Platz #84 von 180 auf der aktuellen Rangliste der Pressefreiheit – das klingt ja gar nicht so schlecht! Was ist #84 für ein Land? Eines, das atmet, redet, erzählt? Ja, sagen sie. Ein Land, das tanzt und dessen Zukunft wir auf dem Schirm haben sollten? Ja, sagen sie. Politik, Wirtschaft, Meinungsfreiheit – alles halbwegs in Ordnung, vielleicht sogar besser als vor ein, zwei Jahren? Ja, sagen sie. Spannend, oder? Und wie! Du freust dich, willst mehr herausfinden. Du willst recherchieren. Also buchst du den Flug. Den Ablauf deiner Reise hast du akribisch bis ins kleinste Detail geplant. Doch dann bist du dort, vor Ort, und du merkst, dass die Worte zwar da sind, sie aber immer häufiger in deiner Kehle stecken bleiben. Sie wollen raus, kratzen sich mühsam ihren Weg an die Oberfläche. Du steckst fest, verstehst aber nicht, warum. Du merkst: Das Ranking erzählt nur die halbe Geschichte – und du musst aufpassen, wem du deine erzählst.
Du schlägst deine Zelte in einem kleinen Hotel in der Innenstadt auf, nichts Besonderes. Zur Begrüßung reicht man dir Kekse und Mate – ein herzliches Willkommen. Du fühlst dich auf Anhieb pudelwohl. Schwungvolle Rhythmen aus dem Radio erfüllen den Raum. Du wirst übermütig, stellst Fragen. Oberflächlich, dann tiefgründiger. Du bekommst auch Antworten – bis die Luft zwischen dir und der sympathischen Rezeptionistin plötzlich schwerer wird, als du die Proteste erwähnst, von denen du in den Nachrichten gehört hast. In den Nachrichten in deiner Heimat. Darüber wisse man nicht viel, entgegnet sie. Zu lange her. Zu weit weg. Stille. Aber wenn du hören willst, wo es die besten Empanadas oder die beliebteste Musik zum Ausgehen gibt, kannst du dich jederzeit melden.
Am nächsten Morgen blätterst du die Zeitung auf, die auf dem Frühstückstisch parat liegt. Du erfährst viel – und doch so wenig. Politik? Alles beim Alten. Wirtschaft? Alles bestens. Land und Leute? Alles normal. Deine Augen wandern zwischen den Zeilen. Doch da ist nichts. Du hast Mühe zu verstehen, obwohl du die Sprache fließend sprichst. Du suchst nach der Kurve auf der geraden Straße, die dir präsentiert wird. Plötzlich tippt dir ein weiterer Gast auf die Schulter. Wo du herkommst, fragt er. Deutschland, sagst du. Ahh, Hitler! Dein Magen zieht sich zusammen. Ahh, Stroessner!, konterst du mit einem Augenzwinkern, wenn es hier schon um Diktatoren gehen soll. Der Fremde lächelt, doch das Lächeln erreicht nicht seine Augen. Er wendet sich ab, streicht Marmelade auf die Chipa. Dann zückt er sein Handy. Stille.
Die Tage verstreichen, ohne dass du ein Wort zu Papier gebracht hast. Planänderung. Du schaltest den Kopf aus, genießt das Sein. Denn ein Leben in Land #84, das ist wild und bunt und aufregend. Es betont das Gute, wenn das Böse sich durch die Bedürfnisse des Alltags frisst. Es ist Schwarz und Weiß – aber so richtig. Zwar nennt man die Dinge nicht immer beim Namen, doch dafür offenbaren sie sich in aller Pracht. Die Herzlichkeit im Miteinander. Der Geschmack auf der Zunge. Das weite Land jenseits der Großstadt. Die Menschen – unglaublich, diese Menschen! Sie sind lustig, herzlich, gesellig, hilfsbereit, neugierig. Alles auf einmal. Und doch herrscht ab einem bestimmten Punkt … Stille.
Weil du immer noch nicht weißt, worüber du schreiben sollst, machst du eines Abends einen Abstecher in die Vororte der Hauptstadt. In einer kleinen, landestypischen Bar triffst du sie: Ana. Ana ist Ende zwanzig, Einheimische, Sozialarbeiterin. Sie erzählt dir, dass sie nicht die große Partei wählt, die schon während der Diktatur regiert hat. Sofort spürst du, dass sie einen Dämpfer erfährt: die Stille, an die du dich zu gewöhnen scheinst. Denn Ana ist laut. Ihre dunklen Locken wippen im Takt, während sie mit dir spricht und ihr helles Lachen den Raum mit Leben füllt. Sie schildert unverblümt, woran es Land #84 fehlt, warum du dankbar sein solltest, in Land #11 zu wohnen. Es kümmert sie nicht, dass einige Leute um euch herum starren, als hätte sie ein Staatsgeheimnis ausgeplaudert. Ana ist fuerte. Und doch senkt sie die Stimme, als sie sagt: Komm, ich zeige dir, was in unseren Zeitungen stehen sollte.
Als du Anas geheime Redaktion betrittst, schlägt dir ein ungewohntes Gefühl entgegen. Wohlig warm, fast elektrisierend. Hier treffen sie sich oft nach Feierabend, berichtet Ana, wenn die Straßen voller Menschen sind. Menschen, die ausgehen, lachen, das Leben genießen. Dann sitzt man hier und schreibt Flugblätter, redigiert Artikel und hofft, dass niemand einen verrät – einen selbst und diesen wilden Akt der Freiheit. Ja, hier spürt man noch diesen Drang, wirklich etwas verändern zu wollen – und zu können. Für eine Sache einzustehen, an die man glaubt. Kann es sein, dass du das längst verlernt hast? Obwohl du deinen Job so sehr liebst? Du wartest auf die Stille zwischen den Zeilen, doch sie bleibt aus. Du kennst mich kaum, wieso hast du mich hierher gebracht?, fragst du. Ana schmunzelt. Ich kann dir vertrauen. Du bist nicht von hier. Ich habe mit der Zeit gelernt, den Unterschied zu sehen.
Und plötzlich weißt du ganz genau, was du recherchieren willst: die Stille. Nicht Daten und Fakten über Land #84, die dir jeder Wikipedia-Artikel verraten würde. Vielmehr …
… das kurze, heisere Lachen bei der Erwähnung eines Namens, dem in den großen Blättern des Landes kaum bis gar keine Beachtung geschenkt wird.
… die Lücken in ebendiesen Blättern.
… die nervösen Hände, die die Ecken eines Notizblocks glätten, und die Augen, die dabei mehr als einen Blick über die Schulter werfen.
… den Satz, der plötzlich unterbrochen und umformuliert wird.
… die gekonnte, abwertende Handbewegung, wenn von Opposition die Rede ist.
… das „Tief-in-die-Tasche-Greifen“, wenn es mal schnell gehen muss oder eine gewisse Sache nicht erwähnt werden soll.
… das Wissen, jetzt verdammt nochmal leise zu sein, aus Reflex und ohne dass es dafür eine Anleitung braucht.
… die Geschichte, die man unter vorgehaltener Hand erzählt, aber lieber nicht aufschreibt.
… den Händler auf dem Markt, der über alles Mögliche plaudert, nicht aber über das Wesentliche.
… die fehlenden Fragen.
… das Fernsehen, das Zuschauer lediglich unterhält und beruhigt, anstatt sie aufzuklären.
… den verschwundenen Kommentar in den sozialen Medien.
… die Selbstzensur im Alltag – in der Schule, in der Universität, auf der Arbeit.
… den gesenkten Blick und jedes stumme, wortlose Nicken, jeden Atemzug, um Stellung zu beziehen, jedes Seufzen ohne Inhalt, Ton und Konklusion.
… die Theaterstücke, Lieder und Gedichte, die im Laufe der Jahre zensiert wurden.
… die Bücher, die zensiert wurden.
… die Bücher, die verbrannt wurden.
… die Normalität des Ganzen – der Stille –, die sie wohl besonders gefährlich macht.
Also schreibst und schreibst du, schläfst zwei Stunden, schreibst weiter. Du gönnst dir keine Pause. Was steckt hinter der scheinbaren Ruhe, die Land #84 umhüllt? Du evaluierst politische Einflüsse, wirtschaftlichen Druck, soziale Angst. Wenn du nicht weiterweißt, fragst du Ana, aber sie setzt auch Grenzen. Du realisierst: Es ist kritisch, über die herrschenden Eliten zu berichten, und mehr als ein kreativer Kopf hat dafür schon mit der Freiheit bezahlt. Hier geht es um mehr als Stille. Hier geht es um Korruption, um Macht. Du lässt dich nicht einschüchtern, denn du wirst in Land #11 veröffentlichen, nicht in Land #84. Und doch merkst du, wie auch du immer öfter einen Blick über die Schulter wirfst. Du spürst die stechenden Augenpaare auf dir, wenn du eine Frage zu viel stellst. Du wirst zurückgewiesen, an den Toren der großen Medienhäuser, denn „hier gibt es nichts zu recherchieren“. Na schön. Gerade diese Momente füllen deine Seiten. Eine nach der anderen.
Erschöpft, aber zufrieden steigst du wieder in den Flieger. Zurück in die Freiheit? Das ist jetzt die Frage. Schließlich hast du soeben am eigenen Leib erfahren, dass diese Freiheit keine Selbstverständlichkeit ist. Auch wenn sie vorgibt, da zu sein, ist sie fragil wie das Vertrauen, das sie erst möglich macht. Du fragst dich, warum dich die vermeintlich kleinen, stillen Momente so getroffen haben. Vielleicht, weil jede nicht erzählte Geschichte uns alle ein Stück ärmer macht. Uns alle – nicht nur die Menschen in Land #84. Vielleicht, weil Freiheit sich erst dann so richtig bemerkbar macht, wenn sie fehlt. Und vielleicht auch, weil du in Wahrheit manchmal Angst hast, dass dir diese Freiheit unbemerkt entgleitet. Weil du in deinem Arbeitsalltag immer öfter nachdenkst – und nicht schreibst.
#84, #11, das sind Zahlen, Bezeichnungen. Doch hinter jeder Zahl stecken Stimmen. An manchen Orten sind sie lauter, an manchen leiser. Einige sind ganz verstummt. Und genau deswegen setzt du dir das Ziel, nicht nur über Rankings zu schreiben. Du wagst dich von nun an in die Zwischenräume. Danke, dass du das tust. Denn erst zwischen den Zeilen entstehen die Geschichten, die deinen Job so lebendig machen. Danke, dass du diese Extrameile gehst. Nur, wer die Pressefreiheit auch im vermeintlich Unsichtbaren verteidigt, sorgt dafür, dass diese Stimmen sich nicht für immer für von uns abwenden. Danke, dass du dich traust. Nur, wer hinter die flüchtigen Blicke sieht, kann in Ländern wie Land #84 die kleinen, aber bedeutenden Narrative überhaupt erst erahnen. Danke, dass du dich reinkniest. Du bist eine Bereicherung für jede Art von Freiheit. DANKE.
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Quellen: Die Platzierung des Landes #84 und des Landes #11 habe ich der Rangliste der Pressefreiheit (Reporter ohne Grenzen, 2025) entnommen.