Sehr geehrte Empfängerin,
Sie gaben mir Ihre Karte beim Festakt letzte Woche. Das letzte Zeitungshaus des Landes schloß die Pforten. „Einem volldigitalen Neuen Zeitalter steht nun nichts mehr im Wege“, hieß es in allen Kanälen. Eine Zeitung, die man kauft, für die man sich hinsetzen muss, sie umständlich aufschlagen und umblättern, passt nicht mehr in diese Welt. Und genauso wenig ich: Der, der für sie schrieb.
„Schreiben Sie Ihre Gedanken nieder, die sind von großem Wert“, sagten Sie und baten mich, frei zu berichten, in einem Fluss, nicht zu viel darüber nachzudenken. “ Sie sind schließlich der letzte Zeitungsreporter des letzten Zeitungshauses. Wählen Sie die Methode, mit der Sie sich am wohlsten fühlen. Wenn Sie möchten, könnten wir auch ein Interview daraus machen“, Sie lächelten und neigten Sie den Oberkörper vor, unsere Köpfe unerhört nahe beieinander, „an einem vertraulichen Ort, versteht sich.“
Am wohlsten fühlte ich mich immer mit Schrift und Papier. Am Anfang meiner Karriere war es für mich üblich, ganze Reportagen von Hand zu schreiben, und erst danach an der Schreibmaschine abzutippen. Das Schreiben von Hand ist eine ganzkörperliche Aufgabe, sie zwingt mich, komplett präsent zu sein. Ich bin gleichzeitig in mir und bin doch draußen in der Welt. Als Sie sagten, ich solle meine Methode wählen, wusste ich, ich werde hier an meinem Schreibtisch sitzen und Ihnen schreiben.
Warum wusste ich sogleich, dass ich einwilligen würde? Sie gaben mir Ihre Karte. Eine echte Visitenkarte. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt eine Visitenkarte in den Händen hielt. Sie waren mir, verzeihen Sie, auf der Veranstaltung nicht aufgefallen. Doch als Sie Ihre Karte hervorholten, hatten Sie meine volle Aufmerksamkeit. Wir unterhielten uns zuerst in einer Gruppe, so viel weiß ich noch; mehrere Hemden, verschiedene Aftershaves und Wildlederschuhe im Kreis. Dann waren nur noch Sie und ich übrig.
“Das alles ist ein herber Verlust. Jetzt haben wir gar keine Kontrolle mehr, was berichtet wird.“ Sie hauchten die Worte und lächelten dabei. Gefährliche Worte, das müssen Sie gewusst haben. Mir schlug das Herz bis zum Hals. Kurz fragte ich mich, ob ich mich in Sie verliebe. Aber das war nur die chemische Reaktion meines Körpers auf Ihre heftigen Worte. Ich bin glücklich verheiratet, wissen Sie. Seit über 30 Jahren. Wir unterhielten uns weiter, bis Sie zu Ihrem eigentlichen Punkt kamen und mich baten, Ihnen zu helfen.
Wussten Sie, dass wir darum gebeten wurden, unsere Kündigungen eigenhändig zu schreiben? Ich, als Dienstältester, sollte meine Kündigung zuletzt einreichen. Das machte mich offiziell zum letzten Zeitungsreporter der Welt. Sollte nicht irgendwo auf der Welt jemand getarnt für eine heimliche Zeitung schreiben. Der Begriff „Zeitungsreporter“ ist ja nicht geschützt. Jedenfalls taten wir alle wie gebeten; die Zeitung würde es sowieso nicht mehr geben und so würde alles ein geordnetes Ende nehmen. Und wozu nach all den Jahren kämpfen? Und gegen was hatte ich überhaupt gekämpft? Auf der Feier musste ich dann Fragen beantworten, warum ich mich freiwillig dazu entschlossen hatte, den Beruf an den Nagel zu hängen. Mein Kündigungsschreiben hing eingerahmt an der Wand, haben Sie es gesehen? Ich weiß nicht, für wen oder für was es aufgehoben wird. Als großer Erfolg wurde die Veranstaltung bezeichnet. Schwermut war an dem Abend nicht dabei, stattdessen war die flache Landschaft unserer neuen seelischen Topographie klar zu sehen, der gleichtönige Klang unserer gedämpften Gedanken klar zu hören.
Sie sagten, Sie seien so etwas wie eine Historikerin. „Ich möchte Geschichten sammeln.“ Aber Ihr Verhalten ließ mich daran zweifeln, dass Sie das sind, was Sie vorgeben zu sein, dass das alles ist. „Rufen Sie mich an, falls es ein Brief werden sollte und Sie einen Kurier von mir bevorzugen“, bei dem Satz schoben Sie Ihre Brille zurecht, trugen Sie diese nur zur Tarnung? – „Die physische Post ist ja heutzutage schwer erreichbar.“
Was nicht ganz stimmt. Die Post ist erreichbar, aber die Menschen verschicken keine Briefe mehr. Es würde Aufmerksamkeit erregen. Sie wissen, wie Sie die Dinge in der Öffentlichkeit zu formulieren haben, und das machte mir Angst.
Ich hatte schon lange keine richtige Angst mehr gespürt, stattdessen fühle ich mich wie in Watte verpackt. Schauen Sie sich an, was aus dem Journalismus geworden ist, und was es in der Zukunft sein wird. Wenn etwas – irgendetwas – passiert, wird zentral eine Nachricht an alle gemeldeten, sogenannten Reporter übermittelt. Diese finden sich dann schnellstmöglich am Schauplatz – der Unfallstelle, vor dem Parlament, wo auch immer – ein und konkurrieren dort mit den Schaulustigen um Social-Media Aufnahmen und Interviews. Ich habe seit Jahren niemanden mehr schreiben sehen – mit Stift und Block, meine ich. Berichtet wird mit Kamera, in 10 Sekunden Clips, maximal, und mündlich, unsere Journalisten sind nun ausschließlich gutaussehend, und sie wissen es. Die Videos werden, mit Hilfe der künstlichen Intelligenz, individuell angepasst, die Inhalte zugeschnitten auf jeden einzelnen Zuschauer, mit zum Endverbraucher passenden Beschreibungen versehen. Der Inhalt der Videos ist eine Beschreibung von Tatsachen, ohne Kontext, das würde die Unparteilichkeit und Wahrheit gefährden, heißt es. Doch jede Nachricht passt nun in jeden erdenklich möglichen Kontext. Der inhärente Informationswert einer Reportage ist binär, man hat eine Information gesehen oder nicht. Denn alles ist relativ, so das neue Mantra. Ist das nicht ironisch? Dass in einer Welt, die aus hartem Code, aus Nullen und Einsen besteht, alles relativ sein soll?
Sie wissen, ich schreibe Ihnen diese Worte als handschriftlichen Brief, um der digitalen Kontrolle zu entgehen. Wer sind Sie? Sie bewegten sich wie selbstverständlich auf der Veranstaltung. Ihren Namen habe ich natürlich in allen Suchmaschinen gesucht, aber entweder besitzen Sie einen sehr gewöhnlichen und häufigen Namen, oder er ist nicht echt. Ist das ein Test? Stehe ich vielleicht unter Beobachtung? Ich versuche mir einzureden, dass ich diesen Brief ja nicht abschicken muss. Vielleicht ist es ja gut, einfach mal drauflos zu schreiben. Danach kann ich den Brief auch in die Schublade legen. Oder verbrennen. Es gibt doch keinen Grund, alles zu riskieren, jetzt, da alles ein geordnetes Ende nahm. Ich bin in Rente, ich bin sogar so etwas wie eine Bekanntheit. Ich war nie in Schwierigkeiten, obwohl ich so lange noch Zeitungsreporter blieb, und ich habe Zeit und ja, auch einen gewissen finanziellen Komfort, um meine letzten Jahre zu genießen. Vor allem bin ich müde. Und doch will ich Ihnen schreiben, ein Teil von mir will dieses Ungewisse, das Abenteuer. „Es würde mich so interessieren, warum Sie Zeitungsreporter geworden sind“, hatten Sie gesagt, es war eine Frage. Es ist der Teil von mir, welcher als junger Mensch diesen Beruf auswählte. Um der Wahrheit zu dienen. Auch wenn ich nicht weiß, was die Wahrheit ist. Nicht mehr. Warum denke ich, dass ich es mal wusste?
Ja, die Maschinen haben übernommen, aber wer hat die Maschinen geschaffen? Am Anfang meiner Karriere waren die Fronten geklärt, jeder wusste, welche Zeitung im Grunde welchem politischen Lager zugehörig war. Als Zeitungsreporter waren wir natürlich der Wahrheit verpflichtet, aber nicht nur. Wir waren auch der Demokratie verpflichtet. Dann, im digitalen Journalismus, schrieben wir nicht mehr für den Leser, sondern für die Suchmaschine. Hier und dort ein paar Wörter verändert, hinzugefügt zur besseren Auffindbarkeit im Netz oder gelöscht, um den allmächtigen Algorithmus nicht zu verärgern. Ich fand manchmal, dass die Artikel nicht mehr nach mir klangen. Einmal bat ich sogar drum, meinen Namen von einem Artikel zu entfernen. Der Artikel wurde dann namenlos veröffentlicht. Geschrieben hatte ihn trotzdem ich, das war aber ein Versuch, Distanz zwischen mir und meinen neuen digitalen Reportagen zu schaffen. Die Wahrheit ist aber: Alles, was wir schreiben, was wir erschaffen, verändert auch uns.
Was danach geschah, ist für mich unerklärbar und dennoch alles ausfüllend. Die künstliche Intelligenz. Das allumfassende dumpfe Desinteresse. Die Zeitungsartikel, die nichtssagend und leer waren. Die Bedeutungslosigkeit meiner Arbeit, meiner Tage und Wochen, meiner Jahre. Wenn ich zurückblicke, sehe ich einen klaren Weg, klare Ziele, und dann, nicht plötzlich, gar nicht plötzlich, werden Dinge langsam unscharf, zunächst nur in der Peripherie, doch über die Jahre, sich vorarbeitend wie ein schwerer Nebel, ist mein ganzes Sichtfeld getrübt. Ja, wir schrieben auch weiter für etwas, was sich noch Zeitung nannte, aber die Qualität sank, und in den letzten Monaten vor der Einstellung schrieben wir ausschließlich Belangloses. Denn wir hatten unsere Relevanz in der neuen Welt schon verloren.
Allerdings gibt es in dieser neuen volldigitalen Welt, die ständig scannt, piept, aufleuchtet und aus der Ferne analysiert, immer weniger zu erfahren und zu greifen. Die perfekt zugeschnittenen Videos bestehend aus liebenswürdiger, gefälliger, aber im Grunde gefühlloser Stimme beschriebenen Tatsachen. Alle Erfahrungen sind auf meine Körperform, meinen Dopaminspiegel, meine Persönlichkeitswerte zugeschnitten. Alles fühlt sich so ergonomisch an, dass ich manchmal nicht mehr weiß, wo mein Körper aufhört, und meine Umwelt anfängt. Uns wurden die Argumente genommen, um uns zu artikulieren und der Kontext, um Dinge zu verstehen. Und Sie und ich, die eine andere Welt kannten, haben es zugelassen.
Das alles geschah über zwei Jahrzehnte. Die ganze Zeit, bis ich Sie traf, redete ich mir ein, die Veranstaltung werde von der letzten Zeitung und dem letzten Zeitungsreporter der Welt handeln, wieder ein Versuch der Distanzierung. Doch mein eigenes, persönliches Verschwinden ist untrennbar damit verbunden. Das letzte Zeitungshaus schloss nicht, sondern es wurde geschlossen, und ich hielt jahrelang den Schlüssel in der Hand und habe es nicht mal geahnt. Und das ist nicht nur wahr für den Journalismus. Sie wissen das. Wir alle ließen uns über die Jahre immer und immer wieder ein paar Grad vom Kurs abbringen, und nun fehlt uns der Kompass. Denn früher alles war selbstverständlich, dann war alles verworren, und jetzt ist alles anders. Was bleibt, ist ein diffuses Gefühl der Schuld, unscharf und ungreifbar wie alles andere.
Ich bin froh, Sie getroffen zu haben. Denn ich wurde Zeitungsreporter, um zu schreiben. Als Journalist muss ich Tatsachen ans Licht bringen, die manche nicht wahrhaben wollen. Das ist nun mein Versuch, die Dinge offenzulegen die ich nicht wahrhaben will und für den öffentlichen Diskurs verfügbar zu machen. Damit wir gemeinsam die Wahrheit finden können. Das ist Journalismus. Ja, es gibt keine Zeitung mehr, aber es gibt Sie, hochgeschätzte Empfängerin. Sie, die sich die Zeit nimmt sich hinzusetzen, umständlich den Umschlag zu öffnen, die Papiere umzublättern und meine Gedanken zu lesen. Sie und Ihre Zeit, mein Brief in Ihren Händen, das macht aus meinen Gedanken und meinem Schreiben wieder eine Zeitung. Sie geben meinem Denken einen Sinn. Denken Sie mit und antworten Sie mir, wenn sie wollen und können. Was auch immer jetzt passieren wird, ich bin dankbar.
In geschätzter Hochachtung,
Ihr letzter Zeitungsreporter