Der Eichelhäher

von Tristan Wahlers

Oben im Gebirge, zwischen den steinigen Gipfeln und dem reißenden Fluss, lag ein alter Wald mit knorrigen Bäumen, moosbewachsenen Steinen und dichtem Buschwerk. Auf einer großen Lichtung darin hatten sich die Vertreter aller Waldbewohner versammelt. Der weiße Hirsch, das älteste Tier unter ihnen, kletterte auf den Felsbrocken in der Mitte der Lichtung.

„Tiere des Waldes, was gibt es Neues?“ röhrte der Hirsch und schwenkte sein silbernes Geweih.

Unter den Tieren war der Hase, dessen Herz furchtbar schnell schlug. Jetzt oder nie, dachte er sich trotzdem und rief, so laut er konnte: 

„Eine große Gefahr kommt auf uns zu!“

Aufgeregtes Brummen, Knurren und Zwitschern brach aus.

„Ruhe! Lasst den Hasen erst erzählen, um was für eine Gefahr es sich handelt!“, rief der Hirsch.

Der Hase spürte einen Kloß im Hals, als ihn plötzlich alle Augen ansahen. Er versuchte, nicht so piepsig wie sonst zu klingen: „Ein Hund ist im Wald!“

„Das ist schlimm“, sagte das Reh, „Hunde jagen Rehe.“

„Sie wühlen unsere Bauten auf“, klagte das Wiesel.

„Sie schnappen nach uns!“, kreischte der Hamster.

„Und sie zertrampeln uns!“, rief der Mistkäfer. 

Dass die anderen Tiere genauso viel Angst wie er vor dem Hund hatten, bestärkte den Hasen. Er stellte sich auf die Hinterbeine und wandte sich an den Eichelhäher, der im Wald dafür zuständig war, die Nachrichten und Neuigkeiten zu verbreiten:

„Eichelhäher, bitte flieg los und warne alle Tiere vor dem Hund!“

Der Eichelhäher breitete die Flügel aus. Erleichtert drehte der Hase seine Ohren. Das lief besser, als er befürchtet hatte.

Doch da erklang ein tiefes, brummiges „Halt!“

Ein riesenhafter Umriss erhob sich aus dem hohen Gras. Der Bär! 

„Meine Familie schläft noch“, grollte das Raubtier, „ich will nicht, dass sie von derart unnötigem Geschrei aufgeweckt wird.“

Entsetzt sah der Hase, dass der Eichelhäher die Flügel wieder senkte.

„Aber alle meine Brüder und Schwestern müssen davon erfahren“, sagte er, „ich hatte keine Zeit mehr, sie zu warnen.“

„Das ist ja wohl dein Problem, nicht unseres“, knurrte der Wolf, der sich abseits der anderen Tiere niedergelassen hatte. 

„Aber das ist nicht fair“, piepste der Hase. Im Vergleich zu dem Wolf und dem Bären klang seine Stimme noch höher als sonst. Er schaute in die Gesichter der anderen Tiere, doch die wichen seinem Blick aus. Sogar der weiße Hirsch starrte zu Boden.

Der Hase flehte den Eichelhäher an: „Bitte, flieg los, schnell!“

Doch ehe der Eichelhäher etwas tun konnte, packte ihn der Bär am Schwanz und umschlang ihn mit seiner großen Tatze. 

„Genug mit dem Unsinn“, brummte er in Richtung des Wolfes, „ab jetzt bestimmen nur noch wir, was an die Tiere des Waldes verbreitet wird und was nicht.“ 

„Das geht nicht!“, quiekte der Hamster. „Wir kleinen Tiere müssen doch vor den Gefahren gewarnt werden!“ 

„Die kleinen Tiere interessieren mich nicht“, brüllte der Bär so laut, dass die anderen Tiere erzitterten, „von nun an wird nur noch das verbreitet, was wir sagen.“

Obwohl alle Tiere das schrecklich fanden, trauten sie sich nicht, gegen die großen Raubtiere aufzubegehren, sondern flohen vor dem brüllenden Bären. Nur der Hase bemerkte, dass der Fuchs mit dem Bären und Wolf zurückblieb. Seine Neugier war noch größer als die Angst, deshalb verkroch er sich in einem hohlen Baumstamm und beobachtete die drei Raubtiere. 

„Mächtiger Bär, starker Wolf“, grüßte der Fuchs, „das ist wirklich ein genialer Plan von euch.“

Er warf dem Vogel einen Blick zu, den der Bär noch immer festhielt und der sich nicht traute, einen Laut von sich zu geben.

„Schließlich wisst ihr, dass diejenigen, die den Eichelhäher kontrollieren, auch die Waldbewohner kontrollieren.“

„Natürlich wissen wir das“, knurrte der Wolf, „aber ich bin mir nicht sicher, ob du das verstehst.“

„Oh, ich versuche, es so gut zu erklären, wie mein einfacher Verstand es mir erlaubt“. säuselte der Fuchs. „Was ich meine, ist, dass der Eichelhäher nicht immer das zu verbreiten braucht, was tatsächlich geschieht.“

„Wovon sprichst du?“, grollte der Bär, der nur nach Hause in die warme Höhle wollte.

„Nehmen wir an, der Eichelhäher verkündet, dass ein tollwütiger Marderhund von Osten in den Wald rast.“ 

„Warum sollte er das tun?“, fragte der Wolf.

„Weil die Tatze, die ihn hält, ihn genauso schnell zerquetschen kann,“ zischte der Fuchs. Die Augen des Eichelhähers weiteten sich.

„Was hätte ich davon?“ fragte der Bär.

„Weil ihr an einem Tag, an dem alle Tiere panisch durch den Wald fliehen, eure berühmten Jagdkünste nicht allzu sehr anzustrengen bräuchtet.“

„Ein interessanter Gedanke, Fuchs“, brummte der Bär. „Sollte es jemals zu so einem Missverständnis kommen, wird es nicht zu deinem Schaden sein.“

Der Fuchs verneigte sich und verschwand im Unterholz. Auch der Bär und der Wolf verabschiedeten sich. Zurück blieb nur der Hase, der nicht fassen konnte, was er gerade gehört hatte. 

In den nächsten Tagen erklang der Ruf des Eichelhähers nur selten. Wenn, dann teilte er mit, wo besonders dicke Fische im Strom schwammen oder ein vereinsamtes Reh sich auf freier Fläche verirrt hatte. 

Bald knabberten die Hasen nicht mehr das Gras kurz, da der Fuchs hinter dem nächsten Busch lauern konnte. Die Vögel bauten keine schönen Nester mehr, aus Angst, dass der Habicht in der Nähe seine Kreise zog. Und die Frösche quakten nicht mehr, damit der Storch sie nicht finden konnte. Die Pfade im Wald wucherten zu und waren wie ausgestorben. Es herrschte eine gedrückte Stille, die selbst den Maulwürfen, die sich sonst immer über das Getrampel über ihren Köpfen beschwerten, nicht behagte. 

Die Bären und Wölfe indes waren zufrieden. Der Eichelhäher spähte für sie den Wald nach Beute aus und sie lagen den meisten Tag mit prall gefüllten Bäuchen in der Höhle.

Der Hase, den wir kennengelernt haben, war schrecklich unglücklich. Nicht nur litt er wie alle anderen Tiere unter den neuen Regeln, er fühlte sich auch noch dafür verantwortlich. Schließlich war es sein gut gemeinter Vorschlag gewesen, der den Bären erst auf die Idee gebracht hatte.

Gerade hoppelte er durch den Wald, ungeachtet der Gefahr, die ihm möglicherweise drohte, und grübelte darüber nach, was er tun könnte. Während er so nachdachte, bemerkte er eine Bewegung im Augenwinkel. Sofort schoss ihm das Adrenalin in die Beine. Er machte einen Haken nach links und rannte nach rechts davon. 

Da ertönte ein Knall. Neben ihm wirbelte Laub auf. Das war knapp gewesen. Er rannte noch ein Stück weiter und versteckte sich in einem Busch. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. So ein Knall konnte nur eins bedeuten. 

Schon kamen drei Zweibeiner aus dem Unterholz. Sie hielten lange Äste in der Hand und aus dem Ende des einen stieg Rauch. 

Der Hase kannte diese schrecklichen Dinger. Schon oft hatte er miterlebt, wie einer seiner Verwandten nach einem Knall daraus verwundet wurde. 

Die Zweibeiner sahen sich kurz um, doch in seinem Versteck fühlte er sich sicher. Tatsächlich gingen sie bald weiter. Während sich sein Herzschlag beruhigte, kam ihm ein neuer Gedanke: die anderen Tiere des Waldes waren in großer Gefahr! Sie mussten gewarnt werden.

Er sah sich um und stellte fest, dass er ganz in der Nähe des Nests vom Eichelhäher war. Sofort rannte er los.

„Eichelhäher“, rief er, als er unter dem Nest ankam, „schnell, ich brauche deine Hilfe!“

Nichts regte sich. Der Hase schnappte nach Luft und versuchte es erneut: „Bitte, Eichelhäher, ich bin es, der Hase!“

Ein braungefiederter Kopf schob sich über den Rand des Nests.

„Was willst du von mir, du Unglückshase?“ 

Der Hase ließ sich von dem Tonfall nicht beirren.

 „Drei Zweibeiner sind im Wald. Sie haben versucht, mich …“

„Dann verkriech dich in deinem Bau und lass mich in Ruhe.“

Der Hase war gar nicht auf die Idee gekommen, dass der Eichelhäher sich weigern könnte.

„Du musst die anderen warnen. Das ist deine Aufgabe!“ rief er den Baumstamm hoch.

„Nicht mehr. Heute ist jeder für sich. Ohne die Erlaubnis vom Bären oder Wolf darf ich gar nichts mehr sagen. Vielen Dank dafür übrigens.“

„Das hier ist wichtiger als die blöden neuen Regeln. Vor den Zweibeinern muss jeder gearnt werden, auch der Bär!“

„Dann finde ihn doch und sag es ihm selbst. Aber halt mich da raus.“ 

Der Kopf verschwand im Nest. Der Hase konnte es nicht fassen. Was sollte er tun?

Die Hasenbauten lagen in einer ganz anderen Richtung als die, in die die Zweibeiner verschwunden waren. Sollte er dem Rat des Eichelhähers folgen, die anderen Tiere ihrem Schicksal überlassen und dort verkriechen?

Nein, das konnte er einfach nicht. Wenn er es nicht tat, würde niemand auf die anderen aufpassen. Doch um die anderen zu warnen, musste er zuerst wissen, wohin die drei Zweibeiner überhaupt gingen. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und kehrte dahin zurück, wo er ihnen begegnet war.

Man musste kein Wolf sein, um die Spur der Zweibeiner zu verfolgen. Im feuchten Waldboden waren ihre Abdrücke leicht zu erkennen. Nach einiger Zeit hatte der Hase sie eingeholt und folgte ihnen durch den Wald.

Es dauerte nicht mehr lang, bis sie vor einem mit Kiefern und Büschen bewachsenen Hügel stehenblieben. Sie kletterten auf einem schmalen Pfad nach oben. Der Hase schlich sich im Gebüsch neben ihnen mit. Auf der Spitze des Hügels stockte ihm der Atem. Auf der anderen Seite ging es steil nach unten ins Tal.

Seine Augen waren nicht die besten, doch sie reichten, um zu erkennen, warum die Zweibeiner ausgerechnet diesen Hügel bestiegen hatten: auf dem Boden des Tales spielten drei kleine Bärenjunge ausgelassen, ohne die Gefahr zu ahnen, die ihnen drohte.

Die Zweibeiner gaben leise Laute von sich. Die Art und Weise, wie sie dabei die knallenden Äste bereithielten, konnte nichts Gutes bedeuten. 

Das Herz des Hasen schlug schneller und schneller. Wenn er nichts tat, würden die Zweibeiner sie töten. Nur er konnte sie noch warnen. 

Doch dabei würde er sein eigenes Leben riskieren.

Der Bär selbst war schuld, dass sie sich überhaupt in dieser Lage befanden. Hätte er sich nicht so rücksichtslos und gemein verhalten, hätte der Eichelhäher längst alle Tiere gewarnt. Auf gewisse Art hätte er einen solchen Denkzettel verdient.

Aber die kleinen Bären können nichts dafür.

Noch ehe der Satz ganz zu Ende gedacht war, stob der Hase aus dem Gebüsch. Falls die Zweibeiner ihn bemerkten, schien er ihnen egal zu sein. Drei Bärenjungen waren eine bessere Beute. Er raste über Stock und Stein ins Tal hinab und rannte dabei schneller, als er je zuvor gerannt war. 

Die drei braunen Bärenjungen waren nur noch wenige Sprünge entfernt.

„Rennt! Versteckt euch!“

Zum ersten Mal kam ihm seine Stimme gar nicht mehr so piepsig vor. 

„Lauft weg!“

Eins der Bärenjungen drehte seinen Kopf und starrte ihn mit großen Augen an.

„Da oben sind Zweibeiner!“

Später erzählte der Hase, dass in seiner Stimme so viel Überzeugung gelegen hatte, dass die Bären wie automatisch reagierten. Vielleicht war es aber auch der erste Knall gewesen, der vom Felsen ertönte und den Staub neben ihnen aufwirbelte.

Auf jeden Fall rannten Hase und Bären jetzt gemeinsam davon. Sie flohen auf den Waldesrand zu, wo die dichtbelaubten Baumkronen genug Schutz bieten würden.

Es knallte ein zweites Mal. Rechts wirbelte Staub auf. 

Das sichere Gebüsch kam näher.

Es knallte ein drittes Mal.  Direkt vor ihnen wirbelte Staub auf.

Dann hatten sie den Waldesrand erreicht.

Der Hase sprang hinter einen umgestürzten Baumstamm und duckte sich. Die Bären landeten keuchend neben ihm. Sie waren ganz jung, kaum größer als der Hase selbst.

„Das habt ihr gut gemacht“, hechelte er.

„Was geht hier vor?“, grollte plötzlich eine mächtige Stimme. Der Bär brach durchs Unterholz und baute sich vor ihnen auf.

„Hase? Was machst du mit meinen Kindern?“

„Ich …“, begann der Hase, doch der Bär packte ihn mit seiner Tatze. Seine Krallen bohrten sich in den Bauch des Hasen. 

„Du bietest dich wohl als Abendessen an?“

„Nicht!“, riefen die kleinen Bären, „er hat uns gerettet.“ 

Der Hase war froh, dass die Bären alt genug waren, um zu sprechen.

„Gerettet?“, fragte der Bär und beäugte den Hasen. Sein Griff lockerte sich etwas.

„Ja, hätte er uns nicht gewarnt, hätten die Zweibeiner uns mit den Knallstöcken getroffen.“

„Die Zweibeiner sind hier?“, fragte der Bär. „Warum hat der Eichelhäher uns nicht gewarnt, dieser lausige …“

„Weil er sich nicht getraut hat!“, fiel ihm der Hase ins Wort. „Du dachtest, du würdest den Wald dadurch zu einem besseren Ort machen, wenn alle nur noch das sehen und hören, was du für richtig hältst.“

„Nun, ich …“, brummte der Bär, doch der Hase war jetzt richtig in Fahrt gekommen.

„Dabei geht all das verloren, was den Wald zu einem sicheren und schönen Ort macht: die Mischung aus dem, was alle Tiere sehen, hören, riechen und denken!“

„Aber es muss doch nun wirklich nicht jeder alles wissen“, versuchte es der Bär.

„Natürlich nicht. Genau so wenig wie euch Bären interessiert, wo die saftigsten Gräser wachsen, interessiert es uns Hasen, an welchem Flussabschnitt sich die fetten Forellen tummeln. Aber es ist trotzdem toll, dass man es erfahren könnte, wenn man möchte. Aus Interesse oder weil man mal wissen will, welche Bereiche des Flusses man lieber vermeidet, um nicht als Bärenfutter zu enden.“

„Naja…“

„Das Gute daran, dass der Eichelhäher alle Arten von Neuigkeiten verbreiten durfte, war doch, dass jede und jeder das verkünden durfte, was ihm oder ihr besonders wichtig war. Wenn nicht nur die Bären, Wölfe und Füchse ihre Neuigkeiten verbreiten dürfen, sondern auch die Hasen, Hamster und Frösche, dann ist der Wald erst richtig lebendig!“

„Das hätte doch auch nicht dabei geholfen, meine Kleinen vor den Zweibeinern zu beschützen.“ 

Der Hase schüttelte den Kopf vor der Sturheit des Bären.

„Natürlich hätte es das! Der Falke hat die Zweibeiner von weitem kommen gesehen, das Wildschwein hat sie gerochen und der Maulwurf über seine Gänge laufen gehört! Ihr wärt längst gewarnt worden! Nur, wenn der Eichelhäher die Nachrichten von allen verbreiten darf, können wir sicher sein, dass es auch allen nützt!“

Sogar der Bär erkannte jetzt, dass der Hase Recht hatte. Er setzte ihn sachte auf dem Waldboden ab und senkte sein Haupt.

„Ich erkenne, dass es ein Fehler war, den Eichelhäher für mich zu beanspruchen“, brummte er. „Ich verspreche dir, Hase, dass der Eichelhäher von nun an für alle Zeiten frei sein wird.“