen, wenn seine Frau schlechte Laune hatte. Heute war das der Fall – der neue Wohlstand er Nachbarn stieß ihr offensichtlich sauer auf. Deswegen saß er schon, als Sascha die gefüllten Wassergläser auf den Tisch stellte.
Tante Flosja erhob sich von ihrer Bank, die genauso ächzte wie sie, und schlurfte zum Tisch.
Witalik hatte also beschlossen, Kohle zu machen und auf Glück zu hoffen, dachte Sascha. Da die Regierung unbedingt eine Mobilmachung vermeiden wollte – denn es war ja nur ein kleiner Krieg, eine „spezielle militärische Operation“ – bekamen Männer sehr viel Geld, wenn sie sich freiwillig meldeten. Jetzt verstand sie auch Onkel Wasjas leeren Blick auf der Bank vor dem Haus. Im Gegensatz zu seiner Frau freute er sich offenbar nicht über den Geldregen.
Abends im Bett schaltete sie wieder auf ihrem Handy VPN ein und las unter der Decke die „echten“ Nachrichten. Der Gefangene Nummer eins ist wieder angeklagt worden – diesmal wird ihm Angriff auf einen Polizisten vorgeworfen. Wahrscheinlich hat er einen Pappbecher nach jemandem geworfen, dachte Sascha. Wie das Mädel in Sankt-Petersburg, das dafür drei Jahre Haft bekommen hat.
Sascha merkte, wie sich ihr die Kehle zuschnürte. Sie versuchte, tief Luft zu holen, und schaffte es nicht. Sie wusste aber, was ihr manchmal half. Also fantasierte sie darüber, wie ihre Zeitung darüber berichten könnte. Immerhin wertete die Nähe eines solchen Gefangenen gewissenmaßen die ganze Stadt auf. Selbst wenn man den Artikel nur schreiben würde, um darauf hinzuweisen, welch hervorragende Sicherheitsmaßnahmen der Betrieb hatte, wäre der Name des Gefangenen in der Zeitung. Dazu könnte man noch einen kleinen Kasten über die linguistischen Seltsamkeiten ihrer Zeit stellen, sozusagen ein Wörterbuch „Normales Russisch – Neurussisch“.
Beflügelt von ihrer Idee, warf Sascha die Decke zur Seite und holte ihr Notizbuch aus der Schublade. Im Schneidersitz auf dem Bett sitzend, kritzelte sie ihr Wörterbuch ins Heft:
Der Betrieb – das örtliche Gefängnis
Einen Vertrag unterschreiben – sich für viel Geld zum Krieg melden
Annullieren – jemanden im Krieg töten
Negatives Wachstum – Rezession
Parallelimport – Einfuhr von ausländischer Ware ohne Zustimmung der Rechteinhaber
Schutz vor Telefonbetrügern – Überwachung und Kontrolle der Telekommunikation
Das alles waren sprachliche Neukreationen, die auch ihre Zeitung benutzte. Sie schrieb noch eine Weile, dann lehnte sie sich zurück. Sie konnte wieder freier atmen.
Sie wusste auch nicht, was sie geritten hatte, ihre Idee (natürlich ohne das Wörterbuch, um Gottes willen, nur die neue Anklage plus Sicherheitsmaßnahmen) am nächsten Tag dem Chefredakteur vorzuschlagen. Pawel Borisowitsch schielte zu seiner Bürotür, um sicherzugehen, dass sie geschlossen war. Er steckte seine Hand zwischen seinen Hals und Hemdkragen, um den Kragen breiter zu ziehen, scheiterte an der engen Krawatte, gab auf und schaute Sascha eindringlich an:
Der Chefredakteur seufzte und trommelte mit den Fingern auf den Tisch.
Er sah sie schweigend an und Sascha rutschte das Herz in die Hose. Wie konnte sie das Offensichtliche übersehen haben?
Was für eine seltsame Einstellung für eine Zeitung, dachte Sascha. Und noch ein Eintrag für ihr Wörterbuch: „außerhalb der Politik“ bedeutete „wir sprechen/schreiben nicht über die Politik, um ja nichts zu äußern, was als Kritik an den Machthabern ausgelegt werden könnte.“
Wenige Artikel hatten bei Sascha so viel Widerwillen erzeugt, wie dieses Porträt. Der neue Sportlehrer an einer Grundschule war ein ehemaliger Sträfling, dem seine Haftstrafe erlassen wurde, weil er sich freiwillig zum Krieg gemeldet hatte. Jetzt galt er nicht mal mehr als vorbestraft, seine Akte wurde gelöscht. Die Todesrate bei Exsträflingen im Krieg lag Gerüchten zufolge bei 80 Prozent. Somit hatte der Sportlehrer das große Los gezogen – er hatte es geschafft, zu überleben und war nun ein freier Mann.
Mehr noch: er war nun ein Held, genoss Privilegien wie eine kostenlose gesundheitliche Versorgung und wurde bei Stellenbesetzungen bevorzugt behandelt. Als er anfing, als Lehrer zu arbeiten, schlug die Stadtverwaltung zwei Fliegen mit einer Klappe: der Personalmangel an der Schule wurde gelindert und da war einer, der den Kindern etwas über Patriotismus beibringen konnte.
Sascha hatte den Auftrag, ihn für die Rubrik „Unsere Helden“ zu porträtieren. Sie traf ihn an der Schule und fand ihn von Anfang an widerwärtig. Breitschultrig, der Schädel kahlgeschoren, die Hände übersät mit Tattoos, die vermutlich eine besondere Bedeutung in der Knastsymbolik hatten. Als er ihr seinen „Arbeitsplatz“, die Sporthalle, zeigte, zog er seine Jacke aus und sie sah, dass auf seinem Oberarm ein Porträt des Präsidenten tätowiert war.
Die Sporthalle war – natürlich – marode. Der Putz blätterte innen wie außen ab, es gab nur einen halbverrosteten Basketballkorb und der Boden rund um die Tür war übersät mit Zigarettenstummeln. Sascha vermutete, dass sie aufs Konto des Kriegshelden gingen.
Passend dazu zündete dieser sich eine Kippe an, und sagte, während er mit einem abschätzenden Blick Saschas Brüste studierte:
Um seinem Blick und dem Qualm zu entkommen, ging Sascha nach draußen.
Sascha trat an den Maschendrahtzaun, der den Sportplatz umgab, und betrachtete die gigantische Mülldeponie.
Er deutete Saschas fragenden Blick falsch und ergänzte:
Der Typ ist nicht nur gefährlich und notgeil, sondern auch strunzdoof, dachte Sascha auf dem Rückweg im Bus. Er hatte gerade angedeutet, dass jemand illegale Abfälle neben der Schule entsorgte.
Nach ein paar Tagen hatte sie sich durchs Porträt gequält und es abgegeben. Um wieder besser Luft zu bekommen, machte sie eine Liste von Dingen, die an der Sporthalle der Schule baufällig waren und formulierte eine Anfrage fürs Schulamt, wann das alles repariert werden sollte. Nur in ihrem Tagebuch, versteht sich. Nachdem sie eine Weile an ihrem Stift herumgekaut hatte, entwarf sie noch eine Anfrage fürs Büro des Oberbürgermeisters, in der sie wissen wollte, wie groß die Mülldeponie laut Bebauungsplan sein durfte, und welche Abfälle dort erlaubt waren.
Die Erleichterung nach diesem winzigen Akt zivilen Ungehorsams hielt nicht lange an. Eines Abends fiel Sascha auf dem Heimweg von der Arbeit auf, dass Onkel Wasja auf seiner Bank vor dem Haus jetzt einfach vor sich hinstarrte und sein Kumpel Zhenja offensichtlich nicht wusste, wie er ihn aufmuntern konnte, außer zu seufzen, ihm auf die Schulter zu klopfen und ununterbrochen zu rauchen. Automatisch blickte Sascha hoch zur Wohnung von Onkel Wasja und seiner Frau Galja. Neue schwere Vorhänge schmückten die Fenster.
Schlurfende Schritte verrieten ihr, dass ihr Vater die Küche betreten hatte.
Ihre Mutter knallte eine Portion Kartoffelstampf auf einen Teller und stellte ihn vor ihren Mann.
Abends in ihrem Bett fügte Sascha einen neuen Eintrag zu ihrem Wörterbuch für neumodische Sprache hinzu:
Ladung 200 – Ein Zinksarg mit einem gefallenen Soldaten
Eine Ladung 200 erhalten – einen Angehörigen im Kriegseinsatz verlieren
Auch dafür gab es satte Zahlungen an die Familien. Eine Art Lebensversicherung in einem Land, in dem sich sonst niemand so etwas leisten konnte.
Der neue Eintrag half diesmal nicht gegen das gepresste Gefühl in ihrer Brust. Verdammt, ignoriere es einfach, sagte sie sich, als sie sich im Bett wälzte.
Der Gefangene Nummer eins war tot. Eine Woche zuvor hatte Sascha – und alle anderen, die VPN nutzten – noch Fotos von ihm gesehen, wie er im Gefängnis dem Richter vorgeführt wurde. Er wirkte abgemagert, aber wach und entschlossen, wie immer. Jetzt las sie überall: „Behörden haben den Tod bestätigt“, „Todesursache unklar“, „Gefängnisleitung verweigert die Herausgabe des Leichnams an die Familie“. Nachdem sie diese Nachrichten das erste Mal gelesen hatte, drehte sie kurz durch und schickte die zwei Anfragen aus ihrem Tagebuch ab: eine ans Schulamt wegen der maroden Sporthalle, die andere ans Büro des Oberbürgermeisters wegen der Mülldeponie.
Nachdem Sascha ihrer unterdrückten Wut durch das Absenden der Anfragen kurz Luft verschaffte hatte, durchfuhr sie ein kalter Schauer. Fieberhaft überlegte sie, welchen Ärger sie in der Redaktion durch ihre unverschämte Eigeninitiative bekommen könnte. Sie redete sich ein, dass die Behörden sich wahrscheinlich sowieso nicht für ihre Anfragen interessieren würden, weil alle wegen der Nachrichten aus dem Betrieb im Dreieck sprangen. Oder würden die Beamten besonders empfindlich auf alles reagieren, was ihre Autorität untergraben könnte? Andererseits, wen interessiert schon eine Schule oder eine lokale Müllhalde, wenn hier so staatstragende Dinge passierten? Sie war doch nur eine kleine Lokaljournalistin, die sowieso niemand ernst nahm.
Unfähig zu entscheiden, welches Szenario wahrscheinlicher war, lungerte sie morgens noch in der Küche herum, nachdem ihre Eltern schon zur Arbeit gegangen waren. Tante Flosja, die sehr schnell gerochen hatte, dass etwas faul war, und ihr ein Geständnis bezüglich der Anfragen entlockt hatte, schnaufte auf ihrer Bank und klapperte wie wild mit ihren Stricknadeln.
Beide taten einen Satz, als Saschas Handy vibrierte. Auf dem Display sah sie eine Nachricht von der Redaktionssekretärin aufpoppen:
‚Sascha, bleib heute lieber zu Hause. Der Chef hat ein paar Anrufe bekommen und ist auf dem Kriegspfad.‘
Überrascht stellte Sascha fest, dass sie diese Möglichkeit selbst, wenn auch nur halbbewusst, schon in Betracht gezogen hatte.
Tante Flosja setzte sich wieder auf ihre Bank und griff zu ihren Stricknadeln, um zu zeigen, dass die Diskussion zu Ende war. Sascha starrte noch eine Weile auf die Scheine in der Tüte. Dann ging sie in ihr Zimmer und stopfte ein paar Sachen in ihren Rucksack.
Sie schaute aus dem Fenster. Onkel Wasja saß alleine auf der Bank, was nicht verwunderlich war – sein Kumpel Zhenja hatte im Betrieb sicher alle Hände voll zu tun. Ein Auto bog in den Hof ein und hielt vor ihrer Tür. Sie kannte das Auto nicht, es gehörte keinem der Einwohner. Drei Männer stiegen aus und sahen sich im Hof um. Irgendwas an ihnen ließ Sascha vom Fenster zurückweichen. Fieberhaft überlegte sie, ob sie sich in der Wohnung verstecken könnte. Oder sollte sie über den hinteren Balkon abhauen? So tun, als wäre niemand da?
Tante Flosja warf ihr einen kurzen Blick zu, sprang erstaunlich behände von ihrer Bank und schaute ebenfalls aus dem Fenster. Nun stand nur noch ein Mann am unbekannten Auto. Flosja sagte:
An der Tür klopfte es.