Das verlorene Gesicht der Freiheit

von Lennart Höhne

Irgendwo auf dem weißen Papier hat die Welt dein Gesicht verloren. Irgendwo auf dem weißen Papier beginnt mein Pinsel die Suche in dem nichtspreisgebenden Weiß des Büttenblattes. Auf der Suche nach dir beginne ich irgendwo auf dem weißen Papier.

Ich tränke meinen Pinsel im farbrestverklummten Wasserbecher. Die Schrebergartenkolonie liegt abseits der Laternen in der unlängst hereingebrochenen Nacht. Hierhin, in die alte Laube, habe ich mich auf der Suche nach dir, zurückgezogen. Mein flüssigkeitsbenetzter Pinsel überschwemmt die eingetrockneten Pigmente des Malkastens. Draußen beginnt ein kühler Regen mit dem Trommeln auf die moosbetupften Dachpfannen. Wie sich der Regen auf den Schindeln suhlt, lasse ich den Pinsel meine Farbnäpfe durchwühlen. Ich rücke das Porträt von dir zurecht, dass neben dem Büttenpapier im Luftzug tänzelt, der durch den Türspalt gekrochen kommt.

Jetzt hast du ein neues Ohr, das angetrocknet an deiner unfertigen Schläfe hängt. Laut hörst du die Schüsse, weil ich deine Haare noch nicht begonnen habe. Das Holz knackt und du hörst die Schüsse durch das zerriebene Wäldchen peitschen. Ich lege den Pinsel auf und überlasse dir, ob ich Steigbügel oder Amboss bin. Dein Ohr tastet Geschichten entlang. Es ist betäubt, wenn die Artillerie auf der Suche nach dir die Nacht durchwühlt. Wenn du dein Ohr zwingst die Schüsse aus den Waffenmündungen in Wörter zu übersetzen. Wenn du Satzkaskaden und Wortlabyrinthe fängst und sie der Masse begreifbar machst. Wenn du deine Reportage im Gehörgang baust und mit Wörtern Tunnel zu den Gräben bohrst. Wenn in das Schwingen deines Trommelfells, Zeitungen und Onlineartikeln münden. Ich frage mich, was du hörst. Ich frage dich: Was willst du mich hören lassen? Im Innehalten ist da nur die Nacht. Draußen heult der Wind. Dein Ohr hört den aufbrausenden Sturm der Massen. Die Demonstranten auf den Plätzen. Sie stehen und rufen. Ihre geschwenkten Plakate schneiden Böen in die Stimmenflut. Du zwängst ihre Schreie mitsamt den Megafonen und den Ordnungskräften, in deinen schmalen Gehörgang. Du stehst in der Masse, in der Schneise zwischen Revolution und Repression. Du stehst abseits. Du hältst dich an dem Zischen der Tränengaskanülen fest, fliegst mit ihnen in die Menschenmenge. Du schleuderst gegen Jacken, hältst das Reißen von Plakaten fest. Du springst auf das Geschrei der Demonstrantin auf, die ihre erblindete Freundin aus der fliehenden Masse zieht. Du haftest auf der Schläfe, die der Schlagstock zu Boden schlägt und dein Ohr, das kennt bereits, den umfangreichen Klang von Körpern auf Straßenbelag. 

Ich erschrecke an frischen Tannenscheiten, die in den Flammen knacken, dein linkes Ohr hört die niedergehenden Raketen über Plattenbauten. Du findest Wörter für Geräuschkulissen, ich finde die richtige Farbkomposition für deine Ohrmuschel. Deine Ohren haben gehört: 

Du bist unser Hörgerät, das wir brauchen, wenn wir wieder Taub für die Stimmen der Welt sind. Du lässt uns die Stimmen aus angefrorenen U-Bahn-Schächten hören, wie dort unten der Stoff von Plüschtieren knistert, wenn die Keramikfliesendecke bebt. Du hörst im Schniefen hochziehender Nasen, aus ihrem Zuhause vertriebene Stimmfarben. Du enthältst uns die Taubheit vor, wenn wir weghören wollen vom Übel der Welt, wenn wir ihr klägliches Keuchen zu überhören versuchen, das dort aus Ruinen zu uns drängt. Du bist das leise Rauschen, der Unterton in unserem Gewissen, du bist das Summen, das trotz unserer, den Gehörgang verschließenden Fingerspitzen, immer noch in unserem Verstand geistert. Du bist unser Hörgerät und verstärkst uns die Töne der Welt. Was unsere Ohren nicht filtern können, weil die Umwelt einen zu großen Radius hat, lenkst du mit Bestimmtheit auf leicht zu überhörende Bahnen. Du bist unser Fährtenleser und machst uns aufmerksam auf die unscheinbaren Tonspuren, die sich im Dickicht der Geschehnisse verborgen halten. 

Ich befrage meinen Farbkasten, wie deine Wangen zu runden sind. Was verrät das Foto über dich? Waren deine Wangen von Staub und Sand bedeckt? Haben die feinen Körner wie Schmirgelpapier an deiner Haut gerieben? Strahlten deine Wangen weinrot der eisigen Kälte entgegen oder lagen sie ganz ahnungslos, unwissend dem Bevorstehenden, regungslos in deinem Gesicht? Ich bin mir unsicher und lasse meinen Pinsel die Gegebenheiten ergründen. Ich kenne dich. Doch dein Schicksal ist mir fremd. Bist du verschollen im Drohnenregen? Auf deinem Weg in die Redaktion niemals angekommen? Hat dich der Boden nach einem Scheinprozess auf ewig verschluckt, im Wüstensand? Liegst du gebettet im Permafrost, oder zu Asche verbrannt, aus Schornsteinen gestreut? Oder liegst du unsanft auf wurmstichiger Pritsche und blicken deine trocknenden Augen aus dem Zellendunkeln? Ist dein Körper umrahmt von starrer Erde? Oder umschlossen von im Wind vibrierendem Stacheldraht? Sag es mir nicht! Ich darf es nicht wissen! Ich male dich. Nicht dein Schicksal. Mein Pinsel gibt dich wieder, nicht das, was andere mit dir tun. Also hör auf, aus deinem Foto herauszugrinsen, als ob ich es nicht unlängst schon erahnen könnte, welche Umlaufbahn dein Leben genommen hat. 

Der Wind heult draußen in der Schwärze, rüttelt prüfend an den Fensterläden, tritt mit schwerem Schuhwerk auf die unschützende Laubentür zu und setzt zum Durchbruch an. Über deinem Bild tanzen Kerzenflammen und ich weiß, dass sie kommen werden, dich zu holen. Sie streifen durch die Nacht und haben die Wörter gehört, die der Wind von deinen schmalen Lippen aus den undichten Fensterschlitzen sog. So hat es kommen müssen, als mein Pinsel unruhig über den Rottönen zu kreisen begann. Ich war unachtsam, von der Farbwahl deines Lippentons abgelenkt, dass ich nicht bemerken konnte, was du tust. Wörter in der Welt verbreiten. Der Wind heult auf und unter den fassadenabtastenden Zweigen des alten Obstbaumes lauern sie auf dich.

In der Welt sind so viele Wahrheiten verbreitet, dass die deine überzählig geworden ist. Leicht ist der Schwung deiner Lippen, ist die Gegenwehr der Tür. Du bist ihnen zuwider. Deine Lippen kneten Wörter zu Gebilden, formen Sätze zu langen Textschläuchen. Sie sprechen aus und entgegen, kamen sie am Abend oder in der Früh? Welche Wörter haben deine verschlafenen Lippen geformt, als dich der Aufschrei der niedergetretenen Tür aus dem Schlaf riss? 

Ich blicke zur Tür und der Wind rüttelt noch. Zu kräftig ist mir in der Aufregung, das Rot deiner Lippen geraten und im dicken Auftrag zieht die Schwerkraft lange Tropfen über die kohlenstoffschwarzen Striche deines Kinns. Sind dir schon einmal deine Lippen rot zerflossen? Gingen Drohungen bei dir ein? Lag das Schreiben in der Hauspost der Redaktion oder unschuldig in deinem Wohnungsflur, gebettet auf und zugedeckt von Stromrechnungen und Beitragsschreiben? Sind deine Lippen zuvor bereits aufgeplatzt, unter dem nervösen Schaben deiner Vorderzähne, als du überlegtest, den Artikel zu veröffentlichen, die Reportage ins Internet zu stellen, das Bild zu posten? 

Doch noch will mein Pinsel deine Stirnfalten nicht befragen. Noch spart er sich die existenzielle Frage auf. Denn wie schön leuchtet das rötliche Pigment im unruhigen Schaukeln der niederbrennenden Flamme. War es die Faust, die dich traf, oder die weggeschlagene Kamera, dessen großes Objektiv sich in deine Lippenschichten bohrte? War es der Demonstrant, der Lügenpresse in deine Wange stanzte, der dich mit seinem schweren Körper aus dem Demonstrationszug stieß? Waren es die urteilsbeladenen Blicke, die mit deinen Lippen kollidierten? Nur mit größerer Verdünnung kann ich nachfühlen, ob du deine schmalen Lippen, manchmal ganz dick aufgeblasen hast. Die Borsten meines Pinsels schwingen deinen Schritten hinterher, die dich in die aufgebrachte Menge bringen.

Du hast tiefe Augenringe ausgehoben mit Artikeln, Bildern und Reportagen. Sie griffen nach Spitzhacke und Spaten und trieben Mäuseschluchten durch den Ackergrund. Du nahmst deine Kamera und dein Blitzlicht baute schrabnellgeschützte Falten unter deine Augenlider. Wer weiß schon, was im Niemandsland deiner Augen für Geschehnisse auf deine Blicke lauern. Mit jedem Foto treibst du weiter, deine Augenringbastion. Du knipst Gänge durch deine weiche Haut, mit der scharfen Kante von Konflikten. Du schießt Bilder humanitärer Krisen und neben dir feuern Automatikwaffen. Deine Augenringe gräbst du, fest angestellt oder als Freelancer, du gräbst und gräbst. Und wie ich dich so anblicke, dann möchte ich glauben, dass deine Augenfalten Überlaufbecken sind. Denn wie viele Bilder kann ein Mensch ertragen, ehe das Auge randvoll wie die Regentonne der kleinen Gartenlaube, überzulaufen beginnt. Am Grund deiner Augenringe liegen die in Tränenflüssigkeit gelösten Bilder, die das Cover renommierter Magazine zieren. Dort unten schwimmen die Bilder, die aus dem Fernseher an meiner Netzhaut haften. 

Ich ziehe meinen Pinsel über deine Wangen und muss nachsuhlen, um deine Tränensäcke auszufüllen. Deine Neugier und dein Interesse bauen deine Tränensäcke aus. Sie drücken und verstauen, dehnen mit Begegnungen diesen Innenraum aus. Du und ich sind nicht verschieden, wie wir danach streben, die Wirklichkeit zu porträtieren. Mich zieht es abgeschieden, in die nachtverwaiste Gartenlaube, dich in die gefährlichsten Regionen der Welt. Du hast Augenringe und die treibt die feine Nadel der Nähmaschine des kleinen Mädchens, wie eine Tunnelbohrmaschine direkt durch deine Haut. Du hast Augenringe und die treibt Sklavenarbeit, wie gefällte Wolkenkratzer, längsseits durch dein Gesicht. Ich lasse meinen Pinsel nachfühlen und du den Sucher und dein Objektiv. Du siehst im Fokus deiner Linse, so dicht ans Kameraglas gepresst, dass deine Wimpern am Gehäuse abknicken, die eingefallenen Wangen unlängst abgebauter Hoffnung. Du hältst fest, was abgedruckt, die versickerten Augen ausgetrockneter Brunnen zeigt. Du gibst der Rohstoffgier, ein vom Minenschlamm geschminktes Gesicht. Im Brennpunkt zeigst du das Leben in der sozialverarmten Glut, den Fußballtritt von Kindern umringt von den Stehplätzen brennender Mülltonnen. 

Was deinen Bildern an Schönheit fehlt, gleicht ihre Schwere wieder aus. Gewichtig liegen sie in deinen Tränensäcken, ziehen von der Schwerkraft ergriffen, deine Wangen hinab. Und was unhaltbar, für deine Tränensäcke, an Geschichten aus deinen Augen fließt, in das tauchst du die Füllerspitze und schreibst Bilder in Wörter für Lesende, die am Frühstückstisch mit aufgeschlagener Zeitung, atemlos am Handy in der eben noch erreichten Bahn, am Tablett auf dem Sofa sitzend, deiner Worte Unabhängigkeit vernehmen.

Du nimmst den Druck von meinem Auge, wenn die Bilderflut mich erblinden lässt. Wenn das Gewicht so vieler Gleichzeitigkeiten auf meinen Sehnerv drückt, dass ich nur verschwommen, mit Geschehen, die in Geschehnisse verfließen, keine Klarheit mehr gewinnen kann. Mein Pinsel erforscht deine Augenpartie und setzt zu zarten Schwüngen an. Du bist die lange Wimper, die mein Pinsel zieht, die mein Auge vor Fremdkörpern und Partikeln schützt, wenn ich in die Welt zu blicken versuche. 

Heute brauche ich dich mehr denn je, denn wenn ich meine Augen öffne, das Smartphone-Display ungefiltert, der Newsfeed neugeladen ist, dann stehen zu allen Seiten Akteure mit ihrem vielen Staub, und das stäuben sie auf, dass sich mir mit zugekniffenen Augen, Welt und Wahrheit zu verschließen drohen. Du bist meine Wimper, du schlägst beiseite den Ascheregen, der von ausgebrannten Hochhausleichen stäubt. Du blinzelst und fechtest mit den scharfkantigen Bögen der Wahlpapiere, hinter denen sich der Wahlbetrug zu verstecken sucht. An deinen Wimpernspitzen klebt die Kugelschreiberfarbe gekaufter Stimmen, das widerwillige Blau unfreiwillig gesetzter Kreuze. Wahlplakate und -Kampagnen schleudern sie dir entgegen und ihr mediales Gewicht biegt dich durch, doch du blinzelst hinweg die türmenden Wahlversprechen, dass ich hinter weißem Zähnestrahlen das verborgen austretende Öl in Meeren und Naturschutzreservaten erkenne. Deine Wimpern sind noch ölbehangen, da schützt du meine Augen vor der beißenden Spur des Panzerfaustrauchs, der aus qualmenden Rohren, dir nicht unweit stehender Rebellen dringt und deren sprengstoffgefüllten Köpfen nach Frachtschiffen in Meerengen schnellen. 

Ich bin ein Hilfsbedürftiger in dieser Welt geworden und du bist mein Hörgerät, das mir die Stimmen der Welt verständlich macht. Du bist meine Brille, wenn sich meine Sehschärfe bereits vor meinen Wohnungsfenstern verläuft. Ich male deine Augenhöhlen zu dem Brillengestell, das es für mich ist. Und dazwischen bestreicht mein nassgesuhlter Pinsel deine Augen, meine neujustierten Dioptrien. 

Die Nacht steht in meinem Garten und meine Augen werden mir schwer. Und doch brauche ich die räumliche Tiefe der Nacht, das endlose Schwarz vor dem einfachverglasten Fenster. Ich brauche die Nacht, um dir genügend Raum zu geben, wenn ich dich im weißen Büttenpapier gefunden habe. Dass, wenn ich meinen Arm mit dem Pinselstiel verlängere und ihn dir in das widerstrebende Weiß hineinhalte, du dich an meine Pinselborsten klammern und ich dich hinaus in den weiten Raum der freien Welt ziehen kann. 

Mein Pinsel wandert deine breitbeporte Nase hinauf. Ich muss Maler und Kosmetiker sein, denn welche Geschichten haben sich zu Mitessern in deinen Hautporen verklumpt. Mit dem Pinsel muss ich zärtlich drücken, um das Eingekapselte an deine Hautoberfläche zu befördern. Mein Pinsel quetscht und aus deiner Haut hebt sich der weiße Schriftzug Press deiner Schutzweste empor. Wenn mein Pinsel nachzieht, wie deine Nasenflügel sich in der nachtgekühlten Luft bewegen, gibt der Kerzenschein den schwarzköpfig in deine Haut gegrabenen ersten Artikel frei, den du in einer Zeitschrift veröffentlichtest. Wie Sternenbilder lassen deine Mitesser eine Karte in deiner Nasenhaut wachsen. Da hat sich das Schwarzpulver der Silvesternacht erhalten, als Du mit Einsatzkräften im Krankenwagen fuhrst und sich der Schmauch in deinen Poren einmietete, als Raketen gegen den Rettungswagen fuhren. Mehrere Mitesser zeugen vom Schlammpumpen der Jahrhundertflut. Von den knatternden Dieselgeräten die mit ihren gierigen Rüsseln die Kellerräume leer saugten. Sie zeugen von deiner schlammverschmierten Hand, die du an deiner Nase abwischtest, als man dir die unrettbar durchweichten Fotoalben zeigte, die in Wohnzimmern ertrunken waren. In Mitessern hat dein Körper konserviert, den ersten Toten, den du sahst, unter Tonnen von Geröll erdbebenzerdrückter illegaler Bausubstanz. Die aufsetzende Pinselspitze führt die Mitesser deiner Nase weiter hinauf. Der erste Bericht als Kriegsreporter, der Schweiß der unter deinem Stahlhelm hervortropft. Dein, seit Tagen ungewaschenes, Gesicht wie es die alte Frau am Esstisch rahmt, deren Wände von Bombensplittern durchstoßen sind und die mit mürrischen Gesten ihre Vertreibung aus der Heimat zu verhindern versucht.

Schon jetzt fragt niemand mehr, wessen Lippen die Fragen stellten, wessen Ohren die Töne fingen und wessen Augen die Bilder schossen. Heute wirst du vergessen, weil jede Krise größer wiegt. Weil alles auf der Welt, lauter als dein Schicksal schreit.  

Und bist du von aller Welt vergessen, ist jeder deiner Zeitungsartikel zu Recyclingpapier gepresst, ist jedes deiner Bilder, in den Untiefen des Internets versunken und jede Tonspur in der Weite verhallt, ist dein Beitrag längst nicht mehr gesehen, will ich dich in meiner Gartenlaube wohnen lassen, eingereiht mit all den anderen, Verschollenen, Geraubten, zu Unrecht im Kerkerdunkel Vergessenen, den in den Unrechtmühlen von Willkürstaaten Zermahlenen, den von Tyrannen, Diktatoren und Regimen Hingerichteten, deren Körper unlängst mumifizieren im Wüstensand. Den sterblichen Resten, der ihren Familien Vorenthaltenen, der in dunklen Waldsenken Liegenden, beschwert auf den Moorgrund Gesunkenen. Es sind all die namenlosen Seelen, deren vergessene Geschichten, geraubten und hingegebenen Leben, in der Pressefreiheit fortexistieren. 

Ich sagte, ich darf dein Schicksal nicht kennen, solange ich dich porträtier, denn würde ich dich allen anderen Porträtierten vorziehen, wäre dein Schicksal mir bekannt? Würde meine Achtung für dich sinken, wenn dein Schicksal weniger schlimm auf mich wirkt? Ich kann nicht sagen, wie verändert dich mein Pinsel malen würde, doch darum lasse ich dein Schicksal vage, lasse meinen Pinsel kreisen. Er wird zwischen Farbkasten und Wasserbecher allen Antworten habhaft werden.  Mit der Farbe steige ich hinab und suche in deinen Stirnfalten die Antwort meiner Fragen. Grundlos liegst du nicht vor mir und einen Grund finde ich auf deiner Stirn. Du bist mir nicht umsonst gegeben, denn ein Artikel wird die Zeitung zieren und ich male dein Bild, dass du dem Leser greifbar wirst. Mein Pinsel befragt deine Stirn, würdest du heute anders Schreiben? Würdest du andere Fotos schießen? Würdest du Neugier und Wissensdrang beschneiden, damit keiner sich an deinen Themen stört? Würdest du die Krisen meiden? Die Schutzweste in deinem Hinterhof verbrennen? Würdest du die unterdrückten Stimmen überhören, das Elend übersehen, wenn dir die Nacht verraten würde, wer dich tags drauf ergreift? Ließest du deinen geraden Rücken, zum Buckel verkrümmen, wenn sie dir Feuerzeug und Benzin, neben deine Werke stellen? Würdest du abschwören und deine Wahrheit mit Benzin ertränken? Texte, Fotos, Reportagen, für die Machthaber verbrennen? Keine Wahrheit mehr verbreiten?

Mein Pinsel erfährt die Antwort auf deiner nassen Stirn. Nein. Und würdest du, jetzt wo mein Pinsel und ich dich lieb gewonnen haben für uns deine Stimme dämmen? Deine Wahrheit unverbreitet, hinter deinen Augen, von deinen Lippen eingeschlossen, versenkt in deinen Gehörgängen ruhen lassen, dass du niemandem unliebsam wirst? Deine Stirn spricht mir entgegen, unter knackenden Ofenklängen: Nein. 

Es sind all die namenlosen Seelen, deren vergessene Geschichten, geraubten und hingegebenen Leben, in der Pressefreiheit fortexistieren. Und solange Menschen wie du für die Pressefreiheit leben, lebt die Pressefreiheit für uns.